Janet Langat berichtet von den Protesten der Gen Z in Kenia. Und wie sich die Rolle der christlichen Kirchen verändert.
Die Beziehung zwischen den Kirchen Kenias und der Politik war stets ambivalent, komplex und zuweilen paradox. Die traditionellen Kirchen – vor allem die katholische, anglikanische und presbyterianische Kirche – spielten eine zentrale Rolle bei der Begleitung demokratischer Prozesse, etwa der Einführung des Mehrparteiensystems und der Ausarbeitung einer neuen Verfassung.
Daneben haben auch Pfingstkirchen, evangelikale und charismatische Gemeinden einen starken Einfluss auf die kenianische Gesellschaft gewonnen und verfügen über große Anhängerschaft. All diese Kirchen haben in wichtigen Bereichen wie Bildung und Gesundheit erhebliche Beiträge geleistet.[1] Seit der Zeit vor der Unabhängigkeit 1963 bis in die 1990er-Jahre und darüber hinaus in das neue Jahrtausend hinein waren sie eng mit Politik und Demokratie verbunden und wurden daher oft als das Gewissen der Gesellschaft und als prophetische Stimme der Stimmlosen betrachtet.
Die Kirche als einigende Kraft – früher und heute
Mit einem Anteil von 85,5 % an der Bevölkerung nimmt das Christentum in Kenia eine weiterhin zentrale Rolle in der Gesellschaft ein (Statista 2023). Die Geschichte der christlichen Kirche in Kenia reicht von der Ankunft des Evangeliums durch die Missionare in der Kolonialzeit bis in die Gegenwart. Während der Kolonialzeit lehnten die etablierten Kirchen den Mau-Mau-Aufstand im zentralen Hochland ab, den sie aufgrund der praktizieren Rituale und Zeremonien als unchristlich betrachteten. Diese Haltung ließ Christen:innen als anti-nationalistisch und als Unterstützer der kolonialen Unterdrückung erscheinen.
Nach der Unabhängigkeit begann der 1918 gegründete Nationale Kirchenrat Kenias (NCCK), der ursprünglich als Dachverband der damaligen Kirchen fungierte, sich stärker auf den gesellschaftlichen Wiederaufbau zu konzentrieren. In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit war das Verhältnis zwischen Regierung und Kirche freundschaftlich. Manche führen das darauf zurück, dass viele Kirchenführer derselben ethnischen Gruppe wie der damalige Präsident angehörten. Dies änderte sich jedoch, als Präsidenten aus anderen Regionen an die Macht kamen und es zum Auseinanderdriften der kritischen Stimmen kam. Dennoch galt die Kirche weiterhin als einigende Kraft zwischen den Gemeinschaften.
Kirche und politische Mitwirkung in der Regierungsführung
Die Rolle der Kirche in Kenia als Stimme der Wahrheit gegenüber den Herrschenden und als Verbündete des Volkes im Kampf gegen das Einparteiensystem der 1980er- und 1990er-Jahre war bemerkenswert. Doch kaum ein Jahrzehnt später hatte sich dieses Bild drastisch verändert. Heute kann die Kirche kaum noch als Stimme der Stimmlosen bezeichnet werden. Die Gewalt nach den Präsidentschaftswahlen 2007/2008 hat den Tiefpunkt dieser Entwicklung markiert: In einer Zeit, in der eine starke moralische Stimme notwendig gewesen wäre, um die Gewalt, das Unrecht und das Leid der Menschen anzuprangern und dem Land Orientierung zu geben, sind stattdessen widersprüchliche Positionen entstanden. Diese sind geprägt von politischen, regionalen und ethnischen Interessen. Damit war die Chance vertan, eine prophetische Führungsrolle einzunehmen. Die Kirchen wurden stattdessen einseitiger Parteilichkeit und des Tribalismus beschuldigt.
Kirche heute kaum noch eine Stimme der Stimmlosen
Trotzdem spielten die Kirchen später eine wichtige Rolle bei der Forderung nach Reformen und der Erarbeitung der neuen Verfassung. Von den 1990er Jahren bis zur Verabschiedung im Jahr 2010 war deren Entstehungsprozess hart umkämpft. Nach den Wahlen 2007/2008 hatte die anschließende Gewalt eine neue Verfassung noch dringlicher gemacht. Die Stimme der Kirche war besonders im sogenannten Ufungamano-Prozess (Swahili für „Einheit“ oder „Zusammenkommen“) zu hören – einer von Zivilgesellschaft und Glaubensgemeinschaften getragenen Initiative, die als bürgernaher Gegenentwurf zum parlamentarischen Prozess galt. Schließlich wurden beide Bewegungen im Entwurf einer neuen Verfassung zusammengeführt.
