Wenn heute über die Zukunft klösterlichen Lebens gesprochen wird, geschieht dies oft im Ton der Sorge, nicht selten auch der Verteidigung. Zahlen werden genannt, Strukturen überprüft, Szenarien entworfen. Doch all dies greift zu kurz, solange die eigentliche Frage ausgespart bleibt: Woraus lebt monastische Gemeinschaft – und unter welchen Bedingungen kann sie heute entstehen? Ausgehend vom Projekt «Aufbruch ins Weite – Mariastein 2025» geht Mariano Tschuor diesen Fragen nach.
Mariastein – ein Beispiel unter vielen anderen
Die Entwicklung des Benediktinerklosters Mariastein in den vergangenen Jahrzehnten ist kein Sonderfall. Sie steht exemplarisch für viele Klöster und Ordensgemeinschaften in Mitteleuropa. Das Projekt Aufbruch ins Weite – Mariastein 2025 ist Ausdruck des Willens, sich dieser Situation nicht resignativ, sondern suchend zu stellen. Doch Suche verlangt mehr als Anpassung, sie verlangt Rückbindung an den Ursprung.
Am Anfang jeder klösterlichen Gemeinschaft steht Berufung. Nicht als funktionale Rekrutierung, sondern als existenzielle Antwort auf einen Ruf, der dem Einzelnen vorausgeht. Ohne Berufungen keine Orden, ohne neue Ordenseintritte keine Klöster. Gemeinschaft ist kein organisatorisches Konstrukt, sondern verdichteter Sinn. Wo dieser Sinn nicht erfahren wird, bleiben selbst die besten Konzepte wirkungslos.
Historisch wurde Sinn durch Ordnung gesichert: Regel, Hierarchie und Gehorsam. Der individuelle Wille ordnete sich einem als objektiv geltenden Ganzen unter. Die Brüche des 20. Jahrhunderts – insbesondere Erfahrungen mit geistlichem und strukturellem Machtmissbrauch – zeigten jedoch, wie fragil diese Vergemeinschaftung ist. Gehorsam, der nicht aus Freiheit erwächst, verliert seine geistliche Wahrheit.
Kloster – die perfekte Lebensform?
Der Mensch der Gegenwart sucht Gemeinschaft nicht um den Preis der Selbstaufgabe. Er sucht Orte, an denen Freiheit und Bindung einander tragen. Gemeinschaft entsteht nicht primär durch Disziplin, sondern durch Glaubwürdigkeit: Vorbilder statt Vorschriften, Präsenz statt Kontrolle, geistliche Tiefe statt moralischer Appelle. Wo Sinn nicht gelebt, sondern verwaltet wird, bleibt Gemeinschaft äusserlich.
Der notwendige Wandel ist innerlich
Monastisches Leben überzeugt dort, wo es nicht als perfektionierte Lebensform erscheint, sondern als existenzieller Vollzug. Gebet und Gottesdienst sind Ausdruck einer Beziehung, nicht Funktionen innerhalb eines Systems. Hingabe lässt sich nicht anordnen, sie kann nur bezeugt werden. Wo sie spürbar ist, werden Strukturen leicht; wo sie fehlt, schwer.
Diese Einsicht speist sich aus meiner langjährigen Nähe zum Ordensleben und wird durch neue Publikationen gestützt[1]: Monastische Identität ist heute weniger institutionell als biografisch und geistlich verankert. Die Zeit grosser, homogener Gemeinschaften scheint vorüber. An ihre Stelle treten kleinere, bewusstere und fragilere Formen des Zusammenlebens.
Der notwendige Wandel ist innerlich: eine metanoia, eine Umkehr der Perspektive. Nicht die Frage, wie Klöster erhalten werden, sondern wofür sie existieren, steht im Zentrum. Erst daraus erwachsen Berufung und Gemeinschaft. Für den am 18. Juni 2025 gewählten neuen Abt von Mariastein, Ludwig Ziegerer, ist dieser Perspektivwechsel im Hinblick auf Berufungen und die Gestaltung des Noviziats von Bedeutung. Neuere Erfahrungen zeigen, dass Männer und Frauen in der Mitte ihres Lebens zunehmend offen sind für den Eintritt in eine klösterliche Gemeinschaft. In solchen Fällen müssen Aufnahme und Noviziat wohl anders gestaltet werden als vor fünfzig oder mehr Jahren, als das katholische Milieu noch ausreichend junge Menschen für Ordensgemeinschaften hervorbrachte.
