Religion für die Infantilgesellschaft. Zur Konjunktur des Fundamentalismus

René Buchholz zu soft und strong religion, der fundamentalistischen „Ökonomie des Tausches“ und warum sehr ungewiss ist, was nach dem Erwachen aus dem fundamentalistschen Rausch kommen wird.

Ein gemischter Chor von Soziologen und Theologen geht seit mehr als zwei Jahrzehnten erfolgreich mit einem einzigen Song auf Tournée, der die Wiederkehr der Religion feiert. Zum Refrain gehört die kurze Strophe vom Ende der Säkularisierung. Da er offenbar ein Bedürfnis bedient, kommt trotz des eher mageren Repertoires keine Langeweile auf. Viele hören den Song immer wieder gerne, der, was nur wenigen auffällt, eine unfreiwillige Komik enthält: Nur Untote kehren nämlich wieder, Wesen, die nicht leben und sterben können, Zombies, schreckliche Gestalten, die an den Lebenden sich rächen. Das aber wäre für die Religion ein ärgerer Befund als ihr Ableben, das schon so oft konstatiert aber stets empirisch widerlegt wurde. Wenn also die Religion nicht verschwand, warum kehrt sie wieder – und was genau kehrt wieder?

Wiederkehr der Religion? Was genau kehrt wieder?

Der schöne Song gibt also Rätsel auf und nicht nur das, er enthält eine Strophe, welche die gute Nachricht etwas trübt: Die Renaissance der Religion scheint weitgehend an den Großkirchen vorbeizugehen; sie profitieren nicht vom neu erwachten ‚Sinn und Geschmack fürs Unendliche‘ (Schleiermacher). Die angeblich postsäkulare Gesellschaft zeigt sich weniger beeindruckt von den kirchlichen ‚Sinnangeboten‘, jedenfalls haben sie hart gegen eine Konkurrenz zu kämpfen, die hier als soft religion im Unterschied zur strong religion (Almond u.a.) bezeichnet werden soll. Auch wenn erstere sympathischer daherkommt, so weisen beide ein Merkmal auf, das sie verbindet und dafür sorgt, dass die Übergänge von der einen in die andere fließend sein können: Es ist der Ausschluss des Zweifels, und eben dies charakterisiert alle Formen des Fundamentalismus.

Fundamentalismus: der Ausschluss des Zweifels

Seine lächelnde Variante hat erfolgreich Religion, oder besser: einzelne ‚Religionsmodule‘ in die Kulturindustrie integriert. Sie ist ein Fitmacher im täglichen struggle for existence und stattet das nur noch ökonomischen Imperativen folgende banal und fad gewordene Leben mit synthetischem Sinn aus. Gleichzeitig spielt die soft religion eine wichtige Rolle bei der Individualisierung des gesellschaftlichen Schicksals, denn wer angesichts des ungeheuren Sinnangebots immer noch unglücklich und unzufrieden ist, kann nur krank sein oder ist an seinem Unheil selbst schuld. Im Angebot sind einzelne, von ihrem historischen und systematischen Kontext isolierte religiöse Elemente, die, je nach Geschmack, selbst zusammengestellt werden können: aus dem Zen-Buddhismus, der Kabbala, dem Sufismus, der christlichen Meditation, aus den Gebetsschätzen der Weltreligionen. Zur Mélange gehören auch Personen wie Buddha, Franz von Assisi & Teresa von Ávila, esoterische Praktiken wie Chakren und Astrologie.

soft religion: Religion in mundgerechten Häppchen

Die soft religion gibt sich als tolerant und verständigungsorientiert, indem sie die spezifischen Inhalte der Religionen zu mundgerechten Häppchen aufbereitet und ihre Aura vermarktet. So ist es in erster Linie der Markt, der die Religionen, oder wenigstens einzelne religiöse Versatzstücke zusammenführt und sie konvertibel macht – jenseits systematischer Stimmigkeit und rationaler Verantwortung. Wo instrumentelle Vernunft universal regiert und einen Alleinvertretungsanspruch auf Rationalität erhebt, soll auf der Seite des Subjekts wenigstens Religion eine Sphäre sui generis bilden und das Bedürfnis nach Anerkennung, Unmittelbarkeit und einem Leben, das nicht schon vom Profitinteresse geformt wird, befriedigen. Religion und Vernunft bilden so für das Bewusstsein zwei gänzlich disparate Sphären. Aber gerade die mit dieser Aufspaltung verbundene regressive Rezeption religiöser Traditionen zeugt nur von der Verinnerlichung instrumenteller Vernunft und bildet nicht deren Kritik. Religion wird Teil einer Fitnesskultur, die das Individuum zurüstet für den Krieg aller gegen alle.

strong religion: Bollwerk gegen Relativismus, Modernismus, Werteverfall und Auflösung der Gesellschaft

