Zauber, Fluch und Menschenhandel

Simon Kolbe und Anja Wells über die ambivalente Rolle des Religiösen bei der Ausbeutung nigerianischer Frauen in Deutschland.

Es mag sich anhören wie aus dem Drehbuch für einen Horrorfilm: junge Mädchen werden von einem Voodoopriester verflucht und somit zum willenlosen Eigentum von bösen Mächten. Tatsache ist: das geschieht beinahe jeden Tag. Fakt ist auch, dass dieser Horror jeden Tag in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern stattfindet. Mit falschen Versprechen angelockte und durch einen Voodo-Schwur gebundene junge Frauen aus Nigeria landen zu Hunderten, wenn nicht zu Tausenden, in der europäischen Zwangsprostitution. Die EU Kommission meldet EU-weit 1.574 offiziell identifizierte Betroffene von Menschenhandel im Zeitraum 2017-2018. In Deutschland ist im Bundeslagebericht „Menschenhandel und Ausbeutung 2019“ nur von 16 nigerianischen Opfern die Rede. Doch die Praxis berichtet von einer viel höheren Dunkelzahl. Wie funktioniert dieses System und wie können auch mit Hilfe von Religiosität und Spiritualität Auswege für diese Frauen geschaffen werden können? Wir stellen Ergebnisse aus einem internationalen Forschungsprojekt zur Untersuchung der Integrationsfaktoren von Überlebenden des Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung (INTAP) vor.

Drehbuch für einen Horrorfilm

Die Opfer und die Anwerbung: In Nigeria, vor allem im Edo-State, werden junge Frauen und Mädchen angeworben. Falsche Versprechen und Aussichten auf Auswege aus der Armut und Perspektivenlosigkeit verführen viele: Ein Job als Hausmädchen, Friseurin oder Verkäuferin im reichen Europa, Träume, die nicht unüblich auf dem afrikanischen Kontinent erscheinen. Lediglich drei Dinge müssen die Mädchen dafür tun: Erstens einen Juju-Vertrag besiegeln und somit zweitens in das Eigentum einer sogenannten Madam übergehen sowie drittens so lange Eigentum und Arbeitskraft dieser sein, bis eine bestimmte Summe (40.000 – 100.000 Dollar) abgezahlt sind. Dann sind sie frei. So glauben sie zumindest.

Junge Frauen als Besitz

Die Täter*innen: Zunächst sind es Frauen, die in diesem Segment des Menschenhandels die aktiven und führenden Rollen übernehmen: Die sogenannten Madams, manchmal selbst ehemalige Prostituierte, aber auf jeden Fall skrupellose Menschenhändlerinnen. Sie „besitzen“ die jungen Frauen, die alles für sie tun. Sie genießen die Macht des Juju und verfügen über ein internationales Netzwerk und greifen dabei auf eigenes Personal, die Boys, oder aufstrebende nigerianische Mafiabünde, sogenannte Confraternities (=Bruderschaften), zurück. Diese übernehmen den Transport, die Überwachung, den Weiterverkauf, die Bestrafungen und den Geldtransport. Die Madams sitzen irgendwo und treten kaum in persönlichen Kontakt. Sie rufen manchmal an, um die Frauen daran zu erinnern, dass der Juju ihnen alles sagt, was passiert und was den Opfern und ihren Lieben droht, sollten sie gegen den Schwur verstoßen oder auch nur daran denken. Diese Art der organisierten Kriminalität von nigerianischen Bruderschaften wird immer skrupelloser, wie jüngst das ARD-Format Weltspiegel berichtete.

