In seiner Erinnerung an Carl Christian Bry entdeckt Benno Haunhorst die Kritik an heute noch relevanten Ideologien. „Verkappte Religionen“ verhindern eine differenzierte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Sie zu identifizieren hilft beim Erkennen von Handlungsoptionen.
Was haben der Rechtspopulismus, die KI-Technologie und die identitären Bewegungen gemeinsam? Sie sind verkappte Religionen würde Carl Christian Bry sagen. 1924 erscheint sein heute wieder sehr lesenswertes Buch dazu.[1] Wenn Religion die Unterbrechung der bestehenden Plausibilitäten bedeutet, dann bewirken verkappte Religionen die Überhöhung einer einzelnen Idee zur verbindlichen Plausibilität für alles.
Carl Christian Bry
Kaum jemand kennt Carl Christian Bry. Er stirbt 1926 im Alter von erst 34 Jahren. Von Geburt an ist er linksseitig gelähmt. Nach dem Studium von Geschichte, Germanistik und Philosophie wird er in Heidelberg promoviert mit einer Arbeit über den deutschen Buchhandel. Danach arbeitet er als Lektor und Autor in München. In der katholischen Kulturzeitschrift Hochland publiziert er mehrere umfangreiche Beiträge, z.B. zu Chesterton, Shaw und Morgenstern. Seinen Lebensunterhalt wird sich Bry allerdings gesichert haben mit den Zeitkolumnen, die er zwischen 1921 und 1925 regelmäßig für das deutschsprachige Argentinische Tag- und Wochenblatt verfasst. Ein Studienfreund ist Verleger dieser Zeitung und entlohnt Bry in krisensicheren US-Dollars. 1987 werden die Beiträge unter dem Titel Der Hitler-Putsch veröffentlicht.[2]
Ideologie und Religion
Der englische Historiker Michael Burleigh würdigt in seinem 2008 auf Deutsch erschienenen epochalen Werk über den Kampf zwischen Politik und Religion Irdische Mächte, Göttliches Heil Carl Christian Brys Verkappte Religionen als „eines der bemerkenswertesten, zugleich am wenigsten bekannten Bücher des 20. Jahrhunderts.“[3] In seiner Hochschätzung folgt er damit Kurt Tucholsky, der sich 1927 und 1930 in der Weltbühne mit großer Zustimmung den Gedanken von Bry anschließt. Er lässt sich keiner der Bewegungen zuordnen, die auf den Ausstieg drängen, sondern er versteht sich als Aufklärer des Humanen. Seit über einhundert Jahren wird häufig kritisiert, dass Religion zur Ideologie werden kann, aber wenig bedacht, wie Ideologie zur Religion wird. Carl Christian Bry eröffnet uns diese Sichtweise hin auf moderne Bewegungen und Lebenseinstellungen.
Weltverbesserung durch Willensanstrengung
Bry ist kein Theologe, aber er gibt immer wieder deutlich zu erkennen, dass er als Christ die weltanschaulichen Überheblichkeiten seiner Zeit ablehnt. Dabei scheint er in dem Konvertiten Gilbert K. Chesterton sein Vorbild gefunden zu haben. Dessen zentrales Werk Orthodoxie dient Bry wohl als Richtschnur für seine Verkappte Religionen.[4] Was meint er aber mit Verkappte Religionen? Eine Idee wird vom Zusammenhang ihrer Entstehung abgekoppelt und zum alleinigen Weltrezept erhoben. Alle Menschen, die über genügend Zeit, Mittel und öffentlichem Organisationstalent verfügen, können so zum Propheten oder zur Prophetin werden. Es wird Propaganda gemacht, ein Bund Verschworener gegründet und gegen das alltägliche Leben agitiert, indem man die Welt in Freund und Feind teilt. Diese monomanen Ansichten zur Verbesserung der Welt entspringen oft einer hinterweltlerischen Ideologie. All diese Bewegungen beruhen auf Besserwissereien, aber: Wer dazu gehört, versteht sich als Gewinner:in. Das schmeichelt der Eitelkeit der Eingeweihten und bereichert ihr Gefühl der Überlegenheit. Das alles ist aber das Gegenteil von demokratischer Offenheit und humaner Kultur.