Von diesem Ausverkauf der Religionen setzt sich die strong religion entschieden ab. Sie inszeniert sich nicht nur in den USA als Bollwerk gegen Relativismus, Modernismus, Werteverfall und Auflösung der Gesellschaft. Familie, Autorität – die Bibel im Sinne der Verbalinspiration und wörtlichen Inerranz eingeschlossen –, Bekenntnis zum freien Markt und zum Eigentum verschmelzen im protestantischen Fundamentalismus, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts gleichsam die Copyrights für den Begriff hat, zu einem geschlossenen System nationaler und religiöser Identität. Sie hat mit Poppers ‚offener Gesellschaft‘ und der Demokratie, die man nach außen verteidigt – vor allem gegenüber Kommunismus und Islam, der nach 1989 als ‚Reich des Bösen‘ fungiert –, nur wenig gemeinsam. Die katholische Variante der strong religion teilt mit dem protestantischen den antimodernen Affekt, betont aber weniger die Autorität der Schrift, sondern legt den Akzent auf Tradition, Lehramt und eine streng hierarchische Ordnung. Die Unterwerfung unter die Autorität – nicht nur unter die kirchliche – tritt im katholischen Fundamentalismus noch offener hervor.

Islamischer Fundamentalismus:  revolutionäres Bewusstsein gegenüber den imperialistischen Interessen des Westens

Die islamistische Gestalt des Fundamentalismus ist indessen nicht einfach eine Kopie des protestantischen und katholischen. Das Pathos des Nonkonformismus, das die christlichen Varianten beschwören, steigert sich im Islamismus zum Widerstand, ja revolutionären Bewusstsein gegenüber den imperialistischen Interessen des Westens, der alle islamischen Werte zerstört und die Muslime sich zu unterwerfen trachtet. Exploitiert wird das kritische Potenzial der monotheistischen Tradition, der Sturz der Götzen, mit denen man alles Westliche pauschal identifiziert. Die scharfe Scheidung zwischen Freund und Feind, das Bewusstsein, im Auftrag Gottes zu handeln, vermittelt jenen, denen bisher keine Anerkennung zuteilwurde, das Gefühl der Überlegenheit.

Auch der Fundamentalismus kennt eine Ökonomie des Tausches; er ist gnadenlos und selbst bei Gott scheint es nichts gratis zu geben: Als Gegenleistung für die Submission, die Auslöschung des Ich und die Übernahme einer geistfeindlichen, dualistischen Weltanschauung, wird die Mitgliedschaft in einer Gruppe mit bedeutender Mission gewährt. An die Stelle der Reflexion tritt die Dezision, welche die Gruppe verlangt. Das Opfer der Vernunft, das erste große, gegen die eigene Person gerichtete Attentat, der intellektuelle Selbstmord, rechtfertigt jedes weitere Opfer: das eigene, aber ebenso dasjenige anderer; unschuldig ist niemand, den die Gruppe schuldig spricht.

Die fundamentalistische Ökonomie des Tausches

Das sacrificium intellectus ist ein autodestruktiver Gewaltakt, der alle Fundamentalismen (also auch die soft religion) verbindet. Er führt aber nicht notwendig zur Gewalt gegen andere. Nur ein relativ kleiner Teil der Fundamentalisten überschreitet diese Grenze, denn menschliche Handlungen folgen nur selten einem einzigen Motiv; sie unterliegen unterschiedlichen Kriterien und Motivationen, die nicht in eine einzige Richtung deuten. Erst wo das Tötungstabu mit Blick auf vermeintlich höhere Ziele oder umgelenkte Aggression außer Kraft gesetzt wird, wendet sich die destruktive Seite des Fundamentalismus sichtbar und medienwirksam nach außen. Gotteskrieger und Medien wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können. Die sorgfältig inszenierte Grausamkeit schielt wie eine Hollywoodproduktion auf den Absatz.

Fundamentalismus: erfindungsreich und nihilistisch

Jener ursprüngliche Gewaltakt, das Billet, das zum Eintritt in die Gruppe berechtigt, erweist den Fundamentalismus, der sich doch als Retter der bedrohten Religion gibt, als erfindungsreich und zugleich – wie Christoph Türcke mit Recht konstatiert – nihilistisch: erfindungsreich, weil die strong religion eine normative Vergangenheit konstruiert, die es so nie gab und die soft religion willkürlich Elemente religiöser Traditionen jenseits der Frage ihrer Kompatibilität und Verbindlichkeit zu einem bunten Potpourri mischt oder gar neu definiert; nihilistisch, weil sie in Wahrheit die Heiligen Schriften und die gesamte religiöse Tradition der bloßen Dezision überantwortet. Gerade im Akt blinder Unterwerfung triumphiert leere, selbstherrliche Subjektivität. Weil jede rationale Begründung abgewiesen wird, ist die Wahl beliebig – so auch in der soft religion; les extrêmes se touchent. Und wie in jedem Akt vernunftfeindlicher Willkür fallen Setzung und Destruktion des Gesetzten in eins zusammen – wie Sein und Nichts am Beginn der Hegelschen Logik. Was aber bei Hegel den Ausgangspunkt der weiteren Entwicklung bildet, ist hier leider schon das Ende.

