Wie eine bürokratische Kirche sexuelle Gewalt in ihren Reihen verhindern will

Die Missbrauchsskandale haben (nicht nur) die katholische Kirche erschüttert. Eine Folge davon ist eine höhere Sensibilisierung für das Thema – aber auch entsprechende Maßnahmen, um Missbrauch zu verhindern. Stefan Gärtner (Tilburg) schaut sich kritisch ein Feld des Umgangs mit Kindern an – die Vorbereitung auf die Erstkommunion. Vor allem hinterfragt er die gegenwärtige bürokratische Reaktion auf ihre Angemessenheit.

Das Erschrecken über die Fälle sexueller Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen sitzt der Kirche bis heute in den Gliedern. Die Missbrauchsskandale offenbarten „eine große Norm-Praxis-Kluft im innersten (klerikalen) Bereich und am sensibelsten Ort heutiger Beziehungsrealitäten, den Kindern“.[1] Das tastet die Glaubwürdigkeit insbesondere des Lehramts an.

Entsprechend gründlich hat sich die Kirche an die Aufarbeitung der Skandale gemacht durch Begegnungen zwischen Kirchenleitung und Betroffenen, ein verschärftes Regelwerk für den Umgang mit Verdachtsfällen und TäterInnen, unabhängige AnsprechpartnerInnen vor Ort für die Opfer sexualisierter Gewalt, geeignete Präventionsschulungen und eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Fehlern der Vergangenheit in Bistümern und Orden. Die Notwendigkeit solcher Maßnahmen ist natürlich unbestritten. Eher könnte man fragen, welche blinden Flecken diese aufweisen. Ist etwa das bis heute die Mentalität von KatholikInnen prägende Amtsverständnis genügend ausgeleuchtet, das vielen TäterInnen das Schweigen ihrer minderjährigen Opfer garantierte, einfach weil undenkbar und damit unaussprechbar war, dass der Herr Pastor zu ‚so etwas‘ in der Lage ist?

Daneben ist es eine offene Frage, ob die beiden Bischofssynoden in Rom 2014 und 2015 über die Ehe- und Familienpastoral auch im Licht der jüngeren Missbrauchsgeschichte in der Kirche nachgedacht haben. In seinem nachsynodalen Apostolischen Schreiben Amoris Laetitia erwähnt Papst Franziskus zwar die sexuelle Ausbeutung und Gewalt gegen Kinder, ohne jedoch noch einmal auf die Täterschaft von Mitgliedern des Klerus und den kirchlichen Umgang damit einzugehen.[2]

„Manchmal ist dabei der zeitliche Aufwand für die Teilnahme an einer Präventionsschulung identisch mit den Stunden, die für die Katechese zur Verfügung stehen.“

Die deutschen Bistümer haben als Konsequenz aus den Fehlern der Vergangenheit heute auf allen Ebenen ein Netz der Prävention gespannt. Jeder und jede, der oder die es in Pastoral, Jugendsozialarbeit oder im Unterricht mit Kindern und Jugendlichen zu tun bekommt, ist entsprechenden Kontrollmechanismen unterworfen. In manchen Diözesen gilt dies bis hinab auf die Ebene der Eltern, die sich in der Erstkommunionsvorbereitung ihrer Kinder engagieren. Manchmal ist dabei der zeitliche Aufwand für die Teilnahme an einer Präventionsschulung identisch mit den Stunden, die für die Katechese zur Verfügung stehen.

Aus der verständlichen Sorge heraus, das Problem nicht ernst genug zu nehmen, legen Pfarrer die diözesanen Ausführungsbestimmungen der Ordnung zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen streng aus. Mit gutem Recht, denn jede Verharmlosung kann fatal sein. Das lehrt die Vergangenheit. Andererseits stellt sich mit Blick auf das konkrete Setting der Erstkommunionkatechese die Frage der Verhältnismäßigkeit. Die Kirche schießt hier über das richtige Ziel hinaus.

Es regt sich entsprechender Widerstand in den Gemeinden. Manche reagieren mit Sarkasmus. So wurde in einem offenen Brief an ein Bistum die Frage gestellt, warum die Kirche nicht genauso viel Aufmerksamkeit darauf verwende, die religionspädagogische Befähigung und die Rechtgläubigkeit der Kandidaten und Kandidatinnen für die Erstkommunionsvorbereitung zu prüfen. Stattdessen gilt das Motto: wer auf dem ersten Elternabend den Finger hebt, der qualifiziert sich damit für die Katechese.

