Wut und Rage im Theater: „Das Problem ist wie üblich, daß uns niemand liebt…“

Das Thalia-Theater eröffnet seine Spielzeit mit Wut/Rage: eine Abrechnung mit den Göttern und der europäischen Gesellschaft. Eine theologische Rezension von Nathalie Dickscheid.

Ein Absperrband trennt Zuschauer- und Bühnenraum. Dahinter flackert am Boden liegend eine große Leuchtreklame. Etwas ist geschehen. Was, bleibt unklar. Eine Beamtin der Brandwache betritt die Bühne. Sie rollt das Absperrband auf, das nicht enden zu wollen scheint, ebenso wie die referenzreiche, assoziative „Wutrede“, die sie dabei monologisiert. In süffisant-gleichgültigem Tonfall wird abgerechnet – mit religiösen Extremisten, mit rechten Populisten, mit einem zerbröckelndem Europa und mit seinen Göttern: „Die Götter sind ein Nichts. Und zwar alle. Ja, Ihrer auch. Alle. Und groß sind die Menschen…“.

Eine ebenso erschütternde wie stimmige Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen

Wut heißt der komplexe Text der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek, den sie in Reaktion auf die Pariser Anschläge auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo sowie auf einen jüdischen Supermarkt 2015 geschrieben hat. Rage, die zweite Textvorlage der Inszenierung, ist eine Szenenfolge unterschiedlicher Begegnungen zwischen jungen Menschen in einer Silvesternacht in Manchester, zu welcher der britische Gegenwartsdramatiker Stephen Simons von Bildern des Photographen Joel Goodman inspiriert wurde. Unter der Regie von Sebastian Nübling entstand in der Kombination beider Werke ein kraftvoller Spielzeitauftakt des Thalia-Theaters: eine ebenso erschütternde wie stimmige Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen.

Das Absperrband ist endlich aufgewickelt. Die Beamtin hievt eine Leuchtreklame vom Boden, ein großes HAPPY erhebt sich. Es wirkt, als wolle sie den Übermenschen heraufbeschwören, den autonomen, handlungsfähigen Menschen, der sich weder von Göttern noch von irrgeleiteten Mitmenschen davon abhalten lässt, seines Glückes Schmied zu sein. Doch der kommt vorerst nicht. Stattdessen trotten betrunkene, pinkelnde, sich übergebende, lallende Partygänger und genervte Polizeibeamte auf die Bühne. Hier schmiedet niemand sein Glück, sondern sieht sich ohnmächtig seiner Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation ausgesetzt. Eine Unzufriedenheit, die sich nur im Suff oder durch Machtgesten ertragen lässt. Menschlichen Begegnungen können dem nichts mehr entgegensetzen, denn sie tragen nicht.

Das über den Köpfen schwebende HAPPY kann nur zynisch verstanden werden, denn glücklich wirkt hier niemand.

Während der Jelinek-Text – mal in Monologen, mal chorisch gesprochen – wie ein makroperspektivischer Kommentar Zusammenhänge aufzuzeigen versucht, wirken die Simons-Szenen wie eine mikrologische Sozialstudie des jungen europäischen Prekariats. Lustlos tanzen betrunkene, mittellose Menschen, schwören sich unverbindliche Liebe, trinken bis nichts mehr geht, feiern das Ende von etwas oder den Anfang von etwas. Jegliche Illusion von Hoffnung fehlt. Frustrierte Polizisten verhaften, verprügeln, sind unverständig und grob. Es sind triste Begegnungen unter Randständigen und emotional Verwahrlosten. Das über den Köpfen schwebende große HAPPY der Leuchtreklame leuchtet nicht. Es kann nur zynisch verstanden werden, denn glücklich wirkt hier niemand.

Unzufriedenheit und Machtlosigkeit werden zum Nährboden einer Wut, die bald in diesen Menschen aufsteigt, sie immer ausfälliger und gewaltbereiter werden lässt, bis tatsächlich ein Anklang von Autonomie zu spüren ist: „I’m not scared of what’s going to happen. I’m not scared of the noises. See me in this city? I am up for it. I will take this whole year and I will fucking own it…“ brüllt einer der namenlosen Protagonisten, während die anderen sich zum Beat bewegen, der – mal lauter, mal leiser – wie ein akustisches Hamsterrad den Abend durchzieht. Tanzend und brüllend bilden sie eine Gemeinschaft, die weder eine klare Botschaft formulieren noch sich empören oder etwas bewegen kann, weil sie für ihre Wut keine Sprache hat, außer der Sprache der Gewalt:

„Ich beginne jetzt zu rasen, es steigt in mir hoch, ich spür‘s schon, ich habe keine Stimme, die wurde mir bei der letzten Wallfahrt, nein, Wahlfreiheit abgenommen, aber ich habe eine Art Kocher, einen Herd, der mich erhitzt, der mich auflädt, meine Ohren werden gleich ganz rot sein.“

„Wut muss man trennen von Zorn und Empörung.“

Doch woher kommt die Stimmlosigkeit, diese blinde Ohnmacht, die sich in Raserei und Radikalität Bahn bricht? Sie könnte ein Resultat der zunehmenden gesellschaftlichen Entdiskursivierung sein, deutet Kulturwissenschaftler Dieder Diederichsen im Programmheft an: „Wut muss man trennen von Zorn und Empörung. Zorn weiß sich legitim. Die Diskrepanz zwischen dem, was das Rechtsempfinden weiß, und der Realität des Rechts ist stabil. Wut ist dagegen trauriges Tasten und Tappen im Dunkeln auf der Suche nach Legitimität und einer dumpfen Ahnung von der Maßlosigkeit des Gegenübers. […] Wut hat eine Genealogie: Sie ist aus dem Streit herausgefallen. Im Streit ist sie gebunden: eine notwendige agonale Energie, die sich im Streit vergesellschaftet. Verlieren Aktanten im Streit jede Chance, verlieren sie ihre Position oder kann der Streit überhaupt nicht mehr geführt werden, dann tritt die gebundene Wut heraus und taucht frei, radikal und ein bisschen blöde anderswo auf.“

