Wüste als anderer Andersort. Die innere Verwüstung biblisch durchwandern

Die Wüste gilt als spirituelle Quelle. Benedikt Collinet zeigt, dass sie aber auch eine Herausforderung ist – insbesondere in einer kirchlichen Krisenzeit.

Ob 40 Jahre, 40 Tage oder ein einzelner spiritueller Wüstentag, die abgesonderte Zeit abseits anregender Sinneseindrücke fasziniert seit Jahrhunderten. Die Nutzung eines abgeschiedenen Raumes außerhalb einer Welt permanenter Erreichbarkeit ist ein Geschenk biblischer Spiritualität, welches die Sehnsucht nach dem wirklich Essentiellen in einer Welt des Überangebots und der Übersättigung weckt und nährt. Der folgende Essay will über die Bedeutung der Wüste für die Menschen der biblischen Zeit und uns Heutige.

Die „Heterotopie“ (Anders-Ortigkeit) nach Michel Foucault bezeichnet vage eine bestimmte Art von Raumordnung. Sie baut auf die drei Kriterien von Raum, Macht und Wissen auf. Man muss den Andersort kennen und verstehen, ihn finden können und betreten dürfen. Er ist eine Sphäre mit eigenen Regeln und Zeiten, die eine bewusste Schwellenüberschreitung verlangen. Wer den heterotopen Raum betritt, erlaubt sich einen neuen Blick auf die laufenden Diskurse. Foucaults Beispiel eines Heterotops ist der Garten, der in unserer Gesellschaft ein sich abgrenzender Ort ist. In der Wüste jedoch ist die Gartenanlage in Form einer Oase der einzige Lebensort und es ist die Umgebung, die abgegrenzt wird.

Bedrohlich und anarchisch

Auf diese Weise wird die Wüste zum anderen Andersort. Sie ist bedrohlich und anarchisch, verbindet Todesgefahr und absolute Freiheit von sozialen Zwängen miteinander; sie ist zugleich utopisch und dystopisch. Der Übergang von Tag zu Nacht vollzieht sich so schnell, wie jener von Leben zu Tod. Die Wüste konfrontiert uns mit den eigenen Dunkelheiten und Abgründen, doch wer einmal eine Nacht dort verbracht hat weiß, sie zeigt uns auch mehr Sterne an unserem Himmel, als wir andernorts je sehen könnten.

In der Wüste erweist sich der Charakter eines Menschen und die Fähigkeit zu überleben, die eigenen Sinne werden geschärft und zugleich von permanenter Beschallung erlöst, sodass auch die geistigen Sinne wieder auf Transzendenz hin ausgerichtet werden können. Sie erlaubt kein Verweilen und kann doch eine Zeitlang aufgesucht werden.

Biblische Selbstverortung in der Wüste

Den altorientalischen Kulturen war bewusst, dass die Wüste ein Ort ist, an dem man sterben kann, da sie kein Trinkwasser führt. Erdwüsten (Sand, Stein etc.) und das Meer (Salzwasser-„Wüsten“) sind für sie gleichbedeutende Bedrohungen. Sowohl die Hochkulturen Mesopotamiens und Ägyptens als auch die Völker, die unter ihrer Hegemonie standen, fürchteten Wüste und Meer mit ihren Stürmen und ihrer oberflächlichen Leblosigkeit. Darunter hausten Ungeheuer, die als Chaosmächte oder Gottheiten gefürchtet wurden. Die Wüste ist der Ort des Todes, sodass die antiken Ägypter gegenüber ihres Kultortes Luxor (Ost-Theben), die Nekropole (Theben West) und das Tal der Könige anlegten. Wer „über den Fluss“ in Richtung des Sonnenuntergangs ging, war „tot“.

Um dieses Konzept zu verstehen, muss man das antike Weltbild kennen. Dort steht die Stadt mit ihrer Wasserquelle im Zentrum allen Lebens. Der höchste Punkt der Stadt ist das religiöse und politische Zentrum, da er dem Himmel am nächsten ist und auf diese Weise leichter mit den Gottheiten kommuniziert werden kann; ein Konzept, dass sich auch bei uns durch Anger und Kirchturm lange Zeit gehalten hat. Umgeben ist die Stadt von einer Mauer, die sie vor Feinden, Stürmen und wilden Tieren schützt. Außerhalb der Mauern lauern Ödnis, Gefahr und Tod.

Tohuwabohu

Aus dieser Erfahrung schöpft auch die Bibel. In der ersten Schöpfungsgeschichte (Gen 1,1-2,4) sind Wasser und Land zunächst chaotisch (tohuwabohu) und unbelebt. Später leben in ihnen Untiere, wie der Leviatan (Ij 3,8; Ps 74,14; 106,26; 148,7; Jes 27,1; Ez 32,2), Löwen oder Geier (Num 23,24; 24,9; Spr 26,13; Jes 34,15; Jer 5,6; 12,9; Mt 24,28par u.ö.). Gott allein kann sie kontrollieren als „Herr der Tiere“ (Ij 39,27; Jes 11,6; 65,25; Offb 5,5).