Mariastein 2025 – ein Suchraum
In diesem Sinn versteht sich Aufbruch ins Weite – Mariastein 2025 nicht allein und ausschliesslich als Strategie zur Selbstsicherung, sondern als geistlicher Suchraum. Er eröffnet die Möglichkeit, monastisches Leben neu vom Ursprung her zu denken: als Antwort auf eine Sehnsucht, die älter ist als jede Institution, und vielleicht gerade deshalb Zukunft hat.
Mariastein liegt in der Nordwestschweiz, im solothurnischen Leimental, vor den Toren der Stadt Basel, unweit der französischen Grenze (Elsass) und des südbadischen Raumes (Deutschland) und wird jährlich von rund 250’000 Menschen verschiedenster Herkunft und religiöser Auffassung aufgesucht, am meisten von Christinnen und Christen, davon die Mehrheit römisch-katholisch. Die Wallfahrt zum Gnadenbild der «Mutter vom Trost», in einer natürlichen Felsengrotte verehrt, geht zurück auf das 14. Jahrhundert.
Blütezeiten und Brüche
Die Geschichte des Benediktinerklosters Mariastein begann um 1100 mit der Gründung in Beinwil am Passwang. Sie ist geprägt von Blütezeiten ebenso wie von Brüchen: fast leere Konvente im 16. Jahrhundert, Erschütterungen der Französischen Revolution, Kulturkampf und Exil 1874–1971. Trotz aller Widrigkeiten bestand der Konvent fort. Mit der Übersiedlung nach Mariastein 1636–1648 entstand ein Pilger- und Klosterdorf, das bis heute eine tragende Rolle in der schweizerischen Klosterlandschaft einnimmt.
Nach der Rückgabe des Klosters 1971 konzentrierten die Mönche ihre Kräfte auf Mariastein. Externe Verpflichtungen wurden abgegeben, schulische und seelsorgerische Aktivitäten reduziert. Der Schwerpunkt lag auf Wiederaufbau und Wallfahrt. Gleichzeitig zeigte sich: Die wachsenden betrieblichen Anforderungen – sowie die Pastoral für Pilgerinnen und Pilger –konnten mittelfristig nicht mehr allein von einer kleinen, alternden Gemeinschaft getragen werden. Heute zählt die Gemeinschaft 12 Mönche, Altersdurchschnitt: 76 Jahre.
Aufbruch – ein langer, anspruchsvoller Weg
Mit der Wahl von Peter von Sury zum Abt 2008 begann eine Phase intensiver Reflexion. Externe Fachpersonen und interne Arbeitsgruppen entwickelten Konzepte zur Entlastung der Mönche, zur Weiterentwicklung der Wallfahrt und der Gastfreundschaft, zur Nutzung der Gebäude und zur Erschliessung des mobilen Kulturguts.
Ende 2017 lag ein umfassendes Gesamtbild vor. 2018 wurden die komplexen Grundlagen in einem Mandat an die Agradora GmbH zusammengeführt. Deren Inhaber, Mariano Tschuor, übernahm die Leitung des Projekts Aufbruch ins Weite – Mariastein 2025. Ziel war die Sicherung von Mariastein als Pilger- und Klosterdorf und die behutsame Weiterentwicklung zu einer touristischen Destination mit religiösem, historischem und kulturellem Erbe.
Drei grosse Bereiche
Die Arbeit gliederte sich in drei grosse Bereiche: Gemeinschaft und Wallfahrt, Kultur und Gastfreundschaft sowie Liegenschaften und Infrastruktur. Ergänzend wurden Mittelbeschaffung und Kommunikation systematisch bearbeitet. Ein frühes Einzelprojekt war die Reorganisation der Klosterbibliothek, die 2022 in neuen Räumen eröffnet wurde.
strukturelle Entlastung der Mönchsgemeinschaft
Ein zentrales Ziel war die strukturelle Entlastung der Mönchsgemeinschaft. In diesem Zusammenhang wurde eine neue Trägerschaft für das Benediktinerkloster Mariastein und seine Betriebe geschaffen. Die Mönche sind neu rechtlich in der Form eines Vereins organisiert. Die wirtschaftlichen Aufgaben – insbesondere Liegenschaften, Gastronomie, Betriebe und Kommunikation – wurden in der Mariastein Betriebs AG gebündelt; die Leitung der Restaurationsbetriebe und Hotellerie wurde an die Berest AG übertragen. Die Stiftung Pro Mariastein unterstützt die Trägerschaft im Bereich Fundraising.
