Die Ökonomie und das Soziale: ein Ehepaar mit Entwicklungspotential

Wirtschaft ist Care

Was tun Erzieherinnen, was tun Pfleger, was tun Mütter und Väter? Sie nähren, fördern und begleiten Menschen. Was tun Ökonominnen und Ökonomen? Irgendwas mit Zahlen, oder mit anderen Worten: Ich weiss es nicht genau… (Ina Praetorius)

Zwar würde ich gern verstehen, was zum Beispiel in der ökonomischen Kaderschmiede auf dem St. Galler Rosenberg gedacht, gelehrt und geforscht wird. Denn schliesslich sind wir alle an dem beteiligt, was man „die Wirtschaft“ nennt: als Konsumenten oder Arbeitgeberinnen, als Eltern oder Pensionierte. Ja doch, ich habe recherchiert. Aber der Sinn der Zahlen und Kurven, die mir, verbunden mit der rituellen Versicherung, der Markt werde es richten, auf den Webseiten der wirtschaftswissenschaftlichen Institute begegnen, erschliesst sich mir selten.

Eine Anfrage an elf wirtschaftswissenschaftliche Fachbereiche

Um der Sache näher zu kommen, hat der Verein WiC (Wirtschaft ist Care) am 24. April 2016 zehn Dekane und eine Dekanin von elf wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen in der deutschsprachigen Schweiz angeschrieben. Wie schon der Name sagt, nehmen wir eine bestimmte Perspektive auf die Wirtschaft ein: Wirtschaft ist Care. Es erstaunt, dass dieser schlichte Satz heute als Provokation empfunden wird, denn alle Ökonomen sind der Meinung, Wirtschaft habe nur eine einzige Aufgabe, nämlich die, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, also für sich und andere zu sorgen…

… Wie dem auch sei: auf zwei Fragen wollten wir Antworten haben: Erstens: Welchen Stellenwert hat im jeweiligen Fachbereich die Care-Arbeit, insbesondere die unbezahlte Arbeit in Privathaushalten? Zweitens: Welche einschlägigen Forschungsprojekte sind abgeschlossen, im Gange oder geplant? Fünfmal haben wir schriftlich nachgefragt, bis wir schliesslich acht Antworten bekamen. Drei der angeschriebenen Herren haben bis heute nicht reagiert.[1]

Zwei Fragen zur Bedeutung von Care-Arbeit in den Wirtschaftswissenschaften

Jetzt wissen wir ungefähr, was die vielen Ökonomen und die wenigen Ökonominnen an den Universitäten und Fachhochschulen nicht tun: Sie forschen und lehren nicht über den Wirtschaftssektor, der laut den Berechnungen des schweizerischen Bundesamtes für Statistik[2] der grösste ist: die unbezahlte Arbeit in Privathaushalten, die normalerweise dazu dient, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, ohne den Umweg über das vermeintlich allgemeine Tauschmittel Geld.

Fragen Sie die Sozialwissenschaften!

Die acht Ökonominnen und Ökonomen, die uns geantwortet haben, fanden unsere Fragen übrigens keineswegs irrelevant. Sie haben uns aber an andere Fachbereiche verwiesen: an die Soziologie, die Sozialarbeit, die Pflegewissenschaft, die Geographie, die Ethik, die Arbeitswissenschaft, die Psychologie, und vor allem: die Gender Studies.

Tatsächlich forschen in allen diesen Disziplinen viele Frauen und ein paar Männer über die Themen, die uns interessieren. An der Universität Basel hat zum Beispiel die Soziologin Sarah Schilliger über polnische Migrantinnen geforscht, die in Schweizer Haushalten 24-Stunden-Betreuung für pflegebedürftige Menschen leisten. In der Abteilung Gesundheit der Kalaidos-Fachhochschule Zürich befasst sich ein Projekt namens work&care unter der Leitung der Pflegewissenschaftlerin Iren Bischofberger mit Fragen der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege. Die Wirtschaftsethikerin Ulrike Knobloch hat ihr theoretisches Konzept eines „vorsorgenden Wirtschaftens“ jahrelang am Fachbereich „Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit“ der Universität Fribourg entwickelt. An den vier Deutschschweizer Instituten für Gender Studies laufen Projekte zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Und auch im vergleichsweise hochdotierten Forschungsverbund ForGenderCare im benachbarten Bayern sind die Wirtschaftswissenschaften gegenüber Fächern wie Soziologie, Pädagogik oder Geschlechterforschung und sind Männer gegenüber Frauen weit untervertreten.

