Ehrenamt: Wie ein Begriff in die Irre führt.

Wie man jemanden adressiert, definiert den Horizont, in dem man ihn wahrnimmt, bestimmt das Verhältnis, das man zu ihm einnimmt, und richtet die Handlung aus, die man ihm gegenüber vornimmt. Ein Plädoyer, doch einmal in der Kirche auf den Begriff „Ehrenamt“ zu verzichten. Von Rainer Bucher.

Mitglieder des Volkes Gottes als „Ehrenamtliche“ zu bezeichnen, bedeutet, sie im Horizont der Differenz von entlohnter Professionalität und nicht-entlohnter Nicht-Professionalität wahrzunehmen. Nun gibt es diese Differenz und sie ist  unübersehbar. Aber warum wurde sie so bedeutsam, dass sie einer der vorherrschen­den Adressierungs- und Wahrnehmungshorizonte von Menschen innerhalb der Kirche werden konnte?

Zur Problematik der Kategorie „Ehrenamt“

MitchristInnen als „Ehrenamtliche“ zu adressieren, signalisiert zuerst einmal eine spezifische Wahrnehmungs­perspektive seitens jener Institution, der sie angehören und die sie auch selber verkörpern: der Kirche. Es signalisiert auch eine spezifische Selbstwahr­nehmungsperspektive des professionellen Sektors, nämlich von seiner Professionalität her. Es wären ja auch andere Perspektiven denkbar: etwa von seiner Sakramentalität her oder seinen Kompetenzen oder seiner evangelisatorischen Aufgabe, oder gar von den Menschen her, die ihn bilden.

Nun besitzt die Wahrnehmung der anderen im Horizont der Polarität Haupt- und Ehren­amtlichkeit eine gewisse Logik: Denn die Ehrenamtlichen sind das Andere des professionellen Systems. Für Profis sind alle anderen eben zuerst einmal Nicht-Profis und so nennen sie diese dann auch. Die Hauptamtlichen stehen ihnen gegenwärtig in einer merkwürdigen Mischung aus Überlegenheit und Abhängigkeit gegenüber. Denn einerseits liegen Geld, Institutions- und Definitionsmacht weiterhin ziemlich weitgehend in Händen der Profis, andererseits sind diese aber auch von den Ehrenamtlichen abhängig wie schon lange nicht mehr.

Der aktuelle Abstiegsprozess des Christentums führt zu drei Entwicklungen, welche die Macht der Ehrenamtlichen gegenüber dem professionellen System massiv steigern. Mit erfrischender Ehrlichkeit ist denn auch allüberall zu lesen, man brauche Ehrenamtliche, weil die Priester nicht mehr alles machen könnten, es gebe einfach zu wenig von ihnen. Die katholische Kirche kann und will aber auch nicht einfach den hauptamtlichen Laiensektor noch stärker ausweiten, sei es, weil man dafür tatsächlich nicht mehr genug Geld hat, sei es, weil man damit – wie merkwürdig – die priesterliche Identität gefährdet sieht.

Vor allem aber stehen die „Ehrenamtlichen“ nicht mehr unter der Biografielenkungs­macht des Klerus. Sie entscheiden über ihr kirchliches Engagement nach individuellem Nutzenkalkül. Einerseits steigt der Bedarf des kirchlichen Systems an „Ehrenamtlichen“ zu seiner Selbsterhaltung, andererseits treten diese „Ehrenamtlichen“ auf Grund des gleichen gesellschaftlichen Entmonopolisierungsprozesses kirchlicher Macht ihrer Kirche weit selbst­bewusster und kalkulierender entgegen als in früheren Zeiten.

