seelsorge.net. Ein E-Mail-Angebot für Menschen in Krisen

seelsorge.net

Ein Jahr verspätet wegen Corona hat seelsorge.net in diesem Jahr das 25-jährige Jubiläum gefeiert. Zu diesem Anlass beschenkte sich seelsorge.net mit einer von INTERFACE durchgeführten Evaluation mit dem Ziel, die Qualität der Beratungen zu untersuchen und Hinweise zur Optimierung zu erhalten. Die darauf basierende Studie bestätigt ein qualitativ hohes Beratungsniveau und eine hohe Zufriedenheit der Seelsorgerinnen und Seelsorger. Maria Weibel-Spirig berichtet.

Seelsorge.net ist eine Online-Beratungsplattform mit einem niederschwelligen Angebot, getragen von reformierten und katholischen Kirchen der Schweiz.[1] Der Dienst ist kostenlos und anonym und richtet sich an alle Personen unabhängig von Herkunft und Religion. Finanziert wird seelsorge.net von verschiedenen Landeskirchen beider Konfessionen, Spenden und Zuwendungen.

Die Seelsorgenden

29 Personen, PfarrerInnen, PsychiaterInnen, PsychologInnen, PastoralassistenInnen, BeraterInnen mit vertiefter seelsorgerischer Ausbildung und langjähriger Erfahrung begleiten derzeit auf seelsorge.net ehrenamtlich Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Sie haben im Jahr 2020 insgesamt 10’000 anspruchsvolle Mails geschrieben. Wer im Team mitarbeiten möchte, bewirbt sich schriftlich mit einem ausgefüllten Fragebogen, wird zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen und durchläuft einen Ausbildungskurs. In den ersten 6 Monaten des Einsatzes steht ihm oder ihr eine Patin, ein Pate aus dem Team bei. Die Seelsorgenden besuchen jährlich 12 Stunden Gruppensupervision sowie eine Weiterbildung zu einem aktuellen Thema. Selbstverständlich bringen sie gute Reflektions- und Kommunikationsfähigkeiten mit.

zunehmende Anfragen junger Menschen

Die Notleidenden

User und Userinnen, wie wir sie nennen, finden das Angebot meistens über Suchmaschinen im Internet. Es sind Menschen verschiedenen Alters, Alleinstehende oder in Beziehung Lebende, Trauernde, Enttäuschte, Kranke oder deren Angehörige, Menschen mit Sorgen in der Arbeit, Verunsicherte, Sinnsuchende, Kirchenferne, Religiöse, Misshandelte, in Gedanken Gefangene… Die Anfragen werden durch einen Mailmaster, eine Mailmasterin einer Seelsorgenden zugeteilt, die den Fall übernimmt und so lange mit der notleidenden Person in Kontakt bleibt, wie diese es wünscht. Diese Konstanz der Beziehung trägt wesentlich dazu bei, eine selbstheilende Entwicklung zu fördern.

Auffallend sind die zunehmenden Anfragen junger Menschen. Soeben habe ich eine Mail von einer 14-jährigen Jugendlichen erhalten, die mit sich nicht zurechtkommt und sich Unterstützung erhofft.

Ergebnisse der Evaluation

Die Studie hält fest, dass seelsorge.net eine wichtige Ergänzung zum kirchlichen Seelsorgeangebot ist und damit eine der zentralen Aufgaben der Kirche übernimmt, die manchen Kirchen und Pfarrämtern immer schwerer fällt: Menschen in Not ohne Bedingungen und Verpflichtungen, niederschwellig und anonym eine menschliche Präsenz anzubieten.

Zu Recht freuten sich Trägerschaft und Seelsorgeteam über das Resultat der Evaluations. 80% aller User und Userinnen waren mit der Begleitung zufrieden. Das niederschwellige, kostenlose, anonyme und technisch sichere Angebot wird sehr geschätzt. Die UserInnen schätzen den verlässlichen und konstanten Kontakt zu ihrer Begleitperson.

Klärung der Erwartungen und Anpassung an die sprachlichen Möglichkeiten

Umgekehrt heisst das aber auch, dass gegen 20% der Ratsuchenden sich kaum verstanden fühlten, ihre Erwartungen nicht erfüllt werden konnten und/oder sich von der Begleitung zurückzogen.

Auch wenn man damit rechnen darf, dass Erwartungen zu hoch sein können und dass das Sprachvermögen einzelner User eingeschränkt ist, heisst das für die Zukunft, dass die Klärung der Erwartungen und die Anpassung an die sprachlichen Möglichkeiten für seelsorge.net eine Herausforderung bleibt. Für die zunehmend jüngeren Menschen gilt das ganz besonders. Diese sind gewohnt, mit sozialen Medien umzugehen. Sich in ihre Sprache einfühlen und sie verstehen zu können, sind Themen, denen wir in Supervision und Weiterbildung vermehrt Raum schenken werden.

Weiter ist zu prüfen, wie das Angebot in Kirche und Öffentlichkeit so bekannt gemacht werden kann, dass zukünftige UserInnen besser verstehen, was seelsorge.net anbieten kann (und was eben auch nicht).

Zukünftige Herausforderungen

Gesellschaft und Kirche entwickeln sich weiter. Auch die Anforderungen an die Technik und Sicherheit der Plattform werden nicht kleiner. Um glaubwürdig zu bleiben, muss immer wieder nachgefragt werden, was sich in Gesellschaft und Umwelt verändert, welche Herausforderungen daraus für die Begleitung erwachsen und wie darauf reagiert werden kann.

