Als ich diesen Artikel gelesen habe, habe ich mich zutiefst verbunden gefühlt mit der Autorin und auch bestätigt in dem, was ich jetzt gerade seelsorglich tue bzw. ausprobiere.
Ich war viele Jahre als Pastoralassistentin in Pfarren (Pfarrverbänden) im Retzer-Land im nördlichen Niederösterreich im Einsatz und dabei immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen von Kirche, nach einer Seelsorge außerhalb von Kirche und Pfarrhof, ganz nah bei den Menschen. Ich habe mich u.a. auch viel mit milieusensibler Pastoral beschäftigt.
Gespräche über Gott und die Welt
Schließlich habe ich damals so etwas wie einen „Anders-Ort“ in der sehr einladenden und offenen Stadtbücherei meiner Pfarre gefunden. Dort konnte ich sogar Asylwerber und Flüchtlingskinder beim Deutsch lernen unterstützen und war zugleich – umgeben von vielen Büchern – inmitten der Leute. Hierher kamen viele unterschiedliche Bevölkerungsschichten, Familien mit Kindern, aber auch Ältere und Einsame, die in der gemütlichen Bibliothek einen Wohlfühlort gefunden hatten. Und genau hier haben sich oft ganz wunderbare und tiefe Gespräche ergeben über Gott und die Welt.
Mir ist bewusst geworden, dass so viele Menschen auch heute Sehnsucht haben nach der Frohen Botschaft – allerdings weniger in Form von frommen Predigten oder korrekt vollzogenen Riten und Liturgien, sondern im Dasein, im Berührbar-Sein und Mitfühlen. Ich hatte mir jedenfalls vorgenommen, später einmal in meinem Heimatort so etwas Ähnliches wie diese gemütliche Bücherei anzubieten. Drei Jahre vor meiner Pensionierung habe ich die Pfarrpastoral verlassen und bin Seelsorgerin in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung geworden. Von diesen Menschen mit oft mehrfachen körperlichen und/oder intellektuellen Behinderungen konnte ich noch sehr viel dazulernen – ein völlig neuer Blick auf Seelsorge und auch eine große Bereicherung für mein persönliches Glaubensleben. Auch mein großes Vorbild, Madeleine Delbrêl (die leider immer noch nicht heiliggesprochen wurde), hat mich in meiner Spiritualität und in meiner Suche nach neuen Ausdrucksformen des Glaubens sehr inspiriert.
Herzensprojekt „Offenes Wohnzimmer mit kleiner Second-Hand-Bibliothek“
Inzwischen bin ich als Pastoralassistentin in Pension und fühle mich seither sehr frei im seelsorglichen Tun. Neben meiner Mitarbeit in der Frauenseelsorge und in der Trauerpastoral kann ich jetzt auch nach Herzenslust Neues ausprobieren. Bis schließlich das „Offene Wohnzimmer mit kleiner Second-hand-Bibliothek“ geboren wurde, hat es viel Vorarbeit im Herzen, im Kopf und im Beobachten meines unmittelbaren Lebensumfeldes gebraucht. Mir war wichtig, hinzusehen und hinzuhören, wonach die Menschen sich wirklich sehnen und ich habe mich dabei ganz von Gott führen lassen. Nach einigen Umwegen, die mich aber letztlich weitergeführt hatten, und mit viel Herzklopfen war es dann soweit: ich hatte einen passenden Ort für mein Projekt gefunden und auch ein sehr liebes, bunt zusammengewürfeltes, kleines Team – da waren plötzlich viele Ideen und begeisterte Herzen, die bereit waren, auszuprobieren und mitzutun!
