Warum Postfaktizität ein Thema der Theologie sein muss

Die Rede vom Postfaktischen, das ist kein harmloser Zeit-Geist-Trend. Es geht um die reale Verunsicherung von Erkenntnis- und Lebensbedingungen und damit um ein zentrales Thema der Theologie, meint Teresa Schweighofer.

Wer kennt sie nicht, die „Gefühlten Wahrheiten“ in der Süddeutschen Zeitung? Die bunten Tortengrafiken, die veranschaulichen, was wir immer schon gewusst, zumindest jedoch gefühlt, haben?  Woche für Woche bekommt man hier „die Welt erklärt in Infografiken“, fühlt sich häufig bestätigt, manchmal ertappt. Und galt bis vor wenigen Jahren die Wendung „gefühlte Wahrheit“ noch als eine Art Oxymoron, so ist sie angesichts von fake-news, alternative facts und post-truth zur ernsten Realität geworden. Spätestens mit seiner Kür zum Begriff des Jahres 2016, ist „postfaktisch“ in aller Munde. Dass er auch jenseits politischer Machtstrategien für die Theologie von Relevanz ist, soll in ein paar Denkspuren deutlich gemacht werden. Diese verdanken sich vor allem einer gemeinsamen Vorlesungseinheit von Katja Winkler, Michael Schüßler und mir im Juli 2017.

Was versteckt sich eigentlich hinter dem Begriff „postfaktisch“?

Mit dem Begriff „postfaktisch“, eingeworfen in einen Durchschnitts-Small-Talk, tritt man häufig eine Welle von Empörung und Ratlosigkeit los: Alles, vom Werteverfall in der Politik (#trumpifizierung) über das (selbst)verspielte Vertrauen in die Medien (#lügenpresse) bis zur Postmoderne insgesamt (#relativismus), wird dann in einem großen Topf voll Weltuntergangsstimmung weichgekocht gewürzt mit der seufzenden Frage: „Wem kann man eigentlich noch trauen?“

Emotionen statt Fakten

Jedoch, was genau „postfaktisch“ sei, kann kaum jemand ins Wort bringen – das sei eben eher ein Gefühl. Und genau darum geht es: „Das Kunstwort postfaktisch verweist darauf, dass es heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht.“ (Jochen Bär) Postfaktisch ist also ein Synonym für die Unübersichtlichkeit der Welt, ihre alltäglichen Ambiguitäten und die entsprechenden Gefühle. Es bezeichnet das endgültige Ende ewiger Gewissheiten. Und als Übersetzung des englischen „post-thruth“ – von Oxford dictionaries ebenso zum Wort des Jahres 2016 gekürt – ist es die Neuauflage der Frage nach der Wahrheit.

Das Faktische war immer schon die Ausnahme.

Übrigens: post-truth ist keineswegs neu oder neu entdeckt – schon 1992 bezeichnet Steve Tesich in einem Artikel die Welt als „post-truth world“ und Ralph Keyes rief bereits 2004 die „The post-truth era“ aus. Der Sache nach ist die Frage noch viel älter! Dennoch scheint uns erst jetzt so richtig klar zu werden, welchen enormen Einfluss Emotionen und Affekte auf Denken und Entscheiden haben; Einsichten, die in der Psychologie und den Kognitionswissenschaften schon längere Zeit beforscht und diskutiert werden. „Das Faktische (war) immer schon die Ausnahme. Wir entscheiden anders.“[1]  Die Fragen, ob es jedoch so etwas wie harte Fakten oder auch Realität überhaupt gibt und wie man Fakten von Fake-ten (vgl. Kursbuch 189) unterscheiden kann, bleiben auch hier unbeantwortet.

Bild von Thomas Lösch, aufgenommen beim March for science in Tübingen 2017

Die Frage nach der Wahrheit ist wieder offen

Hat man in den letzten Jahrzehnten öfter mal das Ende der Wahrheitsfrage – wer außer Theolog_innen und vielleicht Logik-Professor_innen interessierte sich denn noch für Wahrheitskonzeptionen? –  oder zumindest das Ende der Wahrheitssuche proklamiert, so kehrt sie nun wieder: die Frage nach der Wahrheit. Allerdings über den Umweg der Unwahrheit: Denn man muss so etwas wie Wahrheit akzeptieren – wie sonst könnte man Lügen identifizieren und denunzieren (vgl. Barbara Zehnpfennig, Keine Lüge ohne Wahrheit). Also doch wieder die Wahrheit suchen, aber wie und nach welchen Kriterien?

Die wissenschaftstheoretische Arena ist wieder gut besucht.

