25 Jahre Weltkatechismus: Die Kirche muss das Lehren neu lernen

Vor 25 Jahren wurde der „Katechismus der katholischen Kirche“ veröffentlicht. Ulrich Ruh hat sich sehr früh ausführlich damit beschäftigt und zieht eine kritische Bilanz eines „merkwürdigen Buches“ als Stabilisierungsprojekt, das nicht wirklich geglückt ist und dessen dritter Teil mit der Morallehre an der Lebenswirklichkeit vieler vorbei geht.

Die feierliche Veröffentlichung des „Katechismus der katholischen Kirche“ am 7. Dezember 1992 markierte nicht nur ungefähr die Halbzeit des langen Pontifikats von Johannes Paul II. Der „Weltkatechismus“  ist auch durchaus charakteristisch für Programm und Stil des von 1978 bis 2005 regierenden Papstes, obwohl das Werk nicht direkt auf seine Initiative entstand, sondern auf einen Vorschlag im Schlussdokument der Sonderversammlung der Bischofssynode aus Anlass des zwanzigjährigen Jubiläums des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils zurückgeht. Diese Synodenversammlung Ende 1985 war allerdings eine der nicht vorhersehbaren Überraschungen, wie sie der „Rekordpapst“ Johannes Paul II. immer wieder einmal für seine Kirche bereithielt.

Projekt zur Stabilisierung der katholischen Kirche als Institution wie als Glaubensgemeinschaft zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Vatikanums

Zwei Jahre vor der Feier des Konzilsjubiläums hatte der Papst den „Codex Iuris Canonici“, das neue kirchliche Rechtsbuch für die „Westkirche“, promulgiert. In seinem Schreiben zur Veröffentlichung des Weltkatechismus stellte er diesen in eine Reihe mit dem nachkonziliaren Kirchenrecht, sozusagen als zwei Pfeiler des seiner Auffassung nach notwendigen großen Projekts zur Stabilisierung der katholischen Kirche als Institution wie als Glaubensgemeinschaft zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Vatikanums. Bei den beiden auch in Übergangs- beziehungsweise Krisensituationen abgehaltenen  Vorgängerkonzilien, dem Tridentinum wie dem Ersten Vatikanum, hatte in diesem Zusammenhang das Stichwort Katechismus ebenfalls eine Rolle gespielt, wobei es nur im Fall von Trient zur Erarbeitung eines solchen Werks („Catechismus Romanus“) kam.

Hauptverantwortlicher für die Entstehung des Weltkatechismus von 1992 war der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger. Diese Aufgabe entsprach ungeachtet mancher Unterschiede im intellektuellem Profil zu Johannes Paul II. durchaus seinem kirchlich- theologischen Naturell: Seit Abschluss des Zweiten Vatikanische Konzils hatte sich Ratzinger immer wieder mit kritischen Zwischenrufen zur in seiner Sicht gefährdeten katholischen Identität zu Wort gemeldet, hatte Traditionsbrüche im Glaubensverständnis beklagt und  eindringlich an die unverzichtbare christliche Grundierung der abendländischen Kultur erinnert. Nicht zuletzt diese Prägung empfahl ihn nach dem Tod Johannes Pauls II. vielen Kardinälen als dessen Nachfolger im Papstamt. Benedikt XVI. beteiligte sich dann als Papst in seiner Weise am Projekt der glaubensmäßigen Stabilisierung katholischer Identität, vor allem durch seine drei theologischen Erfolgsbücher über Jesus von Nazareth. Ihnen ging es zentral um den Aufweis, dass sich Jesus Christus, wie er von der Kirche als der Sohn Gottes bekannt wird, im Jesus der Geschichte wiederfinden lässt.

Dieser Katechismus ist ein merkwürdiges Buch.

Benedikt XVI. trat ein halbes Jahr nach Erscheinen des letzten Teils seiner Jesus- Trilogie zurück. Der seit dem Frühjahr 2013 amtierende Papst Franziskus war anders als seine beiden Vorgänger im Amt nicht an der Erarbeitung des „Weltkatechismus“ beteiligt; als Jorge Mario Bergoglio 1992 Weihbischof von Buenos Aires wurde, war der Katechismus praktisch fertig. Im programmatischen Schreiben „Evangelii gaudium“ des jetzigen Papstes kommt der  „Katechismus der katholischen Kirche“ bezeichnender Weise nur in einer einzigen Fußnote vor.

Der Katechismus wird unfreiwillig zu einem Dokument der Unsicherheit und Verlegenheit – und spiegelt gerade dadurch die aktuelle Situation des katholischen Glaubensverständnisses und der es bezeugenden kirchlichen Gemeinschaft wider.

