Schafbrief an den Hirten Andreas: Gender ist nicht des Teufels

Hinter der Gender‑Ideologie steht die Lüge des Teufels. Unter diesem Titel hat der Weihbischof Andreas Laun einen Hirtenbrief verfasst. Dem widerspricht der katholische Ethiker Gerhard Marschütz entschieden in einem Schafbrief.

Hinter der Gender‑Ideologie steht die Lüge des Teufels. Unter diesem Titel hat der Salzburger Weihbischof Andreas Laun am 25. März 2017 über das Internetportal kath.net (http://www.kath.net/news/58970) einen Hirtenbrief an seine ehemals existierende nordafrikanische Diözese Libertina veröffentlicht. Da dort heute „vermutlich mehr Skorpione und Kamele als Christen und natürlich viele Muslime“ leben, hofft Laun, mittels seines „mit größter Eindringlichkeit vor der Gender‑Ideologie“ warnenden Schreibens vor allem viele „Nicht-Libertiner“ zu erreichen. Tatsächlich ist zu erwarten, dass dieser Hirtenbrief speziell im deutschsprachigen Raum von engagierten Genderkritiker/innen als zusätzliche autoritative Quelle zitiert werden wird.

In der Tradition des biblischen Bildes vom guten Hirten (vgl. Joh 10) ist ein Hirtenbrief an die dem Hirten zugehörigen Schafe gerichtet. In Umkehrung dieses Bildes erlaube ich mir einen Schafbrief an den Hirten Andreas zu richten, da dessen Briefaussagen mich zutiefst verstört haben. Dabei muss die dem biblischen Bild inhärente Vertrautheit zwischen dem Hirten und seinen Schafen nicht erst herbeigeschrieben werden, da ich Weihbischof Laun seit beinahe vier Jahrzehnten persönlich kenne.


Schafbrief an den Hirten Andreas

 

Lieber Hirte Andreas!

Zunächst: Ich bin beeindruckt, wie klar Du im Hirtenbrief die auf einer teuflischen Lüge basierenden Gefahren der Gender-Ideologie benennst. Alarmbereitschaft ist zweifellos angesagt, wenn diese Gefahren – wie Du schreibst – sogar mit den teuflischen Auseinandersetzungen im Blick auf „den Nationalsozialismus und den Kommunismus“ vergleichbar sind.

Gerade weil ich mich beim Thema Gender ein wenig auskenne, hat mich Dein Hirtenbrief verstört.

Als ein an der Universität Wien Theologische Ethik lehrendes Schaf kann ich mir derart kurzgefasste Vergleiche nicht erlauben. Als Professorenschaf muss ich mich aber ebenso wie Du mit dem Thema Gender auseinandersetzen, Pro- und Contra-Argumente abwägen, Vorträge darüber halten usw. Schließlich trage auch ich Verantwortung für die mir anvertraute theologiestudierende Schafherde, bin also für diese im universitären Bereich zugleich ein kleiner Hirte.

Gerade weil ich mich beim Thema Gender ein wenig auskenne, hat mich Dein Hirtenbrief nicht nur in der eingangs erwähnten Hinsicht beeindruckt, sondern mehr noch verstört. Zwar kenne ich viele genderfeindlich gesinnte Schafe, die ganz sicher für Dein Schreiben dankbar sind. Auch wenn nicht alle Deine These teilen sollten, dass „hinter der Gender‑Ideologie die Lüge des Teufels“ steht, so sind sie sich darin einig, dass fast alles, was mit Gender zu tun hat (Gendertheorie, Gender Mainstreaming usw.) absurd sei und zu Recht als Gender-Ideologie oder Genderismus zu bezeichnen ist. Manche dieser Schafe haben auch die Schriften von Gabriele Kuby oder Birgit Kelle gelesen.[1] Sie wissen daher detailliert Bescheid über all das, was Du im Hirtenbrief nur stichwortartig (Gender-Lehrstühle, gegenderte Sprache, Anerkennung von homosexuellen Beziehungen, Sexualpädagogik der Vielfalt usw.) anführen konntest. Und sie finden all das entsetzlich und absurd – und stellen es auch so dar. Besonders wird die familienzerstörende Wirkung von Gender betont, der mitunter die Notwendigkeit eines Family Mainstreaming entgegengesetzt wird. Das Motto lautet: Gender ist out, Familie ist in.

