Religion und religiöse Themen werden auch auf social media immer wieder diskutiert – in unterschiedlicher Intensität und auf verschiedenen Niveaus. Theologisch wird dies oft kaum wahrgenommen, obwohl die Reichweiten der Beiträge immens sind. Markus Brodthage gibt Einblicke in dieses Feld.
Religiöse Influencer:innen, die ihren Glauben online kommunizieren, haben sich in sozialen Medien fest etabliert. Eine Vielzahl kreativer Akteur:innen zeigt, wie digitale Plattformen als Möglichkeitsraum genutzt werden können, um über und von Gott zu sprechen. Sie haben kleine Fangemeinden,[1] ragen mit ihrer Reichweite aber nur selten über den Kreis ihrer Follower:innen hinaus. Hohe Reichweiten erzielen hingegen eher radikal-fundamentalistische Christfluencer:innen mit kontroversen Äußerungen. Dies hängt nicht zuletzt mit dem „Modus der eigenen Meinung“[2] sozialer Medien zusammen, durch den nicht Information oder Wissensbestände, sondern die eigene Meinung von digitalen Akteur:innen im Mittelpunkt der (Glaubens-)Kommunikation stehen. Von diesem Meinungsmodus profitieren besonders Beiträge mit reißerischer Aufmachung und kontroversen Inhalten, die in den Sog der „Aufmerksamkeitsspirale“[3] sozialer Medien geraten.
Glaubenskommunikation und das Expertentum der eigenen Meinung
Erfolgreiche christliche bzw. religiöse Influencer:innen schaffen es, Glaubensinhalte mit der sozial-medialen wie gesellschaftlichen Lebenswelten ihrer Zuschauer:innen in Beziehung zu setzen. Anders als in der Wissenskommunikation oder Öffentlichkeitsarbeit steht dabei nicht die Kommunikation von Wissensinhalten und Informationen im Vordergrund, sondern die Positionierung zu bestimmten Sachverhalten, die für das Publikum von Bedeutung sind. Sich selbst zu inszenieren und zu positionieren, gehört zu den Grundmechaniken sozial-medialer Kommunikation. Der Aufstieg von Influencer:innen hängt nicht zuletzt davon ab, wie erfolgreich sie ihre eigene Meinung kommunizieren. YouTube hat dies in seinen Anfangstagen 2005 mit dem Slogan Broadcast yourself! zum Kern der eigenen Marke erhoben, andere Plattformen sind diesem Beispiel gefolgt. Influencer:innen haben dies verinnerlicht, professionalisiert und weiterentwickelt. Sie sind Expert:innen[4] darin, ihre persönliche Sicht auf die Dinge (des Lebens) zu vermitteln – und dies nicht nur mit Blick auf Werbe- und Kaufbotschaften, sondern auch zu politischen und weltanschaulichen Themen.
Eine solche Distributionsstrategie, die auf der eigenen Meinung bzw. Positionierung aufbaut, hat zwei große Stärken: (1) Es geht um persönliche Meinungen und Werturteile. Zuschauer:innen orientieren sich an diesen Meinungen besonders gut aufgrund einer empfundenen Nähe zu den Influencer:innen. Das Publikum agiert auf dieser Beziehungsebene mit Kommentaren, in denen sie sich zu den gezeigten Inhalten selbst positionieren und verhelfen damit den Influencer:innen zu Reichweitenerfolgen. (2) Fachexpertise zu den Inhalten, über die die Influencer:innen kommunizieren, kann, muss aber nicht kommuniziert werden. Ob Influencer:innen über nötiges Fachwissen, etwa zu politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Themen verfügen, ist nicht entscheidend. Die Selbstpositionierung ist die Schlüsselkompetenz der Influencer:innen, ein Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit der eigenen Aussagen wird nicht gestellt.
Selbstpositionierung ist die Schlüsselkompetenz der Influencer:innen
Ihr Expert:innenstatus fußt nicht allein auf Wissen um die Inhalte, die sie kommunizieren, sondern auf der Fähigkeit, diese Inhalte an ein Publikum erfolgreich zu kommunizieren.
