Raketen und Bomben fallen auf Teheran. Die Lage im Nahen Osten verschärft sich zunehmend. Dennis Halft OP blickt auf Iran, die Kirche und das schiitisch-katholische Verhältnis.
Wird es den Iraner*innen diesmal – nach den Massenprotesten von 2009, 2018, 2019, 2023 und Anfang 2026 – gelingen, sich unter dem Eindruck US-amerikanischer und israelischer Militärschläge der Herrschaft der Islamischen Republik zu entledigen? Für die Rapper*innen der persischen Songs in der Spotify-Playlist „Iran Revolution 2026 💚🤍❤️“ liegt die Sache klar: Der Umsturz sei bereits in vollem Gange – endlich, möchte man ihnen zurufen.
Historisch einmalige Chance
Nach der Tötung des „Revolutionsführers“ Ajatollah Ali Chamenei, des Kommandeurs der Revolutionsgarden und anderer Schlüsselfiguren darf die Sache, wenigstens dieses eine Mal, nicht schiefgehen. Das sind die Menschen in Iran den bislang durch die Hände des Regimes Ermordeten, zuletzt mehrere Zehntausend Demonstrant*innen, schuldig. Sonst werde eine historisch einmalige Chance vertan, so auch der US-Präsident. – Doch kann aus einem Krieg, der mutmaßlich das Völkerrecht verletzt, etwas Gutes folgen? Wie hoch darf der Blutzoll sein? Und wie viele Leben ist die Freiheit wert?[i]
Erinnerungen an ein anderes Land
Seit den Tagen meines Studiums der Islamwissenschaft und der Iranistik in den Nullerjahren, unter anderem an der Universität Teheran, beschäftige ich mich wissenschaftlich mit der Geschichte, der Kultur und besonders den Religionen Irans. Seit zwanzig Jahren bereise ich das mehrheitlich zwölferschiitische Land, zuletzt im Frühjahr 2018, als dies für deutsche Staatsangehörige noch weitgehend ungefährlich war. Hunderte vor allem persischer Handschriften aus muslimischer wie christlicher Feder habe ich über die Jahre hinweg in Augenschein genommen, auch in entlegenen Regionen im Osten und Süden des Landes, in Privatbibliotheken von Mullahs und islamischen Stiftungen, häufig in unmittelbarer Nähe zu den verehrten Gräbern der Imame und ihrer Abkömmlinge.[ii]
West-östliche Begegnungen
An so manches wertvolle Gespräch mit Religiösen wie Säkularen denke ich zurück, an ausladende Gesten der Höflichkeit und der Gastfreundschaft, an west-östliche Begegnungen der feinsten Art. Mittlerweile erkenne ich das Land angesichts der Gräueltaten nicht mehr wieder. Ich teile den Schmerz der Iraner*innen und derer, die im Exil leben müssen; auch wenn ich nicht zu ihnen gehöre, warte, bange und hoffe ich mit ihnen auf eine bessere Zukunft.
Auf dem Weg der Befreiung?
Der Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Navid Kermani, einer der bekanntesten „Public Intellectuals“ in Deutschland und selbst iranischer Herkunft, schrieb nach der blutigen Niederschlagung des jüngsten Aufstands am 8. und 9. Januar dieses Jahres in einem offenen Brief über die Ambivalenz von Protest und Gewalt:
„Liebe Freunde, Ihr Menschen in Iran, Ihr braucht keine Ansprachen von außen, weder von mir noch von sonst irgendwem, und schon gar nicht hilft Euch ein Krieg. Die Befreiung, für die kämpft Ihr schon selbst. Aber wissen sollt Ihr, wie stolz ich auf Euch bin. Zugleich ist die Sorge um Euer Leben so groß, dass ich immer wieder versucht bin, Euch anzuflehen, zu Hause zu bleiben. (…) 2014 sagte ich zu den Deutschen im Bundestag, dass es keine fünfzehn Jahre mehr dauern werde, bis ein Christ, Jude, Zoroastrier oder Baha’i in einem frei gewählten iranischen Parlament sprechen darf. Ich wurde belächelt dafür, und ehrlich gesagt, es war auch Wunschdenken dabei. So richtig habe nicht einmal ich selbst daran geglaubt. Aber nun sehe ich, 2014 plus 15, das kommt ungefähr hin.“[iii]
Ob es jetzt, im Frühjahr 2026, so weit ist – trotz oder gerade wegen des Kriegs?
