Der Teufel ist (wieder) los! Als Forscherin beim römischen Exorzismus-Kurs

Nicole Bauer lehrt als Religionswissenschaftlerin an einer Theologischen Fakultät. Und sie hat als Frau am römischen Exorzismus-Kurs teilgenommen. Im Folgenden teilt sie ihre teilnehmenden Beobachtungen in einem ungewöhnlichen Feld.

Treiben Dämonen wieder ihr Unwesen? Die Vorstellung, dass teuflische Wesen Gott und Mensch bedrohen, findet sich nicht nur in antiken religiösen Schriften, sondern auch in der Gegenwartskultur. In Filmen, Büchern, Zeitschriften und Videospielen werden Dämonen beschworen, angebetet, gejagt oder gar rituell ausgetrieben. Austreibungsrituale, die häufig aufgegriffen werden, haben dabei oftmals Bezüge zu christlichen Ritualen und Symbolen. Aber nicht nur in der Populärkultur lässt sich eine Renaissance des Teuflischen ausmachen, sondern auch (und besonders) im katholischen Kontext sorgen die „römischen“ Exorzisten und deren Exorzismus-Kurs für mediale Furore.

Interesse geweckt

Ein Blick in die Medienlandschaft verrät dabei zweierlei: zum einen ein enormes öffentliches Interesse an den Themen „Besessenheit“ und „Exorzismus“, zum anderen die überraschende Bereitschaft der Exorzisten, dazu öffentlich Stellung zu nehmen.[1]

Angesichts dieser Situation war mein Interesse als „feldforschende“ Religionswissenschaftlerin  geweckt und ich beschloss, meinen Fuß in das für mich unbekannte Feld der römisch-katholischen Exorzisten zu setzen und am bekannten Exorzisten-Kurs teilzunehmen.

Der Kurs “Exorzismus und Gebete um Befreiung”, soviel konnte ich den ersten Recherchen entnehmen, wird seit einigen Jahren regelmäßig in Rom angeboten und dient Priestern, die sich mit den Themen Exorzismus und Besessenheit befassen, der Orientierung. Aber auch interessierten Laien ist die Teilnahme am Kurs möglich.

Istituto Sacerdos der Legionäre Christi

Die Aufnahme zum Kurs erfolgte im Frühjahr 2018, nachdem ich eine persönliche Stellungnahme über die Gründe zur Teilnahme am Kurs, einen Lebenslauf sowie ein Empfehlungsschreiben des Bischofs meiner Diözese am „Istituto Sacerdos“ eingereicht hatte.

Der Exorzismus-Kurs wird auf der offiziellen Webseite der kirchlichen Hochschule „Ateneo Pontificio Regina Apostolorum“ als „first course in the world on the ministry of the exorcism and prayer of liberation“[2] angekündigt. Er findet jährlich an der 1993 von der Ordensgemeinschaft „Legionäre Christi“ ins Leben gerufenen Hochschule statt und wird dort vom „Istituto Sacerdos“ in Kollaboration mit einem außeruniversitären Forschungsinstitut, der „Group for Socio-Religious Research and Information“ (GRIS) organisiert und in Rom abgehalten.

Das „Istituto Sacerdos“ präsentiert sich auf der offiziellen Webseite   als internationales Zentrum für spirituelle, theologische und pastorale Fortbildungen insbesondere für Priester: “Sacerdos Institute is an international center for the spiritual, theological and pastoral ongoing formation of priests of the Regina Apostolorum Pontifical Atheneum”.[3]

Perspektive unterschiedlicher Disziplinen

Der Kurs, der vom 16.-21. April 2018 in Rom stattfand, hat in Hinblick auf Struktur und Organisation das Format eines Hochschullehrgangs, die Themen Besessenheit und Exorzismus werden dabei aus der Perspektive unterschiedlicher akademischer Disziplinen beleuchtet. Der Kurs startete mit einem Einführungsvortrag durch den römisch-katholischen Kardinal Ernest Simoni, der von seinen Erfahrungen als Exorzist berichtete.

An den folgenden Kurstagen wurden zunächst theologische, pastorale, liturgische und kanonische Fragen diskutiert. Die ReferentInnen waren TheologInnen, PsychologInnen, sowie praktizierende Exorzisten aus verschiedenen Ländern – auch einige wenige Frauen waren darunter.