Willenskult
Bry unterteilt die verkappten Religionen in zwei Gruppen: Die mit politischem Anspruch auftretenden und die okkulten Aussteiger:innen, die sich auf ein Innenleben zurückziehen. In der ersten Gruppe differenziert er noch zwischen denen, die sich nach rückwärts orientieren und Vergangenes zur Norm erheben sowie den Progressiven, die allein die Zukunft im Blick haben und so die Gegenwart hinter sich lassen wollen. Diese verkappten Religionen stellen allein die Willensanstrengung in den Mittelpunkt. Der Wille rettet aus ausweglosen Situationen und bildet die Grundlage des Erfolgs ihrer jeweiligen Held:innen und Heiligen. Wenn Bry diesem Willenskult entgegenhält, wo ein Wille ist, ist noch lange kein Weg, dann muss man sich vor Augen führen, dass hier ein schwer körperbehinderter Mensch aus eigener Lebenserfahrung urteilt und damit für alle Menschen spricht, die keine Macht und Mittel besitzen.
Rechtspopulismus
An den heutigen Rechtspopulisten:innen kann man sehr gut das „wir und die anderen“-Narrativ aller verkappten Religionen aufzeigen. Das Urteilen in den Kategorien Überlegenheit und Verschwörung hat bereits Carl Christian Bry sehr deutlich herausgearbeitet: Dein Gefühl des Unbehagens ist wichtig, wir verstehen dich, wir kümmern uns. Dabei geht es immer ums Ganze; jedes Problem wird in eine existentielle Bedrohung verwandelt: Du bist wütend „auf das Ganze“ und dein Einsatz „bringt doch nichts“, dann liegt das an „den Anderen“ und all denen, die da mitreden können. Diese Leute müssen „wir“ zurückdrängen durch unsere Stärke und unseren Anspruch auf Alleinvertretung. Es werden Ressentiments angestachelt gegen „die Altparteien“ und „die Politik“, gegen Feminist:innen, Pazifisten:innen, sexuell Alternative, „Sozialbetrüger“ und Ausländer:innen. Sie alle gehören dann nicht zur nationalen Identität.
Verschwörungsmystizismus
Carl Christian Bry kritisiert den „Blondenwinkel“, aus dem heraus die deutsche Überlegenheit propagiert wird. Im Oktober 1921 formuliert er für das Argentinische Tag -und Wochenblatt den dahinter stehenden Grundgedanken: Die rechtspopulistische Bewegung kennzeichnet „eine elende spießerhafte Enge, gemischt mit dem Verschwörungsmystizismus schlechter Kriminalromane und endlich noch mit einem guten Schuß psychopathologischer Erscheinungen, die sich in kleinlichem Querulantentum und in fixen Ideen besonders in …judenfeindlichen Gedankengängen äußert.“[5] Und – so urteilt Bry damals weiter – diese Leute haben überhaupt kein Interesse an der Politik, sondern nur an der „Trunkenheit an den eigenen Vorzügen und der eingebildeten Machtstellung.“[6] Sehr klarsichtig notiert er schon im November 1922: „Es ist nicht ganz ungünstig für einen politischen Verband, auf der einen Seite als Räuberbande und auf der anderen als Retter des Vaterlandes betrachtet zu werden. Was so laut umkämpft wird, bekommt meist Zuzug,…“[7]. Wie wahr!
Erlösende Technik
Im Blick auf die progressiven verkappten Religionen, die durch die Konzentration auf die eine heilbringende Idee die glückliche Zukunft aufzuschließen meinen, wird bei Carl Christian Bry bereits vorgezeichnet, was heute immer noch ausgemalt wird: Umsturz jeder Herrschaft, Pazifismus, Abstinenzbewegung, sexuelle Befreiung, Schulreform und Technikbegeisterung. Eine verkappte Religion ist gekennzeichnet durch die Halbierung der Welt bei gleichzeitiger Behauptung, diese Welt sei dann die ganze wirkliche Welt. Zu diesem Grundansatz, so Bry weiter, gehören ein Prophet mit seinen Offenbarungen über die messianische Zukunft und eine Jüngerschaft, die bereit ist, eigene Wege auch gegen alle konventionellen Regeln zu gehen.
Menschen werden auf
Funktionalität reduziert.
Blicken wir aus heutiger Sicht etwas genauer auf diejenigen, die meinen, allein durch Technik die Welt verbessern zu können. Bry schreibt, solche sind meist in den USA angesiedelt und Erfinder oder Milliardäre, die Massen von Arbeitskräften bewegen können, um ganze Kontinente umzugestalten und neue Welten zu erschließen. Als hätte er damit bereits die heutige Tech-Szene beschrieben! Die verkappte Religion der KI entwirft in einem Pathos der Nüchternheit – also mit eindeutig emotionaler Macht – die Unterordnung von Mensch und Kultur unter die Logik der Effizienz. Nur auf die Sieger:innen im Profitrennen ist Rücksicht zu nehmen.
