Im Monat der Jahresrückblicke schaut Pierre Aerne zurück auf ein Jahr voller Jubiläen, von denen er eines besonders hervorhebt.
Auch 2025 war ein Jubiläumsjahr. Bekanntlich betreiben wir entlang des Dezimalsystems Erinnerungspolitik, erinnern uns bedeutender Ereignisse und Personen. Man kann dagegen geschichtsphilosophische Bedenken haben, doch wer nicht mitmacht, verpasst die einmalige Chance auf Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit.
Der 1700. Jahrestag des Konzils von Nicäa (325) wurde auf Kongressen, in Büchern und an Diskussionsveranstaltungen vielfach begangen. Adressat war ein vorwiegend kirchliches Publikum, auch wenn mit der ersten Reise des neuen Papstes Leo XIV. an den Ort des Geschehens in der heutigen Türkei Ende November auch die Weltöffentlichkeit auf dieses Konzil aufmerksam gemacht wurde. Mit grossen Landesausstellungen wurde das Jubiläum 500 Jahre Bauernkrieg in Deutschland, Österreich und Südtirol begangen. Als „Deutscher Bauernkrieg“ hatte das Geschehen von 1525 seinen festen Platz im kollektiven Gedächtnis.
Und 1925? Im März 1925 gründeten in Marburg 11 Theologiestudentinnen den deutschen Theologinnenverband (heute: „Konvent der evangelischen Theologinnen in der Bundesrepublik Deutschland“). Ein aktiver Verein wie viele andere – könnte man einwenden. Doch auch er ist ein Platzhalter: für die Geschichte der Frauenordination, nicht nur als liturgische Handlung, sondern in einem umfassenden Sinn verstanden als gleichberechtigte Zulassung zum Pfarramt. Denn Frauen mit abgeschlossenem Theologiestudium wurden teilweise schon sehr früh ordiniert, ohne dass sie alle pfarramtlichen Amtshandlungen vollziehen durften, geschweige denn rechtlich gleichgestellt waren. Zwar ist die Zulassung zum Pfarramt Teil der allgemeinen Frauenemanzipation, des wichtigsten Transformationsprozesses im 20. Jahrhundert. Doch ohne Eingaben und Bittschreiben des Theologinnenverbandes an die Kirchenleitungen hätten diese nicht gehandelt und wäre es nicht vorwärtsgegangen.
Wie es in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Frauenordination kam
Ab 1900 konnten sich Frauen an Universitäten in Deutschland immatrikulieren. In der Folge regelten um 1930 die ersten deutschen Landeskirchen die Tätigkeit von Theologinnen. Unter der Bezeichnung „Vikarin“ waren sie zugelassen zu Seelsorge, Unterricht an Frauen und Kindern (sog. Amt sui generis), nicht aber zum Pfarramt mit Predigt und Sakramentsverwaltung in den Kirchengemeinden. Als im Zweiten Weltkrieg viele Pfarrer als Soldaten eingezogen waren, wurden sie von zahlreichen Theologinnen vollumfänglich vertreten. „In diesen Jahren entstand der Beruf der Pfarrerin“ (Christiane Drape-Müller). Nach Kriegsende wurden diese Pfarrerinnen durch die Kirchenleitungen und gegen den Willen der betroffenen Kirchengemeinden auf unschöne Weise aus ihrem Amt hinausgeworfen. Auch die dienstrechtliche Stellung änderte sich nicht, einzig aus den „Vikarinnen“ wurden „Pfarrvikarinnen“. In den 1960er-Jahren erliessen die meisten Landeskirchen sog. Pastorinnengesetze, die die Ordination der Theologinnen und die Ausübung aller Amtshandlungen wie bei den Pfarrern vorsahen (=geistliche Gleichstellung). „Die Berufung der Frauen zum Vollpfarramt ist in den reformierten und protestantischen Kirchen der Schweiz und Deutschlands zu einer nicht mehr aufzuhaltenden Bewegung und grosser geistiger Kraft und evangelischer Schönheit geworden.“ Diese feinen Worte schrieb 1964 die Schweizerin Gertrud Heinzelmann (1914-1999), eine promovierte Juristin, aktive Frauenstimmrechtlerin und ihrerseits Kämpferin für die Gleichberechtigung in der römisch-katholischen Kirche. Ihre Eingabe von 1962 an das Zweite Vatikanische Konzil für die Weihe von Priesterinnen ging in die Geschichte ein. Die rechtliche Gleichstellung der Theologinnen in der EKD setzte als erste die evangelische Kirche von Berlin-Brandenburg 1974 um. Damit wurde auch die sog. Zölibatsklausel (Berufsaufgabe nach der Heirat) abgeschafft. Als letzte Landeskirche führte Schaumburg-Lippe 1991 die Frauenordination ein.
