Weibliche Gemeindeleitung in katholischer Kirche – irgendwie normal hier!

Seit mehr als 9 Jahren lebt Michaela Wachendorfer auf der kleinen Insel Juist an der Nordseeküste. Auf der Insel gibt es eine katholische Pfarrei als kleine Diasporagemeinde. In der Urlaubssaison kann man hier noch überfüllte Gottesdienste erleben. Neben den vielen Tourist*innen findet eine Gruppe aus verschiedenen Regionen Europas zur Saisonarbeit den Weg auf die Insel, vor allem aus Polen. Und eine kleine Zahl von „Insulaner*innen“ bildet unter Leitung von Michaela Wachendorfer im Kirchenvorstand das Kontinuum der örtlichen Gemeinde.
Ein Interview mit der Gemeindeleiterin Michaela Wachendorfer von Wolfgang Beck

Beck: Viele werden sich das Leben als katholische Seelsorgerin auf einer Nordseeinsel sehr ruhig vorstellen. In einer evangelisch geprägten Region, weit abgelegen und nur mit Schiff oder Flugzeug zu erreichen – das klingt für viele Zeitgenoss*innen wohl nach Strafversetzung. Wie bist Du hierhergekommen?

Wachendorfer: Ganz freiwillig und sehr gewollt! Vor fast 11 Jahren suchten wir (Sr. Gerlinde Bretz und ich) einen anderen Ort für unsere Exerzitienarbeit, da wir das Haus der Stille im Harz, also im Bistum Hildesheim verlassen mussten. Wir träumten schon lange von einem Kloster am Meer, nah an dieser großartigen Natur, die der Seele hilft, sich für die wirklich wesentlichen Dinge zu öffnen! Durch einen „Zufall“ beim Frühstückstisch im Kloster Dinklage entstand ein Kontakt zum Bistum Osnabrück und dann ging es überraschend schnell. Generalvikar Theo Paul nahm sofort den Faden auf und ein Jahr später landeten wir auf Juist.

Weit abgelegen wird katholische Kirche flexibel.

Beck: Abgelegener als auf der Insel Juist könnte die Gemeinde, die von einer Frau geleitet wird, kaum liegen. Ist das ein Grund dafür, dass hier, wo es schon lange keinen ortsansässigen Pfarrer mehr gibt, eine Frau Leitungsverantwortung für eine Gemeinde übernehmen darf?

Was trägt?

Wachendorfer: In den ersten 3 Jahren gab es noch einen Pastor auf der Insel und wir haben gleichberechtigt im Team gearbeitet, mit dem leitenden Pfarrer am Festland. Unsere Hauptaufgabe bestand in der Exerzitienarbeit und zu jeweils einem Viertel Gemeindearbeit und Touristenseelsorge. Dann wurde klar, dass es keinen ständigen Priester mehr geben würde und somit wurde die Leitung durch den Bischof an mich übertragen. Das war für die kleine Ortsgemeinde keine große Wende, sondern eher etwas, was sie aus vielen Zeiten von früher schon kannte, da es auf der Insel häufig wechselnde Priester gab. Unsere Insel ist tideabhängig, es kommt nur einmal am Tag eine Fähre, jeden Tag zu einer anderen Zeit. Der Aufwand „mal eben“ auf die Insel zu kommen, ist enorm und unrealistisch, auch wenn die Insel eigentlich nur 8 km vom Festland entfernt liegt. Unsere Gemeinde im Gottesdienst besteht zwar faktisch aus den katholischen Gemeindemitgliedern, aber mehr noch bildet sie sich zum größten Teil aus den Urlaubern, und das sind jeden Sonntag andere. Die Gemeinde entsteht praktisch in dem Moment, wo sie zum Gottesdienst zusammenkommt. Das ist spannend, immer wieder neu, bunt, offen und erfordert wirkliche Gastfreundschaft miteinander. Das heißt das Kontinuum bin inzwischen ich, Stabilität vor Ort entsteht durch meine Person und Aufgabe. Die Leitungsverantwortung liegt bei mir und bei dem gewählten Kirchenvorstand. Dies bietet eine enorme Gestaltungsmöglichkeit und das ist beflügelnd. Es finden neben den Gottesdiensten auch Veranstaltungen der KEB in der Hochsaison statt, andere vor Ort organisierte Vortragsveranstaltungen, Konzerte, Bibliodrama, Lesungen, mal abgesehen vom Angebot der Seelsorgegespräche.

Beck: Aufgrund Deiner Prägung in einer Ordensgemeinschaft und dem Anliegen kontemplativer Spiritualität war von Anfang an klar, dass Du hier auf der Insel im Auftrag des Bistums Osnabrück besondere Formate für spirituell Interessierte anbieten würdest. Wie sehen diese Angebote aus?

