Wann eigentlich begann jene Gegenwart der (west)deutschen katholischen Kirche, in der sie aktuell immer noch steckt? Von Florian Bock[1]
Wer in den letzten Jahren aufmerksam die Debatten innerhalb des deutschen Katholizismus verfolgt hat, etwa in den Sozialen Medien, der wird nicht umhinkommen, ganz jenseits der eigenen Positionierung, eines festzustellen: Die katholische Gegenwart ist eine zutiefst zerrissene! Sie strotzt bisweilen geradezu vor Polemiken und Attacken, die schnell darin münden, dass sich die Opponierenden gegenseitig das „Katholischsein“ absprechen.
Polemiken und Attacken
Mein Fach, die Mittlere und Neuere Kirchengeschichte, kann diese Auseinandersetzungen nun sicherlich nicht schlagartig befrieden. Aber die Kirchengeschichte, zumal die Kirchliche Zeitgeschichte, kann erklären, wie es so weit kommen konnte. In Anlehnung an Hans Günter Hockerts, der Zeitgeschichte einst als eine Vor- oder „Problemgeschichte der Gegenwart“ definierte[2], verstehe ich Kirchliche Zeitgeschichte als „Problemgeschichte der katholischen Gegenwart“. Diese Problemgeschichte hat ihren Ausgangspunkt nun nicht mit dem Ende des Konzils 1965 und nicht, wie allgemein angenommen, um das Jahr 1968, sondern in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre.
Nicht „1965“ oder „1968“, sondern „1976–1978“
Es ist schon fast ein kirchenhistorischer Allgemeinplatz geworden, das Konzilsende 1965, vor allem aber „1968“ als Kipppunkt zu definieren – nicht nur für gesamtgesellschaftliche, sondern auch für innerkatholische Entwicklungen Westdeutschlands. Tatsächlich scheint diese Annahme auf den ersten Blick auch evident. Wenn man sich nur den katholischen Sommer 1968 vor Augen führt, dominieren die „Pillenenzyklika“ Humanae vitae und der Essener Katholikentag, dessen Bild als völlig außer Kontrolle geratenes Laientreffen bis heute die historische Sichtweise bestimmt.
Um es direkt vorwegzunehmen: Dieses so gängige Narrativ erweist sich bei näherem Hinsehen als zu einseitig. Das Jahr „1968“ ist für den westdeutschen Katholizismus wahrscheinlich ein weniger großer Kipp- oder Umschlagpunkt als gemeinhin angenommen. Jüngste Archivforschungen wie z.B. von Lea Torwesten haben zu Tage gefördert, dass der Essener Katholikentag auch von viel „Normalität“, ja Langeweile getragen war. Torwesten kann zeigen, dass (1) viele Inhalte des Katholikentages die Zuhörenden offenbar kalt ließen; dass (2) Essen 68 nicht nur jung und wild war, sondern auch ältere Katholik:innen anzog. Schließlich (3), dass sich die progressiven Vertreter:innen eines „Kritischen Katholizismus“ oftmals gezielt in Szene setzten und für ganze Bildstrecken posierten.[3]
Die Protestierenden wollten von der Hierarchie gehört werden
Die so oft gezeigten Bilder der Demonstrierenden auf dem Essener Katholikentag stellen, auch wenn man sich mit Zeitzeug:innen unterhält, also nicht den Regelfall der Zustände um 1968 dar. Nicht nur, dass die „katholischen 1968er“ nur eine – allerdings medial äußerst effektiv inszenierte – Minorität im BRD-Katholizismus waren, der damals en gros immer noch von den Restbeständen seiner Vereins- und Verbandskultur, dem so genannten Milieu, lebte. Auch wollten die „jungen Wilden“ den Katholizismus von innen heraus verändern, nicht demontieren. Sie demonstrierten zwar und skandierten lautstark. In ihrem gesamten Auftreten auf dem Katholikentag steckte aber der Wunsch, von der Hierarchie und konservativeren Gläubigen gehört zu werden. Die Hierarchie ihrerseits nahm, im Schulterschluss mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, diesen Wunsch auf und berief als unmittelbare Konsequenz von Essen 68 die so genannte Würzburger Synode ein, um den Diskussionsbedarf zu kanalisieren. Auch in dieser wechselseitigen Gesprächsbereitschaft lässt sich also kein wirklicher Bruch innerhalb des westdeutschen Katholizismus erkennen.