Genderfreundlich gesinnte Schafe meinen, dass  genderfeindliche Schafe vieles missverstehen.

Ich kenne aber auch nicht wenige genderfreundlich gesinnte Schafe. Diese bemühen sich oft um Aufklärung.[2] Sie meinen, dass die genderfeindlichen Schafe vieles missverstehen würden. Das begänne bereits damit, dass diese alles, was nach Gender riecht, allzu schnell in einen Gender-Einheitstopf werfen und dort vermengen würden. Doch gebe es nicht einfach die Gendertheorie im Singular. Und davon zu unterscheiden wäre das Gender Mainstreaming als eine politische Agenda, wodurch eine Gleichstellung von Männern und Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen erreicht werden soll, und …

Üblicherweise blöken die genderfeindlichen Schafe spätestens an dieser Stelle heftig dazwischen. Sie sagen – wie auch Du im Hirtenbrief, den ich nachfolgend zitiere –, die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist „längst ein anerkanntes Prinzip, gerade auch für Christen“. Darüber bräuchte also nicht diskutiert werden. Doch bei Gender und Gender Mainstreaming gehe es „um viel, viel mehr“. Und dieses viel, viel mehr, gleichsam „der ,harte Kernʼ der Ideologie“, bestünde „in der Selbstbestimmung des Menschen, ob er Mann oder Frau sein wolle“. Die Genderlüge laute nämlich: „Es gibt nicht wirklich Mann und Frau, sondern: Dass die Menschen Frauen oder Männer sind, ist nur Einbildung, in Wirklichkeit sei dieser Unterschied eine Erfindung der Menschen selbst. Daher könne jeder Mensch selbst entscheiden, was er sein will, Mann oder Frau […].“ Folglich „gibt es kein von dem Leib vorgegebenes Geschlecht, sondern das Geschlecht bestimmt der Einzelne sich selbst mit seinem freien Willen“.

Kuby- und Kelle-belesene Schafe wissen über alles längst Bescheid.

Kuby‑ und Kelle-belesene Schafe wissen das freilich längst. In Bezug auf die von Genderkritiker/innen meist zum Oberschaf der Gendertheorie gekürte Judith Butler hält etwa Gabriele Kuby (in dem von Dir zum „Jahrhundertbuch“ erklärten Werk) fest, dass Gender besagt: „Männer und Frauen gibt es gar nicht. Das Geschlecht ist eine Phantasie, etwas, das wir nur deswegen glauben, weil es uns so oft gesagt wird. Gender ist nicht an das biologische Geschlecht gebunden, dieses spielt überhaupt keine Rolle, es entsteht nur, weil es durch Sprache erzeugt wird und die Menschen glauben, was sie ständig hören.“[3]

Diesen Kern der Gender‑Ideologie hat Birgit Kelle auf dem Klappentext ihres Buches Gendergaga in Form einer Frage sogar noch kürzer gefasst: „Heute schon über ihr Geschlecht nachgedacht?“ Diese völlig neue Gewissensfrage will uns also die Gender‑Ideologie aufzwingen.

Somit scheint klar: Es geht auch bei Gender Mainstreaming „um mehr als Gleichstellung von Frauen und Männern, es geht um die Herstellung von Gleichheit durch die ,Dekonstruktionʼ der bipolaren hierarchischen Geschlechterordnung, um zu einer gleichwertigen und gleichberechtigten Geschlechtervielfalt zu gelangen“[4].

Die genderfreundlichen Schafe sind angesichts dieser Auffassungen über Gender entsetzt und versuchen aufzuklären.

In der Regel sind die genderfreundlichen Schafe angesichts dieser Auffassungen über Gender entsetzt. Sie sind daher erneut und unentwegt bemüht, Missverständnisse aufzuklären. Dieses und jenes sei doch ganz anders zu verstehen, sagen sie. Doch die genderfeindlichen Schafe blöken immer wieder dazwischen. Sie verweisen auf eine bunte Palette gegenteiliger Beispiele aus der Praxis. So entsteht ein Hin- und Her-Geblöke, das nicht selten laut und mitunter gehässig ausartet, bei dem es kein Zuhören mehr gibt, dafür aber umso mehr ein Recht–haben-Wollen. Nicht selten erweisen sich hierbei manche Schafe geradezu als Wildschafe.