Manche verteidigen vehement die Faktizität ihrer Erkenntnisse und suchen ihr Heil in einem erkenntnistheoretischen Positivismus („pro-faktisch statt post-faktisch“). Andere schlagen sich mit der Konstruiertheit von Erkenntnis (#faktum_kommt_von_facere) herum und suchen trotz der grundsätzlichen Kontingenz von Fakten (Luhmann) nach einem Weg Wissenschaft zu betreiben. Die Debatte um postfaktische Diskurse ist also auch ein „Epiphänomen eines epistemologischen Grundproblems“ (Müller): Was lässt sich mit welcher Sicherheit als real feststellen und begreifen? Nach welchen Kriterien lassen sich Erkenntnisse bewerten und ggf. als wissenschaftlich qualifizieren? Wobei – angesichts der mehr oder weniger latenten Kritik den Wissenschaften und sog. „Expertokratien“ gegenüber ist das Label „wissenschaftlich belegt“ heute vielleicht sogar eher kontraproduktiv.

Was ist Wahrheit?

Immerhin, die wissenschaftstheoretische Arena ist wieder gut besucht. Als Theolog_innen ist uns diese durchaus bekannt und die Suche nach einem Wissenschaftsverständnis jenseits von naturwissenschaftlichen Objektivitätskriterien und empirisch nachweisbarer „hard facts“ begleitet uns seit Studienbeginn. Möglicherweise ergeben sich in postfaktischen Zeiten neue interessante Allianzen im Kontext der uralten aber immer noch relevanten (theologischen) Frage „Was ist Wahrheit?“.

Gefühlte Wahrheiten und die Bedeutung der Affekte (Pentekostalismus)

Die Rede von Postfaktischem führt auch die Bedeutung der Emotionen und Affekte für Denken und Entscheiden eindrücklich vor Augen. Aber wenn es nur noch um gefühlte Wahrheiten geht, ist dann auch nur mehr das Gefühl wahr? Wird das eigene Gefühl dann zum letzten Ort der sicheren Erkenntnis? Sentio ergo sum?

Emotionsgeladene Erfahrung statt Vernunft?

Dass die emotionsgeladene Erfahrung drauf und dran ist der Vernunft den Rang abzulaufen, gilt nicht nur für die Politik; auch in den Religionen sehen wir diesen Trend. Pentekostalisierung nennen es Religionswissenschafter_innen und Theolog_innen: Wahr ist, was ich spüre und was im besten Fall in seiner Wirkung auch andere zu spüren bekommen – Heilung, Erweckung, Begeisterung. Und das betrifft schon lange nicht mehr nur die Kirchen des globalen Südens oder ihre freikirchlichen Ableger hier in Europa. Die „Selbstpentekostalisierung der Kirche“ (Schüßler) lässt sich in fast jeder Kirchengemeinde und an zahlreichen anderen pastoralen Orten entdecken. Und ohne dieses affektgeladene Christentum weder gleich zu verurteilen noch zur Rettung des Christentums hochstilisieren zu wollen, so stellt es doch Anfragen an das Jahrhunderte alte Selbstverständnis der Theologie als vernunftgeleitete Suche nach Gott (#intellectus fidei).

Das politische Kapital des „Postfaktischen“

Aber auch der politischen, besonders der sozial-politischen, Auswirkungen postfaktischer Haltungen und dem politischen Kapital, das Populist_innen aus ihnen ziehen, muss sich die Theologie stellen: Sei es im Kontext aktueller Migrationspolitik oder auch der sprachlichen Verrohung in den öffentlichen Debatten insgesamt. Postfaktisch als kurzlebigen Zeit-Geist-Trend abzutun – ganz unabhängig davon wie lange der Begriff selbst noch Hochkonjunktur hat – wird der Brisanz der dahinter steckenden Fragen schlicht nicht gerecht, zumal es sich um Fragen von globalem Ausmaß handelt (#kimjongun_vs_trump).

Postfaktizität ist weder gut noch schlecht.

Ebenso problematisch wie das Phänomen zu ignorieren ist es meines Erachtens aber auch ihm und seiner schwarz-weiß-Logik selbst zu verfallen.  Postfaktizität ist weder gut noch schlecht – es ist und bedarf der Deutung und Bearbeitung. Genau für solche Balanceakte hat die Theologie, die es ja gewohnt ist in unauflösbaren Spannungen und Paradoxien zu denken, ein ganzes Repertoire an erprobten Werkzeugen. Die Frage ist dabei wohl eher, können Theolog_innen dieses Repertoire auch säkular argumentieren und sind sie bereit diese in den, ihrer eigenen Deutungsmacht entzogenen, „open-source“-Pool gesellschaftlicher Diskurse einzuspeisen?

Ich hoffe ja.

[1] Breithaupt / Kolmar: Fakten oder Faketen?, in: Kursbuch 189, 68.

Teresa Schweighofer ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen.

Bild: Schweighofer (privat)

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