Ivo Frankenreiter beleuchtet das Vesprechen von Bitcoins aus christlich-sozialethischer Perspektive.
Wenn Gold der Goldstandard unseres Geldes ist, dann verspricht Bitcoin, selbst diesen nochmal zu überbieten, also sozusagen noch goldener als Gold zu sein. Seine Knappheit beruht nicht einfach auf der zufälligen Knappheit eines besonderen Edelmetalls, sondern auf der kontrollierten, programmierten Knappheit der Währung selbst. In diesem Sinne wird für Bitcoin von seinen Anhängern der Rang des „idealen Geldes“ beansprucht. Dass gerade diese Sichtweise mit Blick auf die Funktionalität heutigen Gelds mit guten Gründen bestritten wird, markiert die erste Ebene der gegenwärtigen Diskussion. Für die Theologie noch spannender erscheint jedoch eine zweite Ebene des Phänomens: die Auseinandersetzung mit dem – von durchaus lautstarken Teilen der Bitcoin-Anhängerschaft vorgebrachten – Versprechen, eine ideale Lösung und geradezu überfällige Korrektur der Institution Geld und seiner gesellschaftlichen Bedeutung zu bieten. Dieser Anspruch auf ein besseres, gerechteres, geradezu „richtigeres“ Zusammenleben in wahrer Freiheit ist Anlass für eine christlich-sozialethische Untersuchung.
„Währung der Freiheit“ – Bitcoin und der politische Anspruch seiner Anhänger:innen
Die Gründungsurkunde des Bitcoin erscheint im Jahr 2008. Sie entwirft ein dezentrales Peer-to-Peer-Zahlungssystem, dessen Transaktionen durch Proof-of-Work und eine öffentliche Kette von Zeitstempeln abgesichert werden und so gewissermaßen einen linearen, kryptographisch abgesicherten Fortschritt ermöglichen, der zugleich auf ein absolut gesetztes Maximum generierter Einheiten – 21 Millionen – zuläuft. In dieser Kombination können die einzelnen Einheiten als „wertvoll“ erachtet werden, als tauschbarer Wertspeicher und damit als alternatives Geld mit – freilich extrem variablem – Marktwert in anderen Währungen.
Die Erfindung einer alternativen Tauschware allein ist hier jedoch nicht die eigentliche Besonderheit. Entscheidend ist vielmehr, dass Halten und Übertragen einzelner Einheiten einerseits radikal transparent sind, also nach Installation der zugehörigen Software beliebig eingesehen und nachvollzogen werden können, andererseits aber der jeweilige Zugriff rein auf dem Wissen um den Zugangsschlüssel zu einer bestimmten digitalen Geldbörse beruht. Besitz und Übertragung, Vermögen und Zahlung sind damit radikal transparent und radikal pseudonym zugleich.
Mit den so zusammengetragenen Eigenschaften lässt sich die Brücke zurück zum Gründungsjahr und zum darin enthaltenen Versprechen schlagen. Im Jahr der Finanzkrise, in der klassische Vermögenswerte durch Spekulation im Bankenwesen so drastisch an Wert verlieren, dass ebendiese Banken durch neu geschaffenes Geld der Zentralbanken gerettet werden müssen – damit also privatwirtschaftliche Verluste in enormem Ausmaß letztlich auf die Allgemeinheit umgelegt werden – treten Bitcoin-Anhänger mit dem Versprechen auf, das gesamte System von Geschäftsbanken und Zentralbanken obsolet zu machen: eine durch offen einsehbare Technologie verwaltete Währung, durch ihre programmierte Knappheit gegen jede politisch bedingte Inflation durch Erweiterung ihrer „Geldmenge“ geschützt, die durch die Pseudonymität ihrer Nutzung überdies auch noch vor Zugriff und Kontrolle durch Banken oder Regierungen schützt. Weder in seinem Wert korrumpierbar noch in seiner Nutzung staatlich beherrschbar, betritt Bitcoin so das politische Feld mit dem Versprechen, die veritable „Währung der Freiheit“ zu sein.
„Währung der Freiheit“ oder „Währung der Politik“?
Das Versprechen, das gegenwärtige Geldsystem nicht etwa zu reformieren und damit zuverlässiger, vertrauenswürdiger zu machen, sondern durch Bitcoin als sein neues Zentrum die bisherigen sozialen Institutionen des Geldes insgesamt ersetzen zu können, damit also von der Notwendigkeit ihrer vertrauenswürdigen Gestaltung zu entlasten, verdient besondere Aufmerksamkeit. Wenn die Überwindung des Systemvertrauens in die öffentlichen und – öffentlich regulierten – privaten Institutionen des Geldsystems zum wesentlichen Attraktivitätsfaktor für die Anhänger des Bitcoin wird, lassen sie sich angemessen als „Misstrauensgemeinschaft“ im Sinne El-Mafaalanis bezeichnen.[1] Als Gefahr erscheint aus ihrer Sicht nicht etwa die Fragilität des gesellschaftlichen Vertrauens, sondern die eigene Abhängigkeit von und Ausgesetztheit gegenüber äußeren Einflüssen. Das Freiheitsideal des Bitcoin-Versprechens ist demnach eines der Autarkie: An die Stelle komplexer, potenziell prekärer Beziehungen zu Menschen und sozialen Einrichtungen soll die Beziehung zur klaren, verlässlich abgeschlossenen und vermeintlich neutralen Technologie treten.