Lehren aus der Frauenordinationsgeschichte – Pfarrerinnen heute
In den teilweise heftigen Diskussionen tauchten die bekannten Argumente gegen Pfarrerinnen auf (z. B. 1. Kor 14,33-35; 1. Tim 2, Eph 5). Wer die Diskurse analysiert, stellt fest, dass sie lediglich als Vorwand dienten. Dahinter steckten die eigentlichen Motive: Man wollte keine Frauen, keine Konkurrenz. Die Zulassung war eine Frage der Zeit, die höchstens noch verzögert werden konnte. Etwas anderes liess der demokratische Aufbau der protestantischen Kirchen (Synode als Kirchenparlament) und das reformatorische Prinzip des allgemeinen Priestertums nicht zu. Kirchen, die die Frauenordination ablehnen, sind dagegen hierarchisch-monarchisch organisiert. Die demokratisch abgestützte Kontrolle fehlt.
Man wollte keine Frauen, keine Konkurrenz.
Aktuell beträgt der Frauenanteil 39 Prozent, d.h. rund 6.000 Pfarrerinnen. Dank ihnen wurde die EKD vielseitiger, offener, bunter und fröhlicher, eine Erfolgsstory. Und wie steht es heute um die tatsächliche Gleichstellung? Herausforderungen bestehen immer noch genug. Rajah Scheepers, Kirchenhistorikerin und Pfarrerin in Kopenhagen, nennt etwa die Vorstellung von traditionellen Rollenmustern in ländlichen Gegenden, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder die Förderung von Frauen für kirchliche Leitungsämter.
Nötig: Mentalitätswandel auf Männerseite
Von den drei Jubiläen fand der Geburtstag des Theologinnenkonvents am wenigsten Echo. Dass die Geschichte der Frauenordination noch viel zu wenig bekannt ist, hat verschiedene Gründe: Immer noch wird sie in die Frauenecke abgedrängt oder schlicht übergangen wie im Referenzwerk „Geschichte des deutschen Protestantismus 1945-1990“. Es sind Frauen, die diese Geschichte aufarbeiten. Das belegen die beiden vorzüglichen Publikationen zur Geschichte der Frauenordination, die im Jubiläumsjahr 2025 erschienen sind: die Festschrift „100 Jahre Theologinnenkonvent in Deutschland“ (44 Autorinnen, 2 Autoren) und das Handbuch der Geschichte der Frauenordination in Deutschland in den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen (24 Autorinnen und 10 Autoren).
Es sind Frauen, die diese Geschichte aufarbeiten.
Vor dem grossen Jubiläumsjahr 2028?
Ende Juni 2025 hat der Theologinnenkonvent in schlichtem Rahmen an der Jahresversammlung seinen 100. Geburtstag gefeiert. Warum nicht ein öffentlicher Festakt mit Gästen aus Kirche und Politik, auch männlichen? Dann hätten ranghohe (Kirchen-) Politiker die Gelegenheit, die historischen Verdienste der Theologinnen vor einer breiten Öffentlichkeit zu würdigen. In den letzten Jahrzehnten haben mehrere Landeskirchen die Jubiläen 50 Jahre Frauenordination begangen. Allerdings nie auf Bundesebene. Am 5. Februar 2028 werden es 100 Jahre her sein, dass die Landeskirche Hamburgs Sophie Kunert (1896-1960) als erste Frau zum kirchlichen Dienst im Krankenhaus in Hamburg eingesegnet hat. Für Aussenstehende kam das einer Ordination gleich. Ausser Seelsorge und Predigtdienst spendete sie gelegentlich auch die Sakramente Taufe und Abendmahl. Die Leute nahmen sie als „Frl. Pfarrer“ wahr; sie waren meist offener als viele Kirchenobere und Pfarrer. Müsste 2028 nicht zum grossen Jubiläumsjahr „100 Jahre Frauen im Pfarramt in Deutschland“ werden? Mit Ausstellungen, Vorträgen, Publikationen, Filmen, Rundfunk- und Fernsehbeiträgen, Sondernummern der populären Magazine Damals oder ZEIT Geschichte. So würde die wechselvolle Geschichte der Frauenordination allgemein vertraut gemacht und könnte ins kollektive Gedächtnis eingehen. Denn die Zulassung von Frauen zum Pfarramt im 20. Jahrhundert war historisch ebenso bedeutend wie die Reformation, das haben Kirchenmänner schon vor 100 Jahren eingestanden. Warum also sein Licht unter den Scheffel stellen?
Müsste 2028 nicht zum grossen Jubiläumsjahr „100 Jahre Frauen im Pfarramt in Deutschland“ werden?
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Pierre Aerne, Neuchâtel (Suisse), forscht und publiziert seit mehr als einem Vierteljahrhundert zum Thema Frauenordination (Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, wissenschaftliche Aufsätze und Nachrufe auf frühe Theologinnen, die er noch hat besuchen dürfen). Transparenzhinweis: Er hat an den beiden genannten Büchern mitgearbeitet – wie alle auf ehrenamtlicher Basis.
Beitragsbild: Christine Stradtner.


