Fast ein wenig zufällig entdeckte der Pastoralreferent Konstantin Bischoff ‚Berufsgeschwister‘ – in den USA und eigentlich weltweit. Eine Entdeckungsreise auf den Spuren der ‚lay ministers‘.
Dass man Geschwister hat und nichts davon weiß, soll selbst in den besten Familien vorkommen. In Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ hat diese Frage sogar Eingang in die Weltliteratur gefunden. Wenn die Anzahl der unbekannten Geschwister aber in die Zehntausende geht, ist das doch etwas Besonderes. So war ich, gut vernetzt als Pastoralreferent, einigermaßen überrascht, als ich die Dimensionen der amerikanischen lay ministers erkannte: Mit mehr als 40.000 sind sie vermutlich zahlreicher, als es in Europa jemals Gemeinde- und Pastoralreferent:innen sowie -assistent:innen gegeben hat.
Wie oft hatte ich in meiner Ausbildung gehört, dass es unseren Beruf eigentlich nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz gebe – vielleicht noch in den Benelux-Staaten. Auch bei mehreren Besuchen in Rom wurde immer wieder betont: gut theologisch ausgebildete Laien in der Seelsorge, und das auch noch bezahlt – ein Sonderweg dieser Länder.
1. Zehntausende amerikanische Laienseelsorgende
Das stimmt jedoch nicht, wie ich auf meiner vor drei Jahren begonnenen Entdeckungsreise zu Kolleg:innen weltweit erfahren durfte. Der erstaunlichste Fund sind tatsächlich die amerikanischen lay ministers, denn ihre Berufsbilder sind mit unseren europäischen Laienseelsorgeberufen gut vergleichbar. Ihre Tätigkeiten sind ähnlich alt wie unsere. Viele von ihnen sind theologisch hervorragend ausgebildet – mehr als die Hälfte hat einen theologischen Masterabschluss.[1]
Ähnliche Arbeitsfelder
Ihre Arbeitsfelder ähneln den unseren sehr: Pfarreien, Diözesen, Verbände, Krankenhäuser, Gefängnisse; Leitungsaufgaben, Fortbildung, konkrete Seelsorge in Einrichtungen. Manches erinnert an die österreichischen Pastoralassistent:innen, insbesondere die vielfältigen Zugangswege in den Dienst; anderes an die Schweiz, wo die Anstellungsträger oft direkt die Gemeinden sind. Diese Struktur – verbunden mit sehr unterschiedlichen Gehältern, von mit unseren vergleichbaren Einkommen bis zu einer Art Ehrenamtspauschale – führt mitunter zu prekären Situationen, die für uns kaum vorstellbar sind. Ein Wechsel des Pfarrers oder Bischofs kann dort schnell den Arbeitsplatz kosten und weite Umzüge bis in andere Bundesstaaten nach sich ziehen.
Spricht man mit ihnen, hört man von denselben Herausforderungen wie bei uns: die Rolle der Frauen in der Kirche, Sexualmoral, Klerikalismus, sinkende finanzielle Mittel, Pfarreizusammenlegungen, Nachwuchsmangel, fundamentalistische Gruppen, Polarisierung und vieles mehr.
2. Unwissen auf beiden Seiten
Als ich in diesem Jahr das National Summit der NALM (National Association of Lay Ministers)[2] in Chicago besuchte, stellte ich fest, dass die lay ministers in den USA genauso wenig über uns Pastoral- und Gemeindereferent:innen in Europa wissen wie wir über sie. Obwohl bei ad-limina-Besuchen in Rom regelmäßig aus den Diözesen berichtet wird, scheint es nicht gewollt gewesen zu sein, dass professionelle Laienseelsorgende voneinander erfahren und sich vernetzen. Machtkritisch betrachtet ist das vielleicht nicht überraschend – aber dennoch veränderbar. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass es auch bei den lay ministers an Interesse und Selbstbewusstsein fehlte, über den eigenen Tellerrand zu blicken.
Lay ministers gibt es weltweit
Dass ich die lay ministers entdeckte, war nicht ganz zufällig. Gemeinsam mit Kolleg:innen aus dem theologischen Beirat des Berufsverbands der Pastoralreferent:innen in Deutschland[3] begann ich im Vorfeld der Bischofssynode zur Synodalität 2022 nach professionellen Laienseelsorgenden weltweit zu suchen und diese miteinander zu vernetzen. In diesem Zusammenhang wurden die amerikanischen lay ministers zur zahlenmäßig beeindruckendsten Entdeckung – doch die vielen anderen Kolleg:innen auf inzwischen vier Kontinenten sind nicht weniger bemerkenswerte „unbekannte Geschwister“.
In zahlreichen asiatischen Ländern sind Theolog:innen auf unterschiedlichen Ebenen seelsorglich tätig – in Generalvikariaten, an katholischen Schulen, Bildungseinrichtungen und theologischen Instituten. Ohne ihr Wirken könnten viele kleine christliche Gemeinschaften kaum bestehen: Sie bilden ehrenamtlich Engagierte aus, begleiten, vernetzen und stärken sie.

Director of Faith Formation oder Director of Evangelization?
Die Berufsbezeichnungen sind weltweit unterschiedlich. Nur selten steht auf einer Visitenkarte ausdrücklich lay minister. Wer in einer US-amerikanischen Pfarrei für Erwachsenenbildung oder Sakramentenvorbereitung verantwortlich ist, trägt häufig den Titel Director of Faith Formation. Wer auf diözesaner Ebene im Bereich Kirchenentwicklung arbeitet, heißt mitunter Director of Evangelization. Begriffe, die für uns ungewohnt klingen.