Die Stärken eines solchen meinungszentrierten Expertentums ist gleichzeitig ein Ansatzpunkt für ihre Kritik. Leicht kann Influencer:innen vorgeworfen werden, sie trügen mit ihrem Auftreten nichts wesentlich oder inhaltlich Neues bei, sie bezögen keine wirklichen Positionierungen, weil ihnen nötiges Wissen als Beurteilungsgrundlage fehle und mit ihren asynchronen Beiträgen entzögen gerade sie sich einer diskursiven Debatte. Eine solche Kritik übersieht jedoch, dass der Erfolg von Influencer:innen nicht von inhaltlicher Korrektheit oder fachlicher Nachvollziehbarkeit abhängt, sondern von Authentizität und Beziehung. Inhaltliche Ungenauigkeiten werden als Zeichen von Nahbarkeit und erfrischender Authentizität gewertet. Dies verleiht ihnen erst ihre Autorität und Medienmacht.[5] Wie sich diese Medienmacht des Expertentums konkret manifestiert und welche Probleme daraus entstehen, zeigt sich besonders deutlich bei kontroversen Themen, wie etwa sexuelle Orientierung und geschlechtliche Vielfalt.
Medienmacht des Expertentums
Einige Christfluencer:innen fallen hier mit provokanten Aussagen auf, die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt infrage stellen und etwa mit Verweis auf religiöse Autorität (z.B. die Bibel) delegitimieren. Einher gehen solche Positionierungen mit als traditionell bezeichneten Rollenbildern (z.B. sog. Tradwifes und Alphamänner), die religiös begründet werden.
Besonders breite Aufmerksamkeit erreichte in diesem Zusammenhang die Influencerin Millane (TikTok: 7 Millionen Follower:innen) im „REALMODEL PODCAST“, in dem sie über ihren Glauben spricht und folgende religiös begründeten Überzeugung formuliert: „Du musst dich unterordnen, du musst […] halt den Mann respektieren, so wenn der Mann ne Entscheidung trifft ‚hey so machen wir das‘, dann macht ihr das auch so.“ (53:51–54:00). Der Podcast nimmt für sich in Anspruch, den Zuschauer:innen gerade in Fragen von Partnerschaft Orientierung zu geben. Der Videotitel lautet: „Wie du den richtigen Partner findest […]“.
In sozialen Netzwerken ist der Inhalt des Videos von vielen Influencer:innen aufgegriffen und kritisiert worden und hat Millane damit zu mehr Aufmerksamkeit verholfen. Der mediale Erfolg des Videos hat jedoch seinen Preis. Statt über Glauben, Religion und Gott zu sprechen, werden Millane und ihre Haltung zum eigentlichen Thema. Das Medium (Millane) verdrängt den Inhalt (religiöse Botschaft). Das vielfach zitierte Zitat des Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan von 1964, „the medium is the message“[6], lässt sich auch auf diesen Fall übertragen: Der Modus der eigenen Meinung dominiert das Kommunikationsgeschehen. Folglich ist die Influencerin und ihre spezifische glaubende Haltung die Botschaft ihrer Videos, nicht der Glaube Jesu.
Das Medium verdrängt den Inhalt.
Digitale Glaubenskommunikation als quantitative Missionsorientierung
Diese Art, mit reißerischen, kontroversenmeinungsbezogenen Aussagen Glaubenskommunikation zu betreiben, offenbart eine quantitative Missionsorientierung: Je mehr Menschen erreicht werden, desto besser! Quantität vor Qualität, horizontale Reichweite vor vertikaler Gedankentiefe.
So entpuppen sich solche christliche Influencer:innen als Werbefiguren, die den Modus der eigenen Meinung mit reißerischem Inhalt zur Aufmerksamkeitsgewinnung nutzen. Eine derartige Kommunikation kann ganz unterschiedlichen Ziele dienen: Identitätspolitische Selbstvergewisserung („das bin ich, das glaube ich, das möchte ich sagen“), Sicherung und Steigerung des Bekanntheitsgrades, finanzielles Kalkül, Missionsarbeit usw. Beispiele dazu finden sich in sozialen Medien zuhauf. Was solche Kommunikationsformen jedoch nicht vermögen, ist den Grund der kommunizierten Botschaft – bei Millane: die Botschaft Jesu – ihren Zuschauer:innen näher zu bringen.
