Das brandneue Testament

Der Film ist nicht mehr brandneu, die Bibel aber ja auch nicht. Matthias Wörther zu einem Streifen, der große theologische Fragen aufwirft, und dabei vor allem eines ermöglicht: die Welt und die eigene Biografie im Licht einer unterhaltsamen Erzählung zu betrachten. Das aber, so Wörther, sei deutlich mehr, als man im Regelfall von Predigten und anderen Lebensratgebern erwarten könne.

Gott tritt im Film selten in Person auf, aber es gibt doch ein paar Belege: als älterer Herr im Anzug in Terry Gilliams ‚Time Bandits‘ (1981), in ‚Dogma (1991) als Frau, in ‚Bruce Allmächtig‘ (2003) als Farbiger, verkörpert von Morgan Freeman, und in ‚Jesus liebt mich‘ (2012) als Klischee-Rauschebart, der mit der Verwaltung seiner vielen chaotischen Welten heillos überfordert ist. Nach jüngsten filmischen Erkenntnissen allerdings hält er sich in Belgien auf: „Gott existiert. Er lebt in Brüssel.“

Gott tritt im Film selten in Person auf. Ab und zu aber doch.

So jedenfalls die einprägsame Werbezeile für Jaco van Dormaels jüngsten Film ‚Das brandneue Testament‘. Irgendwo in Brüssel haust Gott, ein übellauniger Typ, mit seiner Familie, nämlich Frau und Tochter (der Sohn lebt aus bekannten Gründen nicht mehr bei der Familie), in einem Hochhaus und terrorisiert von seinem Welt-Steuerungs-Computer aus die Menschheit. Gott ist ein ziemlich unangenehmer Vater und sadistischer Weltenschöpfer, was vor allem die verbliebene Tochter Ea schmerzhaft zu spüren bekommt.

Ea hat schließlich mit Recht genug von ihm, verschafft sich Zugang zu seinem Zentralcomputer, informiert die Menschen auf der Welt per SMS über ihr jeweiliges Todesdatum und bringt den Rechner ihres Vaters zum Absturz. Ihr Bruder hat ihr geraten, nach ihrer Flucht, zu der er ihr Hilfestellungen gibt, einer Idee der Mutter zu folgen. Sie war immer der Meinung, zwölf Apostel seien nicht genug, es müssten achtzehn sein, da beim Baseball auch achtzehn Spieler eine Mannschaft bildeten. Also zieht Ea sechs Identitätskarten aus Papas Register, und macht sich dann auf den Weg, um die Welt der Menschen kennenzulernen.

Neue Apostelinnen und Apostel

Damit ist auch die Struktur des Films vorgegeben, denn nachdem Ea einen Obdachlosen zum Schreiber ihres ‚brandneuen Testaments‘ ernannt hat, werden von ihr in sechs Episoden die fehlenden Apostelinnen und Apostel berufen: Aurélie, Jean-Claude, Marc (‚Der Besessene‘), Francois (‚Der Vollstrecker‘), Martine und Willy. Alle sehen sich durch den von Ea veranlassten ‚Deathleak‘ mit ihrem genauen Todesdatum konfrontiert und vor die Aufgabe gestellt, den jeweils unterschiedlich langen Rest ihres Lebens zu gestalten. Ea wirkt wie ein Katalysator auf sie, denn sie bringt die jeweilige Lebensmelodie der Berufenen zum Klingen, die so auf verschiedenen Wegen zu sich selbst und zu einem Einverständnis mit ihrem Leben finden. Gemeinsam erwarten sie schließlich am Strand des Meeres den Tod von Willy, der als erster sterben muss.

Gottes Frau zieht den Stecker.

Indessen hat allerdings Gottes Frau den Computerstecker gezogen, weil sie eine Steckdose für den Staubsauger brauchte. Als sie den Computer später wieder ansteckt, fährt das hängengebliebene System hoch und setzt alle Werte zurück: Kein Mensch weiß mehr, wann er sterben muss. Statt Gott hat es jetzt seine Frau in der Hand, die Schöpfung zu ordnen, und für Willy und alle anderen Menschen ist die Zukunft wieder offen.

Regisseur Jaco van Dormael hat sich auch in seinen vorangegangenen Filmen oft mit Biografien befasst und über alternative Lebensentwürfe nachgedacht: Was wäre wenn dies oder jenes im Leben eines Menschen passiert oder eben nicht passiert wäre? Dormael interessiert die Offenheit und gleichzeitige Schicksalhaftigkeit von Lebensgeschichten, etwa in ‚Toto der Held‘ (1991) oder in ‚Mr. Nobody‘ , wo ein kleiner Junge wählen muss, ob er nach der Scheidung seiner Eltern bei der Mutter oder beim Vater bleibt und sich eine Reihe möglicher Lebensläufe vorstellt, die sich aus seiner Entscheidung ergeben könnten.