Dieser Katechismus ist ein merkwürdiges Buch. Das gilt nicht für seine Großgliederung: Dass ein Katechismus auch im späten 20. Jahrhundert die klassischen katechetischen „Hauptstücke“ aufnimmt und sie entfaltet (Credo, Sakramente, Dekalog, Vaterunser), ist durchaus nachzuvollziehen, auch ein Vierteljahrhundert nach seiner Veröffentlichung.  Es gilt aber für seine durchgängige Struktur, die ihn von früheren Katechismen signifikant unterscheidet. Der „Weltkatechismus“ besteht nämlich zu erheblichen Teilen aus längeren oder kürzeren Zitaten, die entsprechend montiert und miteinander kombiniert werden: Heilige Schrift, lehramtliche Texte von den frühen Konzilien bis hin zu Dokumenten Johannes Pauls II.,  kirchliche Rechtsnormen, Aussagen von Theologen und Heiligen verschiedener Epochen. Gleich, welche Motive für die Verfasser bei diesem Verfahren leitend gewesen sein mögen, der Katechismus wird so unfreiwillig zu einem Dokument der Unsicherheit und Verlegenheit – und spiegelt gerade dadurch die aktuelle Situation des katholischen Glaubensverständnisses und der es bezeugenden kirchlichen Gemeinschaft wider.

Die im Moralteil des „Katechismus der katholischen Kirche“  vertretene Konzeption … geht an der Lebenswirklichkeit auch der meisten engagierten Gläubigen jedenfalls in unseren Breiten  schlicht und einfach vorbei.

Die größte und problematischste Baustelle in diesem Zusammenhang hat derzeit mit den Fragen zu tun, die der „Weltkatechismus“ in seinem dritten Teil zu klären versucht, also in der katholischen Sittenlehre. Das hat nicht zuletzt die doppelte Vollversammlung der Bischofssynode 2014/2015  zum Thema Ehe und Familie gezeigt. Dort gab es  in Sachen Sexualmoral und Eheverständnis einige Lockerungsübungen, die teilweise auch im päpstlichen Ergebnisdokument „Amoris Laetitia“ ihren Niederschlag fanden. Seither tobt in der katholischen Kirche ein Streit um rechte und falsche Lehre, der eines unmissverständlich deutlich macht: Die im Moralteil des „Katechismus der katholischen Kirche“  vertretene Konzeption eines lehramtlich abgesicherten natürlichen Sittengesetzes mitsamt ihrer Anwendung auf sexualethische Einzelfragen wird von theologischer Seite vielfach mit guten Gründen kritisch betrachtet und geht an der Lebenswirklichkeit auch der meisten engagierten Gläubigen jedenfalls in unseren Breiten  schlicht und einfach vorbei – „Humanae Vitae“ (1968) lässt grüßen!

Mehr als auf viele dogmatische Einzelheiten … wäre eine Rede vom Glauben angesagt, die Rückfragen  der kritischen Vernunft erst nimmt und der konkreten Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert Rechnung trägt.

Aber auch in Bezug auf  dogmatische Themen stößt die „Methode Katechismus“ gerade heute erkennbar an Grenzen. Es ehrt zwar die katholische Kirche, dass sie die reichen und differenzierten Bestände ihrer Lehrtradition aus der Väterzeit, dem Mittelalter oder der nachreformatorischen Epoche nach wie vor pflegt und zu ihnen steht, wie es gerade der Katechismus von 1992 tut.  Aber damit ist in einer durch verstärkten religiösen Pluralismus, Fundamentalismus wie Religionslosigkeit (in aggressiven wie in unaufgeregten Varianten) geprägten und dementsprechend  spannungsreichen Situation mit ihren Auswirkungen auf Kirche und Theologie nicht viel geholfen. Mehr als auf viele dogmatische Einzelheiten, die nicht selten als Kuriositäten wirken (bis hin zur „Auferstehung als Werk der Heiligsten Dreifaltigkeit“; vgl. die Nr. 648-650 im Katechismus), wäre eine Rede vom Glauben angesagt, die Rückfragen  der kritischen Vernunft erst nimmt und der konkreten Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert Rechnung trägt, aber gleichzeitig den Überschuss der christlichen Botschaft  als Herausforderung stark macht, ohne überheblich zu wirken. Für diese nicht nur hier bei uns im westlichen Europa, aber gerade auch dort, immer dringlicher werdende  Aufgabe gibt der Katechismus wenig her.

Es war den Versuch wert, auch wenn das Experiment nicht wirklich geglückt ist!

Im Rückblick auf 25 Jahre „Katechismus der katholischen Kirche“ lässt sich, etwas flapsig formuliert, festhalten: Es war den Versuch wert, auch wenn das Experiment nicht wirklich geglückt ist! Es macht aber nicht zuletzt die Notwendigkeit für die katholische Kirche deutlich, über Konzeption und Praxis ihres Lehramts neu nachzudenken. Die Kirche muss das Lehren neu lernen!

Autor: Dr. Ulrich Ruh war langjähriger Redakteur (ab 1979) und Chefredakteur (1991-2014) der HerderKorrespondenz. 1993 hat er das Buch „Der Weltkatechismus: Anspruch und Grenzen“ publiziert. Seit 2015 ist er Honorarprofessor der Universität Freiburg und Dr. theol. h.c. der Universität Erfurt.

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