Simone Paganini ist seit seiner Geburt Fan des AC Milan. Mehr als 20 Jahre lang war er in Italien und Österreich als Fußballschiedsrichter tätig. Für feinschwarz.net erläutert er, weshalb Millionen Menschen im Stadion Erfahrungen machen, die an Religion erinnern.
„Ist Fußball eine Religion?“ Diese Frage wird häufig gestellt. Streng genommen muss man sie wohl verneinen. Weder die FIFA, die UEFA noch die Vereine verstehen sich als Religionsgemeinschaften, und Fußball beantwortet keine letzten Sinnfragen über Gott, Tod oder Erlösung. Dennoch greift eine einfache Ablehnung zu kurz. Treffender wäre eine andere Formulierung: Fußball ist vielleicht keine Religion, von vielen Menschen wird es dennoch als eine solche erlebt und gelebt. Gerade darin liegt seine gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung.
Die Suche nach dem Heiligen
Religionswissenschaft und Soziologie weisen seit langem darauf hin, dass Religion nicht nur aus Glaubenssätzen besteht und nicht nur eine transzendente Komponenete aufweist. Sie zeigt sich vor allem in konkreten Formen des Lebens: in Ritualen, Symbolen, Gemeinschaftsgefühlen, an heiligen Orten und in besonderen Zeiten. Betrachtet man den Fußball unter diesem Blickwinkel, werden die Parallelen erstaunlich deutlich.
Wie religiöse Gemeinschaften besitzt auch der Fußball seine Rituale. Die Mannschaften laufen geordnet ins Stadion ein — bei großen Veranstaltungen zur gleichen Zeit und stets in derselben Ordnung —, Hymnen erklingen, Fans erheben sich von ihren Plätzen, pyrotechnischer Rauch steigt in die Höhe, Schals werden hochgehalten, und bestimmte Gesänge werden wie Antiphonen einer Liturgie immer wieder wiederholt. Wer regelmäßig ein Stadion besucht – zwischen Bundesliga und Kreisliga ist oft kaum ein Unterschied zu merken –, weiß: Diese Handlungen folgen einer festen Ordnung und stiften Identität.
Auch die heiligen Orte fehlen nicht. Religion kennt Kirchen, Tempel und Moscheen. Der Fußball besitzt Stadien. Manche von ihnen haben längst einen beinahe mythischen Status erreicht. Das San Siro in Mailand, das Santiago Bernabéu in Madrid oder die Anfield Road in Liverpool sind für viele Fans weit mehr als Sportstätten. Sie sind Erinnerungsorte, Pilgerziele und emotionale Zentren. Gleichzeitig existiert wie in den Religionen eine lokale Ebene: Fast jedes Dorf besitzt einen Fußballplatz. Das Heilige ist nicht nur in den großen „Kathedralen“ präsent, sondern durchzieht die gesamte Gesellschaft.
Gemeinschaft als Kern des Erlebnisses
Religion verbindet Menschen. Schon das lateinische Wort religio wird häufig mit „Verbundenheit“ oder „Bindung“ assoziiert. Genau diese Funktion erfüllt auch der Fußball.
Der moderne Mensch gilt oft als individualisiert und autonom. Doch die Stadien zeigen ein anderes Bild. Dort suchen Menschen Zugehörigkeit. Sie tragen dieselben Farben, singen dieselben Lieder und teilen dieselben Hoffnungen. Die Identifikation mit einem Verein wird häufig schon in der Familie weitergegeben. Wer als Kind mit dem Vater oder der Mutter ins Stadion geht, bleibt oft ein Leben lang Fan derselben Mannschaft.
In dieser Hinsicht erinnert Fußball an religiöse Traditionen. Niemand entscheidet sich völlig rational für seinen Lieblingsverein. Man wächst in ihn hinein. Fan-Sein ist weniger eine Entscheidung als vielmehr eine Form von Ur-Zugehörigkeit.
Emotionen zwischen Himmel und Hölle
Besonders deutlich werden die religiösen Parallelen auf der Ebene der Gefühle. Religion arbeitet mit Hoffnung und Angst, mit Schuld und Vergebung, mit Leid und Erlösung, mit Barmherzigkeit und Bestrafung. Fußball kennt dieselben Emotionen. Die letzte Minute eines Spiels kann Verzweiflung oder Glück bringen. Ein spätes Tor wird nicht selten als „Wunder“ erlebt. Niederlagen hinterlassen Trauer, Siege erzeugen Euphorie, sogar mystische Erfahrungen.