Radikalisierung des Bewusstseins von der Einzigartigkeit des Lebens

‚Das brandneue Testament‘ universalisiert und radikalisiert mit dem ‚Deathleak‘ das Bewusstsein für die Einzigartigkeit des eigenen Lebens, die Beschränkung der Lebenszeit und die Notwendigkeit von Entscheidungen. Der Film übt satirische Kritik an einem tyrannisch-bösartigen Schöpfer, der eine Welt der Widrigkeiten eingerichtet hat, und an den Menschen, die sich mit einer himmlischen Zukunft vertrösten, anstatt ihren Wünschen zu folgen und zu sich selbst zu stehen. Das Paradies sei hier auf der Erde, meint Ea zu ihrem Chronisten, es existiere keine andere, bessere oder jenseitige Welt.

Kleine, bürgerliche Utopien

Es sind kleine, letztlich auch bürgerliche Utopien, die erzählt werden: Aurélie und Francois werden ein Liebespaar, Jean-Claude folgt dem Lockruf eines Vogels in die Arktis, Marc trifft seine Jugendliebe wieder, Martine trennt sich (witziger Weise um eines Gorillas willen) von ihrem Mann, und Willy, der gerne ein Mädchen wäre, traut sich endlich, im Rock in die Schule zu gehen. Selbst der ‚Systemneustart‘ durch Eas Mutter, die Frau Gottes, bleibt, ironisch und spielerisch wie der ganze Film, mehr ein Appell an die Fantasie als eine handfeste Utopie: sie hebt die Schwerkraft auf, streut Blumen über das Firmament und färbt den Himmel rosa ein.

Die spielerische Dimension von ‚Das brandneue Testament‘ zeigt sich auch an den zahlreichen Anspielungen auf andere Filme, von King Kong bis Jesus von Montreal. Und wenn zwei Plastiktüten im Wind über dem Wasser treiben haben Kinogänger die inzwischen ikonische Sequenz in Sam Mendes ‚American Beauty‘ vor Augen, in der ein junger Mann seiner Freundin die Schönheit der Wirklichkeit und die Transzendenz im Alltag demonstriert.

Große theologische Fragen: Schöpfung, Vorsehung, Theodizee, Christologie, Eschatologie, der Sinn des Lebens.

Es sind große theologische Fragen, die ‚Das brandneue Testament‘ anspricht, Schöpfung, Vorsehung, Theodizee, Christologie, Eschatologie, der Sinn des Lebens, aber der Film spricht sie auf sehr unterhaltsame, manchmal klischeehafte, vielleicht auch kitschige Weise an. Nicht die Theologen sind in erster Linie gemeint, sondern die Menschen im Kino, denen er von einem alternativen Leben erzählt. Hier dürfte auch van Dormaels eigentliche Botschaft zu suchen zu sein: Macht das Beste aus eurem Leben, befreit euch von Konventionen, erkennt den Wert der Zeit. Ein großes, filmisches Carpe diem also.

Auf der anderen Seite gehen die biblischen, kirchlichen und zeitkritischen Bezüge über das bloß Spielerische hinaus. Zum Film erschienene Arbeitshilfen der Bundeszentrale für politische Bildung und des Katholischen Filmwerks weisen diese Rückbezüge detailliert nach, um das didaktische, katechetische und theologische Potential des Films zu erschließen. Es lohne sich, so Manfred Karsch in der Broschüre des Filmwerks, sich in der schulischen und kirchlichen Bildungsarbeit mit dem Film auseinanderzusetzen.

Nicht weil etwas in autoritativen Texten steht, hat es Bedeutung, sondern was Bedeutung hat, schlägt sich in Texten nieder, die daraus ihre Autorität beziehen.

Das dürfte stimmen. Aber nur, wenn kenntlich bleibt, dass die Aussagen des Films nicht deshalb beim Publikum ankommen, weil sie sich biblisch referenzieren lassen, sondern weil sie vom eigenen Leben in der Gegenwart erzählen. In diesem Sinn ist auch der Titel des Films zu verstehen: Nicht weil etwas in autoritativen Texten steht, hat es Bedeutung. Das Umgekehrte gilt: Was Bedeutung hat, schlägt sich in Texten nieder, die daraus ihre Autorität beziehen.

Von Dormaels ‚Brandneues Testament‘ ist ein solcher Text, und selbst wenn dessen Autorität in verschiedenster Weise in Frage gestellt werden kann, ist es ein ehrenwerter Versuch, ‚brandneu‘ vom Leben zu erzählen. Und zwei Stunden lang die Welt und die eigene Biografie im Licht einer anregenden, unterhaltsamen und beziehungsreichen Erzählung betrachten zu können, ist deutlich mehr, als man im Regelfall von Predigten, Lebensratgebern und Philosophenstatements erwarten kann.

(Text: Matthias Wörther; Bild: Kris Derwitte, Filmladen Filmverleih GmbH, Wien)

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