Welthurentag: Streifzug auf dem Straßenstrich

Heute ist Welthurentag. Katja Oldenburg-Luckey war lange Zeit Seelsorgerin in einer Fachberatungsstelle für Prostituierte. Sexarbeiterinnen auf dem Straßenstrich verdienen ihre Hochachtung. Oldenburg-Luckey reflektiert Prostitution theologisch und fragt danach, wie Gottes Hilfe pastoral erfahrbar werden kann.

Da stehen sie am Hamburger Steindamm, die Frauen, die Mädchen. Gestylt, sexy, um die Lust der Männer zu erfüllen, die sie aufsuchen. Wie mag ihnen zu Mute sein? Stolz auf ihre Weiblichkeit? Gestärkt, weil sie Männern etwas geben können, was diese selbst sich nicht geben können? Selbstbewusst, weil sie Geld verdienen?

Oder Scheu vor so viel Nähe zu fremden Männern? Angst, dem Mann nicht zu gefallen? Ihn nicht zufrieden stellen zu können? Vielleicht sogar seinen Launen ausgeliefert zu sein – unter der Beobachtung, unter dem Druck von einem Anderen? Wiederholt sich ein Trauma von Übergriffen, Zwang und Gewalt – oder erfüllt sich der Traum nach dem eigenem Verdienst?

Polizei ist aufgetaucht – für die Sexarbeiterinnen und die Freier das Signal abzutauchen.

Ich gehe weiter über den Hansaplatz. Eine bunte Menge von Menschen verteilt sich dort – Grüppchen und Paare, hier wird geredet, da gelacht, dort getrunken. Plötzlich sind fast alle verschwunden. Polizei ist aufgetaucht – für die Sexarbeiterinnen und die Freier das Signal abzutauchen. Wenn sie erwischt werden, wird es teuer. Und für die Freier zu Hause peinlich.

Am Nachmittag wieder auf dem Hansaplatz. Es hat angefangen zu regnen. Einige Frauen stehen frierend in Eingängen. Die Atmosphäre ist bedrückend.

Nichts, auf das nicht irgendwelche Freier stehen? … Alle Wünsche werden irgendwo irgendwie bedient.

Auf dem Nachhauseweg fahre ich durch eine kleine Straße hinterm Schauspielhaus. Eine hochschwangere Frau steht dort. Ich kenne sie aus dem „Sperrgebiet St.Georg“. Wir begrüßen uns kurz. „Mein Gott“, denke ich, „noch im 9. Monat? Gibt es keine Grenzen in diesem Gewerbe, keinen Schutz? Nichts, auf das nicht irgendwelche Freier stehen? Minderjährige, Hochschwangere, alte Frauen, behinderte Frauen. Alle Wünsche werden irgendwo irgendwie bedient.“

Die Frauen auf der Suche nach Freiern sind dem Klima des Wetters ausgesetzt und dem Klima der zwischenmenschlichen Beziehungen. Ständig auf der Hut, ständig wachsam um die Quadratur des Kreises hinzubekommen: sichtbar für die potenziellen Kunden, unsichtbar für die Polizei, möglichst außer Reichweite von Auseinandersetzungen. In Konkurrenz mit andern Frauen.

Diese Straßenmädchen, diese Straßenfrauen haben meine Hochachtung.

Viele geraten in dubiose Abhängigkeiten, leben in Beziehungen geprägt von Hassliebe. Trennen sich, kehren zurück – oder werden mit Drohungen zurück gekehrt. Viele haben keine sichere eigene Unterkunft.

Diese Straßenmädchen, diese Straßenfrauen haben meine Hochachtung. Ich glaube, ich in ihrer Situation hätte das nicht geschafft, hätte nichts angeschafft, hätte dieses Leben nicht durchgestanden im wahrsten Sinne des Wortes. Manche stehen es auch nicht durch. Sie klagen über Übermüdung, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Erkältungen und andere Infektionskrankheiten. Panikattacken, Depressionen – auch die Seele hält das nicht aus.

Das HI-Virus ist bei weitem nicht das einzige Risiko auf dem Straßenstrich.

Das HI-Virus ist bei weitem nicht das einzige Risiko für eine schwere Erkrankung, die die Frauen bekommen können. Die Liste der möglichen Infektionen ist lang. Hinzu kommt die ständige Gefahr, gegen den eigenen Wunsch schwanger zu werden. Noch ein Kind ernähren? Oder verschwinden sehen? Oder abtreiben und mit Trauer und Schuld zurückbleiben?