Dies erkläre ich mir so: Nur drei Jahre nach Beendigung des Zweiten Vatikanums (1962–65) befinden wir uns noch in der unmittelbaren Phase konziliarer Rezeption, die bis circa Anfang der 1970er andauern sollte. So genannte „Progressive“ wie so genannte „Konservative“ waren gleichermaßen von den Ergebnissen der römischen Kirchenversammlung beeindruckt und hatten alle Hände voll zu tun, die entstandenen Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen zu reflektieren, in Hochschulen, Akademien und Gemeinden zu diskutieren und in Handlungsweisen zu überführen.
Kanalisierung des Aufbruchs
All diese Diskurse sollte die „Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“ kanalisieren – und größtenteils versanden. Denn die Phase der Diskussionseuphorie wich der Ernüchterung. Während sich die progressiven Katholik:innen eine „Kirche von unten“ dachten, sich vielleicht in die Neuen Sozialen Bewegungen zurückzogen, gelang es den beharrenden Kräften des Katholizismus, auf der strukturellen Ebene stärker als zuvor Tritt zu fassen, so dass viele von einem „konservativen Rollback“ nach Beendigung der Würzburger Synode im Jahr 1975 sprechen – passend zur gesamtgesellschaftlichen konservativen „Tendenzwende“.
Tendenzwende
Mit dem überraschenden Tod Kardinal Julius Döpfners (1913–1976), Erzbischof von München und Freising, im Jahr 1976 ging ein moderat reformerischer Kurs auf amtskirchlicher Ebene zu Ende. Sein Nachfolger Joseph Kardinal Höffner (1906–1987) leitete relativ schnell einen konservativeren Kurs ein, trieb etwa den Entzug der Lehrerlaubnis des Tübinger Dogmatikers Hans Küng (1928-2021) im Jahr 1979 ganz maßgeblich voran.
Einig war er sich in diesem Vorgehen mit niemand geringerem als mit Joseph Ratzinger (1927–2022), der 1977 Nachfolger Döpfners als Erzbischof von München und Freising wurde. Ratzinger sollte in seiner Zeit in München im Jahr 1978 die sektenartige, vor einigen Jahren aufgelöste Integrierte Gemeinde in seine Erzdiözese kirchenrechtlich einbinden und ihr damit eine Hochphase bescheren. 1979 verhinderte er – im Schulterschluss mit dem bayrischen Wissenschaftsministerium – die Berufung des politischen Theologen Johann Baptist Metz (1928–2019) an die Universität München.
Weniger Beachtung in der kirchenhistorischen Forschung gefunden hat bisher auch das Beispiel der Anneliese Michel (1952–1976). An ihr wurde 1975/1976 die letzte in Deutschland bekannte Teufelsaustreibung vorgenommen. Besonders interessant ist dabei, dass die Dämonen, die Michel heimsuchten, ihrerseits die „Synode“ oder sogar „Pfarrgemeinderäte“ als einen Hauptgegner für den katholischen Glauben ausmachten, wie es auf den Tonbandaufnahmen, die den Exorzismus begleiteten, zu hören ist.[4]
Anneliese Michel und die Dämonen
Der Eindruck einer Instrumentalisierung der jungen, neurologisch erkrankten Frau durch kirchlich-konservative Kreise drängt sich auf. Sowohl ihrer traditionalistischen Familie als auch Michels Exorzisten dürfte eine progressive akademische Theologie, die nahezu zeitgleich den Teufel als personifiziertes Böses abschaffen wollte, suspekt gewesen sein.
