Ferragosto. Über den Tourismus und seine religiöse Dimension

Photo: Alexnder Notdurfter

Ferragosto, die Tage um den 15. August – für Italiener:innen sind sie die fünfte Jahreszeit. Wer kann, nimmt sich Urlaub, fährt ans Meer oder in die Berge. Man trifft sich dort mit den Großeltern, mit Onkels, Tanten und deren Kindern, unternimmt gemeinsam das eine und andere, redet viel und isst gut, man lebt eine dolce vita. Von Alexander Notdurfter, Brixen.

Die sommerliche Auszeit hat eine lange Tradition. Sie geht zurück auf Kaiser Augustus, der seinen Sieg über Marcus Antonius und Cleopatra feiern wollte. Später, zwischen dem fünften und siebten Jahrhundert, wurden die heidnischen Festlichkeiten zu einem Mariengedenktag umfunktioniert; die Kirche erinnerte an den Heimgang der Gottesmutter. Und seit 1950 ist das Fest mit dem Dogma von der Leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel verbunden, im Volksmund Mariä Himmelfahrt genannt.

Sommerliche Auszeit

Die Renaissance machte die Wochen, die den Sommer an sein Ende führen, zur – heute würde man sagen – Urlaubszeit. Adelige und reiche Kaufleute, Bischöfe und Päpste verließen die überhitzten Stadtpalazzi, um für einige Wochen auf’s Land zu ziehen, in die Villen, die Kühlung versprachen. Was über lange Zeit wenigen vorbehalten bleibt, wurde später, in den 1920 und 1930er Jahren zur Errungenschaft für viele. Mit staatlicher Unterstützung konnten sich nun auch ärmere Italiener:innen ein paar Tage Urlaub leisten. Damit ist der Grundstein für die Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt. Sie erkennen im August die touristische Kernzeit. Seitdem wechselt das Land Jahr für Jahr in einen Ausnahmezustand: Öffentliche Ämter schließen, die Fabriken machen dicht, der Handel erlahmt, die Versorgung konzentriert sich auf bestimmte Regionen, es arbeitet nur mehr, wer unbedingt gebraucht wird.

Ob zu Ferragosto oder sonst im Jahreslauf, in jedem Fall sind Ferien, eine Reise, der Urlaub am Meer, die Sommerfrische in den Bergen – ein Wort, das im Bozen des 17. Jahrhunderts auftaucht – etwas Besonderes: Eine Auszeit, auf die sich Herr Rossi und Frau Mayer das ganze Jahr hindurch freuen, die sie frühzeitig planen und minutiös organisieren, für die sie einiges an Aufwand in Kauf nehmen, sparen, die sie in vollen Zügen genießen und detailliert dokumentieren.

Die Tourismuswirtschaft weiß um diese Wichtigkeit und auch, dass man sich den Urlaub einiges kosten lässt. Sie kennt die dahinter liegenden Wünsche und Bedürfnisse, greift sie mit ihren Angeboten auf. Das überbordende Büffet im Hotel, die Besteigung des Viertausenders, der Gang durch die antiken Ruinen – alles Antworten auf menschliche Sehnsüchte. Man bietet Produkte an, die bei den Konsumenten nicht nur Emotionen abrufen, sondern Emotionen schaffen.[1] Und die Aufgabe wird gut erledigt, wie die Statistiken zeigen, die den Tourismus als einen der größten Wirtschaftszweige weltweit ausweisen.[2]

Wünsche und Bedürfnisse

Beim All-inclusiv-Club in der Türkei oder den Ferientagen auf der Südtiroler Alm, am Partystrand von Mallorca oder auf der Trekkingsreise durch den Himalaya, beim Trip nach Paris oder den besinnlichen Tagen in einer bayrischen Benediktinerabtei – immer geht es darum, einen Unterschied zu machen: Wer im Urlaub ist, lässt seine vertraute Welt hinter sich, er oder sie wechselt den Ort, die soziale Umgebung, die Gewohnheiten. Sie löst sich aus der Eintönigkeit des Alltags und steigt um in das eigentliche Leben. Er vergisst die beruflichen Verpflichtungen, den Konkurrenzdruck am Arbeitsplatz, entspannt und erholt sich.

Die Ferien befreien von den Zwängen, die den postmodernen Menschen von sich selbst entfremden; endlich kann er ausleben, was er sonst vernachlässigen, verdrängen und unterdrücken muss; und sie kann nun einholen, was das Jahr über zu kurz kommt oder ganz auf der Strecke bleibt. Urlaub macht gesund und glücklich, befreit und erlöst – er verspricht es zumindest. Die Ferien führen in eine andere Welt. Sie ist schön und heil, auch weil sie – so gut es geht – verbirgt, wegblendet, ablenkt von dem, was auch dazugehört: Überfüllte Parkplätze, mehr Verkehrstote, wachsende Müllberge, zusätzliche Flugkilometer, den erhöhten Ressourcenverbrauch, wenig Nachtruhe, geplünderte Wälder, überarbeitete Hoteliers, aggressive Köch:innen und schlechtbezahlte Servicemitarbeiter:innen.

