„Dschihadist 003 ist jetzt online.“ Zum Erwachen der religiösen Macht in der Postmoderne

Theresia Heimerl zur Medienstrategie des „Islamischen Staates“. Mit einem Seitenblick auf Star Wars und die jungen Männer als Verlierer der Geschichte. 

Man muss die Jugendlichen dort abholen, wo sie sind, lautet ein alter Grundsatz der (Religions)Pädagogik. Genau das tut der IS. Er holt die Burschen und jungen Männer im Westen dort ab, wo sie einen großen Teil ihrer Zeit verbringen: im Internet, in Games und dazugehörigen Onlinegruppen, in deren gewalttätige Abgründe jenseits der FSK 18 (für Deutsche: PEGI) sich die elaborierten Konzepte moderner Pädagogik längst nicht mehr hin trauen.

„Komm zu uns, bei uns kannst du es in Echt tun“ lautete im Herbst 2014 eine Werbeeinschaltung der selbsternannten Gotteskrieger, in welcher all die Möglichkeiten des damals ob seiner amoralischen Narration und exzessiv inszenierten Gewalt viel diskutierten Video Games GTA5 (Grand Theft Auto, Rockstar Games) als Real Life Version im Nahen Osten angepriesen wurden.[1]

„Komm zu uns, bei uns kannst du es in Echt tun“

Steinzeit? Finsteres Mittelalter? Wer den aktuellen Angstgegner der westlichen Welt so einschätzt, begeht einen großen Fehler. Abgesehen davon, dass auch die mittelalterlichen Quellen uns von einer raffinierten Werbemaschinerie erzählen, mittels derer junge Männer zu Gewaltexzessen motiviert werden sollten (selbe Gegend, andere Religion) – die Mediennutzung ist mehr als souverän. Was wiederum, folgt man der alten These „the media is the message“, zur Erkenntnis führt, dass der IS zurzeit das jüngste und postmodernste  Unternehmen im Bereich Religion und Ideologie ist. Plakate und Flyer waren vorgestern, Radio und Fernsehen gestern, online Games und professionelle Videos sind jetzt. Und es ist barmherziger Selbstbetrug zu meinen, das seien nur die Mittel, media eben, die Inhalte (message) seien Steinzeit oder Mittelalter.

IS: das jüngste und postmodernste Unternehmen im Bereich Religion und Ideologie.

Wer sich traut, hinzuschauen, sieht: Das aktuelle Herz der Finsternis ist zu 100% postmodern. Nicht nur, wie viele nicht müde werden, zu betonen, dass erst der Kolonialismus des 19. und 20. Jahrhunderts die Problemlage möglich gemacht habe, nicht nur, dass wir in einer globalen Welt mit Migration leben – die Suche nach unverstellten, „echten“ Gewaltspielen, die eine Fortsetzung der primären virtuellen Games sein sollen, ist post-modern im wahrsten Sinn des Wortes.

Nach den säkularen Totalitarismen der Moderne und den Dekonstruktionen der Gewalt in der entfalteten Moderne bleibt religiöse Gewalt als letztes Tabu und damit Faszinosum übrig, als Wiederauferstehung der beiden großen Bedrohungen, von denen sich die Zivilisation durch Aufklärung und Frankfurter Schule befreit zu haben meinte.

Religiöse Gewalt: das letzte Tabu und Faszinosum.

Wessen Großeltern mit den Nazis und wessen Eltern mit der RAF sympathisierten, wem katholisch-konservative Klosterchöre zu langweilig sind, und wer trotzdem gerne in Schwarz  gewandet eine Sinnsuche nach der großen Geschichte des Bösen betreibt, der kann sich den jüngsten Star Wars Film ansehen und/oder gleich die Videobotschaften junger IS-Kämpfer. In beiden Fällen ist die Botschaft: Wenn junge Männer noch wirklich etwas werden wollen, nachdem ihre frühere gute Heldenrolle von einer Frau besetzt ist, die Mutter sich im Job aufgerieben und den versagenden Vater vor die Türe gesetzt hat, da die demokratische Welt der galaktischen zweiten Republik noch immer allzu viel Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich, ja sogar versteckte Sklaverei zu bieten hat, bleibt nur noch ein mythisch überhöhtes Böses, das verspricht, ein neues Reich aus dem Blut der Feinde zu errichten.

Wenn junge Männer noch wirklich etwas werden wollen, bleibt nur noch ein mythisch überhöhtes Böses.

Nein, der neue Star Wars Film ist nicht jener erste von 1977, auch wenn er diesen oft und geschickt zitiert. Er ist ein hübsches kleines Lehrstück zu Idealen und zum Bösen in der Postmoderne: Der Campbellsche Held kann mittlerweile glaubhaft eine Heldin sein, auch in der weit entfernten Galaxis scheitern romantische Beziehungen am Alltag, ethnische Diversität geht gut, solange sie ideologiefrei gehalten wird – und die großen Verlierer sind die Helden von 1977: die jungen Männer.

