trockengelegt, rundgelesen und glattgehört

Pieter Bruegel: Der Blindensturz, 1568, Museo di Capodimonte, Neapel

Klaus Jena hat viel gehört, gelesen, gelebt, im Moment studiert er Theologie und bereitet sich darauf vor, Priester zu werden. Zur Feldrede in Lk 6,39-45 hat er eine Predigt entworfen.

Er gebrauchte auch einen Vergleich und sagte: Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen? Der Jünger steht nicht über seinem Meister; jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!, während du den Balken in deinem eigenen Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen. Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte hervorbringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte hervorbringt. Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten: Von den Disteln pflückt man keine Feigen, und vom Dornstrauch erntet man keine Trauben. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil in seinem Herzen Gutes ist; und ein böser Mensch bringt Böses hervor, weil in seinem Herzen Böses ist. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. (Lk 6,39–45)

Eine Feldrede ist keine Bergpredigt. Dieselben Gleichnisworte Jesu, die in der Bergpredigt des Matthäusevangeliums himmelnah und dem Irdischen weit entrückt, gleichsam auf den Bergen des Herzens ausgesetzt 1  sind, dieselben Gleichnisse sind in der Feldrede des Lukasevangeliums in die Ebenen und Niederungen des Daseins gesprochen, wo der Alltag ganz nahe ist. Dieselben Worte haben hier einen weniger hohen, einen alltäglicheren Klang. Worte wie gewöhnliche Steine in einem Fluss. Rundgelesen und glattgehört, stumpfgeredet von zu vielen trockenen Mündern und kalten Lippen. Und doch mit jedem Lesen, Hören und Sagen in den wechselnden Witterungen der Zeit, im Fluss alles Lebendigen, immer wieder neu und tiefer sich färbend, Linien, Brüche, Maserungen und Geäder zeigend, die alten Inschriften des Feuers.

… gesprochen, wo der Alltag ganz nahe ist.

Diese in die Ebenen des Alltäglichen gesprochenen Gleichworte Jesu – seltsam Zwiespältiges sagen sie: Sie reden von zwei Blinden, Bruder und Bruder, Baum und Baum, Mensch und Mensch, Herz und Herz. Alles scheint in sich zerspalten, richtig und unrichtig, recht und ungerecht, fruchtbar und fruchtlos, böse und gut – alles nahe beieinander und jedes wie aus seiner Mitte, aus seinem eigentlichen Ort verrückt. Der jüdische Religionshistoriker Gershom Scholem sagte einmal: „Ein Sein, das nicht an seinem Ort ist, ist im Exil.“ Es scheint, als ob der Mensch also hier von sich selbst exiliert, nicht bei sich und nicht bei Gott und nicht bei Trost ist.

Ein Sein, das nicht an seinem Ort ist, ist im Exil.

Das Gleichnis vom Blinden, der einen Blinden führen will, setzt sich fort im Bild von den verstellten, verwundeten Augen. Das griechische Wort κάρφος, das in der Regel mit „Splitter“ übersetzt wird, meint eigentlich einen verdorrten Zweig. Es klingt ganz ähnlich wie das Wort καρπός, die Frucht, und sagt doch das Gegenteil. Und der Balken, die Vergrößerung des dürren Zweiges, meint dann eher einen verdorrten Baum oder vielleicht ein abgestorbenes, keine Frucht mehr bringendes Stück Holz, das zum Beispiel im Weinbau als Holzauge bezeichnet wird. Demnach wäre Jesu Mahnung an die rechtenden Brüder sehr eng mit dem folgenden Gleichnis von den zwei Bäumen verbunden. Es sind also nicht irgendwelche Verfehlungen oder Sünden, die den Blick verstellen, sondern es ist das sehr konkrete Bild des unfruchtbaren Baumes.

Gibt  es in der Natur schlechte Bäume?

Wie verhält es sich damit? Im Gleichnis scheint alles zunächst ganz einfach zu sein: Es gibt einen schlechten Baum, der schlechte Früchte hervorbringt, und es gibt einen guten Baum, der gute Früchte trägt. Aber stimmt denn das, gibt es denn das überhaupt? Gibt  es denn in der Natur, in der Schöpfung Gottes, schlechte Bäume? Würde der Sohn Gottes von einem der Geschöpfe sagen, dass es schlecht ist? Und erst recht, wenn es dann im Gleichnis um Menschen geht. Gibt es denn Menschen, die entweder schlecht oder gut sind? Ist der Mensch nicht immer beides und oft beides zugleich? Bringt nicht allzu oft Gutgemeintes Schlechtes hervor und wandelt sich nicht immer wieder auch Schlechtes letztlich in Gutes? Und sagt Christus nicht im selben Lukasevangelium, als er mit „guter Meister“ angeredet wird: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen.“ (Lk 18,20) Tatsächlich spricht das Evangelium im griechischen Original nicht von einem „schlechten“, sondern von einem welken, morschen Baum. Und es weiß auch nichts von einem „bösen“ Menschen, sondern nur von der menschlichen Mühsal. Das, was die Dinge schlecht oder böse macht, ist in den Augen Jesu die alltägliche Mühsal, die fruchtlose Anstrengung der Verstellung und alles leidvoll Zwiespältige.