So viele Lebensumstände, die krank machen. Wo gibt es Schutzräume? Um Hilfe zu bitten braucht Mut. Es braucht das Gefühl, der Hilfe wert zu sein. Es braucht die Zuversicht, dass es Hilfe gibt.

Einen biblischen Bezugspunkt bietet Psalm 94, ein Ermutigungslied:

17 Mein Gott, wenn du mir nicht geholfen hättest, dann wäre ich jetzt tot – verstummt für immer!
18 Sooft ich dachte: „Jetzt ist alles aus!“, halfst du mir in Liebe wieder auf.
19 Als quälende Sorgen mir Angst machten, hast du mich beruhigt und getröstet.
20 Du würdest dich nie mit bestechlichen Richtern verbünden, die Unheil anrichten, indem sie das Gesetz missbrauchen.
22 Gott verteidigt mich, bei ihm finde ich Schutz. Er steht auf meiner Seite.
23 Die Richter werden für ihr Unrecht zur Rechenschaft gezogen.

Wie wird Gottes Hilfe erfahrbar?

Unsere Sozialpädagoginnen laufen durch die Straßen und sprechen die Frauen an: Bei uns findest du Hilfe, kannst langsam die Angst abbauen. Bei einer Tasse Kaffee auftauen und endlich reden in einer Sprache, die jemand versteht, dafür sorgen wir.

Bei uns kannst du dich untersuchen lassen, kannst dir zeigen lassen, wie der Körper funktioniert. Und wie das geht: Verhütung, Schutz vor Krankheiten, Gefahren in der Sexarbeit erkennen. Keiner lacht dich aus, wenn du das nicht weißt.

„Ich bin da“ das ist eine Möglichkeit, den Namen Gottes aus dem Hebräischen zu übersetzen.

Die jungen Frauen erleben, dass es Menschen gibt, die mit ihnen auf jenen Wegen gehen, die ihnen Angst machen. Sei es zu Ärzten, Behörden, zur Polizei. Sie erleben: Jemand ist für mich da und nimmt sich Zeit. „Ich bin da“ das ist eine Möglichkeit, den Namen Gottes aus dem Hebräischen zu übersetzen.

Für den anderen Dasein das ist die basale, heilende Erfahrung in unserem Leben. Es ist die Grundlage für Vertrauen in den Urgrund des Lebens, den wir Gott nennen. Denn neben den Sachinformationen hoffen wir auch, dass es gelingen kann, das verletzte Vertrauen zu stärken, Zuversicht aufzubauen. Christlich gesprochen: uns als gesegnet und liebenswert zu erfahren.

Nicht nur Sexarbeiterinnen machen Dinge mit, aus Angst, verlassen zu werden und den sozialen Tod zu sterben.

Gemeinsam wird die Zukunft ausgelotet. Machst du die Arbeit freiwillig oder gegen hohe innere Widerstände? Kann dein Leben eine neue Richtung bekommen, in der du dich entfalten kannst mit deinen Kompetenzen? Es sind Fragen, die wir uns alle stellen.

Es sind ja nicht nur Sexarbeiterinnen, die Ungewissheiten erleben. Nicht nur sie machen Dinge mit, aus Angst, verlassen zu werden und den sozialen Tod zu sterben. Wie tief diese Ängste uns bestimmen können, merken wir manchmal erst im Gegenüber mit einem andern Menschen. Wir können uns nur aus krankmachenden Bezügen lösen, uns schützen, wenn wir sie durchschauen, informiert sind. Wo bin ich mit meinen Sehnsüchten geblieben? Wo habe ich mich getraut, einen Punkt zu setzen? Wo wurde ich ausgeschlossen und wo habe ich mich selber verloren?

Wie wohltuend, wenn dann jemand da ist, der zu uns steht, so dass auch wir den aufrechten Stand wieder finden.

Nicht nur „die da“ können Infektionskrankheiten bekommen. Nicht nur Prostituierte hängen in Beziehungen fest, die ihnen nicht gut tun. Und an unserer Konfliktfähigkeit arbeiten wir lebenslang. Wir alle wissen, wie schwierig es sein kann, unsere fest gefügten Gedankenmuster zu verlassen, die uns im Kreise treiben. Wie wohltuend, wenn dann jemand da ist, der zu uns steht, so dass auch wir den aufrechten Stand wieder finden.