Minderheiten unter Druck
Seit Jahrzehnten leidet die iranische Bevölkerung unter dem islamischen Regime: Muslim*innen, Christ*innen, Zoroastrier*innen und Angehörige anderer religiöser und auch ethnischer Minderheiten gleichermaßen, vor allem aber die Bahá’í.[iv] Aus eigener Anschauung weiß ich, unter welch massivem Druck selbst die kleine römisch-katholische Gemeinde Irans steht. Seit Langem sind Gottesdienste in persischer Sprache untersagt und werden von Spitzeln des Staatsapparats überwacht.
‚Glaubensabfall‘
Neben diplomatischem Personal umfasst die Gemeinde vor allem Frauen, die aus Südostasien stammen und mit Iranern verheiratet sind, darüber hinaus deren offiziell zwar muslimische, aber den christlichen Glauben praktizierenden Kinder, bisweilen auch Muslim*innen, die Christus suchen.[v] Ein Religionswechsel ist muslimischen Bürger*innen der Islamischen Republik gesetzlich verboten, „Glaubensabfall“ kann in der schiitischen Theokratie mit dem Tod bestraft werden.[vi]
Und der Vatikan?
Je mehr religiöse und andere Minderheiten in Iran unter Druck geraten, desto wichtiger werden öffentliche Aufmerksamkeit und internationale Verbindungen. Einst waren eine Reihe von Ordenspriestern, irische und pakistanische Dominikaner, italienische Salesianer und französische Vinzentiner (Lazaristen), und auch verschiedene Schwesternkongregationen in Iran präsent.[vii] Sie mussten das Land nach und nach gezwungenermaßen verlassen. Das kirchliche Leben wurde weiter eingeschränkt und kam immer mehr zum Erliegen.
Ablehnung von Gewalt
Seit fünf Jahren steht der belgische Franziskaner-Minorit Dominique Joseph Mathieu der Gemeinde, die rapide abnimmt, als Erzbischof von Teheran-Isfahan vor. Papst Franziskus ernannte ihn 2024 zum Kardinal, um „nicht nur seine Nähe zur katholischen Minderheit, sondern auch zur schiitischen Mehrheit aus[zu]drücken. (…) Es sei eine Ehre für das ganze Land.“[viii] Und weiter soll Franziskus Ende 2024 gegenüber einer iranischen Delegation betont haben, dass „die Kirche nicht gegen die Regierung (sei), ausdrücklich sagte er: Nein, das ist eine Lüge!“[ix] Angesichts der jüngsten Eskalation im Nahen Osten bleibt der Heilige Stuhl trotz möglicher Zeitenwende bei seiner grundsätzlichen Ablehnung von Gewalt und mahnt zur Einhaltung des internationalen Rechts.[x]
Schiitisch-katholischer Dialog
In Zeiten von Krieg und Konflikt kommt den interreligiösen Beziehungen eine besondere Bedeutung zu. Die Kirche pflegt seit Jahren einen intensiven Dialog mit Vertretern des schiitischen Islam, sowohl aus Iran wie auch Irak. Ende 2019 fand das inzwischen elfte Kolloquium mit dem „Center for Interreligious & Intercultural Dialogue of the Islamic Culture and Relations Organization“ in Teheran statt.[xi] Seither sind die Treffen allerdings ausgesetzt, was auch der schweren Erkrankung des damaligen Präsidenten des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog (heute Dikasterium für den Interreligiösen Dialog), Miguel Ángel Kardinal Ayuso Guixot, geschuldet war. Der spanische Comboni-Missionar verstarb vor etwas mehr als einem Jahr.
Dialogarbeit
Während seines historischen Irak-Besuchs im März 2021 wurde Papst Franziskus in der Schiiten heiligen Stadt Nadschaf von dem wohl bedeutendsten Großajatollah Ali al-Sistani empfangen, ohne allerdings eine gemeinsame Erklärung zu veröffentlichen, wie der Papst dies zuvor mit sunnitischen Religionsführern getan hatte.[xii] Seit der Papst-Visite im größten arabischen Land mit schiitischer Bevölkerungsmehrheit steht die internationale Laiengemeinschaft Sant’Egidio in regelmäßigem Austausch mit dem Imam-Al-Khoei-Institut aus Nadschaf, zuletzt Ende Februar 2025 in Rom.[xiii] Eine Herausforderung für die Dialogarbeit stellt bisweilen die Konkurrenz zwischen irakischen und iranischen Geistlichen um den Vorrang in der katholisch-schiitischen Begegnung dar.
