Ein Kreuz für Hund und Katz?

Tierbestattung

Christliche Tierbestattung? Ein Kreuz auf einem Tiergrab? Was die einen empört, ist für die anderen existenziell notwendig und / oder theologisch absolut sinnvoll. Martin M. Lintner geht den theologischen und ethischen Fragen rund um Tierbestattungen nach.

„Hat denn die Kirche keine größeren Probleme?“ – so eine empörte Reaktion auf ein Interview von mir zum Thema Tierfriedhöfe, das vor wenigen Wochen in einer lokalen Tageszeitung erschienen ist.[1] Nun, es mag wohl zutreffen, dass die Frage von Tierbestattungen derzeit weder zu den dringlichsten Anliegen der Kirche noch zu ihren drängendsten Problemen gehört. Und dennoch haben wir uns theologisch und pastoral mit dieser Frage auseinanderzusetzen, weil das Phänomen stark zunimmt.

Tierbestattungen liegen im Trend.

Theologische Reflexion ist notwendig.

Immer mehr Menschen haben den Wunsch, ihr verstorbenes Haustier zu beerdigen und eine Stätte der Erinnerung zu haben. Der Linzer Moraltheologe Michael Rosenberger spricht von einem „gesellschaftlichen Trend“ und er deutet den „kometenhaften Aufstieg der Tierbestattungen im deutschen Sprachraum“ als ein „Zeichen der Zeit“.[2] Die Kirchen täten gut daran, so Rosenberger, ihre Skepsis gegenüber Tierbestattungen zu überwinden. Hierin ist ihm und anderen AutorInnen wie Dirk Preuß zuzustimmen. Warum?

Tierbestattungen als „Zeichen der Zeit“

Zunächst geht es um die pastorale Begleitung von Menschen, die um ein Tier trauern. Im Leben von sehr vielen Menschen – und dabei ist nicht nur an vereinsamte oder sozial isolierte zu denken – spielen Tiere eine wichtige Rolle. Sie sind oft langjährige Begleiter eines Menschen, gehören zur Familie, sind Spielgefährten von Kindern u.a.m. Dass dabei auch enge emotionale Beziehungen bestehen, verwundert nicht und bedeutet auch nicht, dass Tiere vermenschlicht werden – solange an ein Tier nicht Erwartungen gestellt werden, denen es nicht gerecht werden kann, weil sie nur von einem menschlichen Gefährten erfüllt werden können.

Der Tod eines solchen tierischen Gefährten und Freundes schmerzt und löst Trauer aus. Es ist nur allzu verständlich, dass sich jemand dagegen sträubt, den toten Tierkörper wie Abfall zu entsorgen. Man braucht hier gar nicht Parallelen zum menschlichen Leichnam zu bemühen, der nicht zuletzt deshalb mit Pietät zu behandeln ist, weil in ihm Persönlichkeitsrechte der verstorbenen Person gleichsam nachwirken. Im Falle eines toten Tieres geht es zunächst um die emotionale Bedeutung, die der Tierkörper für einen Menschen hatte. Aus diesem Grund kann – im Unterschied zum Menschen – auch nicht von einer Pflicht gesprochen werden, einen Tierkadaver zu beerdigen, sondern eher von einer sinnvollen und berechtigten Geste, wo sie für einen vom Tod eines Tieres betroffenen Menschen von Bedeutung ist.

Es geht um die pastorale Begleitung von Menschen.

Sie trauern um ein Tier.

Es stellt sich sodann die Frage, ob es einen Ritus geben soll für eine solche Bestattung. Wie die christliche Tradition den Brauch von Tiersegnungen kennt, so ist es durchaus auch sinnvoll, dass es eine rituelle Form von Bestattung eines Tieres gibt. Es spricht nichts dagegen – im Gegenteil. Wie weiter unten noch auszuführen sein wird, gibt es dafür gute theologische Gründe. An dieser Stelle sei die Frage gestellt: Wie soll ein solcher Ritus gestaltet sein und welche Symbole können beispielsweise ein Grab schmücken? Wäre etwa die Verwendung eines Kreuzes abzulehnen oder zu dulden, ja sogar zu begrüßen?

