Irene Gysel porträtiert die Geschichte, die Idee und das Leben des Zürcher Stadtklosters, das in diesem Monat sein 10-jähriges Jubiläum feiert.
Ausgerechnet in Zürich
Ein Stadtkloster in Zürich! Ausgerechnet in Zürich, wo vor genau 500 Jahren, nachdem die Fraumünsteräbtissin Katharina von Zimmern ihre Abtei der Stadt übergeben hatte, der Rat nach einer Zeit wüster Beschimpfungen des monastischen Lebens alle Klöster aufhob! Zürich war vor der Reformation sozusagen eine Klosterstadt gewesen. Auf dem Gebiet der heutigen Altstadt standen sieben Klöster, und wenn man die zölibatär lebenden Beginen, die armen Schwestern und die Bruderschaften dazurechnet, lebte von den rund 5000-6000 Einwohnerinnen und Einwohnern vielleicht ein Fünftel in einer religiösen Gemeinschaft.
Erlaubins zur Klosterflucht
Allerdings war um 1525 bereits ein grosser Teil ausgetreten. Nach langem Bitten hatte der Rat endlich die Erlaubnis zu dieser Klosterflucht erteilt. Die Verbleibenden wurden ins Barfüsser- und ins Oetenbachkloster verbracht, einige Mönche immerhin weinend. Es war ein radikaler Schlussstrich unter eine eigene, gemeinschaftliche Lebensform.
Ein Sehnsuchtsort?
Und nun feiert in diesem Jahr in Zürich ein Stadtkloster sein zehnjähriges Jubiläum. Wie kam es dazu? Was macht ein Leben im Kloster heute anziehend? Die evangelische Pfarrerin Jutta Koslowski nennt es einen Sehnsuchtsort.[1] Klingt da vielleicht immer noch nach, dass im Mittelalter hinter Klostermauern auch ein durchaus lustvolles gemeinschaftliches Leben möglich war, das sogar etwas Verführerisches haben konnte? Wenn man liest, dass der Zürcher Rat den Predigermönchen den Besuch bei den Oetenbacherinnen verbot oder die Selnauer Nonnen anwies, keine Männer mehr in ihre Badestuben zu lassen, beflügelt dies die Fantasie dementsprechend.
Eintrittsgründe damals
Aber kann man ein Kloster von damals mit einem Kloster von heute vergleichen? Im Mittelalter lebten wohl die meisten Menschen nicht auf Grund einer persönlichen Entscheidung im Kloster. Sie wurden von ihren Familien dahin gegeben mit der Aufgabe, für sie zu beten und so zu ihrem Seelenheil beizutragen und ihre Zeit im Fegefeuer zu verkürzen. Oder es waren finanzielle Gründe: Es war wohl Geld da für eine Mitgift ins Kloster, aber es reichte nicht für eine standesgemässe Verheiratung.
Ausserdem gewann die Familie an Status.
Man wollte das Erbe nicht auf mehrere Kinder aufteilen. Die Eintretenden hatten eine ewige Profess abzulegen und Erbverzicht zu leisten. Ausserdem gewann die Familie an Status, besonders dann, wenn eine Wahl der Tochter oder des Sohnes zu Äbtissin oder Abt möglich wurde. Die Reformation gab ihnen die Möglichkeit auszutreten.
Eine Bewegung
Das ist heute fundamental anders, besonders beim Zürcher Stadtkloster, das Teil einer neuen ökumenischen monastischen Bewegung ist. Hans Strub schildert in seinem Buch «Kloster werden» [2] den Werdegang, die Beweggründe und die Struktur des Zürcher Stadtklosters.
Teil einer neuen globalen monastischen Bewegung
Die Bewegung begann schon vor 40 Jahren in Grossbritannien und hatte Vorläufer wie Taizé, Iona, Berlin-Segen. Das Mehrgenerationenprojekt «erfahrbar» beim Kloster Fahr oder die Communitäten Don Camillo in Montmirail und im Stadtkloster Frieden in Bern sind Kommunitäten, deren Mitglieder sich verpflichten, ein Stück Lebensweg gemeinsam zu gehen und sich eine Richtung und eine Struktur zu geben. Wichtig ist dabei eben dieses: Sie geben sich diese selber. Ähnlich wie damals die Beginen sich die Regeln für ihr Zusammenleben auch selber gaben und unabhängig blieben?