Manche Kolleg:innen – etwa in Indien – arbeiten fast isoliert, da es in ihrem Umfeld kaum vergleichbare Berufsgruppen gibt. Andere erleben erhebliche strukturelle Hürden: Weil sie Laien sind, erhalten sie beispielsweise keinen Zugang zu priesterlichen Ausbildungsstätten oder dürfen nicht einmal Priesterseminare betreten. Wieder andere arbeiten längst in internationalen Netzwerken mit, sind an Priesterausbildung beteiligt oder – wie einige unserer philippinischen Kolleg:innen – weltweit als Referent:innen und Vortragende gefragt.
3. Ein Netzwerk entsteht
Im Jahr 2023 trafen sich auf Einladung des Berufsverbands der Pastoralreferent:innen knapp 20 lay ministers in Rom. Aus der zunächst gewagt wirkenden Idee eines Treffens entwickelte sich ein internationales Netzwerk: das World Network of Professional Lay Ministers[4]. Rund 25 Mitglieder dieses Netzwerks haben sich inzwischen zweimal persönlich in Rom getroffen, dazwischen eine größere Online-Konferenz veranstaltet und stehen in stetigem Austausch. Dabei stellt die größte Herausforderung für’s Arbeiten die Zeitverschiebung da – lediglich circa zwei Stunden stehen an einem Tag zur Verfügung, damit niemand mitten in der Nacht arbeiten muss.
Gemeinsam verfassten wir zwei Briefe an die Mitglieder der Bischofssynode, veröffentlichten einen Tagungsbericht mit Erfahrungen zur Synodalität und gründeten ein internationales Team, das die nächsten Schritte vorbereitet. Die Verantwortung für das Netzwerk liegt mittlerweile nicht mehr ausschließlich in Deutschland.
Synodalität als Chance
Weltweit ist aktuell die Synodalität das zentrale kirchliche Thema. Seit dem ersten Treffen unseres Netzwerks im Jahr 2023 – zeitgleich mit der ersten Generalversammlung der Bischofssynode – wird deutlich, wie sehr viele lay ministers ihre Hoffnung mit einer synodalen Kirche verbinden. Sie sehen die besondere Aufgabe von Laien darin, zu vermitteln, zu ermöglichen und Räume des Dialogs zu schaffen. Wird Kirche synodaler, so die gemeinsame Überzeugung, erhalten Lai:innen eine angemessenere und verantwortungsvollere Rolle.
Das dritte Welttreffen unserer Gruppe stand daher einerseits unter dem Fokus, synodale Erfahrungen zu teilen, andererseits unter der Frage, wie synodale Prozesse in den jeweiligen Ländern und kirchlichen Kontexten gestaltet und begleitet werden können. Sr. Nathalie Becquart, Untersekretärin des Synodensekretariats, nahm am Treffen teil und suchte den Austausch mit dem Netzwerk.
Theologische Gemeinsamkeiten
Trotz kultureller und struktureller Unterschiede gibt es bemerkenswerte Übereinstimmungen in theologischen Grundhaltungen. Nahezu alle Kolleg:innen, denen ich begegnet bin, setzen sich für eine offene, menschennahe und vor allem inklusive Kirche ein. Sie engagieren sich für Gleichberechtigung, treten nationalistischen Tendenzen entgegen und benennen patriarchale und klerikale Machtstrukturen als eine der größten Herausforderungen, weil sie zu Abhängigkeiten und Machtmissbrauch führen können.
Im Bericht des zweiten Welttreffens heißt es etwa:
„Menschen in unseren Berufen befinden sich in einer besonderen Position, da wir sowohl in der Kirche als auch in der Welt aktiv sind. Unsere Berufung ist eine beziehungsorientierte, brückenbauende Berufung. Wir verbinden unterschiedliche – und oft ungleiche – Räume, in denen Spannungen bestehen. Ein wichtiger Aspekt unserer prophetischen Stimme ist es, die Stimmen der Ausgegrenzten hörbar zu machen und nicht nur über sie zu sprechen, sondern ihnen selbst Gehör zu verschaffen. Dazu gehört die Förderung von Vielfalt, gegenseitigem Zuhören und Verständnis – und der Beitrag zu einer inklusiven Kirche, in der alle Stimmen wertgeschätzt werden.“[5]
4. Fazit
Es lässt sich klar festhalten: Professionelle Laienseelsorgende gibt es nicht nur im deutschsprachigen Raum. Weltweite Vernetzung ist eine dringliche Aufgabe unserer Zeit. In einer synodalen Kirche dient sie der globalen Solidarität und dem gegenseitigen Lernen.
Wir, die in Deutschland vergleichsweise gut ausgestatteten Pastoralreferent:innen, verfügen über Ressourcen, theologische Kompetenz und Reflexion auch über unsere Berufe und institutionelle Strukturen. Diese können wir nicht nur nutzen, um Kolleg:innen weltweit zu unterstützen, sondern auch, um selbst zu lernen – etwa von der unbefangeneren Art, über Glaubensfragen zu sprechen, Verbündete zu suchen und kreativ nach neuen Wegen zu suchen.
Das World Network of Professional Lay Ministers wird seine Arbeit fortsetzen: Menschen vernetzen, Theologie über lay ministry fördern und Weltkirche konkret leben. Ein wenig möchte ich rufen: lay ministers aller Ländern vereinigt Euch.
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[1] Konkrete Zahlen und Fakten im aktuellen report der National Association of Lay Ministry: NALM 2025 Survey Report
[3] Berufsverband der Pastoralreferenten Deutschland – Berufsverband der Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten Deutschlands e.V.
[4] Lay Ministers – Lay Ministers
[5] 2ndlettertotheparticipants-deutsch.pdf
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