Religiös sein: Abhängigkeiten kultivieren

Gegenseitige Abhängigkeiten als conditio humana nimmt Ina Praetorius zum Ausgangspunkt einer doppelten Kritik: einer Kritik herrschender (Wirtschafts-)Ideologie und einer Kritik eines entsprechenden Gottesbildes.

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder… (Mt 18,3)

Ich rede oft so, als seien Menschen etwas vollkommen anderes als Babys. Fast alle Leute, die ich kenne, tun das auch. Zwar sehnt man sich manchmal zurück in etwas, das man sich als ein ursprüngliches Einssein mit der Welt denkt. Aber man zieht dabei nicht in Zweifel, dass „der Mensch“ den paradiesischen Zustand seines Anfangs unwiderruflich verlassen hat: Er hat sich abgenabelt, ist „selbstständig“ geworden. Der Preis der so genannten „Unabhängigkeit“ ist oft Einsamkeit und Angst. Aber dazu scheint es keine Alternative zu geben.

Das Phantasma der menschlichen Isolation

Sobald jemand Geld verdient, sagen wir, er „sorge jetzt für sich selbst“ und sei „sein eigener Herr“. Und ja, es stimmt: Kinder sind unmittelbarer und augenfälliger abhängig als Erwachsene. Als ich klein war, gaben mir die Großen zu essen, nicht ich ihnen. Als unsere Tochter ein Baby war, beschützten wir sie, nicht sie uns.
Bedeutet diese Differenz aber, dass ich heute, als Erwachsene, niemanden mehr brauche, die oder der für mich kocht, putzt, Kleider näht und den Computer repariert? Natürlich wissen wir es irgendwie alle: auch als Erwachsene bleiben wir aufeinander und auf die Natur angewiesen. Schließlich sind wir selber Natur. Aber wir sprechen kaum darüber. Wir tun so, als seien nur „die Schwachen“ fürsorgeabhängig. Woher kommt das?

… auch als Erwachsene bleiben wir aufeinander angewiesen.

Als eine „Wiege des abendländischen Denkens“ gilt die Antike, vor allem die griechische. Aus ihr sind uns viele Texte überliefert, die zwischen freien und abhängigen Menschen unterscheiden. Als frei galten damals insbesondere einheimische erwachsene Bürger. Sie besaßen normalerweise einen Haushalt, in dem Sklavinnen und Sklaven, Ehefrauen, Kinder und Tiere dafür sorgten, dass man bekam, was man zum Leben brauchte. Wie die Menschenwelt vorher organisiert war, wissen wir nicht genau. Aber dass aus dem Herrn, der sich von seinen lebendigen Besitztümern versorgen lässt, die moderne Idee – und Norm – des unabhängigen „Menschen“ hervorgegangen ist, das wissen wir. Oder wir könnten es wissen, wenn es uns nicht peinlich wäre, dass die Wiege der westlichen Demokratie in einer patriarchalen Sklavinnen- und Sklavenhaltergesellschaft stand.

Teilaufklärung

Einige Denker der europäischen Aufklärung haben den Gedanken der menschlichen Unabhängigkeit auf die Spitze getrieben. Johann Gottlieb Fichte zum Beispiel sprach vom Ich, das „sich selbst … setzt“ und blendete damit unsere reale Herkünftigkeit aus. Immanuel Kant behauptete, der Mensch werde erst durch Erziehung zum Menschen. Was war er vorher?

… wenn es uns nicht peinlich wäre, dass die Wiege der westlichen Demokratie in einer patriarchalen Sklavinnen- und Sklavenhaltergesellschaft stand.

Auch Adam Smith, der gedankliche Vater der so genannt „freien“ Marktwirtschaft hat den Familienvater-Besitzbürger zum „Menschen“ verallgemeinert. Seine Idee, der wesentliche Antrieb des Wirtschaftens sei der Eigennutz, hat zwar viel Fortschritt in Bewegung gesetzt. Aber auch sie lässt außer Acht, dass Menschen als Säuglinge auf die Welt kommen, die mit Geld, Markt und Profit zunächst nichts anfangen können. Babys müssen versorgt werden – wie auch Erwachsene, vor allem wenn sie krank oder gebrechlich sind.

