Johannes Lorenz vom Franfurter „Haus am Dom“ ergänzt den Beitrag seines Münsteraner Kollegen Johannes Sabel.
Es stimmt, was Johannes Sabel, Direktor des Franz Hitze Hauses, kürzlich in seinem Beitrag auf feinschwarz (Unheilvolle Allianzen: Autoritarismus und Christentum – feinschwarz.net) betonte: Es gibt eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie, die auch von einer unheilvollen Allianz zwischen Autoritarismus und Christentum ausgeht. Insbesondere dann, wenn nationale und völkische Elemente christlich aufgeladen und identitär ins Spiel gebracht werden, ist theologisch und politisch Vorsicht geboten. Als Studienleiter in einer katholischen Akademie möchte ich den Text von Johannes Sabel ergänzen. Am Ende seines Beitrags betont er die Aufgabe katholischer Akademien, autoritaristische, theologisch-religiös semantisierte Machtstrukturen sichtbar und kritisierbar zu machen. Dieses Argument möchte ich näher beleuchten und fragen, wie so etwas gelingen könnte.
Bereits vor einigen Jahren hat Carolin Emcke in einem Diskussionsbeitrag in der Süddeutschen Zeitung darauf hingewiesen, dass unsere Diskurse heute davon geprägt seien, Argumentationen nach Schlagwörtern oder Schlagwortsätzen abzusuchen, mit deren Hilfe eine politische Einordnung möglich wird. So deuten Sätze wie „Jeder Mensch hat eine Würde und muss als solcher unbedingt geschützt werden“ eher auf ein linksliberales Diskursfeld hin, wohingegen ein Satz wie „Migration muss gesteuert werden“ eher einem rechten Diskursfeld zuzuordnen ist. Ähnliche Framings von Argumentationen gibt es selbstverständlich auch im kirchenpolitischen Feld. Dort deuten Sätze wie „Die Eucharistie ist der Höhepunkt des christlichen Lebens“ kirchenpolitisch eher in eine rechtskonservative Richtung, wohingegen ein Satz wie „Die Sozialverantwortung der Kirche für Flüchtlinge ist Teil ihres Wesens“ klar einem progressiv-linken Spektrum zugeordnet wird. Zu guten Teilen ist eine solche Praxis sicherlich legitim und auch kein neues Phänomen. Jeder Mensch hat Interessen, biografische Prägungen, Grundanliegen und psychologische Motivationen, die ihn oder sie in seinen oder ihren Äußerungen in bestimmte Richtungen tendieren lassen. Problematisch wird es jedoch, wenn Diskurse nur noch über das Framing von Argumentationen geführt werden. Also dann, wenn Person A vehement für die Bedeutung der Eucharistie eintritt, Person B aber auf dieses Argument gar nicht eingeht, sondern das Framing – etwa „rechtskatholisch“ oder „identitär-katholisch“ – als Gegenargument gegen die vorgebrachte Position ins Feld führt. Damit hebt Person B das Argument auf die Ebene einer machtpolitischen Matrix und kann dem normativen Anspruch des Arguments gar nicht mehr begegnen. Gleiches gilt, wenn Person B sagt, dass die katholische Soziallehre wesentlich zur Kirche gehört, und Person A darin lediglich einen Ausdruck linker Gesinnungsideologie vermutet. In Extremfällen – häufig zu beobachten auf Social Media Debatten – gleitet der Streit zum Faustrecht ab. Am Ende gewinnt jener Schläger, der die Person am meisten zu verletzen im Stande ist, möglichst in der Nähe der Magengrube oder unterhalb der Gürtellinie. Dann hilft am Ende nur noch die Verhärtung auf beiden Seiten, weil tragischerweise sie allein der geschundenen Seele noch Schutz verspricht. Ein Teufelskreis. Gleichzeitig sind Framing-Debatten häufig Ausdruck von Hilflosigkeit, meint man doch dem anderen nur mit der Brechstange – weniger drastisch: auf der machttheoretischen Metaebene – begegnen zu können. Außerdem neigen sie dazu, Personen und ihre häufig komplexen weltanschaulich-religiös-politischen und psychologisch wirksamen Überzeugungen zu vereinfachen, was selbst ein Ausdruck von mangelnder Ambiguitätstoleranz sein könnte.
