Vor zehn Jahren hat Hildegund Keul auf feinschwarz.net schon einmal über Weihnachten nachgedacht. Damals hat sie das religionsverbindende Potential des Weihnachtsfests herausgestellt. Im Horizont aktueller Entwicklungen greift sie dieses Thema erneut auf.
Als Kind liebte ich sie, die idyllischen Advents- und Weihnachtsgeschichten von Karl Waggerl, die so gut zu Adventskranz und Kerzenglanz passten. Gebannt lauschten wir im sehr katholischen Familienkreis seiner sonoren Stimme, die der Schallplattenspieler lebendig machte. „Früher einmal war es im ganzen Lande Brauch …“ Was damals kaum jemand wissen und wahrhaben wollte: der österreichische Schriftsteller hatte sich früher zunächst zaghaft, nach der Machtübernahme der NSDAP in Deutschland offen antisemitisch und antidemokratisch positioniert. Er engagierte sich als Mitglied und Dichter in der Partei, auch für Österreichs „Heimkehr ins Reich“. Nach dem Ende des NS-Regimes gab er sich als unpolitisches Opfer und wollte sich, offensichtlich auch durch Lügen und Schönfärberei, von aller Schuld reinwaschen. Sein Antisemitismus blieb. Trotzdem – oder auch deswegen? erhielt er bruchlos weitere Auszeichnungen. Seine zahlreichen Auftritte beim „Salzburger Adventssingen“ bis in sein Todesjahr hinein sind legendär.
Weihnachten wird häufig idyllisiert. Aus der nach biblischem Narrativ äußerst riskanten Outdoor-Geburt in einer Patchworkfamilie unverheirateter Eltern, die sogleich nach der Geburt mit dem Neugeborenen fliehen müssen, wird eine Wohnzimmergeburt in kleinbürgerlicher, wahlweise biodeutscher, jedenfalls heiler Familie in ordentlicher Vater-Mutter-Kind-Konstellation. Eine solche Idyllisierung eröffnet nicht nur bei Waggerl die Möglichkeit, das Fest politisch zu vereinnahmen. Dies war auch vor zehn Jahren der Fall, als „Pegida“ in Dresden Weihnachtslieder sangen. Um gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlands Front zu machen, brachten die selbsternannten „Patriotischen Europäer“ Weihnachten in Stellung. Bei uns könnte es so schön, so friedlich, so harmonisch sein wie damals an der Krippe, wenn nur die Anderen nicht wären, die diesen Frieden und unser wunderschönes Stadtbild stören. Weihnachten wird antisemitisch und antimuslimisch auf Spur gebracht durch Othering, das Rainer Bucher einmal treffend als „Selbstkonstitution durch Fremddenunziation“[1] bezeichnete. Das faschistisch-homogenisierte Bild liest den grausamen König Herodes, der den ‚Kindermord von Betlehem‘ anordnete, jüdisch-vulnerant; und die Menschen, die zur Krippe kamen, christlich-friedlich. Aber niemand, wer dem biblischen Narrativ zufolge zur Krippe kam, wurde getauft: Maria und Josef nicht, die Hirtinnen und Hirten nicht. Sie waren und blieben jüdisch, genauso wie das Kind in der Krippe. Und die „Magier“ aus dem Morgenland? Migrant*innen von anderswoher, die eh weder jüdisch noch christlich waren.
Weihnachten wird häufig idyllisiert
Vor zehn Jahren, im Dezember 2015, schrieb ich für feinschwarz.net den Beitrag Weihnachten: religionsverbindend. Das gilt auch heute noch. Die biblischen Erzählungen über die Geburt Jesu sind nicht exklusiv. Sie betreiben gerade kein religiöses oder völkisches Othering. Vielmehr führen sie Menschen zusammen in dem Bestreben, einander in den Verwundbarkeiten des Lebens beizustehen. So wie es Dietrich Bonhoeffer 1940 ausdrückte: „Ihr seid angenommen, Gott hat euch nicht verachtet, sondern er trägt leibhaftig euer aller Fleisch und Blut. Seht auf die Krippe!“[2] Feindlichkeit gegenüber Menschen auf der Flucht ist mit den biblischen Weihnachtsnarrativen nicht vereinbar. Denn Jesu Eltern mussten selbst aus ihrem Heimatland fliehen, um den Neugeborenen vor dem tödlichen Zugriff einer politischen Macht zu retten.
Was wohl aus der jungen Frau aus Afghanistan und ihrer kleinen Tochter geworden ist, die vor zehn Jahren bei mir zur Miete lebten und mit denen ich damals das Weihnachtsfest feierte? Ich denke an sie im Blick auf die harten Auseinandersetzungen um Migrationsabwehr samt exkludierenden Stadtbild-Debatten. Was hat sich in diesen zehn Jahren alles verändert, politisch, gesellschaftlich, religiös.
Die Geschichte der Weihnachtsgeschichte war häufig verletzend. Zugleich ist Weihnachten selbst verletzt. Denn gerade weil das Fest weltweit und auch von Menschen, die gar nicht christlich sind, gefeiert wird; weil es für Humanität steht und die verletzliche Gebürtigkeit der Menschen in den Mittelpunkt rückt, gerät es ins Schussfeld extremistischer Religionspolitik verschiedenster Couleur.
