Zu spät?

zu spät

Für die Kirche ist es zu spät. Fünf nach zwölf, meint der Benediktiner Martin Werlen. Daniel Kosch setzt sich mit der These „zu spät“ auseinander und sucht nach Perspektiven.

Der Benediktiner Martin Werlen, von 2001 bis 2013 Abt des Klosters Einsiedeln und Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz, hat unter dem Titel «Zu spät» soeben eine «Provokation für die Kirche» veröffentlicht, die zugleich «Hoffnung für alle» sein will[1]. Er scheut darin weder davor zurück, «ich» zu sagen, noch seine Kirchenkritik klar auszusprechen und dabei die Schweizer Bischofskonferenz namentlich zu erwähnen.

Zudem stellt er ernsthaft die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre, das Kloster Einsiedeln abzureissen und etwas Modernes zu errichten – «in aller Schlichtheit». Am Bau stört ihn «vor allem die Macht, die er demonstriert». Eine wichtige Rolle spielt in seinen Überlegungen das Jona-Buch. Er identifiziert sich mit dessen Hauptfigur und legt der Leserschaft dessen Umkehrbotschaft ans Herz: «Wer nicht dazulernen will» ist fehl am Platz. Und «das Davonlaufen ist Ursache für viele Probleme». Es gilt umzukehren, und sich den Menschen in Ninive zuzuwenden, die für all jene stehen, «die die Kirche nicht in Ruhe lassen». Diesen widmet Martin Werlen «in Dankbarkeit» auch sein Buch.

«Fünf nach Zwölf»

Der zentrale Gedanke lautet: Es ist nicht mehr, wie er es früher oft formuliert hatte, «fünf vor Zwölf», sondern bereits «fünf nach Zwölf», eben «zu spät». Während es um «fünf vor Zwölf» darum geht, «zu retten was zu retten ist» und die letzten Kräfte zu mobilisieren, um die Kirche vor dem Absturz zu retten, ist um «fünf nach Zwölf» einerseits anzuerkennen, dass es für vieles «zu spät» ist, dass Chancen vertan wurden und es keinen «Weg zurück» mehr gibt, weder zur Kirche der guten alten Zeit (vor dem Konzil) noch zur Aufbruchsstimmung der neuen Zeit (nach dem Konzil).

Gleichzeitig eröffnet das Eingeständnis, dass es «fünf nach Zwölf» ist, neue Horizonte: «Wenn es fünf nach zwölf ist, machen Hektik und Gehässigkeit keinen grossen Sinn mehr. Dann werden Menschen, die die Geschichte Gottes mit den Menschen betrachten, die Bedeutung von Gnade und Hingabe neu entdecken. Sie werden sich von Gott überraschen lassen. … Erkennen, dass es fünf nach zwölf ist, bedeutet oft Verzweiflung. Aber nicht im Kontext des Glaubens. Im Gegenteil. Hier ist der Glaube besonders herausgefordert. Das Vertrauen, dass Gott da ist. Dass Gott auch heute überraschen kann.»

Perspektivenwechsel

Spirituell und psychologisch ist dieser Perspektivenwechsel gut nachvollziehbar. Er entlastet vom Druck, zum «letzten Gefecht» zu mobilisieren, mit einer missionarischen Offensive die Kirche vor dem Fall in die Bedeutungslosigkeit retten zu wollen und sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass sie wieder wächst statt zu schrumpfen. Zudem bedeutet die Einsicht, dass es «zu spät» ist, «für den glaubenden Menschen nicht das Ende. Sie bedeutet nicht, in einer Stimmung der Resignation alles fallen zu lassen oder alles von oben zu erwarten. Im Gegenteil. Hier öffnet sich der Horizont zu einer Weite, die der Mensch von sich aus nicht kennt. Und er wird ganz gehörig herausgefordert. Er nimmt Abschied von der Verteidigung eines Systems oder einer Ideologie. Und stattdessen: Glauben. Schlicht und einfach glauben.» Wobei dieser Glaube für Martin Werlen keineswegs zweifelsfreie, unangefochtene Glaubensgewissheit ist: «Glaube ist Leben. Glaube ist Alltag. Glaube ist Ringen. Glaube ist suchen. Glaube ist Wagnis. Ich echtem Glauben kann nie alles klar sein. Alles klar ist nie im Leben, höchstens in Ideologien. Glaube ist Vertrauen.»