Um aus dieser gereizten Debatte herauszukommen, möchte ich mich auf die mir vertrautere wissenschaftliche, wiewohl etwas kompliziertere Ebene begeben. Auch deshalb, weil ich Dir, lieber Hirte Andreas, etwas von einem Seminar erzählen möchte, das ich im Wintersemester 2016/17 zum Thema Katholische Kirche – Gender – Fundamentalismus angeboten hatte. Knapp zwanzig Schafe haben daran teilgenommen, von denen nur die Hälfte Theologie studierte, die anderen waren im interdisziplinären Masterstudium Gender Studies inskribiert. Das von einem theologiestudierenden Schaf gehaltene erste Referat hatte die katholische Gender-Kritik entlang lehramtlicher Veröffentlichungen zum Thema. Ausführlich wurde hier die Position der Oberhirten Benedikt XVI. und Franziskus dargelegt.

Ein genderstudierendes Schaf hatte gar nicht gewusst, dass man Gender auch so verstehen könne.

Somit wurde ganz in Deinem Sinn von Anfang an klargestellt, dass gemäß Benedikt XVI. die Gendertheorie (freilich im Singular) eine „anthropologische Revolution“ sei, welche die „von der Schöpfung kommende Dualität von Mann und Frau“ bestreite und damit auch „Familie als eine von der Schöpfung vorgegebene Wirklichkeit“[5]. Diese Ideologie namens Gender würde, so Franziskus[6], den „Unterschied und die natürliche Aufeinander‑Verwiesenheit von Mann und Frau“ leugnen. Sie stellt daher „eine Gesellschaft ohne Geschlechterdifferenz in Aussicht und höhlt die anthropologische Grundlage der Familie aus.“ Die „persönliche Identität und affektive Intimität“ werde hier „von der biologischen Verschiedenheit zwischen Mann und Frau radikal abgekoppelt“ und „einer individualistischen Wahlfreiheit ausgeliefert“. Doch niemals dürfe ignoriert werden, dass zwar „das biologische Geschlecht (sex) und die soziokulturelle Rolle des Geschlechts (gender) unterschieden, aber nicht getrennt werden [können]“.

Nach dem Referat meldete sich ein genderstudierendes Schaf und sagte, dass es „gar nicht gewusst habe, dass man Gender auch so verstehen könne“. Die anderen genderstudierenden Schafe stimmten dem zu. Das ist doch echt ein Hammer. Verstehst Du, lieber Hirte Andreas? Da widmest Du in treuer Gefolgschaft gegenüber den vorhin genannten Oberhirten einen ganzen Hirtenbrief der Gender-Kritik, doch jene, die Gender Studies studieren, haben keine Ahnung, dass das, was Du so heftig kritisierst, überhaupt so verstanden werden könne. Das von der katholischen Kirche zurückgewiesene Gender-Verständnis kommt im Masterstudium Gender Studies gar nicht vor.

Es scheint, dass katholischerseits ein völlig sinnverdrehtes Verständnis von Gender konstruiert und dieses dann kritisiert wird.

Dieses Faktum könnte man durch die mitunter gegebene, zumeist unausgesprochen bleibende Ausgrenzungstendenz seitens mancher universitärer Disziplinen gegenüber der Theologie erklären wollen. Das würde aber zu kurz greifen. Denn gesetzt den Fall, ich würde mich darum mühen, mit einer fixen Vorlesung über das katholische Gender-Verständnis in das Curriculum dieses Masterstudiums aufgenommen zu werden: Glaube mir, ich würde bereits im informellen Aufnahmegespräch das Urteil „der Kollege versteht nicht ansatzweise das Anliegen der Gender Studies“ erhalten und abgelehnt werden.

Eben deshalb bin ich über Deinen Hirtenbrief so verstört. Denn die Argumente, die genderlehrende Schafkollegen dem katholischen Gender-Verständnis entgegenbringen, sind kaum zu widerlegen. Sie erscheinen mir auch nicht derart, dass sie in des Teufels Küche zubereitet werden. Vielmehr scheint es so zu sein, dass katholischerseits ein völlig sinnverdrehtes Verständnis von Gender konstruiert und dieses dann kritisiert wird. Diesen naheliegenden Verdacht kann ich hier nur entlang einiger Zitate von Judith Butler verdichten, auf die sich Genderkritiker/innen immer wieder beziehen.