… die fruchtlose Anstrengung der Verstellung.

Es scheint, als ob die Rede von den zwei Bäumen auf etwas ganz anderes zielt, das bis in den Ursprung und bis zum Wesen von Mensch und Welt zurückreicht. Dort nämlich, im Garten Eden, stehen ebenfalls zwei Bäume: der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und der Baum des Lebens. Die zwei Bäume in der Mitte des Gartens stehen so nahe beieinander, dass „im Anfang“ der Baum des Lebens zugleich der Baum der Erkenntnis gewesen sein könnte. Von seinen Früchten nimmt sich der Mensch in Übertretung des göttlichen Verbots die Gabe der Unterscheidung, ohne mit ihr begabt zu sein. Das falsche Unterscheiden aber verstellt zuerst ihn selbst und dann alle Dinge ins Zwiefache, Uneine, Zwiespältige, verdirbt ihm das Herz und exiliert ihn weg vom Baum des Lebens in die Mühsal des irdischen Daseins jenseits von Eden.

Das falsche Unterscheiden exiliert den Menschen.

„Du Heuchler“, sagt Jesus zum Menschen und meint damit: du, der sich verstellt und dessen Blick verstellt ist, du Zwiespältiger. Doch er will nicht den Fall des Menschen, sondern seine Aufrichtung. Er ruft ihn zurück aus dem Exil, zurück zu sich, der durch die Erhöhung am Kreuz selbst zum Baum des Lebens geworden ist. „Du Heuchler“, du Verstellter, du Zwiespältiger, sagt das Evangelium heute, hier und jetzt, zu uns. Und wir wissen, dass wir das Wort schon lange, allzu lange gehört und dem Ruf zum Baum des Lebens nicht gefolgt sind. „Du Heuchler“, du Zwiespältiger, du Verstellter, sagen auf der Straße die Leute zu uns, wenn sie unserer Kirche nicht mehr glauben können. Und wir müssen die Augen niederschlagen.

Aller Zwiespalt und Zwist, alle Fruchtlosigkeit falschen Unterscheidens, alle Blindheit und alle Mühsal der Verstellung scheinen so, wie sie in der Welt sind, auch in uns und zwischen uns Christen zu sein. Und unsere Herzen bleiben trocken. Wir starren uns mit Holzaugen an. Und die Träne im verwundeten Bruderauge kann sich nicht lösen. 2 Mahatma  Gandhi, der indische Asket, Pazifist und Politiker, der dem Christentum gegenüber wohlgesonnen war, hat einmal gesagt: „Als erstes würde ich raten, dass die Christen alle miteinander anfangen müssen, wie Jesus Christus zu leben. Wenn ihr im Geist eures Meisters zu uns kommen wolltet, könnten wir euch nicht widerstehen.“3 Worte Jesu – zur Stimme geworden im Mund des fremden, befremdeten Bruders. Worte, ins Hier und Jetzt der Ebenen und Niederungen unseres alltäglichen Lebens gesprochen. Wir haben sie im Sinn, wie man vielleicht einen geringen Kiesel gedankenlos in der Hand bewegt.

… Worte Jesu – im Mund des fremden, befremdeten Bruders.

Einst als Wort des lebendigen Gottes leuchtendes Gestein im Wasser des Lebens, haben wir sie trockengelegt, rundgelesen und glattgehört. Grau und matt sind sie geworden. Würden wir sie in den Fluss unseres Lebens legen, würden wir sie beherzigen, wie würden sie sich neu färben. Und wieviel Unerkanntes würden sie sagen. Niemand könnte ihnen widerstehen. Worte Jesu im Fluss alles Lebendigen, dunkle und helle Herzsteine mit in der Tiefe glitzernden, geäderten Inschriften des Feuers. Es ist längst Zeit für sie und längst Zeit für uns. In einer Dichtung von Paul Celan heißt es:

Es ist Zeit, daß man weiß!

Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,

daß der Unrast ein Herz schlägt.

Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit. 4

 

Klaus Jena, geb. 1962 in Heiligenstadt (Eichsfeld), Studium der Germanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, journalistische Tätigkeit in Altenburg (Thüringen), wiss. Mitarbeiter am Lindenau-Museum Altenburg, seit 2015 Priesterkandidat des Bistums Dresden-Meißen im Priesterseminar Sankt Georgen, Frankfurt am Main.

Bild: Von Pieter Bruegel der Ältere – Web Gallery of Art: Image Info about artwork, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15416344.

  1. Vgl. Rilke, Rainer Maria, Fragment, in: ders., Werke in 6 Bänden. Bd. 2, Frankfurt a. M. 1997, 94.
  2. Vgl. Celan, Paul, Stimmen, in: ders., Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band, hg. von B. Wiedemann, Frankfurt am Main 2003. 92, Zeilen 38–42.
  3.  Schott-Messbuch für die Sonn- und Festtage des Lesejahres C. Originaltexte der authentischen deutschen Ausgabe des Meßbuches und des Meßlektionars. Mit Einführungen hg. von den Benediktinern der Erzabtei Beuron, Freiburg 2003, 480.
  4.  Celan, Paul, Corona, in: ders., Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band, hg. von B. Wiedemann, Frankfurt am Main 2003. 39.
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