Eine weitere Konsequenz der Einsicht des «zu spät» ist, dass die Kirche «eine Spezialistin für Menschen in Situationen ‘fünf nach Zwölf’» werden soll, für Menschen in Existenzängsten, Menschen, die von der Gesellschaft als nicht mehr brauchbar ‘ausgemustert’ wurden, Menschen, die das Leben ‘in finstere Schluchten’ geführt hat.

«Die Sprache der Menschen sprechen»

Ein Anliegen ist Martin Werlen auch die kirchliche Sprache. Er zitiert seine dichtende Mitschwester Silja Walter mit dem Satz «Lieber nicht von Gott reden als in der alten, verdreschten, verbrauchten Sprache». Eine Absage erteilt er dem Begriff «missionieren». «Kirche hat nicht eine Ideologie zu verteidigen, sondern den Glauben zu leben. Das ist ihre Mission (ihre Sendung, ihr Auftrag). Sie hat übrigens nicht zu missionieren. Das ist übrigens eine unmögliche Wortschöpfung…. Sie hat vielmehr ihre Mission zu leben. Dafür braucht es nicht die idealen Voraussetzungen. Oder besser gesagt: Heute sind dafür die idealen Voraussetzungen. Wer ständig beklagt, was heute alles fehlt, lebt an der Mission der Kirche vorbei. Das ‘Missionieren’ über Jahrhunderte hinweg erschwert es der Kirche bis heute, ihre Mission wahrzunehmen und zu leben.» Kritisch nimmt er zur Fixierung auf Zahlen Stellung: «Die Zahl der Mitglieder sagt in sich gar nichts aus über ihre Glaubwürdigkeit. Eine Gemeinschaft, zum Beispiel, in der sich fünf Mönche bemühen, ihre Berufung zu leben, ist glaubwürdiger als eine Gemeinschaft von hundert Mönchen, die einfach weiterführen, was scheinbar immer schon so gewesen ist.»

Trotz mancher gemeinsamer Anliegen schlägt Martin Werlen einen anderen Ton an als das kürzlich veröffentlichte Mission Manifest[2], das ein düsteres Bild von der «Wüste unserer Tage» zeichnet und sich ausdrücklich zum «Missionieren» und zum zahlenmässigen Wachstum der Kirche bekennt: «Wir wollen, dass Mission zur Priorität Nummer eins wird. Und zwar durch eine Fokussierung der finanziellen und personellen Ressourcen der Kirche auf die Evangelisierung. … Eine Kirche, die nicht freudig und überzeugend auf alle zugeht, hat keine Mission; sie verliert ihr Warum und Wozu. Sie steht für nichts. Und sie schrumpft statt zu wachsen.»

Institutionelle Konsequenzen?

Der Stossrichtung des Buches von Martin Werlen kann ich – gerade in diesem Kontext – viel abgewinnen. Für vieles ist es tatsächlich «zu spät». Wir können die Uhr weder zurückdrehen noch können wir sie aufhalten. Und weder Alarmismus noch Jammern helfen. Entscheidend ist das Wahr-Nehmen und An-Erkennen dessen, was ist: Wir sind als Kirche (und als Gesellschaft) in einer neuen Situation angekommen, die wir noch nicht verstehen. Und wir sind uns dessen noch zu wenig bewusst, obwohl die Pastoraltheologie und -soziologie seit Jahren unmissverständlich von der «prekären Zukunft der katholischen Kirche» spricht, weil «nichts bleibt, wie es war».[3]

Aber was heisst «zu spät» für die Institution? Welche konkreten Auswirkungen hat das für Strukturen und Finanzen, Einsatz und Ausbildung kirchlicher Mitarbeitender? Was sind die Folgen für die Organisation der Pastoral und für den Umgang mit den kirchlichen Gebäuden und Infrastrukturen? Wie gestaltet eine Kirche des «zu spät» ihre institutionelle Kommunikation und ihr Verhältnis zu Staat und Gesellschaft? Welche Prioritäten setzt sie, wo die Kräfte und die Mittel nicht mehr für alles reichen? Was geschieht mit all dem, was noch lebt und existiert, müde und vielleicht überaltert, aber noch keineswegs «in den letzten Zügen» und immer noch Heimat und Halt für jene, die sich seit Jahren und Jahrzehnten mehr oder weniger begeistert, aber jedenfalls treu einsetzen? Dazu sagt das Buch nicht viel.

