Und er bewegt sie doch?

Angesichts der aktuellen Personalentscheidungen im Vatikan stellt sich die Frage nach dem Kurs von Papst Franziskus umso mehr. Das neue Papstbuch des Würzburger Pastoraltheologen Erich Garhammer stellt für Christoph Gellner eine Aufarbeitung der jüngsten kirchlichen Zeitgeschichte dar.

Nie hätte er sich vorstellen können, ein Buch über einen Papst zu schreiben, gesteht Erich Garhammer im Vorwort seines lesenswerten neuen Buchs[1]. Es handelt „nicht über irgendeinen, sondern über Papst Franziskus“, er hat ihn „von Anfang an fasziniert“. Der 65-jährige Pastoraltheologe legt ein berührendes Porträt vor, das zentrale Konflikte der jüngsten Kirchengeschichte analysiert und so das Pontifikat des Jesuiten Jorge Bergoglio hilfreich einordnet. Seine unverwechselbare Persönlichkeit vergegenwärtigen eine Art Steckbrief mit pointierten Interviewaussagen, biografische Splitter und Erinnerungen an eindrückliche Auftritte etwa auf der Insel Lampedusa oder im Europaparlament. Überaus erhellend erschliesst Garhammer Bergoglios tiefe Prägung durch die ignatianische Spiritualität, die seine „Theologie der Inklusion“ inspiriert: „Gott ist im Leben jedes Menschen.“

„Buona sera!“

Besonderes Augenmerk gilt den „vielen Zeichen und Gesten, mit denen dieser Papst einiges anders machte als seine Vorgänger“. Unvergesslich sein erster Auftritt auf der Segensloggia von Sankt Peter, der spüren liess, „dass hier einer das Papstamt ganz neu interpretieren würde“. Bei der Ankleideszene soll es zu einer Auseinandersetzung gekommen sein, die der neue Papst mit der Aussage „der Karneval ist vorbei“ quittiert haben soll. Dann seine ersten Sätze: „Brüder und Schwestern! Guten Abend!“ Und bevor er den Segen erteilt und sich am Schluss mit einem vertrauten „gute Nacht und angenehme Ruhe“ verabschiedet, bittet er um das Gebet des Volkes, das um den Segen für seinen Bischof bittet: Nur der Gesegnete kann segnen.

Überwindung kirchlicher Selbstbezüglichkeit

Barmherzigkeit ist das Programmwort seines Pontifikats: kein Paternalismus von oben, sondern eine Barmherzigkeit, auf die alle angewiesen sind, einschliesslich des Papstes, erläutert Garhammer. Bereits seine Rede im Vorkonklave stellte die Überwindung kirchlicher Selbstbezüglichkeit und narzisstischer Selbstbespiegelung ins Zentrum: „Kirche ist nicht die Sonne, sondern der Mond, sie bezieht ihr Licht nicht von sich selbst, sondern von der Sonne Christus“. Höchst aufschlussreich auch Bergoglios Umgang mit den Medien: Nach seiner Wahl erzählte der Papst den Journalisten, wie es zu seiner Namenswahl kam und segnete sie im Respekt vor dem Gewissen jedes Einzelnen. Ein Segen mit Diskretion, ohne Nicht- und Andersglaubende irgendwie zu vereinnahmen.

weltkirchlicher Knotenlöser

Mit Verweis auf das Augsburger Gnadenbild „Maria Knotenlöserin“, dessen Verehrung durch Bergoglio in Buenos Aires Kult wurde, porträtiert Garhammer Papst Franziskus als weltkirchlichen Knotenlöser. Franziskus verstehe sich selber in der Spur von Johannes XXIII., der in seiner Konzilseröffnungsrede betonte, es brauche ein ‚Lehramt von vorrangig pastoralem Charakter‘. Gegenüber der Konzilsdeutung von Benedikt XVI. streicht Garhammer heraus: Es bedeute keinen Bruch, aber auch kein Weiter so! Vielmehr wurde die Kirche mit dem Konzil zu einer lernenden Kirche. Der aus der Tradition der lateinamerikanischen (Befreiungs-) Theologie und Pastoral kommende Franziskus interpretiert das Zweite Vatikanische Konzil als neue Lektüre des Evangeliums im Licht der zeitgenössischen Kultur und streicht die Verschränkung von Evangelium und Leben heraus. Zugleich beklagt er die nur teilweise Umsetzung dieses pastoralen Sprungs nach vorn: „Der Heilige Geist drängt zum Wandel, und wir sind bequem.“

ostentative Pflege der Liturgie – eine Versuchung

Als zweiten Testfall zeichnet Garhammer die fünf Jahrzehnte umfassende Diskussion um die Liturgiereform nach: „Von einer Reform der Reform zu sprechen ist ein Irrtum“, so Papst Franziskus, der über Romano Guardini promovieren sollte, ihm also denkerisch nahesteht. Im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium von 2013 warnt der Papst denn auch vor der Versuchung einer ostentativen Pflege der Liturgie, ohne sich um die Einwurzelung des Evangeliums im Gottesvolk und die konkreten Erfordernisse der Zeit zu kümmern: „Auf diese Weise verwandelt sich das Leben der Kirche in ein Museumsstück oder in ein Eigentum einiger weniger“.