Symptome einer Regression des Subjekts

Leere und Willkür aber sind Symptome einer Regression des Subjekts: Es hat sich entweder noch nicht oder aber inmitten einer Gesellschaft, die ihre humanen Zwecke verfehlte, wieder verloren. Fundamentalismus ist Index der Unmündigkeit; der Unfähigkeit, erwachsen zu werden; er ist Religion für Infantile. Als ein auch in Europa und den USA verbreitetes Phänomen deutet er auf eine Gesellschaft, die Mündigkeit zwar auf ihre Fahnen schrieb, deren Realisierung aber bis heute Desiderat blieb. Würde und Freiheit sind, wie ihre Träger, konvertibel. „Der Fundamentalismus“ schreibt Susan Neiman, „ist in allen größeren Religionen auf dem Vormarsch, weil er etwas Wertvolles anzubieten scheint, das man weder kaufen noch verkaufen kann. Selbst wo er nicht zur Gewalt führt, liegt seine Tragödie in seiner Unfähigkeit, die Würde zu bieten, nach der er sucht. An einem von religiöser Autorität diktierten Verhalten ist nichts Erwachsenes. Aber welche Alternativen bieten wir an?“

Alternativen?

In der Tat: Worin bestehen die Alternativen? Emmanuel Levinas nannte den Monotheismus, wie er in den biblischen Traditionen Konturen annahm, eine ‚Religion für Erwachsene‘, welche die eigene Verantwortung begründet und darauf verzichtet, den Einzelnen im Rausch des Absoluten zu überwältigen oder zu absorbieren. Ob eine solche Religion – die nüchterner ist als die bunte kulturindustriellen Mustern folgende soft religion und es nicht gestattet, sich hinter Kollektiven, unerhellter Autorität und Dezisionen zu verstecken wie die strong religion – viele Anhänger und Sympathisanten finden wird, ist allerdings ungewiss.

Von der Nichtigkeit des Fundamentalismus überzeugen kaum Argumente; wie beim Vorurteil werden Argument und Erfahrung ähnlich dem Kantischen Schematismus vorab auf den Wahn bezogen und so neutralisiert. Aus dem Fundamentalismus erwacht man gleichsam schockartig, wie aus Benjamins Traumschlaf der Moderne. Ob Religion während der unvermeidlichen Katerstimmung nach dem Rausch verworfen oder, mit Kritik fusioniert, erwachsen wird, lässt sich nicht voraussagen. Jedenfalls ist auch dies nicht der Augenblick, an dem sie ‚wiederkehrt‘; der fröhliche Chor, der ihre Wiederkehr preist, ist lediglich die Begleitmusik eines doppelten Niedergangs: desjenigen von Subjektivität und Religion in einem.

Was kommt nach dem Erwachen aus dem fundamentalistischen Rausch?

Theologie als kritische Selbstbesinnung von Religion und Glaube, kann als Antwort auf diesen Befund weder an der idealistischen Konstruktion des Subjekts festhalten, noch dessen Ende zu verkünden – etwa damit Religion von seinem Niedergang und der Unmündigkeit noch profitiere. Ersteres wäre anachronistisch, letzteres ruchlos. Eher wäre Theologie, um ein Diktum Adornos zu variieren, solidarisch mit dem Subjekt im Augenblick seines Sturzes.

 

Lektürevorschläge:

Almond, Gabriel Adam / Appleby, R. Scott / Sivan, Emmanuel: Strong Religion. The Rise of Fundamentalisms around the World, Chicago-London 2003.

Buchholz, René: Religion als Ware. Über Religionskonsumtive Tendenzen der späten Moderne, in: Günter Riße u.a. / Heino Sonnemans / Burkhard Theß (Hrsg.), Wege der Theologie: an der Schwelle zum dritten Jahrtausend (FS Hans Waldenfels). Paderborn 1996, 125-138.

Ders., Die „Furie des Verschwindens“. Fundamentalismus und regressive Modernisierung, in: Cornelius Hell / Paul Petzel / Knut Wenzel (Hrsg.), Glaube und Skepsis. Beiträge zur Religionsphilosophie Heinz Robert Schlettes, Ostfildern 2011, 107-119.

Fath, Sébastien, Art. Fondamentalisme, in: Dictionnaire des faits religieux. Sous la direction de Régine Azria et Danièle Hervieu-Léger, Paris 22013, 391-398.

Kaplan, Lawrence (ed.): Fundamentalism in Comparative Perspective, Amherst (MA) 1992.

Levinas, Emmanuel: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Übersetzt von Eva Moldenhauer, Frankfurt/M. 1992, bes. 21-37.

Neiman, Susan: Warum erwachsen werden? Eine philosophische Ermutigung. Übersetzt von Michael Bischoff, Berlin-München 2015 (das Zitat dort auf Seite 189).

Ruthven, Malise: Fundametalism. A Very Short Introduction, Oxford-New-York 2007.

Türcke, Christoph: Fundamentalismus – maskierter Nihilismus, Lüneburg-Springe 2003.

(Text: René Buchholz; Bild: Rainer Bucher)

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