Was können Bilder noch verbürgen, wenn KI Gesichter, Ereignisse und Erinnerungen erzeugt, die nie existiert haben, fragt Philipp Endres. Der Blick auf den byzantinischen Bilderstreit zeigt: Nicht jedes gemachte Bild ist unwahr. Entscheidend ist, welchen Anspruch es erhebt.
„Ist das echt?“ Diese Frage steht heute oft am Anfang. Nicht mehr: „Was zeigt dieses Bild? Wen sehe ich? Was ist geschehen?“ Sondern zuerst: „Kann ich dem, was ich sehe, überhaupt noch trauen?“ Noch vor wenigen Jahren schien vor allem das Foto Wirklichkeit wenigstens vorläufig zu beglaubigen. Gewiss, auch damals wurde inszeniert, retuschiert, beschnitten. Aber selbst die Manipulation bezog sich meist noch auf einen Rest von Welt. Das fotografische Bild konnte lügen, doch seine Lüge verzerrte etwas, das da gewesen war.
Diese Voraussetzung bröckelt. Generative Künstliche Intelligenz kann Ereignisse hervorbringen, die nie stattgefunden haben; Menschen sprechen lassen, was sie nie gesagt haben; Gesichter in Situationen versetzen, in denen sie nie waren. Misstrauen steht nicht mehr am Ende der Wahrnehmung, sondern an ihrem Anfang. Sichtbarkeit kann ohne Anwesenheit entstehen, Evidenz ohne Ereignis, Erinnerung ohne Erfahrung. Vor allem das Foto verliert damit seine alte Selbstverständlichkeit als Spur der Wirklichkeit: Künstliche Bilder können heute jenen dokumentarischen Anspruch simulieren, der lange dem fotografischen Bild vorbehalten schien.
Sichtbarkeit kann ohne Anwesenheit entstehen, Evidenz ohne Ereignis, Erinnerung ohne Erfahrung.
Doch es wäre zu einfach, ein künstlich erzeugtes Bild schon deshalb für unwahr zu halten, nur weil es künstlich erzeugt ist. Kein Bild ist unschuldig; jedes ist gemacht. Auch die Fotografie kennt Ausschnitt, Perspektive, Belichtung, Rahmen. Und doch war es lange ein besonderer Fall: Es galt nicht nur als Darstellung, sondern als technischer Abdruck eines Augenblicks, als Spur einer Anwesenheit. Gemälde, Herrscherporträt und Ikone dagegen sind anders geformte Sichtbarkeiten. Sie bezeugen nicht im fotografischen Sinn, sondern deuten, verdichten, verweisen. Wahrheit hängt daher nicht allein daran, ob ein Bild gemacht ist, sondern welchen Anspruch es erhebt und ob es diesen Anspruch kenntlich macht.
Gemälde, Herrscherporträt und Ikone dagegen sind anders geformte Sichtbarkeiten.
Ein KI-Bild kann Illustration sein, Satire, Rekonstruktion, Spiel, Vision, didaktisches Hilfsmittel, ästhetisches Experiment. Es kann etwas zeigen, was nie existiert hat, ohne schon zu täuschen. Unwahr wird es nicht durch seine Künstlichkeit, sondern durch die Verschleierung seines Modus. Wo Fiktion als Dokument auftritt, Simulation als Zeugnis, Montage als Aufnahme eines Ereignisses, kippt Darstellung in Lüge. Das Problem beginnt dort, wo Gemachtheit unsichtbar werden soll.
An diesem Punkt lohnt der Blick zurück nach Byzanz. Der Bilderstreit im 8. und 9. Jahrhundert war mehr als ein Konflikt um religiöse Kunst. Er war eine Auseinandersetzung über Sichtbarkeit und Wahrheit, Zeichen und Gegenwart, Darstellung und Macht. Die zentrale Frage lautete: Darf ein Bild das Heilige zeigen? Oder verrät es dieses, indem es sichtbar, verfügbar, berührbar wird?
Der byzantinische Bilderstreit war eine Auseinandersetzung über Sichtbarkeit und Wahrheit, Zeichen und Gegenwart, Darstellung und Macht.
Die ikonoklastische Sorge war ernst. Sie entsprang einer theologischen Angst vor falscher Gegenwart. Das Bild könnte die Differenz zwischen Gott und Welt zu rasch einebnen, das Unsichtbare in Materie bannen, Verehrung in Besitz verwandeln, Frömmigkeit in Götzendienst. In dieser Skepsis liegt eine tiefe Einsicht in die Macht des Sichtbaren: Was sich zeigt, kann verführen. Was sichtbar wird, kann sich an die Stelle der Wahrheit setzen.
Die ikonophile Antwort war nicht weniger anspruchsvoll. Ihr entscheidendes Argument war die Inkarnation. Wenn Gott in Christus sichtbar geworden ist, dann ist das Sichtbare nicht einfach der Gegensatz des Göttlichen. Das Bild Christi versucht nicht, das unanschauliche Wesen Gottes einzufangen. Es verweist auf den, der selbst in geschichtlicher Gestalt erschienen ist. Es ersetzt nicht das Urbild; es steht in Beziehung zu ihm.
Darin liegt die medientheoretische Raffinesse der Ikonentheologie. Sie denkt das Bild nicht als bloße Kopie, aber auch nicht als Dekoration. Das Bild ist Beziehung. Seine Wahrheit liegt nicht in fotografischer Ähnlichkeit, sondern in der rechten Ordnung des Verweises. Darum wurde die Unterscheidung wichtig: zwischen Abbild und Urbild, Zeichen und Gegenwart, Verehrung und Anbetung. Die Ehre, so die klassische Formel, geht auf das Urbild über.
Das Bild ist Beziehung. Seine Wahrheit liegt in der rechten Ordnung des Verweises.
