Was verbindet Frieden und Sicherheit, und vorallem, was sind deren Spezifika? Eine sozialethische Reflexion in aktuellem Kontext von Evelyne Tauchnitz und Alexandra Kaiser Duliba.
Frieden und Sicherheit werden im öffentlichen Diskurs häufig so eng miteinander verknüpft, dass ihre Unterschiede leicht aus dem Blick geraten. Das ist naheliegend, denn ohne ein Mindestmaß an Sicherheit kann kein menschliches Zusammenleben gelingen. Wo Menschen Gewalt, Krieg, Terror oder staatlichem Machtmissbrauch und Willkür ausgesetzt sind, fehlt die elementare Voraussetzung für ein Leben in Würde. Und doch sind Frieden und Sicherheit nicht dasselbe.
Frieden und Sicherheit sind nicht dasselbe.
Sicherheit zielt zunächst auf den Schutz vor Bedrohungen. Sie soll bewahren, was für Menschen und Gesellschaften von existentieller Bedeutung ist: das Leben und die körperliche Unversehrtheit, politische Freiheit oder die Stabilität demokratischer Ordnungen. Zu ihrer Gewährleistung bedarf es unterschiedlicher Mittel, etwa rechtlicher, institutioneller und – je nach Lage – auch abschreckender oder verteidigender Massnahmen.
Frieden dagegen ist ein weiterreichender Begriff. Er meint nicht nur die Abwesenheit direkter Gewalt oder Gewaltandrohung, sondern auch die Qualität der Interaktionen und Beziehungen, in denen Menschen und politische Gemeinschaften zueinander stehen.[1] Frieden ist deshalb mehr als Ordnung, Stabilität oder das vorläufige Ausbleiben von Angriffen. Er beruht auf Anerkennung, Vertrauen und der Bereitschaft, die Freiheit und Würde anderer nicht nur formal zu respektieren, sondern als gemeinsame Bedingung eines guten Zusammenlebens zu verstehen.
Menschenrechte markieren einen ethischen Minimalstandard für Frieden
Den Menschenrechten kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Sie markieren einen ethischen Minimalstandard für Frieden, weil sie den Schutz der menschlichen Würde, der Freiheit und der Gleichheit aller zum Maßstab machen. Wo diese Rechte systematisch verletzt werden, kann von Frieden nur sehr eingeschränkt die Rede sein, selbst wenn nach aussen Ordnung herrscht. Ein autoritär gesicherter Zustand mag Stabilität erzeugen; positiver Frieden ist er noch nicht. Menschenrechte erinnern deshalb daran, dass Frieden nicht nur die eigene Sicherheit meinen kann, sondern immer auch die Anerkennung des Anderen und dessen Bedürfnis nach Schutz einschließt. Frieden setzt daher ein Zugeständnis von Sicherheit auch an die Gegenseite mit ein. Zugleich genügt ein bloßer Verweis auf Menschenrechte nicht, wenn strukturelle Ungleichheiten, Ausgrenzung und kulturelle Feindbilder fortbestehen. Frieden verlangt mehr als Rechtsgarantien: Er verlangt auch die Veränderung jener Verhältnisse und Machtungleichheiten, aus denen neue Gewalt immer wieder entstehen kann.
die Ambivalenz moderner Sicherheitslogiken
Gerade hier liegt die Ambivalenz moderner Sicherheitslogiken. Sie können notwendig sein; sie können schützen und Gewalt begrenzen. Aber sie können auch in eine Eigendynamik kippen. Dann wird Sicherheit nicht mehr als begrenztes Gut verstanden, sondern als immer weiter zu maximierende Grösse. Mehr Überwachung, mehr Abschreckung, mehr Aufrüstung, mehr Automatisierung erscheinen dann fast zwangsläufig als vernünftige Antwort auf eine unsichere Welt. Doch wo Sicherheit vor allem aus einem Gefühl der Angst heraus gedacht wird, droht sie gerade das zu untergraben, was Frieden ausmacht: Vertrauen, Selbstbeschränkung und die Einsicht, dass der andere nicht nur eine potentielle Gefahr, sondern auch ein gleichwertiges Gegenüber ist, mit dem zumindest aus mittel- bis langfristiger Perspektive zusammengelebt werden muss.
Sicherheitslogik allein stiftet noch keinen Frieden.