Die Menschen werden auf ihre Funktionalität reduziert. Und jede dieser Funktionen kann von technischer Simulation übernommen werden. Man hat keinen Respekt mehr vor Individualität und vor dem Schutz der Identität oder vor geschichtlich geprägten Erfahrungen, weil das alles nicht mehr zählt. Diese Entwicklung geht so schnell, dass sich bei allen Nutzern:innen der KI die Überzeugung von der Überlegenheit und Allwissenheit der KI festsetzt. So entsteht der Glaube an die KI, weil man meint, sie sei neutral und rational, fernab von menschlichen Emotionen, politischen Interessen und weltanschaulichen Einstellungen.
Wenn die rückwärtsgewandten Hinterweltler:innen lieber alles beim Alten lassen wollen, dann wollen sich die progressiven Hinterweltler:innen gleich in das entspannende Paradies durch KI versetzen. Carl Christian Bry gibt bereits vor über einhundert Jahren solchen Tendenzen mit auf dem Weg: „Mögen wir eine neue Welt und neue Menschen anstreben, so kühn und phantastisch wir immer wollen: nur auf das eine haben wir dabei zu achten, daß sie eine ganze Welt mit ganzen Menschen ist.“[8]
Primat der Innenwelt
Carl Christian Bry analysiert auch die verkappten Religionen, die nicht auf die Gestaltung der Außenwelt gerichtet sind, sondern auf das Innenleben des Menschen, auf seine Gefühle, seine Lebenseinstellungen und Selbstwahrnehmungen, kurz auf seine Identität. Nicht „Setz dich durch“, „Sei erfolgreich“ lauten hier die Bekenntnisformeln, sondern „Sei du selbst“, „Sei glücklich“. Gemeinsam – so Bry – ist all diesen Selbstbekenntnisbewegungen, dass sie mit dem Anspruch auftreten, sie allein wüssten von der Erlösung. In dem Warenhaus dieser auf das eigene Innere bezogenen verkappten Religionen – Bry nennt u.a. Traumdeutungen, Weissagungen, Lebensreformen, sexuelle oder nationale Identitäten, kulturelle Eigenheiten – wollen alle wahre Seelsorger:innen sein und bestreiten das für alle anderen. Die eigene Identität ist die absolut gültige und steht deshalb über allen anderen.
Die Welt wird immer vielfältiger. Das bewirkt bei einigen Menschen eine Desorientierung. Um mich zu schützen, erkläre ich deshalb meine Emotionen für das Wichtigste. Eindeutigkeit wird gesucht und im eigenen Gefühl gefunden. Der Grund meiner Identität ist mein eigenes Erleben in meiner Community. Darüber hinaus gibt es keine Wahrheiten. Der eigene Wille ist entscheidend.
„Arbeit und Gnade“ hat Carl Christian Bry sein kurzgehaltenes Schlusskapitel von Verkappte Religionen überschrieben. Eine seltsame Überschrift über eine engagierte Abrechnung mit weltanschaulich geprägten Reformversprechen. „Wir fliehen statt zu kämpfen: der eine in seine religiöse Sehnsucht, der andere zu den verkappten Religionen.“[9] Wir müssen uns verabschieden von allen Versprechen, die uns vertrösten wollen und von der realen Arbeit für eine bessere Welt abhalten! Verkappte Religionen sind Einstellungen, die nicht verbessern helfen, sondern nur Recht behalten wollen, die nicht trösten können, sondern nur behaupten.
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Titelbild: Lightspring / Shutterstock.com
- Carl Christian Bry, Verkappte Religionen, Gotha/Stuttgart 1924 ↑
- Carl Christian Bry, Der Hitler-Putsch. Berichte und Kommentare eines Deutschland-Korrespondenten hrsg. von Martin Gregor-Dellin, Nördlingen 1987 ↑
- Michael Burleigh, Irdische Mächte, Göttliches Heil, München 2008, Seite 617 ↑
- vgl.: Carl Christian Bry, G.K.Chesterton, in: Hochland 20(1922/23) Band 1, Seite 374 – 391 ↑
- Der Hitler-Putsch, a.a.O., Seite 27 ↑
- ebenda, Seite 66 ↑
- ebenda, Seite 60 ↑
- ebenda, Seite 167 ↑
- ebenda, Seite 23 ↑