Es dürfte klar geworden sein, dass wir es in den ausgehenden 1970ern – mehr und anders als um 1968 – mit einer Umbruchszeit zu tun haben, die nach der vergangenen gesamtgesellschaftlichen Reformeuphorie der 60er und einem zu Ende gegangenen Wirtschaftsboom zu situieren ist. Birgit Aschmann hat mit Blick auf die Rezeption von „Humanae vitae“ die These vertreten, dass nach lautstarken Diskussionen in den 1960ern seit den 1970ern ein großes Schweigen einsetzte.[5]
Ab den 70ern: Das große Schweigen und die zunehmende Frustration
Diese These übernehme ich und erweitere sie dahingehend, dass auf das anfängliche Schweigen im katholischen Feld aber recht schnell eine Frustration einsetzte, die ihrerseits zu immer geringeren Hemmschwellen zwischen – archetypisch – katholischer „Linken“ und „Rechten“ führte.
Hinter diesem Kulturkampf verstecken sich feste „Triggerpunkte“, also besonders „sensible Bereiche“[6] für diesen innerkatholischen Konflikt, die seit der zweiten Hälfte der 1970er die gleichen geblieben sind. Es sind die anfangs schon angeführten Themen des Synodalen Weges, die sich zunehmend zu festen Mindsets transformieren.
Triggerpunkte
Wenn ich für eine Gleichstellung von Männern und Frauen in der Kirche bin, beklage ich auch einen machtvollen Klerikalismus usw. Was wir hier als Gesamtphänomen vor uns haben, ist nichts weniger als ein typisches Kennzeichen der ausgehenden Moderne. Sich in einen Kollektivsingular Katholizismus einzugliedern, wie es die „1968er“ noch versuchten, zwar lautstark protestierend, aber auf Dialog bedacht und nach Kompromissen suchend, war nun in einem „Katholischsein“ der Singularitäten[7] kein Wert mehr. Hierin liegt für mich eine „Zeitenwende“, die geradezu nahtlos in die katholische Gegenwart überleitet.
___________________________________________
[1] Zusammenfassung eines Vortrages vom 8. Oktober 2024 in Bonn und vom 26. September 2025 in Würzburg (Tagung „50 Jahre ‚Unsere Hoffnung‘. Das Grunddokument der Würzburger Synode – Rückblicke und Ausblicke“)
[2] Vgl. Hans Günter Hockerts: Zeitgeschichte in Deutschland. Begriff, Methoden, Themenfelder, in: Historisches Jahrbuch 113 (1993), 98–127, 124.
[3] Vgl. Lea Torwesten/Florian Bock: Kirchenhistorische Außenperspektiven auf den Katholikentag 1968 und die Würzburger Synode, in: Julia Knop/Matthias Reményi/Matthias Sellmann/Tine Stein (Hrsg.): Synode als Chance. Zur Performativität synodaler Ereignisse (= Quaestiones disputatae Bd. 337), Freiburg i.Br. 2024, 79–97, 82–87. Vgl. außerdem das Promotionsprojekt von Lea Torwesten zu christlich-religiösen Erinnerungsorten als kirchenhistorische Lernorte im Religionsunterricht: https://www.kath.ruhr-uni-bochum.de/mnkg/team/torwesten.html.de (01.10.2025).
[4] Vgl. Petra Ney-Hellmuth: Der Fall Anneliese Michel. Kirche, Justiz, Presse, Würzburg 2014.
[5] Vgl. Birgit Aschmann: Das wahre katholische Leiden an 1968. Eine Antwort auf Benedikt XVI., in: Herder Korrespondenz 73 (2019), 45–47.
[6] Vgl. Steffen Mau/Thomas Lux/Linus Westheuser: Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin 62024, 27.
[7] Vgl. Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017.