Ein Verein
Das Stadtkloster Zürich nahm sich ausgiebig Zeit dafür. Es konstituierte sich nach einer Anfangsphase im Mai 2015 als konfessionell und politisch neutralen Verein, begleitet von einem Beirat. Die Mitglieder verabschiedeten 2019 ihre sorgfältig ausgehandelte Charta. Sie enthält sechs Paragraphen. An erster Stelle steht das bereits 2015 formulierte Bekenntnis, das von einem weiten, offenen Glauben und von grosser Gastfreundschaft zeugt. Nach dem knapp formulierten Glauben an Gott den Schöpfer, Jesus Christus und die Geistkraft heisst es: «Wir glauben an uns als Gottes Werk» und «Wir glauben, dass Gottes Gaben uns formen und bewegen.» Es folgen die Zugehörigkeit zur weltweiten christlichen Kirche, dann die Punkte «Gott feiern» (Liturgie), «Ausdruck der eigenen Lebenshaltung» (Martyria), «Engagement aus Nächstenliebe» (Diakonia) und «Gemeinschaft» (Koinonia).
Eine Kerngruppe (…) wohnt als Wohngemeinschaft zusammen mit Flüchtlingen und Gästen im «Kloster».

Die Charta ist verpflichtend im Sinne einer Selbstverpflichtung für alle Aktivmitglieder, die im Konvent zusammengefasst sind. Eine Kerngruppe des Konvents von heute fünf bis sechs Personen, sozusagen das Herz der Organisation, wohnt als Wohngemeinschaft zusammen mit Flüchtlingen und Gästen im «Kloster». Seit 2022 befindet sich dieses im ehemaligen reformierten Pfarrhaus Zürich-Wiedikon. Alle anderen Aktivmitglieder, es sind zurzeit etwa zwanzig, formulieren ihre Verpflichtung zur Teilnahme und zur Übernahme von Aufgaben, wie etwa das Leiten von Tagzeitengebeten oder die Mitwirkung in diakonischen Projekten des Stadtklosters. Diese Verpflichtung wird jedes Jahr schriftlich erneuert. Die diakonischen Projekte gehören zentral zum Selbstverständnis und zum Auftrag des Stadtklosters, zum Beispiel die Winterstube und das Gartenprojekt mit geflüchteten Menschen.
Suchende Menschen
«Das Stadtkloster möchte wahrgenommen werden von Menschen, die suchen. Die nach Anregung und Orientierung im Leben suchen. Die nach Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Gefühle suchen. Nach einem Halt auch in schwierigen Lebensstürmen…. Nach einem Ort, der Ruhe und ein wenig Ordnung bringt und gleichzeitig eine befürchtete Leere füllt oder zu ertragen hilft. … Der Raum bietet, den weiten Begriffen wie Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit, Gewissheit etwas auf die Spur zu kommen», schreibt Hans Strub. Es trifft sich mit dem «Sehnsuchtsort» von Jutta Koslowski. Auch KI bestätigt dieses Bedürfnis.
Was heute Menschen dazu bewegen kann, in ein Kloster einzutreten.
Auf die Frage, was heute Menschen dazu bewegen kann, in ein Kloster einzutreten gibt erstaunlicherweise das von China lancierte Deepseek die umfassendere und überzeugendere Auskunft als ChatGPT. Es nennt: spirituelle Suche, inneren Frieden (keine Ablenkungen), Gemeinschaft und Zugehörigkeit, Dienst an anderen Menschen, Verzicht und Einfachheit, Bewältigung von persönlichen Krisen, Wendepunkt im Leben, Berufung.
Anders als ein traditionelles Kloster
Allerdings gibt es im Stadtkloster Zürich keine Gelübde, keine «ewige» Verpflichtung zu Armut, Keuschheit und Gehorsam, die immer noch Voraussetzung für ein Leben im «traditionellen» Kloster sind. Auch Verheiratete und Menschen in anderen Arten von Partnerschaften sind willkommen. Austreten ist möglich. Es wird grosses Gewicht gelegt auf freies Mitgestalten.
keine verbindlichen Vorgaben durch einen Orden
Vor allem aber gibt es keine verbindlichen Vorgaben durch einen Orden. Diese Freiheit macht das Gemeinschaftsleben aber auch sehr viel anspruchsvoller. Schon das Zusammenleben in einer gewöhnlichen WG ist nicht einfach. Nun kommt die Gestaltung einer gemeinsamen Spiritualität dazu, wie auch die Diskussion von Glaubensfragen, die mit Sicherheit zu sehr persönlichen Gesprächen führt. Dazu muss jede und jeder bereit sein. Die Tagzeitengebete regelmässig durchzuführen und daran teilzunehmen ist eine grössere Herausforderung als man gemeinhin annimmt. Ein Blick in die 500-jährigen Dokumente zeigt, dass schon damals Mönche, Nonnen, Chorherren, Chorfrauen andauernd dazu ermahnt werden mussten. Je freiwilliger, desto schwieriger?