Das Ideal der Technisierung sozialer Beziehungen zeigt eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zur Tendenz der Naturalisierung des Geldes in dessen Konzeption als unpolitisches Tauschmedium. Für Bitcoin wie für jede andere Währung gilt jedoch, dass seine Konstitution als Geld einen unmittelbar politischen Zug bedeutet. Wenn Stefan Eich seine Studie der Geschichte geldpolitischer Auseinandersetzungen dem Geld als „Währung der Politik“ widmet, dann trägt er damit ebendiesem Umstand Rechnung: dass die Verwendung von Geld soziale Beziehungen begründet und seine Gestaltung dementsprechend prägende Wirkung für das politische Zusammenleben im weiten Sinne hat.[2]
Würde Bitcoin die etablierten Währungen ersetzen, würden deshalb auch nicht einfach Abhängigkeiten aufgelöst zum Wohl einer „echten“ Freiheit, sondern eher gegen andere Abhängigkeiten eingetauscht. Auch Bitcoin ist bedingt durch spezifische Voraussetzungen, seine Bevorzugung dementsprechend gebunden an bestimmte Interessen, hier besonders erkennbar in der Idealisierung eines knappen Guts als „hartes“ Geld und der daraus resultierenden Position der kleinen Elite derer, die Zugriff auf größere Mengen dieses Guts hat und von seiner Aufwertung profitiert. Ähnlich wie für jedes Zurückträumen in einen strengen Goldstandard gilt jedoch, dass hier das Versprechen einer garantierten Verlässlichkeit des eigenen Besitzes mit den Liquiditätsanforderungen einer dynamischen Wirtschaft kollidiert. Gerade wenn in Reaktion auf die Finanzkrise also handfeste Gerechtigkeitsprobleme des bestehenden Geldsystems in den Blick kommen, stellt Bitcoin weniger eine Lösung als einen „geldpolitischen Eskapismus“[3] dar.
Freiheit und Vertrauen in geldpolitischer Aushandlung
Beispiele wie Jesajas Forderung an König Ahas von Juda, auch angesichts der existenziellen Bedrohung durch einen bevorstehenden Angriff auf Gott zu vertrauen (Jes 7,9), gehören zum Kern der biblischen Gottesbeziehung. Das prekäre Aushalten ohne die greifbare Gewissheit einer eindeutigen Lösung ist Teil der Grunddynamik des vertrauenden Glaubens. Aus theologischer Sicht gibt es daher Grund zum Misstrauen gegenüber dem Versprechen, im Geld einen zentralen Bereich des zu organisierenden Zusammenlebens von Vertrauen zu befreien – und damit eine Verbesserung für die große Mehrheit aller Betroffenen zu erreichen.
Bei aller Kritik an der Überhöhung von Bitcoin ist der normative Impuls seiner Anhänger, die ungerechten Auswirkungen des bestehenden Geldsystems zu kritisieren, durchaus ernst zu nehmen: „Die Bedeutung des Bitcoin-Projekts in diesem Kontext ist also paradox: Obwohl es inhaltlich für eine Radikalisierung der Depolitisierung des Geldes durch die Abschaffung geldpolitischer Steuerung durch algorithmische Disziplin wirbt und dabei mit falschen Versprechen von technical fixes gesellschaftlicher Spannungen und Konflikte um sich wirft, trägt es als Phänomen zu einer Politisierung des Geldes bei, indem es die scheinbare Alternativlosigkeit dadurch untergräbt, dass es sich als radikale Alternative zum Fiatgeld präsentiert.“[4]
Die politische Gestaltung des Geldes umfasst notwendige Aushandlungen und Interessenkonflikte um Macht, Verteilung und damit theoretische wie konkret zu realisierende Freiheit. Gerade weil dem mit Bitcoin verbundenen Versprechen sowohl in funktionaler als auch in ethischer Hinsicht zu widersprechen ist, hat die christliche Ethik allen Grund, sich der angestoßenen Diskussion um Vertrauen und Freiheit zu stellen. Der Illusion einer quasi-natürlichen Vorgegebenheit der Geldordnung gegenüber auch deren Normen und Institutionen als „Artefakte“ anzusehen, bietet dafür einen guten Einstieg.
[1] Vgl. El-Mafaalani, Aladin (2025): Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien, Köln.
[2] Vgl. Eich, Stefan (2023): Die Währung der Politik. Eine politische Ideengeschichte des Geldes, Hamburg.
[3] Sahr, Aaron (2026): Fake Coins. Digitales Geld Und Analoge Freiheit, Hamburg, 426.
[4] Sahr 2026, 391.
Beitragsbild: Erling Løken Andersen, unsplash.com