Eine ungewisse Zukunft
Die persischen Songs auf meiner revolutionären Playlist schlagen mittlerweile ruhigere Töne an. Ich bin bei „Freedom“ von Milad Derakhshani aus Isfahan angelangt, der den Durst der Iraner*innen nach Selbstbestimmung besingt. – Egal wie die Sache ausgeht, ich werde auch weiterhin mit ihnen hoffen, bangen und warten.
Dennis Halft ist Dominikaner und verwaltet als Islamwissenschaftler und Theologe an der Theologischen Fakultät Trier den Lehrstuhl für Abrahamitische Religionen mit Schwerpunkt Islam und interreligiöser Dialog. Er ist Mitglied des Institut dominicain d’études orientales in Kairo und seit 2021 Berater der Unterkommission für den Interreligiösen Dialog (Kommission X) der Deutschen Bischofskonferenz.
[i] Vgl. die Beiträge im Themenheft „Ringen um Freiheit. Iran“, Wort und Antwort 65 (2024) Heft 2.
[ii] Siehe exemplarisch Halft, Dennis, Ḥabīb al-ḥaqq’s Miftāḥ al-ḥuqūq: A Persian Treatise on the Qurʾān and the Bible by a Catholic Missionary in the Persianate World, Mission Studies 42 (2025) Heft 3: 426–450.
[iii] Kermani, Navid, An meine Freunde in Iran, Süddeutsche Zeitung, Nr. 10, 14.01.2026, 11, https://sz.de/li.3367772 (Aufruf: 06.03.2026). Siehe auch die Forderung bekannter Deutschiraner an die Bundesrepublik vom 25.02.2026, wegen der „Massaker an demokratischen Demonstrantinnen und Demonstranten im Januar 2026“ in Iran strafrechtliche Ermittlungen anzustellen, DIE ZEIT, https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-02/iran-offener-brief-bundesregierung-naika-foroutan-navid-kermani-jasmin-tabatabai (Aufruf: 06.03.2026).
[iv] Vgl. Hutter, Manfred, Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahāʾītum, Berlin 2019.
[v] Dazu Halft, Dennis, Ungetauftes Christentum in Iran. Eine theologische Verortung aus katholischer Sicht, Wort und Antwort 55 (2014) Heft 4: 167–172.
[vi] Vgl. Apostasie und Konversion, in: Christlich-muslimische Beziehungen in Deutschland (Arbeitshilfe Nr. 348), hg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Februar 2026, 126–128.
[vii] Zur Geschichte der kath. Mission in Iran siehe Potts, Daniel T., Qajars and Catholics: Tehran, the Vatican and the Lazarist Mission in Iran (Iran Studies Bd. 29), Leiden 2026.
[viii] Mathieu, Dominique Joseph, „Am Fuße des Kreuzes dienen“ (Gespräch mit Hilde Naurath), Herder Korrespondenz 79 (2025) Heft 8: 56.
[ix] Ebd.
[x] Vgl. Tornielli, Andrea, Parolin: Präventiv-Kriege riskieren, Welt in Brand zu setzen, Vatican News, 04.03.2026, https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2026-03/parolin-risiko-praeventionskriege-interview.html (Aufruf: 06.03.2026).
[xi] Vgl. Final Statement on the Eleventh Colloquium between the Centre for Interreligious & Intercultural Dialogue (C.I.I.D.) of the Islamic Culture and Relations Organization (I.C.R.O.), Teheran, and the Pontifical Council for Interreligious Dialogue (P.C.I.D.), Holy See Press Office, 15.11.2019, https://press.vatican.va/content/salastampa/en/bollettino/pubblico/2019/11/15/191115g.html (Aufruf: 06.03.2026).
[xii] Vgl. Bordoni, Linda, Pope: Chistians and Muslims must be witnesses of truth and love in world scarred by war, Vatican News, 14.03.2023, https://www.vaticannews.va/en/pope/news/2023-03/pope-francis-ayatollah-al-sistani-message-anniversary-visit-iraq.html (Aufruf: 06.03.2026); Halft, Dennis, „Erklärung von Papst und Schiiten wäre revolutionär“, KNA, 13.06.2020, https://www.domradio.de/artikel/theologe-ueber-dialog-mit-dem-islam (Aufruf: 06.03.2026).
[xiii] Vgl. Katholiken und Schiiten im Dialog für den Frieden, Sant’Egidio, 03.03.2025, https://www.santegidio.org/pageID/30284/langID/de/itemID/60381/Katholiken-und-Schiiten-im-Dialog-f%C3%BCr-den-Frieden.html (Aufruf: 06.03.2026).
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