Ein oft herangezogenes Zitat lautet: „Wenn wir jedoch den kulturell bedingten Status der Geschlechtsidentität als radikal unabhängig vom anatomischen Geschlecht denken, wird die Geschlechtsidentität selbst zu einem freischwebenden Artefakt. Die Begriffe Mann und männlich können dann ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen wie umgekehrt die Kategorien Frau und weiblich.“[7]

Butler treibt die Unterscheidung von Sex und Gender „bis an ihre logische Grenze“.

Die übliche genderkritische Lesart hierzu lautet, dass Butler das Geschlecht radikal unabhängig von biologischen Vorgaben als jederzeit veränderbar und willentlich beliebig wählbar begreift. Du selbst hast ja 2014 geschrieben, dass diese genderideologische Auffassung der freien Wählbarkeit des Geschlechts nur die These eines „kranken Vernunft‑Produktes“ sein könne. Denn noch „nie hat man gehört, dass jemand […] verkündete: ‚Heute früh habe ich versucht, eine Frau sein zu wollen – und seht, ich habe es zusammengebracht, jetzt bin ich eine!’“[8]

Nun, ich habe das auch noch nie gehört. Judith Butler wohl auch nicht. Jedenfalls stellt sie sich die Intention ihrer Aussage nicht „so vor, daß jemand morgens erwache, den Schrank […] auf eine Geschlechtsidentität eigener Wahl hin durchsehe, dann diese Geschlechtsidentität für den Tag anlege und die Einkleidung abends wieder an ihren Platz zurücklege“[9]. Nur im Kontext des gesamten Absatzes kann erschlossen werden, dass Butler in diesem Zitat die Unterscheidung von Sex und Gender „bis an ihre logische Grenze“[10] treibt, um verdeutlichen zu können, dass in dem Fall, wo Gender „als radikal unabhängig“ von Sex begriffen werden würde, die „Begriffe Mann und männlich dann ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen [können] wie umgekehrt die Kategorien Frau und weiblich“.

Butler kritisiert genau das, was Genderkritiker/innen ihr unterstellen: eine Spaltung von Sex und Gender.

Butlers Anliegen besteht jedoch ganz im Gegenteil darin, den in der Sex/Gender‑Unterscheidung angelegten Dualismus zu überwinden. Sie kritisiert daher genau das, was Genderkritiker/innen ihr unterstellen: eine Spaltung von Sex und Gender. Das lässt sich auch im Hinblick auf ein weiteres großes Missverständnis zeigen, wonach bei Butler der Körper angeblich nur Text oder nur Sprache sein würde. Gabriele Kuby meint zu wissen, dass bei Butler Gender allein „durch Sprache erzeugt wird“, da das biologische Geschlecht „überhaupt keine Rolle“ spielt. Den damit unterstellten „linguistischen Idealismus“ oder „linguistischen Monismus, demzufolge alles immer nur Sprache ist“, bezeichnet Butler aber als „unannehmbar“.[11] Ist es nicht absurd, wenn das für Butler Unannehmbare von Genderkritiker/innen permanent als Butlers Annahme ausgegeben wird, nicht selten als der harte Kern ihrer Theorie?

Es verwundert bereits nicht mehr, wenn auch das von Butler öfter erwähnte und in der genderkritischen Literatur gerne aufgegriffene Beispiel, wonach der Ausruf der Hebamme im Kreißsaal „Es ist ein Mädchen!“ nicht bloß als deskriptive, sondern als performative Äußerung („Werde ein Mädchen!“) zu verstehen sei, konsequent missverstanden wird. Es sei doch absurd, meint der antigenderistische Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, dass „durch einen Sprechakt ein geschlechtsneutrales Baby direkt nach der Geburt zu einem Jungen oder Mädchen gemacht wird“[12]. Doch diese Interpretation verrät nur Kutscheras Ahnungslosigkeit, dass es Butler mit diesem Beispiel um die Verdeutlichung diskursiver Performativität geht. Als Evolutionsbiologe muss Kutschera freilich nicht wissen, was dieser mit wenigen Worten nicht hinreichend erklärbare Doppelbegriff besagt. Doch er sollte dann dieses Beispiel nicht so auslegen, wie es ihm gefällt. Um ein geschlechtsneutrales Baby und der damit verbundenen Ignorierung biologischer Vorgaben, oder darum, „dass Worte allein die Macht hätten, Körper aus ihrer eigenen sprachlichen Substanz heraus zu fertigen“[13], geht es hier jedenfalls nicht.