Kleine Wunder des Aufblühens
Seit Mai dieses Jahres gibt es also an jedem ersten Samstag-Nachmittag im Monat in einem wunderschönen Raum des ehemaligen Kindergartens in Pulkau dieses „Offene Wohnzimmer“ mit vielen Büchern, denen wir die Chance auf ein zweites Leben schenken (auf Büchertischen nach Themen sortiert). Es ist ein niederschwelliges Angebot: man kann lesen, stöbern im Bücherangebot, einen Kaffee oder Tee trinken, miteinander plaudern oder auch nur beobachten und in Stille kommunizieren, man kann Bücher mitnehmen und vor allem kommen und gehen, wie es passt – all das ist an diesem Nachmittag in netter Atmosphäre möglich. Manche kommen auch nur vorbei und geben gebrauchte Bücher ab und es ist zugleich ein vorsichtiges Hereinschnuppern ohne verbindliches Dableiben-müssen. Wir bieten auch anderssprachige Bücher an und denken dabei vor allem an die vielen 24-Stunden-Pflegekräfte, die oft ganz verborgen mitten unter uns leben. Inzwischen gibt es einige „Stamm-Gäste“ und wir erleben an diesem heimeligen und mit jahreszeitlichen Dekos geschmückten Ort immer wieder kleine „Wunder des Aufblühens“, die den Besucherinnen und Besuchern, aber auch uns, dem 7-köpfigen Team, viel Freude bereiten.
Das Evangelium neu hinein buchstabieren in die heutige Lebenswelt
Auch uns liegt es fern, Menschen zu „missionieren“, aber es ist schön, wenn durch unsere Gastfreundschaft und Zugewandtheit, durch unser Zuhören und Mitfühlen für die Besucher etwas aufleuchtet vom Evangelium. Wegweisend ist hier für uns das Motto der Arbeiterpriester aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Frankreich: „Rede nur dann über deinen Glauben, wenn du gefragt wirst, aber lebe so, dass man dich fragt.“
Ganz gleich, ob es wie bei der Autorin Kerstin Butge die Mode und viel Schönes ist oder ob es wie bei uns die verschiedensten recycelten Bücher und literarischen Werke sind – was uns verbindet, ist mehr als die Nachhaltigkeit von Konsumartikeln: Es ist das Verfügbar-sein für Menschen, die so sehr ein offenes Ohr und ein offenes Herz brauchen. Und immer können auch wir in den konkreten Begegnungen und Gesprächen dazulernen und dabei entdecken, wie das Evangelium neu hinein zu buchstabieren ist in die heutige Lebenswelt.
Es bräuchte mehr von diesen kleinen, feinen Friedensorten
Ich habe mich beim Lesen des Artikels der Gemeindereferentin Kerstin Butge riesig gefreut, dass es Menschen in der Seelsorge gibt, die ähnlich „ticken“ wie ich, die ähnliche berührende Erfahrungen machen wie ich und die Gott an diesen „anderen Orten“ immer wieder staunend neu entdecken dürfen. So können wir den Menschen, die einfach vorbeischauen, ein bisschen Segen und Hoffnung sein – und sie dürfen etwas von ihrem oft sehr schweren Lebensrucksack da lassen.
Ich hoffe sehr, dass die Autorin, die zugleich Gemeindereferentin, Seelsorgerin und Modeberaterin ist, viele ihrer weiterführenden Ideen verwirklichen kann und dass die Erzdiözese München und Freising ihr Secondhand-Konzept und Herzensprojekt als wirklich großartige und innovative Idee in vielerlei Hinsicht unterstützt. Ich wünsche ihr, dass noch viele Menschen zu ihr in die Secondhand Boutique „LA VIE EST BELLE“ kommen und auch uns wünsche ich weiterhin viele Besucherinnen und Besucher im „Offenen Wohnzimmer mit kleiner Secondhand Bibliothek“. Es bräuchte mehr von diesen „kleinen, feinen Friedensorten“, von denen die Menschen danach ein bisschen fröhlicher und befreiter wieder weggehen. Hier sind sie Gott begegnet.
Maria Krimmel war Dipl. Pastoralassistentin und Seelsorgerin für Menschen mit Behinderung. Sie ist mittlerweile in Pension und lebt und wirkt als Seelsorgerin in Pulkau im nördlichen Niederösterreich.