In dieser Perspektive gerät die Werbung um „Ehrenamtliche“ allein schon wegen dieser Adres­sierung in den Verdacht, der Versuch zu sein, das alte kirchliche Dispositiv in Zeiten seines strukturellen Niedergangs auf freiwilliger Basis noch ein wenig aufrecht zu erhalten. Die „Ehrenamtlichen“ sind nun aber nicht zuerst das „Ehrenamtliche“, sie sind vielmehr von Gott berufene Mitglieder des Volkes Gottes und „des priesterlichen, propheti­schen und königlichen Amtes auf ihre Weise teilhaftig“ (LG 31).

Die kirchliche Würde der „Ehrenamtlichen“

Soziologische Kategorien ohne theologische Kriteriologie sind gerade in religionsgemein­schaftlichen Abstiegszeiten enorm verführerisch. Denn sie werden schnell zu Projektionsflächen eigener Interessen und schmerzlindernder Sehnsüchte. Der Gemeinschaftsbegriff, aber auch der Volks-Begriff sind hierfür Beispiele.

„Ehrenamt“ ist eine sozio­logische Kategorie. Ohne theologische Kontextualisierung verwendet, wird sie leicht zum Vehikel vor sich selbst verschleierter Interessen. Übrigens sind auch umgekehrt theologische Kategorien ohne inkarnatorische Teststrecke ausgesprochen gefährlich, wie man vom Gottesbegriff bis zum Kirchenbegriff notieren kann.

„Ehrenamtliche“ sind nicht zuerst das, „Ehrenamtliche“, sie sind vielmehr Mitchristinnen und Mitchristen, die unter Umständen bereit sind, unentlohnt und im öffentlichen Rahmen zu tun, wofür es Kirche gibt: das Evangelium und unsere heutige Existenz kreativ ins Spiel zu bringen, in Wort und Tat, hier und heute, im Kleinen und im Großen, zum Segen für andere und für sich selbst.  Als Mitglieder der Kirche sind wir viel mehr füreinander als „Haupt­amtliche“ oder „Ehrenamtliche“. Das zu realisieren ist die Voraussetzung, um tun zu können, was wir füreinander vor allem tun sollten: voneinander lernen, was das Evangelium heute bedeutet. Das wissen wir nämlich nicht, zumindest nicht automatisch und ungefährdet und sozusagen selbstverständlich.

Die Kirche braucht alle, die zu ihr gehören.

Ob wir die anderen, die mit uns Kirche sind, als „Ehrenamtliche“ adressieren oder als individuelle, reiche und arme, vielfältige und auch einfältige, begabte und bedürftige, jedenfalls herausfordernde und von Gott berufene Mitglieder des Volkes Gottes, das ist nicht gleichgültig. Man braucht die Mitglieder des Volkes Gottes wirklich, ob sie der Gemeinde nahe oder fern stehen, ob sie bereit sind, sich in ihr zu engagieren, oder „treue passive Mitglieder“ bleiben. Man braucht sie zur Definition und Bewältigung der pastoralen Aufgabe selbst. Denn ohne sie weiß die Kirche nicht genug von konkreter Existenz heute und also auch nichts von dem, was sich ergibt, wenn man diese Existenz mit der Botschaft des Evangeliums in Kontakt bringt. Und sie missachtet die Gnadengaben Gottes in seinem Volk.

Die Kirche braucht alle, die zu ihr gehören. Sie muss sie hören und respektieren. Sie muss ihnen Raum geben und Aufmerksamkeit. Sie braucht sie um ihres Lebens willen, das sie verkörpern, um ihres Glaubens willen, für den sie stehen, und um ihrer Liebe willen, zu der sie fähig sind. Sie braucht sie, um zu entdecken, wo sie ist und was ihre Aufgabe als Kirche hier und heute ist. Sie braucht sie, um zu werden, was sie sein soll: Gottes Volk im Hier und Heute.

Die kirchliche Würde der „Ehrenamtlichen“ kommt nicht erst aus ihrem kirchlichen Engagement. Das zu schätzen, zu ehren und zu pflegen ist eine selbst­verständliche Pflicht des Anstands und des Dankes. Die hohe kirchliche Würde der sog „Ehrenamtlichen“ wurzelt darin, dass sie Mitglieder des Volkes Gottes sind. Die Frage ist, ob die katholische Kirche genug Orte und Formen hat, wo man das in seinen atemberaubenden Konsequenzen realisiert.