Qualität zu erhalten und auszubauen verlangt Energie und Einsatz.

65% der UserInnen wussten um die christliche Verankerung des Angebots und die Hälfte verbindet mit dem Begriff Seelsorge christliche Werte. 49% gaben an, dass ihnen Religion/Spiritualität bei der Lösung ihrer Probleme wichtig ist. Das betonen vor allem ältere Personen. In unserem Beratungskonzept ist festgehalten, dass wir Ratsuchenden unsere Überzeugungen nicht überstülpen. Aber wir dürfen es wohl in Zukunft mehr wagen, die religiösen und spirituellen Ressourcen der Menschen gezielter abzuholen und sie zu festigen oder zu erweitern.

Eine Hauptempfehlung der Evaluation lautet, die Qualität der Beratungen zu halten und auszubauen. Dazu gehören organisatorische Aspekte wie Entscheidungsfindungsprozesse und Transparenz. Eine interne Arbeitsgruppe widmet sich diesem Thema. Die Qualitätssicherheit wird pragmatisch ausgebaut und Vorgehensfragen geklärt.

So wird sich seelsorge.net nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Die Veränderungen des Angebots in den letzten Jahren werden weitergehen. Qualität zu erhalten und auszubauen verlangt Energie und Einsatz. Die hohe Zufriedenheit der Seelsorgerinnen und Seelsorger zeugt denn auch davon, dass sie sich mit der Aufgabe identifizieren und jedes Interesse an einer Entwicklung haben, die sich den Bedürfnissen Notleidender zeitgemäss annimmt.

Und meine Motivation?

Seit 13 Jahren gehöre ich zum Seelsorgeteam. Manchmal werde ich gefragt, weshalb ich das tue. Was mich motiviere, mich ehrenamtlich und in einem relativ grossen Umfang einzusetzen.

In unserem Beratungskonzept steht:
«Die seelsorgerische Tätigkeit von seelsorge.net ist im christlichen Glauben grundgelegt. Die Seelsorger und Seelsorgerinnen sind in ihrer Tätigkeit geleitet von Gottes grundsätzlicher Bejahung eines jeden Menschen und der Schöpfung.»

Dieser Satz ist für mich Begründung genug.

Ich glaube an die Sehnsucht des Menschen nach dem aufrechten Gang – nach Auferstehung.

Ich denke, mich leiten das Menschenbild und die Werte, die seelsorge.net zu Grunde liegen. Sie gehen davon aus, dass jeder Hilfe suchende Mensch, auf eine Hand hoffen kann, die ihm wertschätzend und mitfühlend hingehalten wird in einer Haltung, welche die Würde respektiert und wahrt. Ich glaube an die Sehnsucht des Menschen nach dem aufrechten Gang – nach Auferstehung.

Auch wenn ich an einem anderen Ort stehe, fühle ich mich in dieser Sehnsucht mit Suchenden verbunden. Wenn es in gegenseitigem Respekt und Vertrauen gelingt, eine Veränderung zu stützen, erlebe ich das als Geschenk. Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell UserInnen zu ihrem eigentlichen Thema kommen und wie sie den Mut aufbringen, von ihren Nöten und Blockierungen zu schreiben. Ich habe viele Jahre in der face to face Begleitung gearbeitet. Der Unterschied in der schriftlichen Begleitung überrascht mich immer wieder; der Prozess wird den Möglichkeiten der Notleidenden angepasst, Druck vor schnellen Lösungen fällt weg und UserInnen geben sich durch das Schreiben eine eigene Struktur, die ihnen zu mehr Klarheit verhilft.

Um aber nicht ins Romantisieren zu fallen, will ich den Frust, der sich mal da oder dort einstellen kann, nicht verschweigen. Es kann vorkommen, dass ich mich intensiv mit einer Geschichte beschäftige, mit bestem Wissen und Können versuche eine Antwort zu schreiben und dann kommt nichts mehr zurück. Es kann vorkommen, dass ich mit gutem Willen Gedanken und Anregungen in den Wind streue und nicht spüren kann, ob daraus etwas wächst. Es kann vorkommen, dass ich mich mit einer Geschichte schwertue, weil sie so weit weg von den eigenen Vorstellungen liegt. Und dass ich dann den «Fall» zurückgeben kann, weil wir ein Team sind und jeder/jede von uns, die eigenen speziellen Fähigkeiten mitbringt.

Es versteht sich von selbst, dass wir im Team versuchen, so miteinander umzugehen, wie wir es in den Leitideen festgelegt haben. Und es versteht sich ebenso von selbst, dass wir noch nicht angekommen, aber auf dem Weg sind.

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Maria Weibel-Spirig, MAS spirituelle Theologie, Paartherapeutin

Bild: Glenn Carstens-Peters on Unsplash

Weitere Informationen: www.seelsorge.net

Falls Sie sich für ein Engagement interessieren wenden Sie sich an Martina Rychen, Email: admin@seelsorge.net.

[1] Die Trägerschaft bilden aktuell: Katholische Kirche Kanton Zürich, Katholischen Kirche Stadt Zürich, Reformierte Kirche Kanton Zürich, Reformierte Landeskirche Aargau.

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