Worauf warten wir noch? Ein Zwischenruf zum fünften Jahrestag der Wahl von Papst Franziskus am 13. März 2013

Papst

In wenigen Tagen jährt sich die Wahl von Papst Franziskus. Norbert Reck macht auf den noch längst nicht akzeptierten Paradigmenwechsel aufmerksam, für den Papst Franziskus steht. Ein Paradigmenwechsel mit langem Vorlauf.

1935 erschien in Paris ein dünnes, aber hochkarätiges Bändchen mit dem Titel „André Gide et notre temps“. Es enthielt die Diskussion namhafter Intellektueller und Schriftsteller der Zeit, die sich bei einer Zusammenkunft mit dem Werk André Gides auseinandersetzten. Unter ihnen war auch der thomistische Philosoph Jacques Maritain (1882–1973), der sich zur damals aktuellen Diskussion über den Kommunismus äußerte. In seiner Stellungnahme hielt er fest, dass Kirche und Kommunismus keineswegs nur konträre Werte verträten.

Im Gegenteil: „Es gibt Werte, die das kommunistische Ideal übernommen hat, die aber christlich sind.“ Wie diese Werte jeweils umgesetzt würden, sei durchaus auch eine Frage an die Adresse der Kirche und der christlichen Welt. Maritain sagte: „Wir warten auf ein gänzlich neues Christentum, eine Richtungsänderung, auf eine tatsächliche Verwirklichung der Werte des Evangeliums in der gesellschaftlichen und zeitlichen Ordnung.“[1]

„Wir warten auf ein gänzlich neues Christentum, eine Richtungsänderung, auf eine tatsächliche Verwirklichung der Werte des Evangeliums in der gesellschaftlichen und zeitlichen Ordnung.“ (Jacques Maritain)

Ein Echo hatte diese denkwürdige Konferenz im Tagebuch Klaus Manns, der die Diskussion im Frühjahr 1936 nachlas. Bitter kommentierte er Maritains Rede vom Warten: „‚Wir warten‘ – nämlich eine verschwindend kleine Eliten-Minorität unter den Katholiken. M. vergisst – oder verschweigt –, dass die Kirche, als politische Macht, sich immer gegen die Realisierung der christlichen Werke in der Gesellschaft – gegen den Fortschritt gestellt hat. Daher das feindliche Misstrauen der Sozialisten gegen die Kirche …“[2]

„Kirche … gegen die Realisierung der christlichen Werte in der Gesellschaft –  gegen den Fortschritt“ (Klaus Mann)

Mit diesen Zitaten sind bereits wesentliche Koordinaten der Debatte über Kirche und Christsein angesprochen: erstens die Erkenntnis, dass christliche „Werte“ (ein Begriff, der übrigens dringend kritisch diskutiert werden müsste) nicht allein im Christentum vertreten werden; zweitens die Beschreibung der Haltung christlicher Intellektueller als eine des Wartens; und drittens der Blick auf das faktische kirchliche Handeln, das oft genug den christlichen Maßstäben nicht entspricht.

An diesen Koordinaten lässt sich umstandslos ablesen, dass Papst Franziskus seit fünf Jahren etwas Neues versucht. Es geht ihm vor allem anderen um die christliche Praxis „in der gesellschaftlichen und zeitlichen Ordnung“ (Maritain), nicht um die Fortschreibung von Messformularen oder ekklesiologischen Definitionen. Er protestiert gegen das „Doppelleben“ vieler Katholiken, hält es für einen Skandal, „das eine zu sagen und das andere zu tun“[3]. Er ruft zur tätigen Solidarität mit Flüchtlingen auf, er fordert u. a., „dem Waffenhandel ein Ende zu setzen“[4] und erinnert daran, dass „diese Wirtschaft tötet“ (Evangelii Gaudium 53).

Wo andere vor ihm die Reinheit der Lehre und das christliche Copyright diverser Positionen bewahren wollten, sagt Franziskus unumwunden, dass ihm solidarische AtheistInnen gelegentlich lieber seien als scheinheilige KatholikInnen.

Papst Franziskus versucht seit fünf Jahren etwas radikal Neues.

Das ist unbequem, umstürzlerisch und radikal christlich. Und Franziskus erlebt das Schlimmste, was ihm dabei passieren kann: Er wird von seinen Mitbrüdern im Bischofsamt dafür lauwarm gelobt.