Wachendorfer: Ich möchte hier mit unserer Kirche einen „Gottesort“ offen halten in einer sonst lauten, schnellen, druckvollen Zeit. Ein Ort für Klarheit und Tiefe. Dazu helfen die regelmäßigen Gebetszeiten: morgens 7.30 Uhr bis 8.00 Uhr Schweigemeditation, 18 Uhr Messe oder Vesper mit Schweigemeditation. Die Kirche selbst ist den ganzen Tag geöffnet und lädt auch durch ihre künstlerische Gestaltung und den lichtdurchfluteten Raum zum Beten und Innehalten ein. Es ist ein Raum, der Freiheit und Geborgenheit zugleich atmet. Sogar sonntags im Sommer in der Familienmesse gibt es immer eine kurze Schweigemeditation. Das klappt mit 200 Menschen vom Baby bis zu den Großeltern! In den Sommermonaten finden regelmäßig Taizégebete abwechselnd mittwochabends um 22 Uhr in der katholischen und der evangelischen Kirche statt, dort treffen sich dann zwischen 40 und 90 Menschen aller Altersschichten, insbesondere jüngere Paare und Menschen zwischen 25 und 50 Jahren. In all unseren Gottesdiensten, besonders im Sommer, gibt es eine Kirche der „Beteiligung“: ca. 15 Minuten vor der Messe spreche ich Leute – Kinder und Erwachsene – an, die spontan einen Dienst übernehmen: vom Messdiener, über Kollektensammler, Lektoren, „Buch-Haltern“, MusikerInnen, kleine Assistenten für die Katechese. Inzwischen bekomme ich Anfragen per E-Mail vor den Ferien, mit Angeboten fürs Mitwirken! Urlaubsgäste, die wiederholt kommen, fühlen sich der kath. Gemeinde von Juist zugehörig.

Menschen bilden wechselnd das „Leutekloster“.

Beck: Du sprichst im Blick auf die ständig wechselnden Konstellationen von Menschen, die Angebote wahrnehmen oder sich auch aktiv einbringen, von einem „Leutekloster“ und wirst meist wohl auch als Schwester Michaela angesprochen. Was bedeutet die Rede vom Kloster hier?

Wachendorfer: Das Projekt „Stille auf Juist“ hat sich von den kleinen Anfängen vor 9 Jahren weiterentwickelt. Ich nenne das Leutekloster. Das sind all die Menschen, die hier zum hörenden Beten zusammenkommen in der Tradition des Herzensgebetes. Am Morgen vor dem Strandspaziergang oder dem Brötchen-holen und vielleicht noch mal am Abend. Es entsteht eine Verbundenheit, eine Art lebendige dynamische Klausur. Das geht oft über den Ort hinaus dann auch in den Alltag, wo sich viele dann mit dem „Gottesort“ hier bzw. mit der Gemeinde auf Juist verbunden fühlen und mitmeditieren. Es kann dem Urlaub eine geistliche kleine Struktur geben, die hilfreich ist und den Ferien noch eine zusätzliche Nuance oder eine spirituelle Melodie gibt, nach der sich viele sehnen und die tiefer wirkt. Manchmal wechseln sich Familienmenschen einfach ab: morgens kommt der Vater zu Meditation, abends die Mutter und abwechselnd sind sie bei ihren Kindern. Egal ob hier auf Juist oder dann zu Hause in Verbindung zu Juist, egal ob 10 min oder mehrere Tage – sich für eine bestimmte Zeit in „Klausur“ mit sich selbst zu begeben, fördert die Entschiedenheit zum eigenen Leben, kann es ordnen und hilft, manches zu klären, bringt die Seele zur Ruhe und zum inneren Klingen und – und man ist aufgenommen im Leutekloster.

Klerikalismus funktioniert hier nicht.

Beck: Vor allem für Eucharistiefeiern sind ständig wechselnde Priester auf der Insel, die für zwei oder drei Wochen ihren Urlaub dort verbringen. Hat dieser Wechsel besondere Effekte? Verstärkt das die Phänomene des Klerikalismus oder erleichtert es vielleicht auch Deine Position als Gemeindeleiterin?