Über meinem Schreibtisch hängt ein Spruch: „Es ist Menschenrecht, scheitern zu dürfen ohne für den Rest des Lebens in gebückter Haltung gehen zu müssen“. Das lese ich mir jeden Tag vor. Deshalb kann ich es jetzt auswendig. Irgendwann glaube ich es mir hoffentlich auch.

Ist das jetzt schon das Ende der Botschaft: Letztlich haben wir alle dieselben Probleme? Ist Sex als Arbeitsfeld nicht noch mal ganz anders?

Es gibt Frauen, die sagen: Klar ist das ein Job. Für andere ist das kein Job, sondern eine Art Notwehr.

Es gibt Frauen, die Sexarbeit professionell ausüben, ständig oder gelegentlich. Sie sagen: Klar ist das ein Job. Und zugleich gibt es Frauen, die gegen hohe innere Widerstände arbeiten und eigentlich aussteigen wollen. Für sie ist das kein Job, sondern eine Art Notwehr.

Immer haben wir es in der Sexarbeit mit einer Überschreitung von Schamgrenzen zu tun. Wer Freier ist, wird vielleicht unter Kumpeln damit prahlen. Aber nicht zu Hause. Die meisten Frauen in der Sexarbeit wollen anonym bleiben. Die Angst vor Stigmatisierung ist groß.

Ziel ist, über Risiken und Schutzmöglichkeiten zu informieren und Verantwortung zu fördern.

Wir wissen: Sex ist ein mächtiger Trieb. Er kann uns glücklich und zufrieden machen. Aber ohne Respekt vor dem Partner, der Partnerin, ohne Verantwortung ausgeübt, kann er entsetzlich abgleiten, kann Ekel und Gewalt und Krankheiten mit sich bringen. Es ist die Aufgabe, darin zu differenzieren, beruflich wie privat. Das Ziel ist, über Risiken und Schutzmöglichkeiten zu informieren und Verantwortung zu fördern. Nicht nur bei den Frauen, sondern auch bei Freiern.

Ein Blick in die Bibel bestätigt die Ambivalenz gegenüber Prostitution.

Um Ambivalenzen werden wir nicht herum kommen. „Prostitution wird es immer geben“, sagte neulich eine Mitarbeiterin im Sperrgebiet.. „Aber wenn mein Mann dahin gehen würde … nee, du…“

Ein Blick in die Bibel bestätigt uns die Ambivalenz. Treue und Stabilität in Beziehungen sind ein hoher Wert. Andererseits werden auch Sex und Prostitution pragmatisch eingesetzt. So erzählt uns das erste Buch Mose (Genesis) 38 von der Witwe Tamar. Als alleinstehende Frau ohne Sohn war sie im alten Israel völlig rechtlos. Sie verkleidet sich als Prostituierte und lässt sich von ihrem Schwiegervater schwängern. Er muss sie heiraten. Tamar verschafft sich mit ihrer Aktion ihr gesetzliches Recht und den Schutz der Familie wieder. Tamar gilt als kluge und mutige Frau.

Gewusst wie… Gesundheit braucht Schutz und Information – zu biblischen Zeiten wie heute.

Zum Abschluss noch einmal aus unserem Mutmach-Psalm 94 in einer anderen Fassung:

17 Wäre nicht Gott meine Hilfe, würde ich bald wie gelähmt dasitzen und mich nicht trauen, meinen Mund zu öffnen und um Hilfe zu bitten.
18 Wenn ich merke: «Ich rutsche ab», dann stützt mich Gottes zärtliche Gegenwart.
19 Wird mein Herz schwer von Sorgen, dann heilt sein Trost meine Seele.
20 Kann sich der bestechliche Richter mit Gott verbünden, oder diejenigen, die Unschuldige bedrängen und benutzen? Nie und nimmer ist Gott auf Seiten der Ungerechten.
22 Für mich ist Gott wie eine sichere Burg. Mit ihm finde ich wieder festen Boden unter den Füßen.
23 Er wird das Unrecht nicht stehen lassen und mir helfen.

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Katja Oldenburg-Luckey ist evangelische Pastorin und als Seelsorgerin bei der Fachberatungsstelle Prostitution Sperrgebiet St. Georg tätig.

Bild: feinschwarz.net / MP

 

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