Noch berühmter ist die Wüstenwanderung Israels (Ex-Dtn), in der zunächst eine Wasser- und dann eine Sandwüste durchquert werden muss. Ängste machen sich breit und immer wieder kommt ein „Murren“ des Volkes auf, das von Gott meist barmherzig zufriedengestellt wird. Diese Zeit soll Israels Charakter vorbereiten, mit dem Reichtum von „Milch und Honig fließendem“ Land umzugehen.

Jesus in der Wüste

Mit Sara, die ihre Nebenbuhlerin Hagar gleich zweimal in die sprichwörtliche Wüste schickt (Gen 16; 21) und dem Ritual des Sündenbocks (Lev 16) werden einzelne Lebewesen zum Wohl des Volkes in die Ödnis verbannt. Den Höhepunkt dieses Motivs erreicht die christliche Bibel in den Erzählungen der Versuchung Christi (Mt 4) und seiner Passion.

Jesus zieht sich wie das Volk nach der Übergangserfahrung seiner Taufe (lat. transitus, gr. pascha) zurück, um sich auf den Beginn des öffentlichen Wirkens vorzubereiten. Er begegnet am Ort des Todes dem Teufel und wird von ihm dreimal auf die Probe gestellt. Ihm wird angeboten Stein in Brot zu verwandeln, also Wüste in fruchtbares Land zu kultivieren; er soll dann seine göttliche Macht vom Tempel her beweisen und schließlich wird ihm die Macht über alle Reiche angeboten. Die Versuchung der Wüste ist für Jesus, sein göttliches Reich mit einem Fingerschnipsen auf der Erde zu errichten und über die menschliche Freiheit hinweg Frieden und Wohlstand zu schaffen. Doch er widersteht und sucht seine Macht in der Ohnmacht. In der Passion wird Jesus durch die Wüste von Pontius zu Pilatus geschleift, bevor er außerhalb der Stadtmauern auf der Schädelhöhe im Westen wie das heilbringende Bild der „Schlange in der Wüste“ erhöht wird (Num 21,8f.; Joh 3,14). Die Ohnmacht siegt, denn aus der Seite des Toten fließt das Wasser des Lebens (Joh 4,14; 19,34), als Auferstandener wandelt er im Garten (Joh 19,41; 20,15).

Die eigene Wüste durchwandern

Wo liegen nun aber die herausfordernden Wüstenerfahrungen im Alltag einer/eines deutschsprachigen Christ:in heute? Die Wüste kann sich als Eiswüste der sozialen Kälte einer geschiedenen Mutter auf dem Land gezeigt haben oder im achtlosen Vorbeigehen an einer Obdachlosen. Sie kann aber auch in unserer Kirche begegnen: in den verwüsteten Leben der Opfer von Missbrauch und im Schock der Mitleidenden, die zu ertrinken drohen am galligen Meer schrecklicher Taten, die aufgearbeitet werden müssen. Sie zeigt sich vielleicht in der Angst jener Menschen, die eine Versandung der traditionellen Glaubensquellen befürchten, anstatt mutig neue Zisternen zu graben. Möglicherweise zeigt sie sich aber auch an jenen nach Reformen Dürstenden, die zweifeln, ob ihre neu erwachten Hoffnungen sich nicht doch als Fata Morgana erweisen. Eine dritte Gruppe mag davon überzeugt sein, missionarische Kanäle in die vermeintlich spirituelle Wüste unserer Zeit treiben zu müssen, während sie zugleich das fruchtbare Land übersehen.

In all diesen und weiteren Wüsten können, dürfen oder müssen wir gegenwärtig leben. Sie fordern uns heraus und drohen, uns manchmal zu besiegen. Doch aus der Bibel können wir lernen, diese inneren Wüsten zu ertragen und sie zu durchwandern, um sie schließlich – so dürfen wir hoffen, zu überwinden. Die Erfahrung der Wüste wirft auf das Existentielle in eigenen Leben zurück und zeigt, was wir wirklich brauchen. Teil dieser Erfahrung sind die hitzigen Debatten des Tages ebenso wie die schleichenden Schatten der Ängste und Zweifel in der Nacht.

Der ganz andere Gott

Wir können auch bewusst die Abgeschiedenheit aufsuchen und bewusst in eine innere wie äußere Wüste eintreten. Zu ihr gehören die Chance, das innere Chaos zu lichten, um den Sternenhimmel zu sehen, die Domestizierung der inneren Dämonen und die heilende Einladung in den göttlichen Garten (Jes 41,18f.; 43,19f.; 51,3). Gestärkt durch solche Oasentage, kann der Weg durch die Wüste erneut angetreten werden im Wissen, dass der ganz andere Gott auch an diesem Andersort bei uns ist (Ex 3,1-14; Dtn 8,2.15f.; 29,4; Neh 9,19-21; Jer 2,6; Am 2,10a; Mt 28,20b; Lk 15,4; Apg 13,18).

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Dr. Benedikt J. Collinet arbeitet als Altestamentler an der Theologischen Fakultät in Innsbruck.

Bildquelle: Pixabay

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