Die jüngsten Spannungen rund um den Iran und die USA zeigen diese Differenz zwischen Frieden und Sicherheit besonders deutlich. Während Washington im Zeichen militärischer Stärke, Drohung und strategischer Kontrolle argumentiert, hat Papst Leo XIV. die Kriegsrhetorik gegenüber Iran scharf kritisiert und auf Deeskalation, Achtung des Völkerrechts und Fortführung der Verhandlungen gedrängt.[2] Zugleich betonte er, dass Gott nicht zur Legitimierung von Krieg angerufen werden dürfe.[3] Selbst dort, wo nach einer fragilen Waffenruhe wieder Gespräche aufgenommen wurden, bleibt sichtbar: Sicherheitslogik allein stiftet noch keinen Frieden.[4] Sie kann militärische oder ökonomische Interessen absichern; sie beantwortet aber nicht die weitergehende Frage, wie gerechte und langfristig tragfähige Beziehungen zwischen politischen Gegnern entstehen sollen.
Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Unterschied: Sicherheit will Bedrohungen beherrschen; Frieden fragt danach, wie menschliches Zusammenleben gelingen kann. Die aktuelle Debatte um Iran macht sichtbar, wie weit beide Logiken auseinanderliegen können. Umso wichtiger ist die weiterführende Frage, was Frieden positiv bedeutet – nicht nur politisch, sondern auch theologisch.
Das moderne Leitbild des gerechten Friedens löst die Denkfigur des gerechten Krieges ab.
Die christliche Ethik hat über Jahrhunderte hinweg versucht, den Krieg zu zivilisieren. Vorstellungen vom gerechten Krieg dominierten das theologische Denken und lieferten Kriterien zur moralischen Legitimation staatlicher Gewaltanwendung. Das moderne Leitbild des gerechten Friedens löst jedoch die Denkfigur des gerechten Krieges ab. Diese neue Maxime verlangt die systematische Vorbereitung des Friedens selbst. Dafür müssen Ursachen von Konflikten identifiziert und friedliche Regelungen erlernt werden. Positiver Friede zielt auf die Herstellung gerechter Beziehungen innerhalb und zwischen Gesellschaften. Diese Gerechtigkeit materialisiert sich zwingend in rechtlichen Strukturen. Der theologische Ursprung dieser Rechtsansprüche liegt im Alten Testament, wobei sich das biblische Sozialrecht primär auf die personae miserae (also Witwen, Waisen, Fremde etc.) fokussiert und einklagbare Schutzansprüche gegen Ausbeutung meint. Diese Rechte basieren auf der radikalen Überzeugung, dass alle Menschen den gleichen Ursprung im Schöpferwillen Gottes haben.[5]
Das Neue Testament liefert ein hartes Werkzeug: Die Feindesliebe.
Frieden ist kein Naturzustand, sondern muss mühsam gestiftet werden und bedarf der aktiven sittlichen Tat. Das Neue Testament liefert hierfür ein hartes Werkzeug: Die Feindesliebe. Sie wird oft fälschlich als passive Unterwerfungsmoral missdeutet. In der politischen Realität operiert sie als streitbare, kämpferische Haltung. Wer dem Gegner/der Gegnerin gewaltlos entgegentritt, verzichtet auf das Recht der Gegengewalt. Das Feindverhältnis wird damit der Absurdität überführt. Gandhi formte aus dieser spezifischen Haltung eine scharfe politische Strategie des Widerstands. Feindesliebe zwingt zur Auseinandersetzung, sie deckt die Unmenschlichkeit von Gewaltstrukturen auf.[6]
Ethische Appelle beeindrucken Diktatoren jedoch nur selten. Hier steht die theologische Friedensethik vor einem massiven Dilemma. Darf militärische Gewalt eingesetzt werden, um wehrlose Menschenleben zu retten? Die ökumenische Debatte ringt schmerzhaft mit dieser Frage. Wenn Regierungen ihre eigene Bevölkerung terrorisieren, geht die Schutzverantwortung zwingend auf die internationale Gemeinschaft über. In extremen Notsituationen kann der Einsatz von Waffengewalt als letzter Ausweg notwendig werden. Ein Unrechtssystem, das diese Regeln bricht und Menschen entrechtet, verliert jeden Gehorsamsanspruch. Gewaltsamer Widerstand erweist sich in solchen Fällen als natürliches Recht.[7]
Shalom beschreibt ein radikales, funktionierendes Beziehungsgeflecht.
Dennoch bleibt militärische Gewaltanwendung ein schwerwiegendes Versagen menschlicher Zivilisation. Wahre Friedensarbeit fordert den Mut, an die Wurzeln der Gewalt zu gehen, und einen kollektiven, dynamischen Prozess. Der biblische Begriff des Shalom ist geradezu aggressiv in seiner umfassenden Forderung. Shalom meint explizit nicht das Schweigen der Waffen. Der Begriff beschreibt ein radikales, funktionierendes Beziehungsgeflecht. Er fordert soziale Gerechtigkeit und verlangt den Ausgleich von Machtgefällen.