Gerade deshalb ist die Ikone kein vormoderner Deepfake. Sie lebt von offen ausgewiesener Vermittlung. Ihre Stilisierung, Frontalität, Goldgrund und Distanz zum naturalistischen Schein machen deutlich, dass sie nicht einfach ein Stück Alltag abbildet. Sie will nicht als Schnappschuss einer verborgenen Kamera erscheinen, nicht als zufällige Aufnahme eines unbeobachteten Moments. Sie sagt nicht: „So war es, als niemand hinsah.“ Sie fordert auf: „Sieh hindurch.“ Ihre Bildlichkeit ist kein Defekt, den sie kaschiert, sondern die Bedingung ihrer Wahrheit.
Der Deepfake gewinnt seine Macht aus der gegenteiligen Bewegung. Er will nicht als gemachtes Bild erkannt werden, sondern als wirkliches Ereignis. Er lebt davon, dass seine Vermittlung verschwindet. Seine Täuschung liegt in der fingierten Unmittelbarkeit. Seine ideale Form ist daher nicht das Kunstwerk, das sich als Kunstwerk zeigt, sondern das falsche Dokument; nicht die Fiktion, die um ihren fiktionalen Status weiß, sondern die künstliche Aufnahme, die sich als fotografische Wahrheit ausgibt. Er will nicht verweisen, sondern ersetzen. Er sagt nicht: „Ich zeige Dir eine mögliche Sicht.“ Er behauptet: „So ist es gewesen.“ Darin liegt seine zerstörerische Kraft: Er verwischt die Grenze zwischen Darstellung und Tatsache, zwischen Szene und Zeugnis, zwischen bloßer Möglichkeit und geschehenem Augenblick.
Deepfake lebt davon, dass seine Vermittlung verschwindet. Seine Täuschung liegt in der fingierten Unmittelbarkeit.
Die Krise der KI-Bilder ist nicht zuerst eine Krise der Bilder. Sie ist eine Krise der Beglaubigung. Lange konnten technische, institutionelle und kulturelle Routinen Vertrauen erzeugen. Ein Pressefoto, ein Fernsehbild, eine Aufnahme von einem Ereignis waren nicht automatisch wahr, aber sie standen in überprüfbaren Zusammenhängen: Urheber, Redaktionen, Archive, Orte, Zeiten, Zeugen, Standards. Generative Bilder legen die Schwächen dieser Ordnung offen. Unser Vertrauen galt nie nur der Oberfläche, sondern auch den Kontexten, die sie trugen.
Das ist politisch gefährlich. Denn eine Gesellschaft, die Bildern gar nicht mehr glaubt, wird dadurch nicht automatisch aufgeklärter. Sie kann auch zynischer werden. Wenn alles gefälscht sein könnte, kann auch das Wahre als Fälschung abgetan werden. Der Deepfake zerstört Wahrheit nicht nur, indem er Lügen produziert. Er zerstört sie, indem er den Verdacht universalisiert. Die Lüge siegt schon dort, wo sie das Vertrauen in gemeinsame Evidenz untergräbt.
Wenn alles gefälscht sein könnte, kann auch das Wahre als Fälschung abgetan werden.
Darum wäre eine neue Bilderfeindschaft die falsche Antwort. Wir brauchen keinen digitalen Ikonoklasmus, keine moralische Panik vor jeder generativen Form. Bilder gehören zur menschlichen Weltaneignung. Auch künstliche Bilder können aufklären, verdichten, sichtbar machen, was anders schwer sagbar bliebe. Verwerflich sind sie nicht, weil sie nicht dokumentarisch sind, sondern wenn sie den dokumentarischen Anspruch erschleichen.
Was wir brauchen, ist vielmehr eine neue Askese des Sehens: keine Bildverweigerung, sondern Einübung in Unterscheidung. Wer hat dieses Bild erzeugt? In welchem Kontext steht es? Welchen Anspruch erhebt es? Gibt es sich als Dokument, Fiktion, Symbol, Simulation oder Propaganda zu erkennen? Will es zeigen, deuten, erinnern, verführen, beweisen? Welche Spuren trägt es, welche verwischt es.
Vielleicht liegt darin die unerwartete Aktualität des byzantinischen Bilderstreits. Er erinnert daran, dass die Wahrheit von Bildern nie selbstverständlich war. Bilder sind mächtig, weil sie Gegenwart erzeugen: Sie vergegenwärtigen Abwesende, stabilisieren Ordnungen, erschließen Wirklichkeiten, formen Erinnerungen, lenken Affekte. Der alte Streit um die Ikone war kein naiver Streit um bemaltes Holz. Er war ein Streit darüber, ob das Sichtbare Wahrheit verrät oder vermittelt.
… erinnert daran, dass die Wahrheit von Bildern nie selbstverständlich war. Bilder sind mächtig, weil sie Gegenwart erzeugen.
Heute kehrt diese Frage in anderer Gestalt zurück. Nicht mehr: Darf man das Heilige darstellen? Sondern: Darf man dem Sichtbaren noch trauen? Die Antwort kann nicht lauten, alle Bilder zu verwerfen. Sie muss lauten, ihre Ansprüche zu prüfen. Die Ikone lehrt, dass ein gemachtes Bild wahr sein kann, wenn es seinen Verweischarakter offenlegt. Der Deepfake zeigt, wie gefährlich ein Bild wird, wenn es seine Vermittlung verbirgt und sich als fotografisches Zeugnis ausgibt. Zwischen beiden liegt die Aufgabe unserer Gegenwart: eine Kultur des Sehens, die weder blind glaubt noch reflexhaft zerstört.
Beitragsbild: Bild KI-generiert (ChatGPT) / Philipp Endres