Wachendorfer: Es hat eigentlich bis jetzt fast nur gute erfrischende Effekte: sogar die kleine Ortsgemeinde findet es nach anfänglicher Gewöhnungsphase richtig gut. Natürlich kommt so ein Inseldienst nicht für jeden Priester infrage, es ist schon etwas Flexibilität gefordert, sich auf das touristische „Volk Gottes“ einzulassen, das kann und möchte nicht jeder. Es gibt eine Reihe von Priestern aus allen deutschen Diözesen, die ihr Interesse an einer Urlaubsvertretung anmelden, aber ich muss sie aufmerksam machen und darauf vorbereiten, wie es hier so tickt. Das hat bis jetzt sehr gut funktioniert. Priester, die hier sind, sind ausgesprochen gerne hier und kommen immer wieder. Weil hier eine volle Kirche ist, weil hier wirklich Seelsorge und priesterlicher Dienst erfreut aufgenommen wird, weil man hier das Empfinden hat: die Sehnsucht nach lebendiger Gemeinde ist groß! Die gläubigen Geschwister erwarten von der Kirche noch etwas, was hier gegeben wird (leider an vielen anderen Orten nicht mehr). Klerikalismus funktioniert hier eigentlich nicht mehr und entsteht erst gar nicht. Übrigens auch, weil ich als Frau da bin, glaube ich. Allerdings hat es, das muss ich auch zugeben, etwas gedauert, bis meine Rolle hier akzeptiert und respektiert wurde – und es gibt immer noch Menschen, die sagen: „Ach sie sind sicherlich die Küsterin hier!?“ Ich bin eben für ziemlich alles zuständig, vom Aufschließen der Kirche, über Blumenschmuck, Küstern, Handwerker überwachen, Plakate aufhängen bis zur Anleitung der Meditation und zur seelsorgerlichen Begleitung. Aber das gehört hier irgendwie auch dazu. Auch die Priester sind hier mit einbezogen in solche „Hilfsarbeiten“, und es gibt ehrenamtliche Juister.

Beck: Die Gemeindesituation auf der Insel scheint besondere Kennzeichen zu haben: eine Mini-Gemeinde mit vielen passageren Phänomenen, ständiges Zugehen auf neue Leute, um für sie ansprechbar zu sein, aber auch, um Engagierte zum Mitmachen zu gewinnen. Könnte es sein, dass hier etwas davon sichtbar wird, wie kirchliches Leben in einer noch stärker säkularisierten Gesellschaft und in einer zunehmend marginalisierten Position funktionieren und charmant realisiert werden kann?

Wachendorfer: Genau so ist es! Das ständige Zugehen auf neue Leute ist übrigens richtig was Gutes, weil ich da meist sehr schöne Überraschungen erleben kann. Leute, die sich nie selber melden würden, fühlen sich plötzlich gesehen oder fast könnte man sagen „gewürdigt“ etwas beizutragen. Das ist dann für beide Seiten ein Geschenk und macht sich sofort insgesamt atmosphärisch bemerkbar. Menschen sagen, das habe ich doch noch nie gemacht und fühlen sich dann doch ermutigt. Und da es ja nur im Urlaub ist, wagen manche eben auch mal etwas Neues! Und man weiß, man braucht sich ja nicht für länger festzulegen, sondern nur für diesen Moment. Das kommt dem jetzigen Lebensgefühl entgegen, kann aber tiefgreifende Wirkungen nach sich ziehen. Bis dazu, dass plötzlich in einer Sonntagsmesse eine Familienfrau spürte, dass sie nun doch getauft werden wollte. Auch das haben wir hier dann in einem berührenden Gottesdienst verwirklichen können mit all denen, die da gerade zufällig dabei waren und selber davon gestärkt wurden.

Kirchenkontakt nur noch im Urlaub.

Beck: Du hast es gerade in den Sommermonaten mit vielen Urlauber*innen zu tun, die für Gottesdienste und Meditationsangebote aufgeschlossen sind. Könnte es sein, dass der Anteil derer zunimmt, die ausschließlich im Urlaub ihre Religiosität praktizieren?

Wachendorfer: Immer wieder höre ich hier Klagen über die heimatliche Ortsgemeinde, Zusammenlegungen der Kirchengemeinden, Priestermangel bzw. Unzufriedenheit mit der Pastoral oder auch mit der Institution, gerade in der heutigen Debatte. Insbesondere fehlt Menschen der persönliche Kontakt zum Seelsorger oder Seelsorgerin bzw. ob man demjenigen überhaupt noch glauben kann. Ich höre immer wieder, dass Leute sagen: wir kommen nur noch auf Juist in die Kirche, zuhause gibt es keine Heimat mehr und lebendige Gottesdienste werden kaum noch erlebt. Und ich spüre, wie sehr sie das vermissen! Großeltern berichten, immerhin würden ihre Enkelkinder hier freiwillig mit zur Messe kommen. Das offene Meditationsangebot wird sehr angenommen, auch von den anderen Konfessionen oder von Fernstehenden bzw. Konfessionslosen.

Beck: Auch hier, auf der Insel, wird offenbar sichtbar, was Papst Franziskus häufig fordert: An die Grenzen zu gehen und dort Besonderes zu lernen. Ganz herzlichen Dank, Schwester Michaela, für das Gespräch.

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Autor: Wolfgang Beck

Foto: Ibrahim Rifath / unsplash.com

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