Bernhard Fresacher dankt Ulrich Engel für seinen Beitrag zum Thema Demokratie in der Kirche und stellt weitere Überlegungen zum Thema an.
Dankbar habe ich die Klarstellung von Ulrich Engel wahrgenommen: über das Ethos der Demokratie, „Schutz vor offenen oder versteckten totalitären Ansprüchen“ zu sein – mit einem Zitat von Karl Lehmann und vor dem Hintergrund der eigenen dominikanischen Spiritualität. Dieses Ethos liegt im ureigenen Interesse der Kirche und ihrer Theologie. Warum wird dann weiterhin und immer wieder die alte Leier pro staatliche und contra kirchliche Demokratie gespielt? Gerade jetzt ist sie ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Autoritäre Phantasien gewinnen an Zulauf. Die Kirche macht sich damit attraktiv dafür.
Die Argumentation pro staatliche und contra kirchliche Demokratie ist längst durchschaut. Sie begeht einen Kategorienfehler, wenn sie Gottes- gegen Volkssouveränität setzt. Gott ist doch nicht von gleichem Holz wie das Volk – abgesehen davon, dass beide Bezeichnungen reichlich Spielraum für kontroverse Vorstellungen lassen. Im Fall der Demokratie wird das Volk unter anderem in Form der Wählerinnenund Wählerstimmen empirisch fassbar, während Gott sich einer solchen Empirie entzieht.
Die Argumentation funktioniert so lange, so lange die Gottessouveränität vertikal in der empirischen Form der Aristokratie gedacht und verwirklicht wird, wie dies seit biblischen Zeiten selbstverständlich geschieht: Herr, König, Hirte usw. Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg ist die Erkenntnis unumgänglich, dass sich die Aristokratie als Ordnungsform der Gesellschaft in der Moderne nicht bewährt hat. Sie verlangt zu viele Opfer. Dass sie jetzt wieder erträumt wird, klassisch genealogisch oder modern meritokratisch gedacht und verwirklicht, ist einerseits dem schlechten Gedächtnis der Menschen geschuldet und andererseits der hochfinanzierten Propaganda weniger.
Theologisch besteht von Gott her weder eine Notwendigkeit für Demokratie noch für Aristokratie. Mit ihm oder ihr lässt sich beides und vieles andere denken und verwirklichen. Denn Gott ist weder vom Holz des Adels noch vom Holz des Volkes. Die Kränkung, dass Gott sich nicht klar und deutlich äußert, sondern stattdessen unaufhörlich Streit hervorruft, darüber, wie er oder sie dieses oder jenes wohl gemeint haben könnte, muss nicht aristokratisch besänftigt werden. Das Problem kann auch demokratisch bearbeitet werden.
Wer also mit Verweis auf die Gottessouveränität – gerne untermauert mit der Sakramentalität – gegen eine demokratische Ordnung der Kirche spricht, führt anderes im Schilde. Es geht um die Verschleierung der aristokratischen Ordnung der Kirche, ihrer Historizität, ihrer Nichtnotwendigkeit und ihrer Unbegründetheit. Die Argumentation gegen eine kirchliche Demokratie lenkt von der Kontingenz und Willkürlichkeit bischöflicher und päpstlicher Entscheidungen ab. Sie vergisst die schlechten Erfahrungen mit der aristokratischen Ordnung der Gesellschaft, gegen die die Demokratie antritt.
Bernhard Fresacher, Immenstadt im Allgäu