Wie viel Ehrlichkeit ist in unserer innerkirchlichen katholischen Kultur möglich?

Vor allem stellt sich die Frage, ob es innerkirchlich genug Orte wirklich ehrlicher Kommuni­kation existieren. Das kann mit Fug und Recht bezweifelt werden. Wie viel Ehrlichkeit ist in unserer gewöhnlichen innerkirchlichen katholischen Kultur möglich? Das ist eine Überlebensfrage für die Kirche. Denn ohne Ehrlichkeit, Freiheit und Offenheit, ohne Orte vertrauensvoller Kommunikation können die notwendigen Orte der gemeinsamen Entdeckung des Glaubens in seiner konkreten Existenzbedeutsamkeit heute gar nicht erst entstehen.

Natürlich ist es möglich, ja notwendig, die Kirche, ihre Mitglieder und überhaupt die Wirklichkeit unter vielen Perspektiven zu betrachten. Die (soziologische) Perspektive der Unterscheidung „Ehrenamt“ – „Hauptamt“ erfasst eine unbestreitbare und relevante Wirklichkeit kirchlichen Handelns. Aber es ist die typische Differenz des institutionellen Systems, seiner Interessen und Perspektiven. Sie verschleiert eher, worum es geht: die säkularen Realitäten in ihrem geistlichen Sinn, also als Zeichen der Zeit, zu entziffern und die geistlichen Inhalte auf ihre weltliche Bedeutung als deren Befreiung und Erlösung zu erkennen. Dazu aber braucht es alle!

Die Unterscheidung von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen ist sekundär gegenüber der  gemeinsamen Verpflichtung auf die pastorale Aufgabe der Kirche. Die Hauptamtlichen verkörpern Kirche nur in sehr eingeschränkter Weise: Sie sind schlicht nur ihr geringster Teil. Über 99 % der Kirche arbeiten nicht hauptamtlich in ihr, sind sie aber in gleicher Weise.

Es ist nämlich christlich, vielleicht sogar spezifisch christlich, dass die anderen in der christlichen Botschaft viel mehr sind als nur irgendwelche andere und schon gar nicht einfach Objekte der funktionalen Instrumentalisierung. Der christliche Gott ist kein beziehungsloser Gott irgendwo, sondern jener Gott, der diese konkreten Menschen erlösen will, erlösen kann und erlöst. Er kommt uns daher in den anderen immer auch entgegen.

Volk Gottes-Aufmerksamkeit

Die Chance wäre: Im anderen jemand zu sehen, mit dem man zusammen neu lernen kann, was das Evangelium hier und heute in den ziemlich neuen und unübersichtlichen Zeiten und Biografien der Gegenwart bedeutet. Mit anderen Worten: „Ehrenamtlichenmanagement“ wäre zu überführen in „Volk Gottes-Aufmerksamkeit unter den Zeichen der Zeit“, wäre zu gestalten als Chance, überhaupt zu erfahren, was es denn mit dieser Zeit und mit Gott in ihr auf sich hat. Die Zeit aber ist vielfältig, bunt und unübersichtlich und was Gottes Heilszusage in ihr konkret bedeutet, dass müssen wir immer erst neu suchen und entdecken, erfahren und erleben.

Deswegen: Streichen Sie den Begriff „Ehrenamt“ doch einmal für ein Jahr versuchsweise aus Ihrem Wortschatz. Und schauen Sie mal, was passiert. Vielleicht ja: Entdeckungen.

Rainer Bucher ist Pastoraltheologe an der Universität Graz und Mitglied der feinschwarz-Redaktion.

Photo: Rainer Bucher 

Von ihm auf feinschwarz u.a. bisher erschienen:

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