Butler ist sich bewusst, dass die Komplexität ihrer philosophischen Reflexionen oft Missverständnisse hervorruft.

Butler ist sich dessen bewusst, dass die Komplexität ihrer philosophischen Reflexionen, speziell ihre diskurs- und sprachtheoretische Methode, oft bewirkt, „Missverständnisse hervorzurufen“[14]. Doch immer wieder bringt sie die Sachverhalte auch auf den Punkt und ihre Intentionen werden unmissverständlich – auch in Bezug auf die immer schon gegebene Be-deutung des Körperlichen: „Jedes Mal, wenn ich versuche, über den Körper zu schreiben, endet das damit, dass der Text von der Sprache handelt. Aber nicht etwa deswegen, weil ich denke, dass der Körper auf Sprache reduzierbar ist; das ist er nicht. Die Sprache geht aus dem Körper hervor, stellt so etwas wie seine Emission dar.“[15]

Wie Du von radikalster Leibfeindlichkeit schreiben kannst, ist mir völlig rätselhaft.

Wie Du, lieber Hirte Andreas, angesichts dessen schreiben kannst, dass es sich beim „Menschenbild der Gendertheorie“ (wiederum im Singular) „um die radikalste Leibfeindlichkeit [handelt], die es in der Geschichte gab: Der Leib ist nichts, die Selbstbestimmung ist alles!“ – das ist mir völlig rätselhaft. Mich würde interessieren, auf welche Quelle(n) Du Dich hier beziehst. Zudem: Diskursive Performativität und postsouveränes Subjekt, zwei wichtige Begriffe in Butlers Theorie, lassen die von Dir insinuierte Selbstbestimmung gar nicht zu.

Butler spricht nicht nur von „Bedeutungsgebungen des Körpers“[16], sie plädiert sogar für eine „neue Ontologie des Körpers“[17], die aber nicht – wie im katholischen Denkzugang – essentialistisch ansetzt, da für sie die Be-deutung des Körpers nur in sozialer Deutung zugänglich ist. Insofern ist für Butler Sex immer schon Gender gewesen, da es „keinen Rückgriff auf den Körper [gibt], der nicht bereits durch kulturelle Bedeutungen interpretiert ist“[18].

Auf das komplexe Verhältnis von Körper und Kultur, das für Butler „mehr oder weniger dauerhaft zu befragen bleibt“[19], soll und kann hier nicht weiter eingegangen werden. Ihr Zugang hierzu, dass „Geschlechterdifferenz weder gänzlich gegeben noch gänzlich konstruiert, sondern beides zu Teilen“[20] ist, müsste aber auch im katholischen Kontext Resonanz finden können. Doch weiterhin wird hier in Verteidigung einer essentialistischen Geschlechteranthropologie, welche in biologischer Fokussierung ein genuin unterschiedliches und überzeitlich geltendes Wesen von Frau und Mann postuliert, verdrängt, dass die soziale Dimension, wie das Konzil festhält, „den Menschen nicht etwas äußerlich Hinzukommendes ist“[21]. Die soziale und damit auch geschichtliche Dimension in das katholische Verständnis der Geschlechter zu integrieren, stellt nach wie vor eine weithin uneingelöste Aufgabe dar.

Die von Genderkritiker/innen vornehmlich an Butler festgemachte Absurdität der Gender-Ideologie kann so nicht begriffen werden.

Bevor es nun zu kompliziert wird. Es geht mir ja primär nicht darum, Judith Butlers Ansatz umfassend darzulegen oder kritiklos zu verteidigen. Ich wollte nur aufzeigen, dass die von Genderkritiker/innen vornehmlich an Butler festgemachte Absurdität der Gender-Ideologie so nicht begriffen und behauptet werden kann. Damit verliert aber der von Dir im Hirtenbrief genannte „harte Kern“ der Gender-Ideologie ebenso jegliche Härte.