Selbstverpflichtung

Im Stadtkloster Zürich sind fünf Tagzeitengebete pro Woche öffentlich. An gewissen Tagen sind sie auf Anregung der jungen Generation hin als Meditation oder als Taizé-Gebet gestaltet. Die Aktivmitglieder des Vereins verpflichten sich zu temporärer Mitwirkung. Zudem gestalten sie wöchentlich ein Angebot für die Öffentlichkeit. Die Homepage zeigt ein vielfältiges Programm: Meditatives Bogenschiessen, Velopilgern, ein Waldklostertag, Exerzitien, Bibelgespräche.
Das Bekenntnis der Charta zeugt von einer offenen Theologie, die nicht einfach weiss, was Glauben ist, sondern danach sucht. Ein Kerngruppenmitglied nannte die Gemeinschaft ein grosses Startup, eine Gemeinschaft von Gottsuchenden. Sie nennen es «dem Suchen einen Rahmen geben». Das offene Suchen ist vielleicht die grösste Herausforderung. Viel einfacher wäre es wohl Glaubensgrundsätze festzulegen, zu postulieren, an welche Dogmen geglaubt werden muss. Dafür könnte einfacher geworben werden. Darauf verzichtet das Stadtkloster.
Ein Startup
Das «Startup» ist nun zehnjährig bzw. noch vier Jahre älter, wenn man den Zeitpunkt der ersten Idee mitberücksichtigt. In einer Zeit der Vereinsamung, Vereinzelung sind solche Gemeinschaften wegweisend. Zur Faszination am Begriff Kloster trägt heute dazu bei, dass hier Menschen ihren Glauben, oder ihre Suche danach, konsequent umsetzen und bereit sind, sich einer Sache ganz hinzugeben und auf Annehmlichkeiten zu verzichten. Das kann in der Tat etwas Verlockendes haben. Sich an Inhalten orientieren, gemeinsam die Hoffnung aufrechterhalten, dass etwas bewegt werden kann, zurückfinden zu den Anfängen der Klosterbewegung. Wie damals, als die grossen Ordensgründer und Ordensgründerinnen um die Regeln des guten Zusammenlebens rangen und darum, was es heissen könnte, das Evangelium umzusetzen, etwas vom Reich Gottes Realität werden zu lassen.
Voraussetzungen
Damals kamen Stifterinnen und Stifter für die erforderlichen Gebäude auf und sorgten für ein Grundvermögen, das der Gemeinschaft das Überleben sicherte. Das musste das Stadtkloster Zürich zu Beginn selber leisten. Heute wird es von der reformierten Kirchgemeinde Zürich unterstützt. Sie vermietet ihm das ehemalige Pfarrhaus und stellt ihm auch das Bethaus an der Schlossgasse für Gebetszeiten und andere Anlässe zur Verfügung, ein idealer Ort, der damit seinem alten Namen ganz neu gerecht wird.
Auch Neugierigen erlaubt, einfach einmal etwas zu schnuppern.
Der Gottesdienstraum hat eine angemessene Grösse, die es auch Neugierigen erlaubt, einfach einmal etwas zu schnuppern und in selbst gewählter Distanz mit dabei zu sein. Vielleicht werden sie vorerst Passivmitglied. Die meditativen Taizé-Lieder, die oft auch kirchenfernen Menschen vertraut sind oder diese zumindest ansprechen, nehmen einen schnell mit hinein und können mitgesummt werden. Sie zeugen auch vom weitverzweigten Netzwerk, zu dem die Bewegung gehört. Ihr ist zu wünschen, dass viele Menschen, die sich nach einer verbindlichen Gemeinschaft sehnen, nach Spiritualität, nach innerem Frieden, nach Zugehörigkeit, nach einer «Begegnung mit Gott» im weitesten Sinn die Orte entdecken, die dies anbieten. Zum Beispiel das Stadtkloster in der ehemaligen alten Klosterstadt Zürich.
Irene Gysel, Lehrerin, Pfarrfrau, Mitbegründerin der Ökumenischen Frauenbewegung, 1996 Sprecherin des Wortes zum Sonntag und bis 2013 Redaktorin beim Schweizer Fernsehen, bis 2015 Kirchenrätin der Reformierten Zürcher Landeskirche.
Mitglied im Beirat des Stadtkloster Zürich. Autorin von «Katharina von Zimmern – Flüchtlingskind, Äbtissin, Bürgerin von Zürich», TVZ 2024.
Beitragsbild und Fotos: © Alona Baliuk, Stadtkloster Zürich
[1] Jutta Koslowski, Gemeinsames Leben? Klösterliche Tradition von Benedikt bis Bonhoeffer – und eine Vision für die Zukunft, (Bonifatius) Paderborn 2020.
[2] Hans Strub, Kloster werden. Die ersten Jahre des Stadtklosters Zürich, Zürich (TVZ), 2021.