Wilhelm Korff hat das in seinen Arbeiten zur christlichen Friedensethik treffend analysiert. Der Mensch neigt zur Gewaltausübung, sobald die eigenen Interessen bedroht scheinen. Um dem zu entgegnen, müssen funktionierende Strukturen geschaffen werden, rechtliche Rahmenbedingungen, die Konflikte gewaltfrei kanalisieren. Das Völkerrecht ist eine solche Struktur; internationale Vertragswerke zur Rüstungskontrolle bilden eine andere. Die kompromisslose Wahrung der Menschenrechte bildet dabei ein zentrales und absolutes Fundament.
Die theologische Ethik mahnt uns zur Demut vor unseren eigenen Grenzen. Wir sind verletzliche Wesen in einer äußerst komplexen Welt. Echter Frieden erfordert ein gewisses Maß an Risikobereitschaft. Er verlangt den Mut zum Vertrauen in den anderen. Die theologische Friedensethik verweigert entsprechende Garantien und bietet stattdessen ethische Orientierung für das Handeln in der Unsicherheit.
Wir müssen aufhören, theologische Diskurse als irrelevant für die harte Realpolitik abzutun. Die aktuellen Krisen zeigen unsere Hilflosigkeit auf erschreckende Weise. Die Akzeptanz sozialer Ungerechtigkeiten kann dabei als indirekte Kriegsvorbereitung bezeichnet werden. Wir müssen Institutionen stärken, die den Schwächsten eine Stimme geben. Das ist anstrengend und erfordert Ausdauer, ist jedoch der einzige vernünftige Weg. Alles andere ist Kapitulation vor der Logik der Gewalt. Um es mit den Worten von Papst Leo XIV. zu sagen: «Habt den Mut zur Abrüstung»[8] und «Haltet ein! Es ist Zeit für den Frieden!»[9]
Alexandra Kaiser-Duliba, Dr. theol., ist Oberassistentin (Post-Doc) und Lehrbeauftragte am Institut für Sozialethik (ISE) der Universität Luzern. Sie ist auch Lehrbeauftragte am Weltethos-Institut Tübingen und Mitgründerin der KI-Managementsolutions GmbH sowie der EthicSociety Switzerland.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind Ethik der Digitalen Transformation und KI, Gesundheits- und Medizinethik sowie Solidarität in der Wirtschafsethik.
[1] Söderström, J., Åkebo, M., & Jarstad, A. K. (2021). Friends, fellows, and foes: A new framework for studying relational peace. International Studies Review, 23(3), 484-508; Tauchnitz, E. (2025): “Doing Peace”: Conceptualizing relational peace through interactions and networks in a digitalized world. Data & Policy. 2025;7:e34.
[2] Galtung, J. (1969). Violence, peace, and peace research. Journal of peace research, 6(3), 167-191.
[3] Dikmen, Y. (07.04.2026): Pope Leo calls Trump’s threat against Iran ‚truly unacceptable‘. Reuters (Zugriff am 16.04.2026).
[4] Winfield, N. (10.04.2026): Pope amplifies criticism of Iran war and says ‘God does not bless any conflict’. AP News. . https://apnews.com/article/vatican-pope-leo-chaldean-trump-mideast-iran-720eea814712d1d859875f39661d599f (Zugriff am 16.04.2026).
[5] Vgl. hierzu Wilhelm Korff: Grundsätze einer christlichen Friedensethik, in: Hertz, Anselm (Hrsg.): Handbuch der christlichen Ethik. Bd. 3. 1982; Conrad Raiser: Vom Frieden her denken. Ökumenische Impulse zur friedensethischen Diskussion, in: Evang. Theol. 75 (2015) 4, 246–258.
[6] Vgl. Korff: Grundsätze einer christlichen Friedensethik.
[7] Vgl. Korff: Grundsätze einer christlichen Friedensethik; Vgl. Friedrich Lohmann (2019): Gerechter Frieden und Menschenrechte. Entwurf einer Theologie der Menschenrechte in friedensethischer Absicht, in: Sarah Jäger & Friedrich Lohmann, Eine Theologie der Menschenrechte: Frieden und Recht, Bd 2., 47-120; Raiser: Vom Frieden her denken.
[8] Vatican news (11.10.2025): Papst an die Mächtigen dieser Welt: Habt den Mut zur Abrüstung! https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2025-10/papst-leo-xiv-gebet-rosenkranz-frieden-petersplatz.html (Zugriff am 15.04.2026).
[9] Katholische Nachrichten-Agentur (11.04.2026): Papst fleht um Frieden in «dramatischer Stunde der Geschichte». https://katholisch.de/artikel/68086-papst-fleht-um-frieden-in-dramatischer-stunde-der-geschichte (Zugriff am 15.04.2026).


