Tiefgründig und faszinierend – Eva Maria Spiegelhalter und Melanie Wurst haben sich die arte-Serie Etty angesehen, die auf Etty Hillesums Tagebüchern basiert.
Etty Hillesum, eine niederländische Jüdin (1914-1943), hat ihre Tagebücher von 1941 bis zu ihrer Deportation 1943 geschrieben. Hagai Levi hat eine Mini-Serie daraus gemacht. Die mitreißende Dynamik der arte-Serie Etty erinnert uns in ihrer Tiefe, Stärke und Verzweiflung an die Erstlektüre ihrer Tagebücher. In den 2010er Jahren fielen uns die Auszüge aus Etty Hillesums Tagebücher, die unter dem Titel „Das denkende Herz“ erschienen sind, in die Hände.[1]
Bilder aus dem
Hier und Jetzt
Der Regisseur Hagai Levi lässt die Serie nicht explizit im Amsterdam der 1940er Jahre spielen, vielmehr trägt Etty (großartig gespielt von Julia Windischbauer) eine Tasche aus Lastwagenplane. Eine der Diskrepanzen im Bild, die auffällt. Oftmals sind Bilder aus dem Hier und Jetzt zu sehen. Kleidung, Autos, Züge sind aus unserer Zeit. Die Wohnungseinrichtungen aus früheren Jahrzehnten. Es gibt keine Smartphones und Laptops. Die Zeit ist nicht greifbar. Faschismus ist zu jeder Zeit möglich.
Etty fährt oft mit ihrem Fahrrad durch Amsterdam zur Uni, sie studiert dort Literatur, möchte selbst schreiben. Neben dem Alltag gibt es präfaschistische Elemente in den Bildern, die sich im Laufe der Serie steigern: Männer in schwarzen Uniformen mit langen Mänteln und Mützen, irgendwann werden überall „Für Juden verboten“-Schilder aufgehängt. Ihr Name steht auf der Exmatrikulationsliste, die ausgehängt ist am Eingang der Uni.
Menschen bewegen sich zwischen Akzeptanz und der Suche nach einer Überlebensstrategie, wenn Etty beispielsweise unbekümmert die Sperrstundenregelung umgeht. Gleichzeitig zeigt sich, dass sich immer genug Menschen finden, die Jüd*innen auf die bestehenden Einschränkungen und Verbote hinweisen. Etwa in einer Szene, in der Etty eine Apotheke betritt und durch einen anderen Kunden darauf hingewiesen wird, dass Juden der Einkauf hier verboten sei. Diese banale Situation macht deutlich, wie die Durchsetzung der menschenverachtenden Maßnahmen funktioniert und wie so viele Menschen zu Helfer*innen eines menschenverachtenden Systems werden.
…wieder eine Sache weniger,
die ich verlieren kann.
Die Serie besticht durch eine starke Bildsprache. Besonders eindrücklich ist die Episode, in der alle Jüd*innen in Amsterdam gezwungen werden, ihre Fahrräder abzugeben. Ein Tross von Menschen auf dem Fahrrad wälzt sich durch die Straßen Amsterdams. Auf den Gepäckträgern werden auch Kinderfahrräder transportiert. Das Regime verschont niemanden. Die Berge der konfiszierten Fahrräder und deren sinnlose Zerstörung werden ohne Worte gezeigt. Die Ohnmacht ist greifbar. Die einzige Kommunikation sind Umarmungen. Assoziationen zu Bildern aus den Konzentrationslagern werden wach.
Später zitiert Etty ihren Vater: „Wie mein Vater sagt: ‚Wir sind in der Wüste 40 Jahre gut ohne Fahrrad ausgekommen. Jetzt müssen wir uns wenigstens keine Sorgen machen, dass sie uns jemand stehlen kann.‘“ Philosophischer analysiert sie: „Alles, was ich verliere, ist wieder eine Sache weniger, die ich verlieren kann. […] Ich finde immer wieder den Mut alles loszulassen. Jede Sache, jede Norm, jeden konfessionellen Halt, jedes Gefühl von Sicherheit.“

Foto: ARTE F
Sehr existenziell sind Szenen, in denen sie körperliche Übungen macht, kniend. Dabei erklingen Zitate aus den Tagebüchern und die Nahaufnahmen der Teppichfasern gehen über in Landschaftsbilder: „Lebensangst in jeder Faser, vollständiger Zusammenbruch. […] Dann zieh ich ein Gebet um mich herum wie eine dunkle, schützende Mauer. Ich zieh mich darin zurück wie in eine Klosterzelle. Die hohe Mauer, innerhalb derer ich nicht auseinanderfalle. […] Dann trete ich wieder hervor, gesammelter und stärker, wieder beieinander.“
Vielleicht nach dem Krieg.