Dabei entsteht etwas, das man als eine Form moderner Transzendenzerfahrung beschreiben könnte, wenn damit verstanden wird, dass man für einen Moment über den Alltag hinausgehoben wird. Viele Menschen erleben genau das im Stadion. Für neunzig Minuten verliert die gewöhnliche Welt ihre Bedeutung. Alles konzentriert sich auf den Ball, auf die Mannschaften und auf das gemeinsame Erleben. Natürlich unterscheidet sich diese Erfahrung von klassischer Religion. Sie verweist nicht (direkt) auf Gott. Doch die Intensität des Erlebens ist oft vergleichbar.
Heilige, Wunder und Glaubensgeschichten
Auch die Symbolwelt des Fußballes erinnert an religiöse Strukturen. Vereine besitzen Wappen, Farben und Fahnen. Spieler werden verehrt wie Heilige. Sie verkörpern die Ideale ihrer Gemeinschaft und dienen als Identifikationsfiguren. Besonders deutlich zeigt sich dies am Beispiel Diego Maradonas. In Neapel entstanden Altäre für den argentinischen Fußballer, in Argentinien sogar eine eigene „Kirche des D10S“ („Dios“ bedeutet auf Spanisch „Gott“ und Maradonas Trikotnummer war die 10). Für viele Beobachterinnen und Beobachter wirkt dies übertrieben oder sogar blasphemisch. Religionswissenschaftlich betrachtet handelt es sich jedoch um einen faszinierenden Vorgang: Ein außergewöhnlicher Sportler wird zur Projektionsfläche von Hoffnungen, Erinnerungen und kollektiven Erzählungen. Dabei spielen Fakten oft eine geringere Rolle als Gefühle. Maradonas berühmte „Hand Gottes“ im Spiel gegen England während der WM in Mexiko 1986 war objektiv ein Regelverstoß. Doch aus dem Handspiel, mit dem er ein Tor erzielte, wurde eine Legende. Wie in vielen religiösen Traditionen entstand ein Narrativ, das stärker war als die historische, reale Wirklichkeit.
Der Fußballgott und die Macht des Glaubens
Kaum ein Bereich des Sports ist in der Tat so reich an Glaubensvorstellungen wie der Fußball. Fans sprechen vom „Fußballgott“, von Schicksal, Glück oder Gerechtigkeit. Wer ein sicheres Tor vergibt, werde später bestraft. Wer kämpft, werde belohnt. Es geht um Opfer, Leiden, radikale Hingabe.
Rational betrachtet treffen solche Aussagen nur manchmal zu. Dennoch bleiben sie wirksam. Menschen neigen dazu, Ereignisse in sinnvolle Geschichten einzubetten. Was die eigene Überzeugung bestätigt, wird erinnert; was widerspricht, wird vergessen. Genau deshalb funktionieren religiöse wie sportliche Erzählungen so gut. Sie geben einfache Orientierung in einer komplexen Welt.
Fußball als Spiegel der modernen Gesellschaft
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet dennoch: Fußball ersetzt Religion nicht. Er beantwortet keine letzten Fragen nach dem Sinn des Lebens. Niemand geht ins Stadion, um eine Theologie zu lernen. Dennoch erfüllt der Fußball viele Funktionen, die Religionen seit Jahrtausenden erfüllen: Er stiftet Gemeinschaft, schafft Identität, erzeugt Rituale, vermittelt Hoffnung und erzählt Geschichten, die Menschen bewegen.
Deshalb ist die Frage, ob Fußball „wirklich“ eine Religion ist, letztlich zweitrangig. Entscheidend ist vielmehr, dass Millionen Menschen ihn auf eine Weise erleben, die religiösen Erfahrungen erstaunlich nahekommt. Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis seiner anhaltenden Faszination: Der Fußball ist kein Glaube im theologischen Sinn. Aber er erinnert uns daran, dass der Mensch ein Wesen ist, das glauben, hoffen, feiern und dazugehören möchte.
Und manchmal genügt dafür schon ein Ball, zwei Tore und neunzig Minuten Zeit.
Simone Paganini, geb. 1972 in Italien. Nach Stationen in Florenz, Rom, Innsbruck, Wien und München ist er Professor für Biblische Theologie an der RWTH-Aachen Universität. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Bücher Jesaja und Deuteronomium sowie der Dead Sea Scrolls/Qumran
Foto: Martin Vandory
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