Die Kirchenleiter auf der Nordhalbkugel geben zustimmende Statements ab und behaupten, dass man ja selbst auch immer schon befürworte, was Franziskus fordere. Seine Verschiebungen im Koordinatensystem aber werden kühl ignoriert; mit der Vorgabe einer „armen Kirche für die Armen“ kann man in den reichen Kirchen schon gar nichts anfangen und faselt darum gerne von hochstehenden ethischen Idealen, die der Papst uns vor Augen stelle.

Gelegentlich werden „Stellungnahmen“ zur Flüchtlingspolitik und gegen den Rassismus abgegeben, aber ich habe noch keine Bischöfe auf Flughäfen angetroffen, die gegen die Deportationen von Flüchtlingen in lebensgefährliche Herkunftsländer protestierten; ich habe noch keine Messen vor Waffenfabriken miterlebt, die deutlich machten, was das Christentum zur Todesproduktion zu sagen hat; und von kirchlichen Zeltlagern in Dörfern, die dem klimazerstörenden Braunkohletagebau zum Opfer fallen sollen, habe ich auch noch nichts gehört. Natürlich ist das kein Wunder: Wenn sich die Bischöfe hier so entschieden engagierten wie gegen die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, würden sie von Ministern und Regierungsbeamten bald nicht mehr hofiert, und es wäre mit ihrer angesehenen Stellung im gesellschaftlichen Gefüge vorbei.

Verschiebungen im Koordinatensystem aber werden kühl ignoriert.

Wo Katholiken indessen nicht durch ein Anstellungsverhältnis oder Gelübde zur Loyalität verpflichtet sind, herrscht keine Doppelzüngigkeit. Viele schäumen vor Wut, beten für ein baldiges Ende des Pontifikats, stricken an Verschwörungstheorien, weil sie sich nicht vorstellen können, dass ein Papst von sich aus christliche Positionen vertritt. So schrieb etwa ein italienischer Journalist über die jüngste Weihnachtspredigt von Franziskus: „Es ist unglaublich! Er hat wirklich eine Obsession! Auch in der Weihnachtspredigt spricht der peronistische, obamaliebende Volkstribun von den Migranten statt von Jesus Christus. Immer nur Politik! Man hat ihm befohlen, auf diesen Punkt einzuhämmern und seit Jahren bombardiert er uns damit tagtäglich …“[5]

Viele schäumen vor Wut, beten für ein baldiges Ende des Pontifikats.

Auf der anderen Seite gibt es – natürlich – diejenigen, die über Franziskus froh sind. Die glücklich sind, dass man in Gemeinden, kirchlichen Einrichtungen und Universitäten wieder freier reden kann. Die Franziskus dafür lieben, dass er sich ohne Verrenkungen für wichtige Dinge einsetzt. Aber sie spüren auch Tag für Tag, dass der Christ auf dem Stuhle Petri in der Kirche keineswegs unangefochten ist. Dass es eine Unterschriftenaktion „Pro Pope Francis“ gibt und geben musste, ist gleichermaßen vielsagend. Sie zeigt deutlich, dass dieses Pontifikat immer noch scheitern und rückabgewickelt werden kann. Es ist noch keineswegs ausgemacht, dass die Rückführung des Christentums in eine echte solidarische Praxis (anstelle des eingespielten Heilsindividualismus) dem Willen der meisten Christinnen und Christen entspricht.

Auch in Kirchenreformgruppen geht es bei aller Franziskus-Begeisterung immer noch vornehmlich um Frauenpriestertum, Aufhebung des Pflichtzölibats und eine Liberalisierung der Sexualmoral (wogegen ich nichts habe). Derweil aber werden die Schöpfung und das Leben unzähliger Menschen auf der Erde zerstört, und Franziskus wartet weiter auf die zupackende Nächstenliebe der meisten Gemeindechrist_innen – nicht auf ihre Bittbriefe um Kirchenreform.

Die Unterschriftenaktion „Pro Pope Francis“ zeigt vielsagend, dass dieses Pontifikat immer noch scheitern und rückabgewickelt werden kann.