Die genderfeindlichen Schafe wird das nicht sonderlich stören. Unentwegt verweisen sie auf diverse Beispiele aus der Praxis, die ihnen immer wieder neu Beleg für die von ihnen konstruierte Gender-Ideologie sind. Die Praxis war und ist freilich immer vielfältiger und oft widersprüchlicher als die ihr zugrundeliegende Theorie. Belege für das Skandalöse sind daher in allen Praxisfeldern zu finden, auch in kirchlichen. Somit ist es nicht auszuschließen und gegebenenfalls auszuhalten, dass manche genderfreundliche Schafe auch über das Ziel schießen, also mitunter etwas vertreten, was vom Inhalt her ideologisch ist. Ebenso ist der kirchliche Bereich niemals frei von ideologischen Elementen. Und darüber muss auch diskutiert und gestritten, um differenzierte Urteile gerungen und ein reifes Gespür für Komplexität entfaltet werden.

Ist somit die katholische Gender-Kritik kernlos?

Zuletzt geht es hierbei aber stets um den (meist komplexen) inhaltlichen Kern von Sachverhalten. Darum ist es auch angezeigt, dass Du im Hirtenbrief den „harten Kern“ der Gender-Ideologie benennst, wiewohl er in der von Dir ausgesagten Weise gar nicht existiert. Ist somit die katholische Gender-Kritik kernlos? Oder liegt ihr vielleicht ein anderer Kern zugrunde? Butler meint, dass bei der Weltfrauenkonferenz in Peking (1995), wo die Agenda des sogenannten Gender Mainstreaming verabschiedet wurde, der Vatikan Gender vor allem als einen „Code für Homosexualität“ verstanden hätte. Dies im Sinne der Ermöglichung eines zusätzlichen „unnatürlichen Gender“, die „einer Vermehrung der Gender“ die Bahn zu ebnen drohte, weshalb der Begriff Gender seitens des Vatikan vehement abgelehnt wurde.[22]

In Frage gestellt wird die verbreitete Annahme einer natürlich gegebenen Heteronormativität.

In der Tat geht es im weiten Feld der Gender Studies, speziell in den Queer Studies, auch um die soziale Anerkennung von LGBTI-Personen, also von sexuellen Minderheiten (Schwule, Lesben, Bisexuelle) und minoritären Geschlechtern (Trans- und Intersexuelle). In Frage gestellt wird dabei die verbreitete Annahme einer natürlich gegebenen Heteronormativität, welche als soziales System besagt, dass nur heterosexuelles Begehren normal, richtig und natürlich sei. Da aber die Be-deutung von Körpern unausweichlich sozialer Deutung unterliegt, stellt Heteronormativität eine diskursiv produzierte Matrix dar, die zugleich „mit den Mitteln des Ausschlusses“[23] gegenüber jenen agiert, die „in den Zwischenräumen dieses binären Verhältnisses leben“[24]. So gesehen ist, wie auch der nicht den Gender/Queer Studies zuzurechnende Sozialphilosoph Pierre Bourdieu vermerkt, die „Sprache der Natur, die das Verborgenste und Wahrste zugleich verraten soll, in Wirklichkeit eine Sprache der sozialen Identität“[25].

Die Queer Studies intendieren also die Überwindung der Ausschlusslogik der heteronormativen Matrix, damit LGBTI-Personen ein sozial anerkanntes Leben führen können – genauso wie jene, deren heterosexuell gelebtes Leben in der normativen Konzeption binärer Geschlechterordnung bislang selbstverständliche Anerkennung gefunden hat. Dabei geht es freilich nicht um erstaunliche Geschlechtervermehrung analog zur biblischen Brotvermehrung. Denn, so Butler, die „Genderformen, an die ich denke, existieren schon lange, sie wurden allerdings nicht zugelassen“[26] im Bereich des sozial anerkannten Lebbaren.

Menschen verachtend habe ich es empfunden, dass Du LGBTI-Personen als „irgendwie gestörte“ bezeichnest.

Ich weiß, lieber Hirte Andreas, dass sich die katholische Kirche weiterhin schwer tut, einen solchen Modus der Anerkennung in ihre Lehre zu integrieren. Unser Oberhirte Franziskus bemüht sich darum jedenfalls auf der Ebene der individuellen Begleitung. Umso schlimmer, ja Menschen verachtend, habe ich es empfunden, dass Du LGBTI-Personen als „irgendwie gestörte“ bezeichnest. Das solltest Du öffentlich unbedingt zurücknehmen. Denn wir benötigen diesbezüglich sowohl innerkirchlich wie auch gesellschaftlich ein Klima des ungereizten und möglichst verletzungsfreien Gesprächs.

Komplexe Themen und Theorien erfordern komplexe Nachdenkprozesse.

