2026 jährt sich die Ermordung der Trappisten von Tibhirine zum 30. Mal. Dennis Halft OP über die Dynamik der Kirche in Algerien und einen geplanten Papstbesuch.
Die katholische Gemeinde in Algier feierte im Januar das Fest der Taufe des Herrn bereits am Freitag vor dem eigentlichen liturgischen Datum, damit möglichst viele Gläubige aus der Erzdiözese an ihrem arbeitsfreien Wochenende – am Freitag und Samstag – in die Hauptstadt kommen konnten. Die Stimmung war ausgelassen, Kinder spielten neben der Kirche, und die Sonne strahlte an diesem wolkenlosen Wintertag über dem Vorort El Biar.
Algerien ist zu 99% muslimisch. Die Zahl der Christ*innen beläuft sich auf wenige tausend, die verstreut in dem flächenmäßig größten Land Afrikas leben. Dennoch wächst die Gemeinde im bevölkerungsreichen Küstenstreifen in den Diözesen Algier im Zentrum, Oran im Nordwesten und Constantine im Nordosten. Anders als in vielen muslimischen Ländern ist es in Algerien nicht gesetzlich verboten, als Muslim*in einen anderen Glauben anzunehmen, auch wenn Konvertit*innen soziale Konsequenzen fürchten müssen. Einige fühlen sich deshalb zu einem „Doppelleben“ genötigt, wie eine Frau berichtet.
Reise des Papstes nach Algerien erwartet
Unter dem Motto „Unité“ verbrachten die Gemeindemitglieder, darunter Einheimische, Afrikaner*innen aus subsaharischen Ländern und Europäer*innen, die in Algerien leben und arbeiten, einen ganzen Tag im Diözesanhaus in Algier, um sich in Workshops besser kennen zu lernen, weil sie sich nur selten begegnen. Es wurde Arabisch, Französisch und Kabylisch, die Sprache der lokalen Berber*innen, gesprochen. Einige Frauen trugen bunte, traditionelle Kleidung mit Kopfschmuck. Der Erzbischof von Algier, der Dominikaner Jean-Paul Kardinal Vesco, kehrte gerade aus Rom zurück, wo er am außerordentlichen Konsistorium von Papst Leo XIV. teilgenommen hatte.
Dem Vernehmen nach plant der Papst in der ersten Jahreshälfte eine Afrika-Reise, auf der er auch Algerien besuchen will, um ein Zeichen für Dialog und Versöhnung zu setzen.[1] Als Augustinereremit dürfte dem Papst ein Besuch an den Wirkungsstätten des hl. Augustinus in dessen Geburtsstadt Thagaste, heute Souq Ahras, und dessen Bischofssitz Hippo Regius, heute Annaba, nahe der tunesischen Grenze besonders gelegen sein. Auch eine Papstmesse in der Marienbasilika Notre-Dame d’Afrique, die über der Bucht von Algier thront und von Algerier*innen liebevoll „Lalla Meryem“ genannt wird, dürfte auf dem Programm stehen. Hier ruht unter anderem Kardinal Lavigerie, erster Erzbischof von Algier und Gründer der Ordensgemeinschaften der Weißen Väter und Weißen Schwestern.
Ein Land voller Traumata von Krieg und Gewalt
Als Frankoalgerier lebt der Dominikaner und frühere Rechtsanwalt Vesco seit mehr als zwei Jahrzehnten in Algerien, zunächst um eine Ordensniederlassung in Tlemcen nahe der Grenze zu Marokko zu gründen, dann als Generalvikar der Diözese Oran, schließlich als deren Bischof und, seit 2022, als Erzbischof von Algier. Ende 2024, nur wenige Monate vor seinem Tod, nahm Papst Franziskus den Dominikanererzbischof in das Kardinalskollegium auf. Die katholische Kirche lehne jede Art von Spaltung und Proselytenmacherei ab, stellt Vesco im Gespräch klar, während er auf einem knallgelben Sofa im Diözesanhaus Platz nimmt. Vielmehr bestehe die Aufgabe der Kirche in Algerien darin, mit Muslim*innen nachbarschaftlich zusammenzuleben und einen Beitrag zur Versöhnung der algerischen Gesellschaft zu leisten.
Eine solche Versöhnung tut not, denn das Land, das 1962 von Frankreich unabhängig wurde, leidet bis heute an einer doppelt klaffenden Wunde: zum einen an den Folgen der rund 130-jährigen französischen Kolonialherrschaft und eines jahrelangen brutalen Unabhängigkeitskriegs, zum anderen an den schwarzen Jahren der 1990er, als Islamisten und algerische Regierungskräfte das Land in einen verheerenden Bürgerkrieg mit schätzungsweise 150.000 Toten stürzten. Auch Imame, die sich gegen die islamistisch motivierte Gewalt stellten, wurden getötet. Allmählich beginnen Algerier*innen, ihre Traumata ins Wort zu fassen.
Die diplomatischen Beziehungen zwischen Algerien und Frankreich sind zerrüttet und schwer belastet. Auf deutsche Vermittlung hin wurde kürzlich der algerisch-französische Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Boualem Sansal begnadigt und aus algerischer Haft entlassen.