Die christlichen Kirchen riefen ihre Mitglieder jedoch dazu auf, gegen den Verfassungsentwurf zu stimmen – und sie verloren. Ihre Ablehnung bezog sich vor allem auf Themen wie Abtreibung (die ihrer Meinung nach erleichtert würde), die Kadhi-Gerichte (islamische Familiengerichte), sowie auf Fragen von Land, Erbschaft, Staatsbürgerschaft und Ehe. Geistliche verschiedener Kirchen kritisierten ihre Mitglieder offen dafür, dass sie „anderen Stimmen“ gefolgt seien.
Kirche hat den gesellschaftlichen Stimmungswandel verkannt
Die Gründe, warum viele Christ:innen ihren Klerus ignorierten, sind vielfältig. Einer davon war der Vertrauensverlust: Nachdem die Kirchen während der Gewalt von 2007/2008 keine klare Haltung gezeigt hatten, galten sie als parteiisch. Zudem empfanden viele Gläubige die Ablehnung der neuen Verfassung weniger als theologisch begründet, sondern politisch motiviert. Auch innerhalb des Kirchenleitungen herrschte Uneinigkeit entlang ethnischer Linien, was zu widersprüchlichen und uneinheitlichen Botschaften führte. Letztlich entschieden sich viele Christ:innen für die Annahme des Entwurfs, der mit 70 % Zustimmung verabschiedet wurde. Die Gläubigen wandten sich damit von einem Klerus ab, der in ihrer Wahrnehmung den gesellschaftlichen Stimmungswandel verkannt hatte.
Kirche und junge Generation – eine wachsende Kluft
Obwohl die Kirchen weiterhin wichtige Beiträge zur spirituellen und gesellschaftlichen Entwicklung leisten, sieht die Öffentlichkeit sie heute immer weniger als Stimme der Armen und Unterdrückten oder als Hüterin demokratischer Werte. Besonders stark zeigt sich dieser Vertrauensverlust unter den jungen Menschen: Rund 80 % der Kenianer sind jünger als 35 Jahre (ncpd.go.ke). Trotz ihrer Anzahl sind junge Menschen in Entscheidungsprozessen kaum vertreten, weder in kirchlichen noch in gesellschaftlichen Gremien. Sie fühlen sich marginalisiert und unterrepräsentiert. Viele empfinden, dass ihre Anliegen von religiösen und sozialen Institutionen nicht gehört werden. Das führt zu Entfremdung und Vertrauensverlust.
Ein deutliches Zeichen dafür war die Gen-Z-Protestbewegung im Juni 2024. Viele junge Menschen wurden bei den Demonstrationen getötet oder schwer verletzt, während andere ihre Existenzgrundlage verloren. Zwar verurteilten Geistliche die Polizeigewalt, doch viele Betroffene kritisierten, dass die Zerstörung und Plünderung von Geschäften kaum geahndet wurden.
#OccupyChurches
In den sozialen Medien entstand daraufhin die Bewegung #OccupyChurches: Junge Menschen versammelten sich in großer Zahl in kirchlichen Einrichtungen, schwenkten kenianische Flaggen und drückten ihren Unmut über Geistliche aus, die nach ihrer Wahrnehmung „die Unterdrücker“ – also Politiker, die ein als unsozial empfundenes, vom IWF unterstütztes Finanzgesetz verabschiedet hatten – in den Kirchen auftreten ließen. Sie erwarteten von der Kirche, diese Politiker zur Rechenschaft zu ziehen, statt ihnen eine Bühne zu bieten. Dieser Konflikt hat die wachsende Entfremdung zwischen Kirche und Jugend deutlich gemacht. Viele junge Menschen fühlen sich von der Kirche im Stich gelassen und wenden sich von ihren Lehren ab, weil sie glauben, dass diese Institution sich nicht mehr für ihre sozialen Belange einsetzt.
Trotz der schwierigen und widersprüchlichen Beziehung zwischen christlichen Kirchen und Politik hat die Kirche ihren Einfluss auf das gesellschaftliche Leben Kenias nicht völlig verloren. Viele Menschen betrachten sie weiterhin als einigende Kraft, als moralische Instanz, als Zufluchtsort für die Leidenden, Armen und Unterdrückten – als Symbol göttlicher Gerechtigkeit und Barmherzigkeit auf Erden. Gerade deshalb erwarten viele Kenianer – insbesondere von den etablierten Kirchen – eine Wiederentdeckung ihrer prophetischen Stimme. Angesichts des wachsenden Misstrauens der Jugend, die ja die Zukunft der Kirche darstellt, liegt es an der Institution selbst, diesen Vertrauensverlust zu überwinden.
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Bild: Amani Nation auf Unsplash.
[1] In diesem Artikel steht der Begriff „Kirche“ für die Gesamtheit christlicher Kirchen in Kenia.