Das Entstehen neuer Räume, in denen eine Legitimierung der Wut und ihrer Akte in Aussicht gestellt wird – seien es die Montagsdemonstrationen von PEGIDA oder salafistische Kundgebungen – ist somit die Konsequenz des Verschwindens demokratisch wirksamer Diskursräume, in denen die Anliegen der Machtlosen Gehör und somit Anerkennung finden.

Es bedarf einer Theologie, die auf die Wahrheitsfrage nicht verzichtet, diese aber in Offenheit für die Anderen stellt.

Im Nachklang dieser Inszenierung ist anzufragen, welche Rolle die christliche Religion in diesem Prozess spielt. Es ist Jelinek (im Anschluss an Assmann und Sloterdijk) Recht zu geben, dass Gewalt allen Monotheismen dort innewohnt, wo die Wahrheitsfrage zum Maß aller Dinge wird: „Jeder Mensch besiegt jeden Gott, der nicht seiner ist. Uns fehlt vielleicht, da wir uns selbst gelehrt haben, das Wissen, uns fehlen die Daten, Zahlen und was weiß ich, aber was uns nicht fehlt, das ist unser Gott, den wir uns selbst gemacht haben. Er ist der Alleingott. Außer ihm ist keiner.“

Um in den eigenen Reihen keine Fundamentalismen auszuprägen, bedarf es einer diskursoffenen Theologie, die auf die Wahrheitsfrage nicht verzichtet, diese aber in religionstheologischer Offenheit für die Anderen und im Modus der Demut stellt. Hierzu gehört, das eigene theologische System auf seine Gewaltträchtigkeit zu überprüfen. Immer wieder verweist Jelinek auf die Brutalität des christlichen Gottesbildes vom Vater, „der seinen Sohn hat umbringen lassen.“ Wenn die christliche Botschaft so missverstanden werden kann, sollte die religiöse Sprache reflektiert, neu verstehbar gemacht oder ggf. auch erneuert werden. Mut zur Erneuerung braucht auch die christlich-religiöse Praxis. Religiöse Bildung und Erziehung muss stärker auf die (sicherlich verunsichernde) zunehmende Pluralisierung der Gesellschaft vorbereiten. Wo sie sich hinter kerygmatischer Selbstvergewisserung und frommen Gesten versteckt, tut sie dies nicht, sondern wird zur jelinek‘schen „Wallfahrt“-Veranstaltung, die stimmenlos macht.

Harmonisch darf der Abend nicht enden, denn woher soll die Harmonie auch kommen?

Es ist die nicht vermittelbare Angst vor dem Anderen und Neuen, welche ohnmächtig und gewaltbereit macht, wenn nicht gelernt wird, mit ihr umzugehen, Spannungen auszuhalten und das Neue und Andere nicht als Angriff auf sich selbst zu verstehen. So besingen die DarstellerInnen am Ende in beeindruckendem Wohlklang mit dem Silvester-Klassiker „Auld lang syne“ die gute alte Zeit und bestärken zugleich ihre Angst vor dem Neuen. In der deutschen Version des Liedes heißt es: „…die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer.“

Die Riesenleuchtreklame erstrahlt in grell-blendenden Farben. Im HAPPY NEW YEAR spiegelt sich ein fulminantes Feuerwerk. Doch es ist keine Feierstimmung zu spüren. Stattdessen Beklemmung, denn das Feuerwerk klingt wie Kriegsbeschuss und wird durch den allzu harmonischen Gesang konterkariert. Harmonisch darf der Abend nicht enden, denn woher soll die Harmonie auch kommen? Es hat sich nichts gelöst. Hasstiraden beschließen also den Abend, gepaart mit Jelinek-Kommentaren von der immer noch Bänder wickelnden Beamtin der Brandwache. Ihre Quintessenz: „Das Problem ist wie üblich, daß uns niemand liebt…“

Die unbedingte Liebe Gottes als Beitrag der christlichen Religion zur Lage Europas

An dieser Stelle kann sich die Relevanz des Evangeliums erweisen. Wenn Liebe das Proprium christlicher Theologie und Frömmigkeit ist, wäre hier ein positiver Beitrag der christlichen Religion zur aktuellen Lage Europas zu finden. Denn wo die Kirche in dieser Gesellschaft zugängliche Räume schafft, in denen die unbedingte Liebe Gottes glaubhaft vermittelt werden kann, in denen Angst und Empörung aufrichtig Gehör finden und wo sie selbst zum offenen Diskursraum wird, leistet sie einen wesentlichen Beitrag zur Relativierung von Ohnmacht und Stimmlosigkeit.

Nathalie Dickscheid ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Erziehungswissenschaften/Arbeitsbereich Religionspädagogik der Universität Hamburg. In ihrem fundamentaltheologischem Promotionsprojekt untersucht sie die Relevanz des Gegenwartstheaters für die Theologie.

Für Vorstellungstermine und weitere Informationen zum Stück siehe: https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/wut–rage/

Textquellen: http://www.elfriedejelinek.com/
Programmheft Wut/Rage, Thalia Theater Hamburg (2016).

Bild: © Armin Smailovic

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