Die Feststellung, dass das Framing von Argumentationen ein Problem darstellt, ist natürlich nicht neu und wird durch die Zerfaserung der Öffentlichkeit in klar geframte Debatten- und Meinungsblasen in den sozialen Medien bestätigt. Meine Erfahrung als Studienleiter zeigt jedoch, dass wir auf der Ebene der persönlichen Begegnung den Unterschied zwischen politischem Framing, das machtpolitisch durchaus sinnvoll ist, und der normativen Ebene eines Arguments sehr genau im Blick behalten müssen. Kürzlich lud ich den SZ-Journalisten Tobias Haberl mit seinem durchaus kulturkritischen Buch Unter Heiden ins Haus am Dom ein. Tobias Haberl argumentiert darin für seine katholische Identität, beschreibt sogar, wie sehr ihn die alte Messe anzieht und dass für ihn die Eucharistiefeier das Allerwichtigste ist. Natürlich kann man die Meinung vertreten, Haberl sei ein rechtskonservativer Akteur – zumal er gegen das Frauenpriestertum argumentiert und mithin dem Verdacht ausgesetzt ist, antifeministisch eingestellt zu sein. Im Gespräch, insbesondere auch im Vorfeld und nach der Veranstaltung, ist jedoch deutlich geworden, dass Haberls Argumente nicht politischer Natur sein wollen, sondern zunächst und zuerst spirituell-theologischer Art sind. Natürlich ist klar, dass keine noch so spirituell-theologisch-fromm daherkommende Argumentation frei von politischen Interessen ist, selbst dann nicht, wenn diese unbewusst bleiben. Jede Erkenntnis ist mit Interessen verbunden (Jürgen Habermas). Entscheidend war jedoch, dass sich Haberl, sobald seinen Argumenten auf theologischer Ebene begegnet wurde – also auf der Ebene, auf der seine Argumentation greifen wollte –, eine große Offenheit für Gegenargumente zeigte, gerade weil er bewusst keine politische Agenda verfolgte, sondern seiner christlichen Haltung Ausdruck verleihen wollte.
Diese Erfahrung sollte selbstverständlich nicht leichtfertig verallgemeinert werden. Dass es rechte politische Agitationen gibt, die theologische Argumente instrumentalisieren, um nationalistische und völkische Ideologien zu stärken, steht außer Frage. Dass es starke rechte-identitäre Netzwerke gibt, die ein kompromissbereites Entgegenkommen eiskalt ausnutzen, zeigt nicht zuletzt die neue US-Administration mehr als deutlich. Meines Erachtens besteht die Aufgabe katholischer Akademien jedoch nicht allein darin, Diskurse zu framen und zu entlarven – auch wenn dies eine wichtige politische (!) Aufgabe ist, die Akademien als demokratische Diskursorte auch leisten sollten. Weil katholische Akademien jedoch kirchliche Einrichtungen mit theologischer Expertise sind, ist es ebenso notwendig, den normativ-theologischen Diskurs zu führen und demokratiegefährdenden Argumenten auch auf theologischer Ebene zu begegnen. Kürzlich betonte Kardinal Hollerich in einem Gespräch, dass die katholische Soziallehre keine Zugabe zur Lehre der Kirche, sondern Ausdruck ihres Auftrags sei. Wer also meint, Eucharistiefrömmigkeit sei das Wesen des Christlichen, folgt Christus nur halbherzig. Dafür gibt es gute theologische Gründe. Das gilt ebenso für Positionen, die meinen, die Eucharistiefeier könne man sich getrost sparen. Auch hiergegen sprechen handfeste Gründe.
Das Beharren auf einer normativ-theologischen Argumentation darf dabei jedoch nicht mit einer falsch verstandenen Harmonie verwechselt werden. Wo theologische Sprache gezielt eingesetzt wird, um politische Machtansprüche zu verschleiern oder demokratische Grundwerte zu relativieren, reicht dialogische Offenheit nicht aus. In solchen Fällen ist Widerspruch nicht nur legitim, sondern notwendig. Gerade katholische Akademien müssen sich der Ambivalenz bewusst sein, dass theologischen Argumenten immer ausreichend Räume eröffnet bleiben sollten, dass sie aber immer auch als Instrumente politischer Machtausübung benutzt werden können. Eine ernsthafte theologische Auseinandersetzung ist daher kein naiver Gegenentwurf zur Machtanalyse, sondern ihre notwendige Ergänzung.
Das bedeutet konkret: Argumente müssen dort auf ihrer eigenen theologischen Logik ernst genommen werden, wo sie diese tatsächlich beanspruchen. Wo jedoch identitäre Verhärtungen sichtbar werden, wo nationale oder völkische Denkfiguren christlich aufgeladen oder demokratische Prinzipien relativiert werden, darf der Verweis auf „spirituelle Anliegen“ keine Schutzbehauptung sein. Auf diesem schmalen Grat unterwegs zu sein, ist eine große Herausforderung der Arbeit von katholischen Akademien heute.
Kardinal Hollerich zeichnete in seinem Gespräch das Bild eines gemeinsamen Weges mit Christus, bei dem die einen links, die anderen rechts gehen, manche weiter vorne, andere weiter hinten. Dieser legitime und natürliche Pluralismus – „es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt (Benedikt XVI)“ – steht unter der Voraussetzung, dass der Blick tatsächlich auf Christus gerichtet bleibt.
Widerstandsfähiger kirchlicher Diskurs muss Offenheit für alle diskursfähigen und lernbereiten Menschen mit der Bereitschaft verbindet, klare theologische und politische Grenzlinien zu ziehen. So kann verhindert werden, dass dialogische Räume zu Einfallstoren antidemokratischer Agitation werden.
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Dr. Johannes Lorenz ist Studienleiter für Theologie und Philosophie am Haus am Dom in Frankfurt/M.