Ihnen wird die strahlende Heldenrolle verweigert, weil leider schon weiblich besetzt (Mutter, junge Frau), die pädagogischen und familiären Autoritäten (Vater, Onkel) erweisen sich als irgendwie langweilig und von gestern und einer nicht minder langweiligen und mühsamen Idee des friedlichen Zusammenlebens verpflichtet – was bleibt da noch, außer dem schwarzen Mantel, der schwarzen Maske in Erinnerung an den coolen Großvater und Oberbösewicht und die Hinwendung zur autoritären Vaterfigur, die aufregende Kämpfe in der Galaxis und den Lohn der Weltherrschaft verspricht?

Ironischerweise holt Star Wars 2015 jenen Vatermord nach, den es in der ersten  Trilogie der späten 70er- und frühen 80er-Jahre verweigert hatte. Waren damals, nach den wilden 68er-Jahren, Versöhnung und Verständnis für den zum Bösen verführten Vater angesagt, sogar unter christlicher Bereitschaft zum Selbstopfer, sehen wir heute die narrative und ikonographische Umkehrung der Szene: Der Vater, der für Demokratie und Versöhnung in der Galaxis gekämpft hat, wird vom jungen, radikalisierten Sohn in einem Akt der Selbstbefreiung getötet.

Star Wars: die langsame Reaktion der Popkultur auf die neue Selbstinszenierung des Bösen.

Was Star Wars daneben noch deutlich werden lässt, ist die langsame Reaktion selbst der Popkultur auf die geänderte Ikonographie und (Selbst)Inszenierung des Bösen. Wenn wieder einmal in Leni-Riefenstahl-Manier die Soldaten in Reih und Glied unter rotem Banner stehen und den Arm (hier: mit geballter Faust) erheben, dann geht das vielleicht noch als innertextuelle Referenz an George Lucas (der sich eben bei Riefenstahl bedient hat) durch, die neue Ikonographie ist eine andere und keineswegs so singulär, wie uns der junge böse Rebell in Das Erwachen der Macht glauben machen will. Und sie ist deutlich religiöser als Disney sich darzustellen traut. Denn, wie  sagte doch schon Darth Vader, das große Vorbild des neuen bösen Buben, 1977 zum banalen Bösen in Uniform: „Ihr Mangel an Glaube ist beklagenswert.“

Einige harte Erkenntnisse für unverbesserlich optimistische Theologinnen und Theologen

Das Jahr 2015 hielt selbst für unverbesserlich optimistische Theologinnen und Theologen einige harte Erkenntnisse bereit. Erstens: Religion kann nach wie vor zu Gewalt und Grausamkeit führen. Zweitens: Diese in einem religiösen Narrativ begründete Gewalt ist nicht ein Relikt früherer Zeiten, sondern genuines Kind von Aufklärung und Moderne auf dem devianten Pfad zum Erwachsenwerden. Drittens: Sich nobel von den Gegenwelten der realen und virtuellen Gewalt fernzuhalten und  unter pädagogischen Tabuisierungen der Gegenwart in der eigenen Narration von 1977 zu verharren, ist keine Lösung: Man muss die Menschen dort abholen, wo sie sind, und das inkludiert auch die blutigen Straßen von GTA5, bevor sie in Mossul und Paris real werden. Wer die Botschaft verstehen will, muss das Medium kennen und beherrschen.

In diesem Sinn für alle, die es noch nicht wissen: Die Überschrift dieses Beitrags (Dschihadist 003 ist jetzt online) könnte jederzeit rechts oben auf Ihrem Fernsehbildschirm aufscheinen, so Ihr Kind via Konsole online spielt und sich dort mit Kombattanten verabredet hat – hoffentlich aber nicht.

Es wird übrigens noch einen zweiten und dritten Teil von Star Wars Neu geben und wir dürfen annehmen, dass zumindest dort das Gute siegen und den verführten Jüngling zum Licht zurückbringen wird. Ob der Rest der Welt nach diesem Drehbuch funktioniert, wird sich zeigen, ganz so reibungslos wohl eher nicht.

Und als kleines Postskriptum: Wer wissen will, wie ein Star Wars Plakat aussehen könnte, wenn nicht Disney dafür verantwortlich ist, schaut sich das Cover des IS-Magazins Dabiq vom September 2015 an.[2]

 

[1] Vgl. http://www.gamespot.com/articles/isis-used-gta-5-in-a-recruitment-video-report/1100-6422464/

[2] https://www.google.at/search?q=dabiq+cover&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwi85u7g24_KAhXGwBQKHfJ3Cv4Q_AUIBygB&biw=1920&bih=969#imgrc=T8M1yElyYJtS4M%3A

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