Blutiges Glaubenszeugnis von Ordensfrauen und -männern
Der algerische Bürgerkrieg machte auch vor Christ*innen nicht halt. Zwischen 1994 und 1996 wurden insgesamt 19 französische, spanische und belgische Ordensleute ermordet, die ihre Berufung darin sahen, den Algerier*innen in Nächstenliebe zu dienen. Die Bekanntesten von ihnen sind die sieben Mönche des Trappistenklosters von Tibhirine im Atlas-Gebirge südwestlich von Algier, die im Frühjahr 1996 von Islamisten entführt und später massakriert wurden. Die genauen Hintergründe der Bluttat sind bis heute nicht aufgeklärt. Das Schicksal der Trappisten wurde 2010 einer größeren Öffentlichkeit bekannt durch den preisgekrönten Spielfilm „Von Menschen und Göttern“ des französischen Regisseurs Xavier Beauvois.
Wenige Monate nach der Ermordung der Trappisten tötete eine Bombe den Dominikaner, Islam-Kenner und Bischof von Oran Pierre Claverie, der auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs Einsichten formulierte wie: „Von nun an keine Mauern mehr, keine Grenzen mehr, keine Bruchstellen mehr. Es ist nötig, dass der Andere existiert, ohne diesen liefern wir uns der Gewalt aus, dem Ausschluss, der Zurückweisung.“[2] Auch Claveries muslimischer Freund Mohamed Bouchikhi, der ihn mit seinem Wagen vom Flughafen abholte, kam bei dem Anschlag am 1. August 1996 in Oran ums Leben. An ihr Schicksal erinnert das Theaterstück „Pierre et Mohamed“ von Adrien Candiard, das 2011 auf dem Festival von Avignon uraufgeführt wurde.
Das Testement des Christian de Chergé
Die ermordeten Ordensleute waren sich der Gefahr für Leib und Leben wohlbewusst. Dennoch entschieden sie sich, auch während der Bürgerkriegsjahre in Algerien zu bleiben und den Menschen beizustehen. Der Prior des Trappistenklosters Notre-Dame de l’Atlas, Christian de Chergé, sah seinen Tod kommen und formulierte zum Jahreswechsel 1993/94 in seinem geistlichen „Testament“:
„Wenn es mir eines Tages widerführe – und das könnte heute sein –, Opfer des Terrorismus zu werden, der jetzt anscheinend alle in Algerien lebenden Fremden mitbetreffen will, so möchte ich, dass meine Gemeinschaft, meine Kirche, meine Familie sich daran erinnern, dass mein Leben Gott und diesem Lande HIN-GEGEBEN war. (…) Ich hätte gerne, wenn es so weit ist, eine kurze Frist der Hellsichtigkeit, die mir erlauben würde, das Verzeihen Gottes und das meiner Brüder in der Mitmenschlichkeit zu erbitten, und desgleichen auch, um von ganzem Herzen jenem zu verzeihen, der mich heimsuchen wird.“[3]
2018 wurden die 19 Märtyrer*innen Algeriens in der Basilika Notre-Dame de Santa Cruz in Oran im Auftrag von Papst Franziskus seliggesprochen. Die Kirche gedenkt ihrer alljährlich am 8. Mai. Ihre Konterfeis zieren nicht nur die Altarwand der Kirche des Diözesanhauses in Algier, sondern sind auch andernorts im Land sichtbar. Das Schicksal dieser Märtyrer*innen bewegt Christ*innen und Muslim*innen gleichermaßen, die gemeinsam das schwarze Jahrzehnt Algeriens durchlebt haben. Das einstige Trappistenkloster von Tibhirine wurde dank des Engagements der Gemeinschaft Chemin Neuf zu einem wichtigen Ort des Gedenkens und der Versöhnung, an dem alle Algerier*innen ihre Erinnerung an die Schrecken des Bürgerkriegs zur Sprache bringen können.[4]
Kirche in Algerien als Vorbild für die Weltkirche
Auf die Frage, was die katholische Kirche in Algerien auf weltkirchlicher Ebene einbringen kann, hat Kardinal Vesco nur eine Antwort: Es ist genau diese Erfahrung als absolute Minderheit – strukturell schwach und höchst vulnerabel – im Umgang mit Verlust und existenziellen Nöten, die die gegenwärtigen Debatten in der Kirche, auch unter Kardinälen, zu bereichern vermag.
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[1] Vgl. Kardinal rechnet mit baldiger Papstreise nach Algerien, KNA, 09.01.2026, www.domradio.de/artikel/kardinal-rechnet-mit-baldiger-papstreise-nach-algerien (Aufruf: 12.01.2026).
[2] Claverie, Pierre, Plurale Menschheit, in: Jean-Jacques Pérennès, Pierre Claverie. Dominikaner und Bischof in Algerien. Mit e. Vorw. v. Timothy Radcliffe OP. Aus d. Frz. übers. v. Laurentius Höhn OP / Marcel Oswald OP unter Mitarbeit v. Ulrich Engel OP / Christian Babendreier (Dominikanische Quellen und Zeugnisse Bd. 17), Leipzig 2014, 409–414, hier 410.
[3] Chergé, Christian de, Das Testament, in: Iso Baumer, Die Mönche von Tibhirine. Zeugen eines notwendigen Dialogs, München 2018, 147–150, hier 147 (Hervorhebung im Original).
[4] Vgl. www.monastere-tibhirine.org (Aufruf: 12.01.2026).
Bild: privat (Die Altarwand der Kirche des Diözesanhauses in Algier mit den 19 Märtyrer*innen Algeriens)
Dennis Halft ist Dominikaner und verwaltet als Islamwissenschaftler und Theologe an der Theologischen Fakultät Trier den Lehrstuhl für Abrahamitische Religionen mit Schwerpunkt Islam und interreligiöser Dialog. Er ist Mitglied des Institut dominicain d’études orientales in Kairo und seit 2021 Berater der Unterkommission für den Interreligiösen Dialog (Kommission X) der Deutschen Bischofskonferenz.


