Der Nachmittag des Christentums. Rezension zu Tomáš Halík

Nachmittag des Christentums

Mit seinem jüngsten Buch „Der Nachmittag des Christentums“ legt Tomáš Halík gewissermaßen ein „Kompendium seines Denkens und Schaffens der letzten Jahre“ vor. Eine Rezension von Jan Loffeld.

Nachmittag? Es ist gefühlt doch später Abend oder stockfinstere Nacht wenn man die derzeitige Verfasstheit des römisch-katholischen Christentums in Europa vor Augen hat.- Tomáš Halík entlehnt seine titelgebende Metapher von C.G. Jung. Für Jung teilt sich jedes menschliche Leben in Tageszeiten: der Vormittag als Jugend, die Grundzüge der Persönlichkeit legt. Es folgt die Mittagskrise, das bisher Erfüllende verliert seine existentielle Tragfähigkeit und es melden sich Seiten unserer Persönlichkeit zu Wort, die bisher unterentwickelt waren. Der Schatten des Verdrängten ist nicht mehr länger zu leugnen. Erst wenn jemand in er Lage ist, das Uneingestandene zu bearbeiten und schließlich zu integrieren, ist sie:er auf den Nachmittag des Lebens vorbereitet. Die Pointe der Übertragung auf das Christentum erklärt Halík am Ende: Im biblischen Verständnis beginnt der neue Tag mit dem Abend. Der Nachmittag ist das Vorstadium einer bislang ungekannten Formation des Evangeliums.

Im Weg steht eine multiple Krise ekklesialer Egozentrik und eines kollektiven Narzissmus, des Klerikalismus,

„Der Nachmittag des Christentums“ ist allein schon deshalb lesenswert, weil Halík ein Kompendium seines Denkens und Schaffens der letzten Jahre zwischen 2015-21 vorstellt. Manches kommt bekannt vor, anderes ist es wert, hier nochmals in größeren Zusammenhägen beschaut zu werden. Aufgenommen finden sich die großen Diskussionsstränge um `Säkularisierung´, den `Tod Gottes´ oder eine `Wiederkehr der Religion´. Daneben steht eine Sicht, die zugleich Vision ist. Sie verbindet sich mit dem Zentralbegriff der Transformation. Entscheidend wird sein, ob das Christentum und speziell die Kirchen den Transitus als Kairos begreifen und konstruktiv zu nutzen verstehen. Im Weg steht eine multiple Krise ekklesialer Egozentrik und eines kollektiven Narzissmus, des Klerikalismus, greifbar vor allem in Totalversagen und -ausfall kirchlicher Leitungsverantwortlicher. Zudem die dauernde Versuchung, das sechste Gebot für das erste zu halten. Wo schließlich die Wirkung der Kirche sich allein auf die Selbsterhaltung und den inneren Bereich beschränkt und sie nicht die Entwicklung und Vertiefung persönlicher Religiosität anzielt, wird das „Christentum zur bloßen Kulturreligion, die nach einem Wandel des gesellschaftlichen Paradigmas schnell verwelkt und verschwindet.“ (93). – Prozesse, für die man zweifellos aus allen Ländern Europas, seien sie nun primär protestantisch oder katholisch geprägt, lebhafte Anschauungsbeispiele präsentieren könnte.

Derzeit löst sich religio selbst aus dem Christentum heraus und findet sich außerhalb.

Wie Halìk früher schon betonte, wurde das Christentum als gelebte Praxis der Jesus-Nachfolge mit der konstantinischen Wende zu einer religio im Sinne einer Komposition von gemeinsamen Sätzen oder Kulturformen, die von allen geteilt werden. In der Moderne transformiert sich die religio in eine Religion als einem gesellschaftlichen Sektor neben anderen, sie wird zu einer Sprache, die nicht mehr alle verstehen. Derzeit löst sich religio selbst aus dem Christentum heraus und findet sich außerhalb: am prominentesten und wirksamsten innerhalb der kapitalistischen Ökonomie. Das Christentum hat nun wiederum die Chance, Glaube zu werden, gelebte Christopraxis und zu einer neuen Hermeneutik der göttlichen Offenbarung zu finden: mittels Schrift, Tradition und vor allem der „Zeichen der Zeit“.

Es sind insbesondere zwei Optionen, die Christ:innen Halík zufolge für den Nachmittag erwägen sollten: eine aus den institutionellen Bezügen ausgewanderte Spiritualität, die sich von einer Auflösung Richtung Esoterik unterscheidet. Hier wird es über Halík hinaus wichtig sein, den Spiritualitätsbegriff weiter zu diskutieren, um ihn zumindest für europäische Kontexte vor den Versuchungen einer Containervokabel des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu bewahren. Vor allem aber gilt es, ihn auf seine aktuelle Realitätstauglichkeit und tatsächliche Empiriekompatibilität hin zu untersuchen.[1]

Anatheismus … meint das Wiederentdecken des Heiligen im Sinne eines veränderten Wieder-Glaubens.