Nicht minder existenziell sind beinahe lapidare Szenen: Eine Bekannte trifft Etty und sagt einen Tag vor ihrer bevorstehenden Deportation: „Bin nur zum Tschüss Sagen gekommen. Stand auf meiner Liste für heute.“
Immer wieder werden Szenen eingespielt, in denen Etty in einem Studio aus ihren Tagebüchern liest (sie bilden auch die Grundlage für die Zitate aus dem Off): In der fünften Folge ist die Aufnahme zentral. Etty kommt zu ihrem Freund Klaas, der in seinem Keller ein improvisiertes Studio eingerichtet hat. Etty legt ihre Hefte auf den Tisch mit den Worten: „Ich möchte, dass du die aufhebst. Ich geh nach Westerbork und will’s nicht mitnehmen.“ Sie bereiten die Aufnahme vor, obwohl sie nicht gesendet werden kann.[2] Klaas sagt: „Ich produziere meine Beiträge trotzdem weiter, um noch einen Rest Würde zu behalten. Ich weiß nicht, ob die je gesendet werden. Vielleicht nach dem Krieg.“ Und dann beginnt er: „Hallo, liebe Hörer in der Zukunft! In dieser neuen Zeit der Freiheit. Das ist eine neue Folge von ‚Der rote Faden‘.“
Etty versucht unermüdlich, das eigene Leben zu gestalten bis ins Letzte, in immer kleiner werdenden Räumen. Sie schreibt ihre Lebensgeschichte bis zuletzt selbst, gerade indem sie sich freiwillig für eine Stelle des jüdischen Rates im Lager Westerbork meldet. Die Dramatik der Entscheidung kulminiert im Gespräch mit Klaas während und nachdem Etty ihre Tagebücher für die Radiosendung liest. Dabei fallen drei zeitliche Dimensionen in eins: ihre persönliche Vergangenheit in der Narration der Tagebücher, die gegenwärtige Situation der Aufnahme im Beisein des Radiomachers und Freundes Klaas, der sie von ihrer Entscheidung abhalten will, und die Zukunft, die changiert zwischen Hoffnung und Ungewissheit.
„Um es poetisch auszudrücken: Wir haben ein Massenschicksal und ich will mich meinem Anteil daran nicht entziehen. Ich will ihn stattdessen wie ein Bündel immer stärker und fester auf den Rücken schnallen, mit ihm verwachsen. Das ist es, was mich ab sofort lenken wird, wohin ich auch gehe.“
Das sind keine Monster.
Das sind Menschen.
Am Ende der Aufnahme sprechen Klaas und Etty über Gott:
Klaas: „Findest du nicht, dass es eine total absurde Zeit ist, um an einen Gott zu glauben, da gerade diese schrecklichen Dinge um uns herum passieren? Und findest du nicht auch, dass wenn es einen Gott gäbe, er erstmal damit anfangen müsste, die Barbaren auszurotten …“
Etty: „[…] Natürlich meine ich nicht irgendwo einen Gott, der uns eine Aufklärung verspricht über alles, was hier unten passieren wird. Und wenn, wenn das so wäre, müsste es genau umgekehrt sein. Wir sind diejenigen, die ihm gegenüber Rechenschaft ablegen müssen für all die abscheulichen Dinge, die wir hier unten passieren lassen.“
Kurze Zeit später erwidert sie auf Klaas’ Eingabe: „Aber das sind keine Monster. Das sind Menschen. Und das ist das ganze Problem.“
Etty betritt zum letzten Mal ihr Elternhaus und ihr ehemaliges Kinderzimmer – ein Gänsehautmoment: Alle Möbel in ihrem Zimmer sind mit weißen Tüchern bedeckt, um sie vor Staub zu schützen. Etty entfernt Tuch um Tuch. Ein letztes Mal wird ihr bisheriges Leben sichtbar, von dem Etty Abschied nimmt und sich in ihr Schicksal begibt.
„Gott, all meine Bindungen beginnen langsam von meinen Schultern zu gleiten, ganz vorsichtig. Mit großer Wehmut, aber auch mit der Gewissheit, dass es richtig so ist und nicht anders sein soll, lasse ich sie gleiten, Tag für Tag.“
Die Stärke der Protagonistin, die in ihren Entscheidungen immer mehr zu sich selbst und zu ihrer eigenen Kraft findet, ist sehr beeindruckend. Ihre Motivation: „Man sollte ein Pflaster auf vielen Wunden sein.“
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Die Serie ist in der Arte-Mediathek verfügbar bis zum 12.11.2026: https://www.arte.tv/de/videos/RC-027654/etty/
Melanie Wurst lebt und arbeitet als Theologin und Systemische Supervisorin in Frankfurt am Main.
Titelfoto / Bildrechte: ARTE F / © Reiner Bajo
„Bild: Sendeanstalt/Copyright“.
- 2023 erschien bei C.H. Beck die deutsche Gesamtausgabe. ↑
- Die Szenerie ist fiktiv. Tatsächlich ist Klaas’ Figur angelehnt an den Schriftsteller Klaas Smelik, dem sie über eine Freundin die Tagebücher zukommen ließ zur Veröffentlichung. ↑