Das bedarf wiederum der Zeit und Geduld. Komplexe Themen und Theorien erfordern komplexe Nachdenkprozesse. Zentrale Inhalte des christlichen Glaubens, wie etwa die Trinitätslehre, können ja auch nicht in wenigen Kernsätzen abgehandelt und vermittelt werden. Das gilt ebenso im Blick auf die Gender/Queer Studies.

Es wirkt auf mich daher sehr befremdlich, wenn in einem auf YouTube veröffentlichten Video, das von Genderkritiker/innen 2015 im Rahmen der Demo für alle produziert wurde, Gender in weniger als 3 Minuten erklärt wird – und hierbei wiederum ein völlig missverstandenes Konzept von Gender wiedergebend.[27] Johannes Hartl vom Gebetshaus in Augsburg schafft die Hardfacts von Trinität sogar in 90 Sekunden. „Dreifaltigkeit – wie soll das funktionieren?“ heißt dieses kuriose Video.[28]

Das ist alles sehr, sehr merkwürdig! Und es verstört mich zutiefst, da auf diese Weise Kommunikation nicht glücken kann.

„Die Zeit ist mehr wert als der Raum“ sagt unser Oberhirte Franziskus im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium (Nr. 222-225). Diesem Prinzip zufolge sind vorrangig zeitintensive Prozesse in Gang zu bringen, wobei die investierte Zeit daran zu bemessen ist, wie weit in ihr „die Fülle der menschlichen Existenz sich entfaltet und zu echter Sinngebung gelangt“ (Nr. 224). Auch wenn Romano Guardini, den Franziskus hier zitiert, von der heutigen Genderdebatte noch nichts wusste: Diese Bemessungsgrundlage gilt speziell auch für den Dialog mit den Gender/Queer Studies.

Wien, 04.04.2017
Gerhard Marschütz

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[1]    Vgl. Gabriele Kuby, Die globale sexuelle Revolution. Zerstörung der Freiheit im Namen der Freiheit, Kißlegg 2012; Birgit Kelle, Gendergaga. Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will, Asslar 2015.

[2]    Vgl. hierzu etwa den von der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz und der Kirchlichen Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen herausgegebenen Flyer Geschlechtersensibel: Gender katholisch gelesen. (online: http://frauenseelsorge.de/download/Flyer_DINlang_10Seiter_Gender_web_klein.pdf)

[3]    Gabriele Kuby, Die globale sexuelle Revolution [Anm. 1], 82.

[4]    Ebd., 150.

[5]    Ansprache von Papst Benedikt XVI. am 21.12.2012 beim Weihnachtsempfang für das Kardinalskollegium, die Mitglieder der römischen Kurie und der päpstlichen Familie. (online: https://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2012/december/documents/hf_ben-xvi_spe_20121221_auguri-curia.html)

[6]    Die nachfolgenden Zitate sind aus dem Apostolischen Schreiben Amoris laetitia, Nr. 56.

[7]    Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M. 1991, 23.

[8]    Andreas Laun, Papst Franziskus: Die Genderideologie ist dämonisch! (online: www.kath.net/news/45221)

[9]    Judith Butler, Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Frankfurt a.M. 1997, 14.

[10]   Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter [Anm. 7], 23.

[11]   Judith Butler, Körper von Gewicht [Anm. 9], 11; 27.

[12]   Ulrich Kutschera, Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen, Berlin 2016, 238.

[13]   Judith Butler, Körper von Gewicht [Anm. 9], 14.

[14]   Ebd., 17.

[15]   Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt a.M. 32015, 318.

[16]   Ebd., 319.

[17]   Judith Butler, Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen, Frankfurt a.M. 2010, 10.

[18]   Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter [Anm. 7], 26.

[19]   Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen [Anm. 15], 287.

[20]   Ebd., 299.

[21]   Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 25.

[22]   Vgl. Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen [Anm. 15], 294ff.

[23]   Judith Butler, Körper von Gewicht [Anm. 9], 30.

[24]   Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen [Anm. 15], 108.

[25]   Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Frankfurt a.M. 2012, 114.

[26]   Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen [Anm. 15], 55.

[27]   https://www.youtube.com/watch?v=c8hwvyoNOpA

[28]   https://www.youtube.com/watch?v=1ok5Br5qDDw

Gerhard Marschütz ist außerordentlicher Universitätsprofessor für Theologische Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. 

Bild: Rosel Eckstein  / pixelio.de

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