Das Wirken von Franziskus wirft ein scharfes Licht auf die Kirche – und auf uns: auf eine um sich selbst kreisende Anstalt der Heilsvergewisserung mit Mitgliedern, denen es, je nach Geschmack, um möglichst traditionelle oder möglichst anstoßarme Kontingenzbewältigung geht und die sich nur äußerst ungern dazu bewegen lassen, Gott in den Hungernden, Flüchtenden oder Unterdrückten zu begegnen. Hatten vor dem Pontifikat von Franziskus viele gerne gedacht, es müsse nur einmal ein anderer Papst kommen, dann werde es schon weniger „winterlich“ zugehen in der Kirche, so wird heute sichtbar: Am Papst allein liegt es nicht – Selbstgefälligkeit, Bequemlichkeit, Heuchelei, Doppelmoral, Kontrollängste und Missgunst sind auf allen Ebenen der Kirche zu Hause und vertragen sich aufs schönste mit einer weitgehend weltlosen, bestenfalls mitfühlend-zuschauenden Frömmigkeitspraxis.

Franziskus steht für die Hoffnung auf ein Ende des Winters in der Kirche. Aber: am Papst allein liegt es nicht.

Franziskus wird nicht müde, hier den Finger in die Wunde zu legen. Doch er allein wird es nicht schaffen, diese Kirche zu bekehren. Mit Blick auf die eingangs erwähnten Koordinaten könnte man sagen: Christliches Handeln ist auch (und womöglich deutlicher) bei Amnesty International, Greenpeace und ProAsyl zu finden; Theologen und Theologinnen beschreiben gewandt in ihren Büchern, wie es besser laufen könnte, und warten wie einst Maritain auf die „tatsächliche Verwirklichung der Werte des Evangeliums“; währenddessen sehen die nichtkirchlichen Menschen im Gefolge von Klaus Mann in den kirchlichen Institutionen weiterhin eher Kräfte des Beharrens als der Veränderung.

Natürlich: Ich habe zugespitzt. Wer bis hierher gelesen hat, hat vielleicht schon an gute Gegenbeispiele, gelungene Projekte und mutige, unermüdlich sich für die Ärmsten einsetzende Christen und Christinnen gedacht. All dies gibt es, und das ist nicht gering zu achten. Dennoch gilt es, sich mit der Frage zu konfrontieren, warum all dies mitsamt den Bemühungen von Franziskus das Gesamtbild nicht verändert, warum der „aktuelle Abstiegsprozess des Christentums“[6] und der Exodus der Gläubigen (keineswegs nur der Ungläubigen) aus den Kirchen der Nordhalbkugel unvermindert anhalten und warum die Kirchen mit ihren Anliegen einfach nicht mehr ernst genommen werden.

Entscheidung: ewige Wahrheiten oder historische Relevanz Gottes

Letztlich dürfte es an einer grundlegenden theologischen Unentschiedenheit liegen: Handelt der christliche Glaube mit ewigen Wahrheiten, die keinerlei „Relativismus“ ausgesetzt werden dürfen? Oder ist gerade das zeitlose Denken „die eigentliche Relativierung“, wogegen „der biblische Gott […] keine geschichtslose Idee [ist], sondern a priori ein praktischer Gedanke“[7]? Papst Franziskus hat sich hier eindeutig positioniert – und er stellt uns vor genau diese Entscheidung.

[1] Ramon Fernandez (Hg.), André Gide et notre temps, Paris 1935, S. 47.

[2] Klaus Mann, Tagebücher 1936–1937, München 1990, 28. April 1936, S. 48.

[3] Zit. n. Vatican Radio, Pope: Don’t put off conversion, give up a double life, 23. 2. 2017, http://en.radiovaticana.va/news/2017/02/23/pope_dont_put_off_conversion,_give_up_a_double_life/1294470.

[4] Zit.n. Domradio.de, Papst Franziskus verurteilt Waffenhandel, 2. 6. 2017, www.domradio.de/themen/papst-franziskus/2017-06-02/papst-franziskus-verurteilt-waffenhandel.

[5] Zit. nach Marcella Heine, Hassobjekt Franziskus, in: Aus Sorge um Italien, 31. 12. 2017, http://www.aussorgeumitalien.de/wp/2017/12/31/hassobjekt-franziskus.

[6] Rainer Bucher, Ehrenamt: Wie ein Begriff in die Irre führt, in: feinschwarz, https://www.feinschwarz.net/vergesst-den-ehrenamtsbegriff.

[7] Johann Baptist Metz, Gott in Zeit. Von der apokalyptischen Wurzel des Christentums, in: Concilium 52/5 (2016), 631–639, hier S. 632.

Norbert Reck ist Theologe, Übersetzer und Publizist.
Bild: Jan Zinserling  / pixelio.de 

 

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