Existenz des personifizierten Bösen

Ein zentraler Aspekt in der ersten Einheit war die Klärung der Existenz des personifizierten Bösen. Aus Sicht der dort vortragenden TheologInnen ist dies ein Glaubensdogma für Katholiken sowie „praktische“ Grundlage für die Durchführung von Exorzismen. Ein Exorzist, so erfuhr ich, ist ein Priester, der zu dieser Aufgabe vom Ortsbischof berufen wird. Der Ortsbischof selbst, nach geltendem Kirchenrecht per se Exorzist, darf diese Aufgabe nach sorgfältiger Prüfung einem Priester übertragen.

„Der Teufel existiert und er ist los.“ Davon versuchten die ReferentInnen mit zahlreichen Belegen zu überzeugen. Er, „der Böse“, zeige sich besonders in den magischen und okkulten Praktiken religiöser Randgruppen und verstecke sich in den Angeboten des gegenwärtigen Esoterik-Marktes. Die teuflischen Mächte zeigten sich dabei in unterschiedlicher Gestalt und könnten sich in unmoralischem Verhalten des Menschen, in „bösen“ Taten, aber auch schlechten Gedanken und Gefühlen zeigen.

Das Spektrum des dämonischen „Befalls“ reiche dabei von „Umsessenheit“,  der Beeinflussung eines Menschen durch dämonische Entitäten,  bis hin zur vollständigen Übernahme der Person durch den Dämons, die sich in der „Besessenheit“ zeige. Die engen Kriterien der Besessenheit zeigten sich meist erst während des Exorzismus und dienten der Verifizierung des dämonischen Wirkens im Menschen. In einem tranceartigen Zustand sprächen Betroffene in unbekannten Sprachen, zeigten übernatürliche Kräfte sowie eine vehemente Abneigung gegenüber christlichen Symbolen und Praktiken.

Empirische Belege dafür sehen die Vortragenden in den Anfragen Betroffener, die sich nach dem „Testen“ alternativer religiöser Angebote als „besessen“ erleben und sich hilfesuchend an Exorzisten wenden.

Infiltrierung durch nicht-christliche Praktiken

Unter dem Titel „anthropologische, kulturelle und phänomenologische Aspekte“ präsentierten Exorzisten aus unterschiedlichen Regionen weltweit Fallbeispiele, die die Infiltrierung des Bösen durch nicht-christliche Praktiken belegen sollten.

Der Anbindung und Abgrenzung an bzw. von psychologisch-medizinischen Diskursen wird im Kurs besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Besessenheit wird dabei als „spirituelle Störung“ von psychischen Störungsbildern unterschieden.  Die Zusammenarbeit mit Psychiatern und Psychologen ist von besonderem Interesse für die römischen Exorzisten und dient der Diagnosestellung. Die Feststellung einer psychischen Erkrankung sei jedoch kein Ausschlusskriterium für Besessenheit.

Es wurden zudem kirchenrechtliche und kriminologische Aspekte von Exorzismen diskutiert. Abschließend fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit eine Sitzung aller Mitglieder der internationalen Exorzistenvereinigung statt.

Kaum Frauen vertreten

Am Kurs nahmen etwa 250 Personen teil. Meiner Einschätzung nach war ein Großteil der Teilnehmer Priester aus unterschiedlichen Ländern und Kontinenten. Frauen waren kaum vertreten. Ich sah einige Ordensschwestern und kam mit „Betroffenen“ ins Gespräch, die auf der Suche nach geistlicher Hilfe ihren Weg zum Exorzismus-Kurs fanden, in der Hoffnung,  in Kontakt mit einem „echten“ Exorzisten zu kommen.

Das „Feld der Exorzisten“ ist ein männerdominiertes Feld, das steht außer Zweifel. Geschlechterrollen sind eindeutig markiert. Die männlichen Exorzisten nehmen dabei die überlegene Rolle des „spirituellen Heilers“ ein. Sie haben die Macht, über „spirituelle“ Gesundheit und Krankheit Hilfesuchender zu urteilen, indem sie Besessenheit diagnostizieren. Darüber hinaus wird ihnen das Recht zugesprochen, ein moralisches Urteil über Personen zu fällen. In persönlichen Gesprächen entscheiden sie über die christliche Lebensführung der Betroffenen und sehen in Verhalten und Einstellungen, die von christlichen Moral- und Wertvorstellungen abweichen, ein „Einfallstor“ für das Böse.

Frauen wird in diesem Feld eine passive Rolle zugesprochen, als „Laien“ dürfen sie den Ritualen beiwohnen und Exorzisten unterstützen, jedoch erst nach sorgfältiger Prüfung ihrer Befähigung für diese Position.