wider das vertikale Schisma

Überaus kenntnisreich und äusserst spannend lesen sich vor allem die 30 Seiten über die 50-jährige Debatte um einen seelsorgerlich angemessenen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. „Wider das vertikale Schisma“ ist dieses Kapitel überschrieben. Es handelt sich um ein Schlüsselzitat von Kardinal Walter Kasper. Der stellte 2011 heraus, dass Seelsorge dann von pastoraler Klugheit bestimmt sei, wenn sie ein allgemein gültiges Gesetz nach den Regeln der praktischen Vernunft person- und situationsgerecht auf konkrete Situationen anwendet. „Wenn statt solcher pastoraler Klugheit ein rein pragmatisches Verhalten oder umgekehrt ein wirklichkeitsfernes, letztlich gnadenloses und liebloses Prinzipiendenken vorherrscht, dann kann es zu einem vertikalen Schisma kommen, zwischen Prinzipien, welche oben festgehalten und eingeschärft werden, und der Praxis unten, die oft wild und ungeordnet ihre eigenen Wege geht.“ Dies sei, so Kaspers ungeschminkte Diagnose, „in vielen Bereichen der Moral und der Pastoral inzwischen Wirklichkeit geworden“.

Praxis jenseits jeder Schummelhermeneutik

Mit dem nachsynodalen apostolischen Schreiben Amoris laetitia (2016), das neben der Bibel und der Tradition auch moderne Literaten sowie Erich Fromms „Die Kunst des Liebens“ zitiert – „Die Kirche hat kein Monopol auf die Deutung des Lebens, sondern lernt von anderen Disziplinen und Künsten“ – ist für Garhammer „der Knoten gelöst – jetzt geht es um eine neue Praxis jenseits jeder Schummelhermeneutik“.

Zu Recht betont der Würzburger Pastoraltheologe: „Zum ersten Mal in der Lehrtradition der Kirche wird die Ehe nicht hinter die Jungfräulichkeit gestellt, sondern gleichberechtigt gesehen, es werden sogar eher die Gefahren des zölibatären Singles thematisiert.“

von einer objektivistischen Morallehre zu einer evangeliumsgemäßen Theologie

Den entscheidenden Perspektivwechsel sieht Garhammer im pastoralen Dreischritt von Begleiten, Unterscheiden und Eingliedern, den Papst Franziskus gegen hartherzige Prinzipien und Amtsträger stark macht. Nicht alle doktrinellen, moralischen und pastoralen Diskussionen müssen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden. Selbstverständlich ist in der Kirche eine Einheit der Lehre und der Praxis notwendig, doch das sei kein Hindernis dafür, dass in jedem Land oder jeder Region besser inkulturierte Lösungen gesucht werden, welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen. Pastoral werde damit zu einer gut geleiteten Synodalität, die die Pluralität in der Kirche anerkenne. Ja, lese man Amoris laetitia im Vergleich zu Familiaris consortio oder zu den Aussagen des Weltkatechismus, so zeige sich ein Paradigmenwechsel von einer objektivistischen Morallehre zu einer evangeliumsgemäßen Theologie und Praxis, denn „es ist nicht mehr möglich zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner ‚irregulären‘ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben“ (AL 301).


Als einer der drei oberrheinischen Bischöfe neben Walter Kasper und Oskar Saier, deren Vorstoss zur seelsorgerlichen Begleitung von Menschen aus zerbrochenen Ehen 1994 von der Glaubenskongregation zurückgewiesen wurde, kommentierte Kardinal Lehmann das Lehrschreiben von Papst Franzskus mit einem Hinweis auf Galileo Galilei[2], worauf auch Garhammer anspielt: „Die vermeintlich erstarrte Lehre bewegt sich doch.“

 

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Dr. theol. Christoph Gellner ist Leiter des Theologisch-pastoralen Bildungsinstituts TBI in Zürich und freier Mitarbeiter des Ökumenischen Instituts der Universität Luzern.

[1]Erich Garhammer: Und er bewegt sie doch. Wie Papst Franziskus Kirche und Welt verändert, Echter: Würzburg 2017, 160 S.

[2]Karl Kardinal Lehmann: Zeichen der Hoffnung für Menschen aus zerbrochenen Ehen. Überlegungen zum Apostolischen Schreiben von Papst Franziskus über die Liebe in der Familie, in: ZeitGeist?! Heutige Lebenswelten als heilsame Provokation für Theologie und Kirche, Regensburg 2016, 111–122, hier 121.

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