Das andere, das Bessere suchen

Dass Menschen mit der Fahrt in den Süden oder wohin auch immer das andere und Bessere suchen, verleiht dem Urlaub eine religiöse Dimension.[3] Und diese wiederum macht ihn und die Welt des Tourismus interessant und herausfordernd für die Pastoraltheologie. Es stellt sich die Frage, was die Pastoral davon lernen kann, was nachahmenswert ist und was nicht, aber auch, was die christliche Perspektive einbringen will – als Bestätigung, Ergänzung, Zweifel und Kritik. Um die Fragen zu beantworten, müssen Pastoraltheolog:innen selbst zu Tourist:innen werden und die Landschaften der Menschen erkunden, die als Urlauber:innen unterwegs sind, aber auch jener, die hinter dem Banco, wie auf Italienisch der Tresen genannt wird, und in der Küche stehen. Also dann: an den Strand, auf die Berge und zum Espresso in die Bar!

Gelingt die Erkundung, wird schnell klar: Interessant für pastorale Praktiker:innen sind vor allem die Faktoren, die das direkte Zusammenspiel zwischen Anbietern und Nutzer:innen touristischer Produkte beeinflussen und es begleiten: die Vorstellungen und Erwartungen, Haltungen und Werte auf beiden Seiten, die Interaktionsmuster und Kommunikationsstile zwischen ihnen. Spannend ist die Frage, wie es Gastgeber:innen gelingt, auf unterschiedliche Menschen so zu- und einzugehen, dass sie gern zu Gast sind und am Ende der Ferien zufrieden die Rückreise antreten, um vielleicht wiederzukommen; dass gar einige ein Urlaubsfoto als Bildschirmhintergrund wählen, um sich – wieder zuhause – zurückzuerinnern an die Tage im August und um Kraft aus ihnen zu schöpfen, wenn die Herausforderungen im Beruf an die Substanz gehen und die Belastungen des Familienalltags übergroß werden. Was tun Gastgeber:innen also wie?

Das Versprechen: Authentizität und Individualität

Ganz allgemein gesagt bzw. auf den Punkt gebracht: Gastgeber:innen versprechen ihren Gästen Erlebnisse und Erfahrungen von Authentizität und Individualität. Und im besseren der Fälle lösen sie ihre Zusagen ein: Herr Rossi kann im Urlaub endlich zu dem kommen, was ihm wichtig ist, und Frau Mayer darf sich wieder wahr- und ernstgenommen fühlen. Authentizität und Individualität – zwei Zielgrößen, die nicht für alle, aber doch in einigen pastoralen Bereichen als Fixpunkte am Horizont dienen können; vor allem in der Pastoral mit und für diejenigen, die man gemeinhin am Rande der Kirche vermutet.

Wenn der eine und die andere unter ihnen nach einer sporadischen Begegnung mit Mitarbeiter:innen aus der Pfarrgemeinde, mit der Krankenhausseelsorgerin, nach der Teilnahme an einer Veranstaltung im Bildungshaus oder der Beratung in der Caritasstelle wegginge und für sich feststellen könnte: Ich bin in dieser Begegnung etwas mehr zu dem geworden, der ich bin und sein kann, ich bin nicht austausch-, sondern unverwechselbar, dann wäre in der Pastoral ähnlich wie auf einer schönen Reise und im gelungenen Urlaub viel erreicht.

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Alexander Notdurfter ist Professor für Pastoraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen.

[1] Vgl. dazu Eva Illouz, Einleitung – Gefühle als Waren, in: Eva Illouz (Hg.), Wa(h)re Gefühle. Authentizität im Konsumkapitalismus, Berlin 2018, 13–48.
[2] Vgl. Benger Alaluf Yaara, „Alles inklusive – nur kein Stress“. Zur Produktion von Erholung in Club-Med-Seaside Resorts, in: Eva Illouz (Hg.), Wa(h)re Gefühle. Authentizität im Konsumkapitalismus, Berlin 2018, 51–80, hier 52.
[3] Vgl. dazu Jan Loffeld, Der nicht notwendige Gott. Die Erlösungsdimension als Krise und Kairos des Christentums inmitten seines säkularen Relevanzverlustes, Würzburg 2020, 210–219.

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