Weiterführende Überlegungen

Meine Antwortversuche gehen in folgende Richtungen:

1

Papst Franziskus kritisiert zwar «Strukturen und Gewohnheiten …, die in der heutigen Welt keine Überbringer von Leben mehr sind» (EG 108) und plädiert deshalb für eine «Reform der Strukturen» (EG 27). Zugleich betont er, dass «ohne neues Leben und echten vom Evangelium inspirierten Geist … jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben» wird (EG 26). Und er geht vom Prinzip aus, dass «die Zeit mehr wert ist als der Raum», was es «erlaubt … langfristig zu arbeiten, ohne davon besessen zu sein, sofortige Ergebnisse zu erzielen». Es sei wichtiger, «Prozesse in Gang zu setzen anstatt Räume zu besitzen» (EG 222-225). Dieser Sichtweise kann um «fünf nach Zwölf» besser entsprochen werden als um «fünf vor Zwölf». Paradox formuliert: «Zu spät» ist manchmal gleichzeitig «zu früh». Menschen, die (wie ich) dazu neigen, Probleme mit Strukturanpassungen lösen zu wollen, sollten das beherzigen.

2

Ich bin noch in einer Zeit aufgewachsen, in der das kirchliche Selbstverständnis vom Ideal einer flächendeckenden, lebenslänglichen pastoralen Versorgung und religiösen Verpflichtung rund um die Uhr geprägt war. Von der Wiege bis zur Bahre, vom Morgengebet beim Aufwachen bis in den nächtlichen Schlaf, und vom Ersten Advent bis Christkönig war alles vorgesehen und geregelt. Heute müssen wir zur Kenntnis nehmen: Die Kirche kann das nicht mehr. Eine grosse Mehrheit der Menschen will das nicht mehr. Als Massstab für ein gutes christliches Leben taugt das nicht mehr. Und die conditio sine qua non für ein solches Kirchenkonzept, die «automatische», durch Kindererziehung, soziale Einbindung und Kontrolle geregelte kirchliche Prägung existiert nicht mehr. Es ist vielleicht das entscheidende «zu spät», dass wir erst jetzt – und immer noch zögerlich – beginnen, es ernsthaft einzugestehen und daraus als Institution Konsequenzen zu ziehen.

3

Trotz dieser «Verspätung» geht es der Kirche institutionell in vieler Hinsicht gut: Sie hat viele gut qualifizierte Mitarbeitende, Behördenmitglieder und Freiwillige. Vielerorts ist sie finanziell gut aufgestellt. Die Kirchen, Kathedralen und Pfarreizentren sind in gutem Zustand. Der Staat anerkennt die Kirchen, sie können sich frei entfalten und ihre Meinung einbringen. Das Ansehen der Kirchen als Erbringer gesamtgesellschaftlicher Leistungen ist berechtigter Weise hoch. Die Lektüre von «Zu spät» inspiriert mich dazu, die Vorstellung loszulassen, die Kirche müsse sich krampfhaft bemühen, all das «ins Ziel» zu retten», als liege dieses Ziel in greifbarer Nähe. Statt das Bestehende zu verteidigen, könnten wir es als Geschenk annehmen und als Chance nutzen, um jene Prozesse in Gang zu setzen und weiterzuführen, die Papst Franziskus und Martin Werlen so am Herzen liegen. Denn dafür ist es nie zu früh oder zu spät. Es ist stets an der Zeit.

Daniel Kosch Dr. theol., ist Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz und Autor von feinschwarz.net.
Bild: Cover, Verlag Herder

[1] Martin Werlen, Zu spät. Eine Provokation für die Kirche. Hoffnung für alle, Freiburg 2018.

[2] Vgl. dazu die Tonalität des «Mission-Manifest» mit seinen 10 Thesen für ein Comeback der Kirche: https://www.missionmanifest.online

[3] Rainer Bucher, … wenn nichts bleibt, wie es war. Zur prekären Zukunft der katholischen Kirche, Würzburg 2012 (mehrere Auflagen).

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