Zuerst scheint es mir wichtig, wiederum auf einen doch entscheidenden Unterschied zur Beerdigung eines Menschen hinzuweisen: In diesem Fall ist die Form der Bestattung als Ausdruck dessen zu sehen, was ein Mensch für sich bestimmt hat (z.B. Erd- oder Feuerbestattung), und der Ritus spiegelt in erster Linie den Glauben des Verstorbenen wider, nicht der trauernden Hinterbliebenen. Nachdem ein Tier eine solche Vorausverfügung nicht machen und auch keinen religiösen Glauben bekennen kann, geht es bei einer Tierbestattung um das, was einer trauernden tierliebhabenden Person wichtig ist – auch auf dem Hintergrund ihres Glaubens und Weltbildes, ihres Schöpfungs- und Heilsverständnisses.

Tiersegnungen gehören zur Tradition.

Brauchen wir auch Tierbestattungsrituale?

Wenn deshalb in einem christlichen Ritus Symbole oder Gesten verwendet werden, so sollten sie von taufliturgischen Symbolen unterschieden sein, die explizit an den Glauben des Verstorbenen erinnern bzw. daran anknüpfen. Bei Texten und eventuellen Gebeten ist es deshalb auch angebrachter, wenn sie sich nicht dialogisch an das verstorbene Tier selbst richten, sondern eher an den trauernden Menschen oder aber an Gott, den Schöpfer.

Doch nun zu einigen schöpfungs- und heilstheologischen Aspekten[3] sowie zur Frage der Verwendung des Kreuzsymbols. Es ist die tiefe Schicksalsgemeinschaft, die Mensch und Tier bei aller Unterschiedenheit schöpfungstheologisch bilden. Die Landtiere und der Mensch werden am selben Schöpfungstag geschaffen, sie bewohnen die Erde als gemeinsames Lebenshaus (vgl. Gen 1,24–31). Auch Gen 2,4b–25 lässt keinen Zweifel daran, wie nah sich Mensch und Tier sind: Beide sind aus dem Ackerboden geformt und teilen sich den Lebensodem sowie die Sterblichkeit. Sie bilden eine Schicksalsgemeinschaft, die Leben und Tod umfasst (vgl. Koh 3,19–21).

Das Symbol des Kreuzes für ein Tiergrab?

Die Tiere werden schließlich ausdrücklich in den Noahbund eingeschlossen (Gen 9,8–11) und von der Sabbatruhe – Sinnbild der Vollendung der Schöpfung – soll auch das (Nutz-)Tier profitieren durch die Erholung von der beschwerlichen Arbeit (vgl. Ex 23,12). Um seinen Ochsen oder Esel zu tränken, darf man sogar die Sabbatruhe brechen (vgl. Lk 13,15). Die biblisch bezeugte Nähe zwischen Tieren und Menschen und die Teilhabe der (Nutz-)Tiere an der Sabbatruhe legen den Schluss nahe, die eschatologische Vollendung nicht allein dem Menschen vorzubehalten. Denn auch das Tier ist in das Erlösungsgeschehen durch Christus mit einbezogen (vgl. Röm 8,19–22). Die gesamte Schöpfung seufzt – so Paulus – und liegt in Geburtswehen. Alle Geschöpfe erwarten die Vollendung der Erneuerung, die mit dem Christusereignis angebrochen ist. In Jesus von Nazareth ist das Wort Gottes Fleisch geworden (vgl. Joh 1,14), so der Kernsatz des christlichen Glaubens. Durch das Ereignis der Inkarnation steht Gott in besonderer Weise im Bund mit allem Fleisch.

Auch das Tier ist in das Erlösungsgeschehen durch Christus mit einbezogen.