Zwei Arten von Organisationen: mit einer missionarischen und mit einer bürokratisch-professionellen Kultur

Der kanadische Soziologe Henry Mintzberg unterscheidet unter anderem zwei Arten von Organisationen: solche mit einer missionarischen und solche mit einer bürokratisch-professionellen Kultur.[3] Auch wenn Mintzberg selbst religiöse Institutionen nicht im Blick hat, ist seine Unterscheidung erhellend. Ganz offensichtlich handelt es sich bei der Kirche in Deutschland um ein Mischwesen. Von ihrem Ursprung her ist sie eine Organisation mit einer missionarischen Kultur. Die interne Struktur einer solchen Organisation ist relativ lose, die Hierarchien sind flach und Ehrenamtlichkeit prägt die Organisation. Im Mittelpunkt stehen die Werte, der Glaube und die Überzeugungen, die alle teilen. Persönliche Identifikation mit den Zielen der Gemeinschaft ist wichtiger als Regeln und Strukturen.

Andererseits hat die Kirche in Deutschland viel von einer Organisation mit einer bürokratisch-professionellen Kultur. Solche Organisationen sind viel komplexer. Dazu gehört die interne Ausdifferenzierung zwischen Funktionären und Professionslaien. Die Kommunikationen und die Handlungen der Mitglieder untereinander sind standardisiert und regelgeleitet. Die Organisation dient den gemeinsam geteilten Zielen und Werten. Diese sind damit weniger unvermittelt, sondern nur noch mittelbar präsent.

Die Kirche handelt nach der Logik einer bürokratisch-professionellen Organisation.

Die deutschen Bistümer handeln konsequent als bürokratische Organisationen. Für solche gilt: gleiche Regeln für alle, die von oben nach unten von den Hauptamtlichen durchgesetzt werden. Genauso wie es wenig Sinn macht, sich über einen unverständlichen Behördenbescheid aufzuregen, fügen sich viele Ehrenamtliche zähneknirschend den Anordnungen ihrer Kirche. Im Rahmen einer bürokratisch-professionellen Kultur könnten sie höchstens nach der empirischen Grundlage der Präventionsbestimmungen ihrer Diözese fragen. Wie viele sexualisierte Übergriffe hat es also in der Vergangenheit durch ehrenamtliche Katechetinnen und Katecheten gegeben und rechtfertigen diese Fälle die geforderten Maßnahmen? Verfügt eine bürokratische Organisation nicht über entsprechendes Zahlenmaterial, dann erscheint ihr Handeln als Willkür. Es entsteht der Verdacht, dass der Kirche nicht ausschließlich der Schutz von Minderjährigen am Herzen liegt. Vielmehr scheint sie sich auf die mögliche Veröffentlichung weiterer Missbrauchsfälle vorbereiten zu wollen: sie kann sich dann damit rechtfertigen, im Vorfeld alles Erdenkliche getan zu haben. Die Kirche handelt damit völlig nach der Logik einer bürokratisch-professionellen Organisation.

Können sexuelle Übergriffe in der Kirche im Rahmen einer missionarischen Kultur effektiver verhindert werden? Zunächst: auch hier gibt es spezifische Gefahren. Eine charismatische Führungsfigur zum Beispiel kann in einer solchen Kultur nicht leicht zur Verantwortung gerufen werden. Positiv ist dagegen, dass die Prävention bei denen ansetzen kann, die sich am meisten Sorgen machen, dass ihre Kinder Opfer sexueller Gewalt werden: die Eltern. Sie haben häufig gute Antennen für die Gefahren, denen Jungen und Mädchen in öffentlichen, halböffentlichen und privaten, realen wie virtuellen Räumen ausgesetzt sind. In den Gemeinden ist nicht zuletzt durch die Missbrauchsskandale der Vergangenheit genügend Sensibilität vorhanden, um mögliche Gefahren zu erkennen. Nach dem Prinzip der Subsidiarität hätte ein Bistum die Aufgabe, den Pfarreien unterstützende Angebote zu machen, die die eine Gemeinde hilfreich finden mag, die für eine andere dagegen überflüssig sind.

Präventionsschulungen im Rahmen der Erstkommunionsvorbereitung sind natürlich nur eine Fußnote in den Bemühungen der katholischen Kirche, heutzutage sexuellen Missbrauch in ihren Reihen zu verhindern. Über das Ziel dieser Maßnahmen kann es keine zwei Meinungen geben. Wohl zeigt das Beispiel die grundsätzlichen Schwierigkeiten einer Kirche, die als bürokratisch-professionelle Organisation ihrem Herrn und Meister nachfolgen will.

[1] Rainer Bucher, Fundamentale Neukontextualisierung. Auswege aus den Sackgassen der katholischen Ehe- und Familienlehre, in: Christian Bauer/Michael Schüßler (Hg.), Pastorales Lehramt? Spielräume einer Theologie familialer Lebensformen, Ostfildern 2015, 69-82, hier: 69f.

[2] Vgl. AL 45.

[3] Vgl. ders., Mintzberg on management. Inside our strange world of organizations, New York u. a. 2007.

Stefan Gärtner ist Assistent Professor in Tilburg.

Beitragsbild: https://pixabay.com/de/kind-missbrauch-angst-stop-1152327/

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