Theologie steht im Spannungsverhältnis zwischen dem Verständnis Gottes als emotional erlebbaren „Gott der Väter“ einerseits und jenem als rational erschließbaren „Gott der Philosophen“ (Blaise Pascal) andererseits. Die historisch-biografische und die systematisch-intellektuelle Gotteserfahrung konstituieren denn auch zwei theologische Pole, die miteinander verschränkt sind.[1] Im Rahmen metaphysisch-epistemologischer Diskurse erscheinen sie als Endlichkeit der menschlichen Vernunft (als ein Pol) und das Zielen des menschlichen Geistes auf unbedingte Wahrheit (als zweiter Pol). Heimbach-Steins benennt sie in ihrem Beitrag – etwas spezifischer – mit „Historizität, Kontextualität und Entwicklungsoffenheit“ auf der einen und „normativen Gehalten“ auf der anderen Seite
Die Autorin weist vollkommen zu Recht nach, welche negative Konsequenz das Auflösen der Spannung zwischen den beiden Polen zugunsten des zweitgenannten Pols – das heißt seine Verabsolutierung – hat. Sie scheint jedoch bestreiten zu wollen, dass es auch die entgegengesetzte, ebenfalls gesellschaftspolitisch wirkmächtige Bewegung gibt: das Auflösen der Spannung zugunsten Historizität und Kontextualität. Denn sie spricht generell vom bloß vermeintlichen Relativismus moderner Denkformen. Das tatsächliche Vorhandensein einseitig relativistischen Denkens und dessen politische Relevanz illustriert pointiert etwa Karl-Heinz Ott.[2] Heimbach-Steins selbst wirkt geneigt, das Perspektivenpaar historisch–systematisch zu verkürzen. Sie betont nämlich den historisch-biblischen Pol und klammert den systematischen Pol aus.
Die von der Autorin geforderte Hermeneutik muss auf einer gegenseitigen Korrektur wissenschaftlicher Methoden gründen; statt einem Entweder-oder bedarf es eines Sowohl-als-auch: historisch und systematisch, beschreibend und zergliedernd, verstehend bzw. hermeneutisch und erklärend bzw. analytisch, idiografisch und nomothetisch, individualisierend und generalisierend, Sinneserkenntnis in der Tradition der Empiristen und Vernunfterkenntnis in jener der Rationalisten. Ja: „Es ist Zeit, der um sich greifenden Angst vor Un-Ordnung und Kontrollverlust mit den Ressourcen einer widerständigen Hoffnung zu begegnen.“ Zugleich ist es Zeit, das psychologisch manifeste, existenzielle Grundbedürfnis nach Orientierung und Kontrolle ernst zu nehmen.
Religionsphilosophen wie Romano Guardini (mit seinem Frühwerk Der Gegensatz), Karl Rahner und Richard Schaeffler zeigten Wege auf, die zwischen den genannten Gegensatzpaaren vermitteln (können). Sie begründen implizit eine Hermeneutik, die sowohl „geschichtlichem Wandel“ und „der Dynamik und der Kontingenz des Erkennens“ als auch „ordnungsorientierte[m] Denken und Deuten der Welt“ gerecht wird.
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[1] „Theologie, als Gott-Rede, benötigt neben der historisch-kritischen Erfassung der Offenbarung (historisch-exegetische Fächer) auch ein epistemisch reflexiv gesichertes Kommunikationsparadigma (systematisch-philosophische Diskurse), um für die Kontexte des Alltags erschlossen zu werden (praktisch-katechetische Disziplinen).“ – Klaus Viertbauer und Heinrich Schmidinger im Vorwort in: dies. (Hg.), Glauben denken. Zur philosophischen Durchdringung der Gottrede im 21. Jahrhundert, Darmstadt 2016.
[2] Karl-Heinz Ott: Die schöne postmoderne Beliebigkeit hat den Härtetest nicht bestanden, in: Neue Zürcher Zeitung online vom 19. April 2017 (https://www.nzz.ch/feuilleton/wahrheit-und-luege-die-schoene-postmoderne-beliebigkeit-hat-den-haertetest-nicht-bestanden-ld.1085978).