Bis heute macht es sich die Wirtschaftswissenschaft zu einfach: Was nicht als geldvermitteltes Tauschgeschäft zwischen (vermeintlich) unabhängigen Individuen in Erscheinung tritt, nennt man nicht „Wirtschaft“, sondern zum Beispiel „Familie“ oder „Privatsphäre“. Dass für die unbezahlten Versorgungsleistungen laut Schweizer Bundesstatistik im Jahr 2013 mehr Zeit aufgewendet wurde als für die bezahlten, verbirgt mancher einflussreiche Ökonom noch heute hinter der Rede von der „unsichtbaren Hand des Marktes“.

Was nicht als geldvermitteltes Tauschgeschäft zwischen Individuen in Erscheinung tritt, nennt man nicht „Wirtschaft“, sondern zum Beispiel „Familie“ oder „Privatsphäre“.

Diese unsichtbare Hand, das sind Millionen von – in erster Linie weiblichen – Händen, die ohne die angeblich als Arbeitsmotivation unverzichtbaren „finanziellen Anreize“ das Notwendige tun.

Menschen: erwachsen gewordene Säuglinge

Wir Erwachsenen sind nichts prinzipiell Anderes als die Säuglinge, die wir einmal waren. Denkerinnen wir Hannah Arendt oder Luisa Muraro haben das nicht nur verstanden, sie sagen uns auch, dass wir besser leben könnten, wenn wir uns vom Phantom des Hausherr-Menschen verabschieden und unsere Freiheit als eine Freiheit in Abhängigkeit denken und empfinden würden.

Freiheit als eine Freiheit in Abhängigkeit denken und empfinden

Laut Hannah Arendt ist menschliche Freiheit geburtliche Freiheit: Vom ersten bis zum letzten Lebenstag ist sie einem Faden zu vergleichen, den „man in ein Gewebe … (schlägt), das man nicht selbst gemacht hat.“ Wir sind also nicht zuerst abhängig und dann unabhängig, wir sind auch nicht entweder frei oder angewiesen. Zwischen den gerade geborenen Neuankömmlingen und den Erwachsenen besteht vielmehr in verschiedener Hinsicht Kontinuität.

Laut Hannah Arendt ist menschliche Freiheit geburtliche Freiheit.

Ich habe die Welt, in der ich lebe, nicht selbst gemacht, sondern finde sie vor: gestaltet von meinen Vorgängerinnen und Vorgängern. Ich habe mich nicht selbst hergestellt, sondern bin von einer Mutter geboren. Ich bin in jedem Augenblick meines Daseins angewiesen auf eine intakte Natur, weil ich selbst Natur (zu lat. nasci/geboren werden) bin. Ich hänge ab von gelingenden Beziehungen zu meinen Mitmenschen. Freiheit bedeutet, mich als unverwechselbar einzigartiges Menschenwesen ins „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“ einzufädeln, ohne das Ergebnis meines Handelns im Griff zu haben.

Kinder imitieren

Luisa Muraro wundert sich, dass wir die Fähigkeit, in Kontinuität zu unserem geburtlichen Anfang zu leben, nicht besser nutzen: „Wie sollen wir … auf die durch Krankheit oder Behinderung oder durch das Alter entstandene Bedürftigkeit reagieren? Indem wir die Kinder imitieren, wäre eine gute Antwort … Und doch wird diese Antwort als entwürdigend empfunden; wir ziehen andere, schwächere Antworten vor. Wieso ist ein so grandioses und nützliches Verhaltensmodell, das zudem in unsere persönliche Geschichte eingemeißelt ist, in der Kultur nicht verfügbar?“

Patriarchale Religion: die Abhängigkeit vom Herrn im Himmel

Es stimmt nicht ganz, dass Verhaltensmodelle von Menschen, die kindliche Fähigkeiten bewahrt haben, in der Kultur nicht verfügbar sind. Denn die Religionen haben nie bestritten, dass Menschen vom ersten bis zum letzten Tag ihrer (irdischen) Existenz abhängig sind. Allerdings fassen vor allem die so genannt „großen“ Monotheismen menschliche Abhängigkeit in eigenartige Bilder: Ihnen zufolge sind wir Menschen nicht abhängig von unserer Mitwelt, von Wasser, Luft, Erde, von Älteren und schützenden Gemeinwesen, sondern von einem „Herrn im Himmel“, der alles vom Anfang bis zum Ende der Welt kontrolliert.