Zum anderen ist nach Halík die ana-theistische Option zu prüfen. Anatheismus, ein Konzept des irischen Philosophen Richard Kearney, meint das Wiederentdecken des Heiligen im Sinne eines veränderten Wieder-Glaubens, nachdem der Glaube seine politisch-machtvolle gesellschaftliche Bedeutsamkeit verloren und zugleich die Feuer philosophischer Religionskritik durchlaufen hat.[2] Er meint in praktisch-theologischer Rezeption ein Glauben an Gott nach Gott, ja Gott neu nach dem Verlust seiner gesellschaftlichen Relevanz auf ungeahnte Weise im Heute zu entdecken.[3]

Und die Kirche am Nachmittag? Wird sie eine anatheistische, die in eine existentielle und spirituelle Tiefendimension des Glaubens einführt? Dies kann sie nur als Weggemeinschaft, das heißt sich selbst nur, gleichsam prozessekklesiologisch in stetiger Veränderung begreifend, überdies – etwa an geistlichen Zentren – als Schule der christlichen Weisheit und Feldlazarett, das Ort der Versöhnung und des Dienstes ist. Dies alles wird die Territorialstruktur, für die unhinterfragt derzeit noch die meisten kirchlichen Ressourcen zur Verfügung stehen oder eingekauft werden, nicht allein leisten können. Vor allem aber haben Christ:innen angesichts der allenthalben spürbaren Verwundungen der Schöpfung eine therapeutische Berufung, indem sie ihre Erfahrungen mit Heilung, Versöhnung und Buße zur Verfügung stellen. Halík verdeutlicht dies an der Rolle der Kirche in Tschechien nach 1989: Weil sie es nicht verstand, ihre therapeutische Berufung zu leben, sondern sich gegen den „Tsumani des Liberalismus“ in Stellung brachte bzw. sich durch das vorgetäuschte Wohlwollen politisch Mächtiger korrumpieren ließ, war sie wie gelähmt, die wirklichen Herausforderungen ihrer Zeit zu verstehen.

Es ist diese realismusbasierte Hoffnung, die Halíks Buch vor allem auszeichnet.

Was löst die Lähmung heute? Es scheint ja, als erlebten wir eine „Ekklesiodizee“ eigener Art, wie sie Armin Nassehi kürzlich für die Gesellschaft als Ganze mit dem Begriff der „Soziodizee“ beschrieb: Wir kennen Ursachen und viele Mittel zur Krisenbewältigung, doch irgendwie nutzen (wir) sie nicht.[4] Halìk selber legt hier eine kleine Spur über das persönliche Zeugnis. Er bekennt, wie er seinen christlichen Glauben gegen nichts in der Welt eintauschen möchte: weder gegen die Optionen einer Vergöttlichung des Menschen im humanistischen Atheismus, noch gegen die eines klassenlosen Marxismus, noch gegen eine anonyme Spiritualität, die Gott durch „das Unendliche“ oder „das Absolute“ ersetzt (vgl. 250). – Das Christentum, oder etwas breiter, eine existentielle Verankerung in einem Gott, erscheint zwar als eine zunehmend unmögliche Option, es kann jedoch am Nachmittag seine Bedeutung für das Ganze auf andere Weise sichtbar machen als bisher. Es ist diese realismusbasierte Hoffnung, die Halíks Buch vor allem auszeichnet.

Rezension zu: Tomáš Halík, Der Nachmittag des Christentums. Eine Zeitansage, Herder: Freiburg/Brsg. 2022.

Autor: Jan Loffeld ist Professor für Praktische Theologie an der Tilburg University School of Catholic Theology in Utrecht.

[1] Vgl. für Deutschland: D. Pollack, Über unsichtbare Religion und sichtbare Spiritualität, in HK spezial 1/2022, 11-13; H. Streib/B. Keller, Was bedeutet Spiritualität? Befunde, Analysen und Fallstudien aus Deutschland, Göttingen 2015; St. Kiechle, Christliche Spiritualität, in: StZ 237 (2019).

Für die Niederlande aktuell: J. de Hart et al, Religie in een pluriforme samenleving. Diversiteit en verandering in beeld, Deel 3: Buiten Kerk en Moskee, Den Haag 2022. https://www.scp.nl/binaries/scp/documenten/publicaties/2022/03/24/buiten-kerk-en-moskee/SCP+Publicatie+Buiten+kerk+en+moskee+-+maart+2022.pdf; (13.06.2022)

[2] Vgl. Reimagination the Sacred. Richard Kearney Debates God, Columbia University Press, New York 2015; in deutscher Übersetzung und Bearbeitung: R Dausner (Hg.), R. Kearney, Revisionen des Heiligen. Streitgespräche zur Gottesfrage, Freiburg i. Br. 2019.

[3] Vgl. J. Loffeld, Getting to Know God after God, Tilburg 2021.

[4] A. Nassehi, Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft, München 2021.

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