Ist die Ökonomie ein Mann und das Soziale eine Frau?

Was hat es zu bedeuten, dass die Ökonomen uns mit unseren Fragen in die Sphäre verweisen, die gemeinhin „das Soziale“ heisst? Warum werden zehn von elf wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen von Männern geleitet, aber über die unbezahlte Befriedigung menschlicher Bedürfnisse forschen und lehren fast ausschliesslich Sozialwissenschaftlerinnen? Ist die Ökonomie ein Mann und das Soziale eine Frau? Sind Genderforscherinnen die Haushälterinnen der Volkswirtschaft? Und noch einmal: was tun denn die Ökonomen, wenn sie den grössten Wirtschaftssektor nicht zu ihrem Gegenstandsbereich rechnen?

Zahlenspiele und Indoktrination

Die deutsche Ökonomieprofessorin Silja Graupe hat im Mai 2017 eine Studie zum Thema „Beeinflussung und Manipulation in der ökonomischen Bildung“[3] veröffentlicht: Darin weist sie nach, dass wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge nicht nur weltweit eine standardisierte, stark mathematisierte Sicht auf die Welt vermitteln, sondern zusätzlich manipulieren, indem sie zum Beispiel den Begriff „Markt“ notorisch und ohne Begründung mit Freiheit, Demokratie, Wohlstand und moralischer Überlegenheit verknüpfen.

In eine ähnliche Richtung weist eine Initiative, über die am 17. Dezember 2017 der britische „Guardian“ berichtete:[4] Neunundsechzig Intellektuelle, darunter viele Ökonominnen und Ökonomen, vergleichen die an Universitäten gelehrte Ökonomie mit dem Zustand der Kirche vor der Reformation: Ein einziges Glaubenssystem – damals die päpstliche Theologie, heute die ökonomische Neoklassik – übe eine immense Macht aus, dominiere öffentliche Diskurse und immunisiere sich gegen jede Kritik. Es brauche deshalb heute eine Reformation in der wissenschaftlichen Ökonomie.

Gesucht: eine Reformation in der wissenschaftlichen Ökonomie

Mit dem, was die Wirtschaftswissenschaftler tun, scheint es also nicht zum Besten zu stehen: Nicht nur beschränkt man sich auf eine uniforme Weltsicht, man vermittelt diese Sicht auch als allein seligmachend, wie damals im 15. und 16. Jahrhundert die vorreformatorischen Päpste und Priester. Könnte das auch damit zusammenhängen, dass die Ökonomen sich immer noch auf die Dienstbarkeit „des Sozialen“ verlassen können? Sind die Sozialwissenschaften das akademische „Hausvieh“[5], dem die Wirtschaftswissenschaft, und in ihrem Gefolge Konzerne, Medien und Politik, die lebenswichtige Sorge um das Wirkliche, zum Beispiel um elementare, nicht durch Werbung künstlich erzeugte Bedürfnisse, zuschieben?