Der biblische Befund zeigt, dass die gesamte Schöpfungs- in Heilsgeschichte gewandelt wird. Die Natur und die Tiere sind in das Heilsereignis in Christus hineingenommen. Selbst wenn man aus dogmatischen Gründen nicht so weit gehen mag zu sagen, dass Christus in derselben Weise für die Tiere wie für die Menschen gestorben ist, kann das Christusereignis als heilswirksam für die gesamte Schöpfung angesehen werden. Als Geschöpfe  existieren die Tiere dank der kreativen Liebe Gottes. In dieser Liebe, die sich im Christusereignis verdichtet, wird er auch sie „auf eine ihnen gemäße Weise zur Vollendung führen“[4]. In diesem Sinn ist das Kreuzsymbol Ausdrucks des Glaubens daran, dass Gott in Christus die gesamte Schöpfung und auch die Beziehung des Menschen zur Schöpfung, zur Natur und zu den Tieren erneuern will.

In diesem Sinn ist gegen die Verwendung des Kreuzes für ein Tiergrab nichts einzuwenden. Die Symbolik knüpft vielmehr an die Vision der Vollendung der Schöpfung an, die im messianischen Frieden, der die Tiere einschließt (vgl. Jes 11,6–9), zum Ausdruck kommt. Bezeichnend ist hier besonders Mk 1,13, ein kurzer und in seiner weitreichenden Bedeutung oft vernachlässigter Satz: Das Motiv des „Wohnens Jesu bei den wilden Tieren“ kann als Hinweis auf die Erfüllung des eschatologischen Friedens zwischen Mensch und Tier gedeutet werden.

Der messianische Frieden schliesst die Tiere ein!

Zurück zur empörten Reaktion des eingangs erwähnten Zeitungslesers: Empören sollte uns nicht die – Gott sei Dank – wachsende Sensibilität von immer mehr Menschen, dass wir Tiere nicht als bloße Objekte behandeln bzw. sie lediglich auf den Nutzwert für menschliche Bedürfnisse reduzieren dürfen. Empören sollte uns vielmehr die Tatsache, dass gerade auch in unserer Gesellschaft massenweise Tiere wie Dinge behandelt, benutzt und schließlich auch entsorgt werden. Noch in grausiger Erinnerung sind die Bilder regelrechter Berge von Kadavern von Nutztieren, die zur vorsorglichen Seuchenbekämpfung geschlachtet und wie Müll entsorgt bzw. verbrannt worden sind. Empören sollte uns, dass unsere Gesellschaft einen Fleischkonsum aufweist, der nur durch weder ökologisch noch tierethisch rechtfertigbare Massentierhaltung und intensive Landwirtschaft abgedeckt werden kann. Empören sollte uns, dass wir in unserer Gesellschaft vorwiegend die edlen Teile eines Tierkörpers konsumieren, während weniger wertvolle Schlachtabfälle mitunter entsorgt, zum Teil jedoch in Länder des Südens exportiert werden.

Respekt vor den Tieren

Ein Südtiroler Biobauer erzählte mir vor Kurzem: Wenn ein Tier von seinem Hof zum Schlachten geführt wird, tut ihm jedes Mal das Herz weh. Es ist wie ein Abschied von einem lieb gewonnenen Freund. Er empfindet es dann als seine Pflicht dafür zu sorgen, dass der gesamte Tierkadaver verwertet wird, auch die weniger edlen und die weniger wertvollen Teile: „Diesen Respekt schulde ich meinem Vieh.“

 

[1] Martin M. Lintner, Kreuz auf dem Grab der Katz’?, in: Dolomiten vom 6. Juni 2017, 11.

[2] Vgl. Michael Rosenberger, Tiere bestatten? Theologische Überlegungen zu einem gesellschaftlichen Trend, in: StdZ142 (2017) 531–539, hier: 531. 538; siehe dazu auch: Dirk Preuß, Katholische Friedhöfe (auch) für Tiere?, in: StdZ 233 (2015) 158–175.

[3] Vgl. dazu Martin M. Lintner, Der Mensch und das liebe Vieh. Ethische Aspekte im Umgang mit Tieren. Mit Beiträgen von Christoph J. Amor und Markus Moling, Innsbruck 2017, bes. 34–52. 230–234.

[4] Christoph J. Amor, in: Lintner, Der Mensch und das liebe Vieh, 252.

P. Martin M. Lintner OSM ist Professor für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen und Vorsitzender der Internationalen Vereinigung für Moraltheologie und Sozialethik.

Bild: Andy Omvik / unsplash.com

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