Gottheit, Strafe, Gehorsam

Der Juju-Schwur und die Erniedrigungen: Das Konzept des Juju-Schwurs im Rahmen des Menschenhandels, insbesondere im Bundesstaat Edo, ist Teil eines lokalen Rechtssystems, das neben offiziellen Organen (Gerichte, Polizei usw.) für straf- und zivilrechtliche Angelegenheiten existiert. Im Falle von Menschenhandel müssen Frauen, die einer Rückzahlung zustimmen, dieses Versprechen in Form eines Schwurs vor einer bestimmten Gottheit ablegen, dem Juju. So werden sie zu Leibeigenen der Madam. Gegen eine Gebühr findet eine Art Zauberzeremonie bei einem Voodoopriester statt. Dabei werden die Frauen oft ausgezogen, mit Tierblut oder Farbe besprenkelt, ihre Fingernägel sowie Scham- und Körperhaare abgeschnitten und verbrannt. Teile der (Unter-)Wäsche und der Haare werden als Pfand behalten. Der Juju beinhaltet spezifische Bedingungen: Die Frau macht, was die Madam sagt, wann immer sie es sagt. Sollte sie das nicht tun, wird sie selbst wahnsinnig, oder ein Familienmitglied wird krank, verrückt oder stirbt. Für die Mädchen ist das bis dahin noch gar nicht so ungewöhnlich. Juju-Flüche werden u.a. auch zur Manipulation von Fußballspielen genutzt.

Leere Versprechungen

Leben in der Zwangsprostitution: Was dann kommt, ist unvorstellbar. Während des Transports nach Europa wird den jungen Frauen spätestens klar, dass von den Versprechungen lediglich nur eine stimmt: sie sind Eigentum geworden. Eine Sache, mit der ihre Besitzer*innen machen, was ihnen beliebt. So werden viele Mädchen zunächst in Libyen gebrochen: durch mehrfache Vergewaltigungen von vielen Männern auf einmal. In Europa geht es nahtlos weiter: Am Bestimmungsort angelangt, muss Geld verdient werden. Auf dem Straßenstrich, in der Barprostitution oder in der Unterkunft für Geflüchtete. Meist geschieht dies in Italien, bevor sie irgendwann nach Deutschland oder Österreich gelangen/gebracht werden.

Die spirituelle Macht ist für die Opfer allgegenwärtig

Die spirituelle Macht: Die Madams rufen an. Sie wissen wann die Frauen wo waren, mit wem sie gesprochen haben oder was sie für Kleidung trugen. Durch den Juju wissen sie auch, dass die Frauen an das Aufhören denken, Auswege suchen, verzweifeln oder auch, wenn ein Familienmitglied in der Heimat erkrankt. Die spirituelle Macht ist für die Opfer allgegenwärtig. Was ihnen nicht klar ist: sie werden bespitzelt, sie werden beobachtet und die Madams erhalten gebündelte Nachrichten über jede Einzelne. Gepaart mit jahrelanger Erfahrung in ihrem Metier, wissen die Madams genau, was sie tun. Für die Behörden ein sehr schwieriges Terrain, da sie auf die Aussagen der Betroffenen angewiesen sind. Aber sie sprechen kaum mit jemandem, sie versuchen, nicht einmal daran zu denken und sie können niemandem vertrauen. Die Madams sind Schatten. Das Geschäft läuft. Die Konsumenten sind weiße Europäer. Sie wünschen sich billigen käuflichen Sex und das noch möglichst exotisch. Schlechtes Gewissen ist fehl am Platz. Man(n) fühlt sich im Recht. Es droht keine Strafe und die Frauen sagen ja, dass es ihnen „Spaß“ macht. Die Hintergründe interessieren nicht.

Es gibt nur wenige Auswege …

Auswege: Nigerianische Frauen haben wenig Perspektiven. In Asylverfahren haben sie eine Chance von unter 10% auf einen positiven Bescheid. Als Opfer des Menschenhandels könnten sie Schutz erhalten. Dafür müssen sie aber identifiziert werden. Dazu benötigen die Behörden stabile Aussagen und verurteilte Täter*innen. Das können die Frauen – traumatisiert, erniedrigt und verängstigt – oft nicht leisten. Sie tauchen dann lieber ab, gehen zurück in die Zwangsprostitution oder sagen später nicht mehr aus. Andere Wege sind sogenannte „Schutzpartnerschaften“, bei denen Beziehungen und Ehen eingegangen werden, um dann lediglich nur noch Opfer von einer Person zu sein. Es gibt wenige Auswege.