Sozialwissenschaft: Die Ehefrau der Ökonomie

So funktionierte das klassische Arrangement: Während und weil „die Frau“ – als Ehefrau oder Haushälterin – sich zuhause um Nahrung, Sauberkeit, Ordnung, Harmonie und den Nachwuchs kümmerte, hatte der Mann Zeit, sich droben auf der Agora mit allerlei Spielereien zu beschäftigen, zum Beispiel mit der Verwaltung des Jenseits, dem Zeichnen kryptischer Diagramme, dem Bau von Trump Towern, der Spekulation mit Finanzprodukten, der Erfindung geschäftsfördernder Dogmensysteme oder dem Eintreiben von Ablass. Schon Aristoteles propagierte das Muster: „Die Wissenschaft des Herrn ist … diejenige, die die Sklaven zu verwenden weiß … und die Herren treiben Politik oder Philosophie.“[6] Die entlang der Geschlechtergrenze zweigeteilte Metaphysik des Sklavenhalters Aristoteles war die Vorlage der mittelalterlichen Theologie, und sie ist bis heute nicht ausdrücklich ausser Kraft gesetzt, jedenfalls nicht in den Kathedralen und Universitäten.

Seit einiger Zeit ändern sich aber unaufhaltsam die Vorstellungen davon, was gutes menschliches Zusammenleben diesseits der vermeintlich ewigen Zweiheit bedeuten kann: Frauen haben sich aus ihrer monetären Abhängigkeit befreit und lassen sich scheiden, Männer heiraten Männer, Transmenschen fordern Anerkennung, Kinder wachsen glücklich in queeren Patchworkfamilien auf… Die Zwangsvorstellung, die Menschheit bestehe qua Naturgesetz aus zwei und nur zwei Geschlechtern, einem dominanten und einem dienenden, löst sich auf in fröhliche Vielfalt. Wir erkennen: Die realen und begrifflichen Doppelbetten, in die man uns über Jahrhunderte mehr oder weniger gewaltsam gezwängt hat, machen nicht glücklich, erweisen sich zudem als grosses Hindernis, wenn es gilt, gemeinsam in eine ökologische Zukunft aufzubrechen.

Entdichotomisieren, Durcheinanderbringen

Anders als die realen Ehefrauen und Sklaven vergangener Jahrhunderte sind die diversen Wissenschaften, die heute noch oft in der dienenden Rolle der Gattin feststecken, zum Glück nicht rechtlos, sondern gleichberechtigt, im Prinzip jedenfalls. Zwar wird der Ökonomieprofessor, der in den Fernsehnachrichten zur Entwicklung der Börsenkurse befragt wird, heute noch anders gehört als die Pflegewissenschaftlerin, die den akuten Personalmangel im Gesundheitswesen kommentiert: Er spricht im einschüchternden Brustton unangefochtener priesterlicher Autorität, sie lächelt und hechelt.

Aber das bleibt nicht so. Denn die postpatriarchale Reformation ist unterwegs und schreitet fort. Sie besteht darin, das scheinbar streng Geschiedene frohgemut durcheinander zu wirbeln (diaballein): Ethnologinnen entern die Finanzwissenschaft, Ökonomieprofessoren lassen sich auf Pflegeberufe ein (und zwar nicht in Leitungsfunktionen!), Kinder und Alte stürmen die Hörsäle, Karrieristinnen sitzen an den Betten ihrer pflegebedürftigen Älteren, Diakoninnen schreiben Dogmatik und die Fürsorgeabhängigkeit aller offenbart sich uns neu.

Dr. Ina Praetorius, Schweiz, ist evangelische Theologin, mit Themenschwerpunkten feministische Ethik und postpatriarchale Lebensgestaltung

Bild: gerome-viavant /unsplash_com

[1] https://wirtschaft-ist-care.org/projekte-und-dokumente/

[2] https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/erhebungen/sake-ua.html

[3] http://www.fgw-nrw.de/fileadmin/user_upload/NOED-Studie-05-Graupe-A1-komplett-Web.pdf

[4] https://www.theguardian.com/business/2017/dec/17/heretics-welcome-economics-needs-a-new-reformation

[5] Immanuel Kant Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784) in: Immanuel Kant, Sämtliche Werke Bd. 4, o.O. 2000, 220-226, hier : 221.

[6] Aristoteles, Politik, übersetzt und herausgegeben von Olof Gigon, München 1973, 50-56.

Die Autorin bei feinschwarz.net:

Religiös sein: Abhängigkeiten kultivieren

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