Frauen wird die Rolle der „Besessenen“ zugeschrieben. Sie seien aufgrund der biblisch begründeten Anfälligkeit für das Böse besonders betroffen von dämonischen Einfällen.

Unterwerfung und Selbstermächtigung

Durch den Glauben an die Wirksamkeit des Rituals und an die Befähigung des Exorzisten in der Kommunikation mit dem Dämon unterwerfen sich Frauen hier den vorherrschenden Geschlechterverhältnissen. Sie geben ihre Selbstwirksamkeit und Selbstermächtigung auf und geben dem Exorzisten Macht über ihr spirituelles Heil und ihre Heilung. Frauen als „Besessene“ stehen gleichzeitig im Zentrum der Exorzismus-Performanz. Im „Toben“ des Dämonischen während des Exorzismus, so könnte man sagen, holen sich Besessene einen Teil ihrer Handlungsmacht zurück und weichen die Machtstrukturen auf.

Als Forscherin war ich somit ebenso in meiner Rolle als Frau eine potentielle „Besessene“, ein Umstand, der mir  den offenen Zugang zum Forschungsfeld erschweren könnte. Um mich einer Innenperspektive im Sinne von „going native“ anzunähern, ließ ich mich darauf ein, in Hinblick auf meine christliche Lebensführung in den Gesprächen mit Exorzisten und Priestern einer moralischen Prüfung unterzogen zu werden.[4] Nicht zuletzt ermöglichte mir diese Offenheit und Bereitschaft des „Sich-Einlassens“, das eine Grundvoraussetzung der Feldforschung darstellt, die Kontaktaufnahme zu einigen Teilnehmenden des Kurses. Einige Gespräche mit Exorzisten, Priester und Betroffenen ließen mich so Einblick in die tieferliegenden Dynamiken dieses umstrittenen Feldes nehmen.

Der ‚Teufel ist wieder los’, damit möchte ich meine knappe Reflexion schließen, und es bedarf hier eines religionswissenschaftlichen Blicks auf dieses Feld. Denn unabhängig davon, ob er „real“ existiert oder nicht, so existiert er in der Glaubenswelt von Menschen und kommt in den Exorzismen symbolisch zum Ausdruck.

Handlungsbedarf

Es besteht daher Handlungsbedarf. Zum einen bedarf es in der Theologie einer „verantworteten Rede vom Bösen“[5] und Offenheit insbesondere im Feld der pastoralen Seelsorge für die Ängste und Fragen in Hinblick auf Teufel und Besessenheit.

Zum anderen bedarf es mehr Muts von Seiten Forschender sich in Felder zu wagen, die umstritten, abgewertet oder marginal erscheinen. Eben dort spiegeln sich gesellschaftliche Dynamiken und Machtverhältnisse, aber auch Ängste und Bedürfnisse von Menschen in einer kontingenten Gegenwartsgesellschaft wider.


Nicole Bauer ist promovierte Religionswissenschaftlerin und lehrt an der Theologischen Fakultät Innsbruck.

Bildquielle: Pixabay

[1] Siehe „The Devil and Father Amorth (2018)“. Box Office Mojo. November 16, 2018; Markus Brauer: “Das Böse in der Welt: Eine Spurensuche Teufel, Exorzismus und Psycho-Wahn“ In: Stuttgarter Nachrichten 9.10.2016, https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.das-boese-in-der-welt-eine-spurensuche-teufel-exorzismus-und-psycho-wahn.4691dbee-5d52-47f5-a502-30f94d6219a6.html, 20.9.2019;  „Interview mit einem Exorzisten – Pater Gabriele Amorth“, https://gloria.tv/video/zzn4Uz3aRXop4xuP4JtVtV1f9, 20.9.2019; https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.das-boese-in-der-welt-eine-spurensuche-teufel-exorzismus-und-psycho-wahn.4691dbee-5d52-47f5-a502-30f94d6219a6.html

[2] https://sacerdos.org/en/exorcism-and-prayer-of-liberation/, 20.9.2019

[3] https://sacerdos.org/en/sacerdos/, 20.9.2019

[4] vgl. Girtler, Roland: „Methoden der Feldforschung“, 4. Auflage, Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag, 2001, S. hier S. 78

[5] Leimgruber, Ute: „Das Volk Gottes und die Befreiung vom Bösen. Pastoraltheologische Anmerkungen zu einer umstrittenen Glaubenstradition“, In: Niemann, Ulrich; Wagner, Marion (Hrsg.): Exorzismus oder Therapie? Ansätze zur Befreiung vom Bösen, Regensburg: 2005, S. 49-72, hier S. 70

Print Friendly, PDF & Email