Glaubenskommunikation bei nicht-religiösen Influencer:innen
Doch es geht auch anders. Gerade große Accounts haben die Chance, mit ihrer Reichweite kritisch reflektierte Inhalte zu verbreiten.. Dass dies möglich ist, zeigt ein Blick auf andere Influencer:innen, die religiösen Themen aufgreifen, ohne selbst religiös zu sein. Ein Beispiel ist Rezo (YouTube: 1,7 Millionen Follower:innen). Er thematisiert und kritisiert im Video „TikTok sagt, warum DU in die HÖLLE kommst…“ Christfluencer:innen, die gegen jede Form von sexueller wie geschlechtlicher Vielfalt abwertende, beleidigende oder hetzende Positionen beziehen und dies religiös begründen: „Gott hat dir einen freien Willen gegeben […] und wenn du dich bei dieser ganzen Freiheit entscheidest an einen Gott zu glauben, der andere Menschen auf Basis ihrer Sexualität, ihrem Geschlecht, ihrem Aussehen, ihrer Religion oder was auch immer nen anderen Wert gibst oder sagen, dass sie deswegen nicht okay sind wie sie sind, dann fick dich und deinen Gott.“ (21:43–22:42)
Rezo dient hier als Beispiel eines Influencers, der seine Popularität einsetzt, um auf problematische Aussagen hinzuweisen und damit Betroffene zu unterstützen – wenn gleich er sich auch grenzüberschreitender Sprache bedient, die für Inhalte junger Influencer:innen nicht unüblich ist. Er dekonstruiert religiös-extremistischer Positionen und weist auf andere Denk- und Glaubensarten hin, die er mit Handlungsfreiheit in Verbindung bringt. Was lässt sich aus diesen Beispielen für religiöse Glaubenskommunikation in sozialen Medien lernen?
Konsequenzen für die Glaubenskommunikation
Das Beispiel Rezo veranschaulicht, dass die durch Authentizität und Autorität gewachsene Medienmacht von Influencer:innen gerade dann eine kritische Wirkung entfalten kann, wenn sie diese für kritisierte, angegriffene und unterdrückte Gruppen bzw. Minderheiten einsetzen. Auch kleinere Accounts können dies tun, indem sie Teil eines öffentlichen Protestes gegen Ungerechtigkeiten werden.
Abseits kontroverser Themen können religiöse Accounts die Logik digital-medialer Kommunikation – das Expertentum der eigenen Meinung – aufbrechen, indem sie für eine kritische Glaubenskommunikation nutzen. Eine solche meinungsbasierte Glaubenskommunikation nimmt dann Bekenntnisse aufgrund ihrer Plausibilität und Authentizität in den Blick.
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[1] Vgl. exemplarisch Pirker, Viera/Paschke, Paula (Hg.) (2023): Religion auf Instagram. Analysen und Perspektiven, Freiburg; Stolz, Lea/Weyel, Birgit (Hg.) (2025): Öffentlich PfarrerIn sein. Zur medialen Formatierung religiöser Kommunikation, Stuttgart.
[2] Brodthage, Markus (2026): Religion und ihre Kritik in YouTube-Videos deutscher Top-Influencer:innen. Eine qualitativ-rekonstruktive Studie zu Selbstpositionierungspraktiken der beliebtesten deutschsprachigen Top-Influencer:innen der 12- bis 19-Jährigen zu Geschichte und Gegenwart von Religion (Religionspädagogik im Kontext, Bd. 14), Berlin, 171; vgl. auch ebd., 163–186.
[3] Hurth, Elisabeth (2020): In der Aufmerksamkeitsspirale. Christliche Influencer, in: Herder-Korrespondenz, 74, H. 4, 38–40, hier: 38.
[4] Vgl. Brodthage 2026, 171–178.
[5] Vgl. Ebd., 178–182.
[6] McLuhan, Marshall (1964): Understanding Media. The Extensions of Man, New York, 7f.
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