„Person of Trust“

NGOs und Organisationen wie die Caritas oder Diakonie helfen: Unter anderem in den klassischen Beratungsstellen für Geflüchtete, in Fachberatungsstellen für Betroffene von Menschenhandel oder durch Streetwork. Aber vor allem durch Perspektiven und Vertrauen. So finden Frauen u.a. in Schutzwohnungen Unterkunft und Schutz – die Madam (und somit der Juju) sollen hier möglichst keinen Zugriff haben. Über zeitintensiven Vertrauensaufbau sowie die tägliche Betreuung und Begleitung können die ersten Schritte in Richtung Sicherheit, Wohlergehen und Integration gegangen werden. Für die betroffenen Frauen übernehmen dabei einzelne Personen, meist Ehrenamtliche oder Sozialarbeiter*innen, die Funktion der „Person of Trust“. Diese begleiten die Frauen zu Behörden, zum Arzt, zur Polizei oder in die Anwaltskanzleien. Durch das aufgebaute, aber fragile Vertrauen schaffen sie Zugänge zu Auswegen und Strategien gegen die Unterdrückung.

Ihre Religiosität wird den Frauen zum Verhängnis

Religion und Spiritualität: Für Nigerianer*innen spielt die Religion eine zentrale Rolle im Leben. Christentum und Islam koexistieren mit animistischen Religionen und Praktiken. Die stark ausgeprägte Religiosität der Frauen wird ihnen zunächst zum Verhängnis. Über den Juju werden sie zu Sklavinnen und erleben tägliches Grauen. Jedoch ist es aber auch diese starke Religiosität, die ihnen helfen kann, Auswege zu finden. Die religiös-spirituelle Verarbeitung von Krisen und Stress spielt dabei eine wichtige Rolle. Parallel zu säkular-weltlichen Angeboten der Hilfe, wie psychosoziale Beratung oder Therapien, haben die Frauen häufig das Bedürfnis, mit Seelsorger*innen zu sprechen. Sie suchen Antworten auf existentielle Fragen, sie benötigen das Gebet und die religiöse vertrauensvolle Gemeinschaft. Afrikanische Kirchengemeinden sind dabei nicht die erste Wahl. Zu häufig sind diese konkret in den Menschenhandel involviert oder zumindest agieren dort Einzelpersonen als Teil des kriminellen Netzwerkes.

Soziale Hilfe muss religiös kompetent und sprachfähig werden

Blick in die Zukunft: Die lokalen Kirchengemeinden sind gefragter denn je. Es gilt Beratungsangebote zu schaffen, Konzepte anzupassen und die religiöse Gemeinschaft für diese Frauen zu öffnen. Aber nicht nur für diese: Die meisten Geflüchteten sind religiöser als es Deutsche und Europäer*innen heute noch sind. NGOs und ihr Personal müssen fachlich und ökonomisch befähigt werden sich diesen Herausforderungen adäquat zu widmen. Zudem gilt es, auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene der nigerianischen Mafia den Kampf anzusagen.

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Simon Kolbe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der KU Eichstätt-Ingolstadt.

Anja Wells ist Projektreferentin bei SOLWODI Deutschland e.V. (SOLidarity with WOmen in DIstress / Solidarität mit Frauen in Not)

Bild: Jens Arbogast

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Filme: „Joy“ von Sudabeh Mortezai, Österreich 2018 und „Òlòtūré“ von Kenneth Gyang, Nigeria 2019

TV: Weltspiegel vom  28.06.2020: Italien: Der Aufstieg der nigerianischen Mafia  https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/italien-mafia-nigeria-100.html

Literatur: Wells, Anja; Kolbe, Simon; Sander, Caroline (2020): Intersektionale Integrationsansätze für vulnerable Migrantinnen: das Beispiel weiblicher nigerianischer und chinesischer Betroffener von Menschenhandel. (https://www.socialnet.de/materialien/29135.php)

 

 

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