Dass wir „Geschöpfe Gottes“ oder „Kinder Gottes“ sind, das scheint, wenn ich offizieller Kirchensprache glaube, dies zu bedeuten: Wir sollen einen allmächtigen Herrn im Himmel preisen. Denn dieser Herr, so heißt es, hat uns erschaffen, er liebt, straft, züchtigt, verdammt oder rettet uns, wie es ihm beliebt. Tatsächlich spiegelt das biblische Gottesbild Herrschaftsformen, die wir heute als „Tyrannei“ oder „Diktatur“ bezeichnen würden, auch dann noch, wenn die Gläubigen versuchen, sich und GOTT aus solchen Kontexten zu lösen.

Tatsächlich spiegelt das biblische Gottesbild Herrschaftsformen, die wir heute als „Tyrannei“ oder „Diktatur“ bezeichnen würden

Wenn wir GOTT zu einem Vater im Himmel machen, dann ändert sich an der Grundkonstellation nämlich noch nichts: Der INBEGRIFF DES LEBENDIGEN bleibt eingezwängt ins Bild eines Mannes irgendwo oben, wir bleiben unten, wie die Sklavinnen, Sklaven, Ehefrauen, Kinder und Tiere in den Großhaushalten der athenischen Polis.

Trotzdem gilt: Weil religiöse Menschen um ihre Abhängigkeit wissen, haben sie sich bis heute der teilaufgeklärten Rede vom „sich selbst setzenden Subjekt“ und deren kapitalistischer Version des „homo oeconomicus“ nicht gänzlich ausgeliefert.

Weil religiöse Menschen um ihre Abhängigkeit wissen, haben sie sich bis heute der kapitalistischen Version des „homo oeconomicus“ nicht gänzlich ausgeliefert.

Die Frommen, egal welcher Zugehörigkeit, erkennen im Hausherr-Menschen eine schädliche Illusion, weil ihr Hausherr göttlich ist. Die Enzykliken von Papst Franziskus sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache, allerdings vorerst ohne das Patriarchat als Dreh- und Angelpunkt im überkommenen Konstrukt zu benennen und zu verabschieden.

Postpatriarchale Religiosität: Freiheit-in-Abhängigkeit kultivieren

Die überkommenen Religionen wurden im Zuge der europäischen Teilaufklärung entmachtet. Das ist gut so, denn der Herrgott musste entthront werden. Auf die Daseinsmodelle von Menschen, die ihre Freiheit-in-Abhängigkeit zu leben gelernt haben, können wir aber nicht verzichten. Deshalb liegt in der Transformation patriarchaler Bilder in eine wirklichkeitsgerechte Weisheit kultivierter Freiheit-in-Abhängigkeit die Verantwortung religiöser Menschen in postsäkularer und postpatriarchaler Zeit. Und im Hören auf solche Wandlungen, die längst im Gang sind, liegt die Verantwortung nicht (traditionell) religiöser Menschen. Gemeinsam sind wir längst auf der Suche nach rettender Orientierung in einer gefährdeten Welt. Gemeinsam, im LEBENDIGEN DAZWISCHEN, werden wir Lebenseinstellungen entdecken oder erfinden, die unsere geburtliche Abhängigkeit nicht leugnen sondern für weltgestaltendes Handeln fruchtbar machen.

„Freiheit-in-Abhängigkeit“ als Programm religiöser Menschen in postsäkularer und postpatriarchaler Zeit.

Dies ist nur eine Geschichte aus einer von vielen Herkünften, an die wir anknüpfen können:

Zu dieser Zeit kamen die Jünger und Jüngerinnen zu Jesus und fragten: „Wer ist am größten im göttlichen Welthaushalt?“ Da rief Jesus ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: „Wahrhaftig, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in Gottes Haushalt hineingelangen…“ (Mt 18,1-3)

(Ina Praetorius; Bild: Kora Polster / pixelio.de)

Zum Weiterlesen:

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