Weihnachten ist verletzend und selbst verletzt
Es ist kein Zufall, wenn Anschläge und Terrorattacken in die Advents- und Weihnachtszeit fallen. Hier verortet, erlangen sie besondere Schadwirkung, denn sie zielen auf etwas, wofür diese Festzeit steht: menschliche Verbundenheit, vertrauensvolles Entgegenkommen, solidarisches Handeln. Der Angriff 2016 auf dem Berliner Breitscheidplatz; 2024 auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt. Und die tödliche Attacke am 1. Dezember 2020 in Trier an jenem Ort, wo wegen der Corona-Pandemie kein Weihnachtsmarkt stattfinden konnte. Wurde deren 5-Jahresgedenken in diesem Jahr öffentlich weniger wahrgenommen, weil der Täter weder muslimisch war noch Migrationsgeschichte hatte?
Und nun vor wenigen Tagen der furchtbare Terroranschlag am Bondi Beach in Australien. Die gnadenlose Vulneranz richtete sich gegen Menschen, die während einer Feier zum Auftakt des achttägigen Chanukka-Festes am Strand versammelt waren. Ein antisemitischer Anschlag, Zeichen für den rund um den Globus wachsenden Antisemitismus. Er trifft mitten hinein in die Vorweihnachtszeit, denn Chanukka und Weihnachten, die wichtigsten Lichterfeste in Judentum und Christentum, sind genealogisch untrennbar verbunden. Ich denke an meine Kolleginnen in Australien, denen der Horror so nah auf Leib und Seele rückt. Sie müssen damit zurecht kommen, dass die fröhlich-entspannte Atmosphäre am Strand, das selbstverständliche Zusammenleben von Kulturen und Religionen, das Feiern von Chanukka und Weihnachten eine tiefe Verletzung davontragen. Wie kann aus dieser Verletzung, diesem Verlust, etwas Neues wachsen, das Menschen verbindet und zu solidarischem Handeln bewegt?
Weihnachten – ein verletzendes und ein verletztes Fest. Es lebt mitten in den gesellschaftlichen Turbulenzen, religionspolitischen Auseinandersetzungen und multiplen Krisen der Gegenwart. Hier wird besonders schmerzlich spürbar, wie sehr die katholische Kirche an Autorität und gesellschaftlicher Wirksamkeit verloren hat. Vor zehn Jahren war vielleicht noch zu hoffen, dass ihre Stimme Gehör finden würde, so dass die Politik nicht gänzlich auf inhumane Migrationsabwehr umschwenken könnte. Wer die biblischen Weihnachtsgeschichten liest und als Gründungsnarrativ der Kirche versteht, kann Menschen aus anderen Religionen oder mit Migrationsgeschichte nicht abwerten und dehumanisieren.
Aber der Glaubwürdigkeitsverlust, den nicht nur der Missbrauch selbst, sondern verstärkend seine systemische Vertuschung in der Kirche bewirkte, ist verheerend. Seine Auswirkungen sind explosiv und gehen in Bereiche hinein, die zunächst gar nichts mit dem Missbrauch zu tun haben. Er betrifft auch Fragen der Migration und ihrer unheilvollen Verquickung mit extremistischem Denken und Handeln. Der eigenen Vulneranz zu widerstehen und einander in den Verwundbarkeiten des Lebens beizustehen, macht den Kernbestand des Christlichen aus. Der kirchliche Glaubwürdigkeitsverlust macht es erforderlich, sich mit potenziell Verbündeten außerhalb der Kirche(n), in anderen Religionen und gesellschaftlichen Gruppen zu verbinden. Denn die Stimme dessen, wofür das Weihnachtsfest steht, findet sich auch und insbesondere außerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft.
Die Stimme dessen, wofür Weihnachten steht, findet sich insbesondere außerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft.
So meldete sich nach dem verheerenden Anschlag am 13. November 2015 in Paris der Journalist Michel Leiris zu Wort, kurz nachdem er erfahren hatte, dass seine Frau in Bataclan ermordet worden war. In einem Post schrieb er: „Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben.“[3]
In einer Situation von Hass und Gewalt der eigenen, hochkochenden Vulneranz zu widerstehen, ist besonders herausfordernd. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ wurde 2015 zum Leitsatz des Widerstands gegen das Explosive, das in jeder menschlichen Vulneranz lauert. Schwindet diese Widerstandskraft in Kirchenräumen? Wo aber wird sie stärker, an überraschenden Orten, in unerwarteten Kontexten, mit ganz anderen Menschen? Von Jahr zu Jahr wird es wichtiger, Weihnachten nicht exklusiv, sondern einladend und in religionsverbindender Offenheit zu feiern.
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Hildegund Keul ist apl. Professorin für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Würzburg und leitet das DFG-Projekt „Verwundbarkeiten. Eine Heterologie der Inkarnation im Vulnerabilitätsdiskurs“. Kürzlich erschien von ihr: Vulnerabilität, Vulneranz, Resilienz – prekäre Machtwirkungen (Alber 2025). 2026 erscheint in zweiter Auflage: Verwundbar sein. Vulnerabilität und die Kostbarkeit des Lebens (Grünewald).
Foto: © Hildegund Keul
Beitragsbild: pexels.com
[1] Bucher, Rainer (2004): Entmonopolisierung und Machtverlust. Wie kam die Kirche in die Krise? In: Rainer Bucher (Hg.): Die Provokation der Krise. Zwölf Fragen und Antworten zur Lage der Kirche. Würzburg: Echter, 11–29, hier 21.
[2] Bonhoeffer, Dietrich (1996): Predigtmeditation zu Jesaja 9,5f. Weihnachten 1940. DBW 16, 634.
[3] Leiris, Michel (2016): Meinen Hass bekommt ihr nicht. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. München: Blanvalet, 59f.