Parallel dazu wurden Wallfahrt und kulturelle Angebote erweitert, neue Formate für Suchende, Migranten und junge Erwachsene geschaffen. Potenziale weiterer Liegenschaften, wie ein Pilgerzentrum im alten Bauernhof, werden erschlossen. Besonders sichtbar ist die umfassende Arealgestaltung mit Pilgerparkplatz und Klosterplatz als autofreie offene Begegnungszone.
Transformation – ein Balanceakt
Das Projekt Aufbruch ins Weite – Mariastein 2025 war ein Transformationsprozess, der klosterinterne wie externe Gruppen, Politik und Zivilgesellschaft berührt. Zentrale Voraussetzung ist Kommunikation: faktenbasiert, transparent und mehrspurig, um Entscheidungen vorzubereiten und Vertrauen zu schaffen.
Entscheidungen innerhalb der Gemeinschaft folgen den Regeln des hl. Benedikt, der Schweizerischen Benediktinerkongregation und tradierten Gepflogenheiten. Das ist zeitintensiv und fordert ein hohes Mass an Geduld und Verständnis. Einmütigkeit und Konsens sind benediktinisch, Ausdruck von Verantwortung, nicht von Beliebigkeit. Ergänzend erfordert der Wandel die Pflege persönlicher Beziehungen zu politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kreisen.
Die Wirklichkeiten – Innen- und Aussensicht
Veränderung im monastischen Kontext ist ein leiser, anspruchsvoller Prozess. Interne wie externe Widerstände waren unvermeidlich und verlangten Einblick, Weitsicht und Abstraktionsvermögen. Nach aussen galt es, die spezifische Realität des Klosters – in einer säkularisierten und mediatisierten, mehrheitlich klosterfernen Welt – verständlich zu vermitteln; nach innen, Erwartungen der «Aussenwelt» zu übersetzen und Partikularinteressen zu erkennen sowie argumentativ einzuordnen. Vertrauen zu fördern, Verständnis zu schaffen und Brücken zu bauen – innerhalb der teils skeptischen, von Projektprozessen überforderten Klostergemeinschaft wie gegenüber einer Zivilgesellschaft, die nach politischen und wirtschaftlichen Interessen handelt – war entscheidend.
in einer säkularisierten und mediatisierten, mehrheitlich klosterfernen Welt
Der Erfolg des Projekts hing von der Fähigkeit ab, das Ganze im Blick zu behalten, das Feine im Alltag wahrzunehmen und Menschen zu befähigen, den Wandel aktiv mitzugestalten. «Aufbruch ins Weite» bedeutete einen anspruchsvollen Balanceakt zwischen Tradition und Moderne, Kloster und Welt, Spiritualität und Betrieb.
Der Prozess geht weiter
Zwar ist das Projekt Mariastein 2025 in seiner formalen Phase abgeschlossen, doch der damit angestossene Prozess geht weiter: als Aufbruch ins Weite, der den Blick öffnet, Horizonte verschiebt und Raum für Neues schafft. Inspiriert von den der Bibel entnommenen Worten der Benediktsregel «Verhärtet eure Herzen nicht» ergeht mein Wunsch an die heutigen Verantwortlichen des Benediktinerklosters Mariastein, diesen Weg beherzt, mutig und klug weiterzugehen.
—
Mariano Tschuor (1958) aus der rätoromanischen Surselva stammend, Journalist und Kadermitarbeiter der SRG SSR bis 2018, danach Projektleiter «Aufbruch ins Weite – Mariastein 2025». Seit Herbst 2024 ist er Mitglied des Stiftungsrates der Dominikanerinnen von Ilanz.
[1]Erwähnt seien zwei: Carmen Tatschmurat, Kleine Gemeinschaften – Spirituelles Leben gemeinsam neu gestalten, Vier-Türme GmbH, Münchenschwarzach, 2024; Ivo Berther, Wann ist ein Mönch ein Mönch?, Murenser Biografien 5, Chronos Verlag, Zürich, 2025.
Beitragsbild: Matthias Schneider, P.INC


