Ulrich Engel OP erläutert, inwiefern sich Synodalität und Demokratie gerade nicht ausschließen.
In seiner Weihnachtsansprache 2020 vor der Römischen Kurie legte Papst Franziskus (1936–2025) seine Sicht auf das höchst umstrittene Verhältnis von Synodalität und Demokratie dar. Den von ihm stark gemachten Gegensatz der beiden Prinzipien begründete er vor allem pneumatologisch: „Ohne die Gnade des Heiligen Geistes, selbst wenn man beginnt, die Kirche synodal zu denken, wird sie sich, anstatt sich auf die Gemeinschaft mit der Präsenz des Heiligen Geistes zu beziehen, als eine beliebige demokratische Versammlung verstehen, die sich aus Mehrheiten und Minderheiten zusammensetzt. Wie ein Parlament, beispielsweise: Das ist nicht Synodalität. Allein die Gegenwart des Heiligen Geistes macht den Unterschied.“[i] Deutlich wird in der Äußerung, dass Demokratie hier rein formal verstanden wird. Die durch Abstimmung oder Wahl herbeigeführte Mehrheitsentscheidung ist ihr Signet.
Kirche: (k)eine beliebige demokratische Versammlung!?
Wo es jedoch um den inhaltlichen Kern des Glaubens gehe, da habe ein demokratisches Miteinander keinen Platz. Unterstellt wird dabei, dass das Kirchenvolk dann sogar über altkirchliche Dogmen oder gar biblische Wahrheiten abstimmen wolle. In eine ähnliche Richtung zielt auch Karl-Heinz Menkes Vorbehalt: „Man kann vieles, was Organisation und Struktur in der Kirche betrifft, auch demokratisch regeln. Es geht ja nicht immer um Glaubensfragen oder um Themen, die von diesen Fragen nicht zu trennen sind. Doch wenn es um Glaubensfragen geht, dann entscheiden letztendlich nur die Bischöfe; auch sie nicht einfach durch Mehrheitsbeschluss, sondern in Einheit mit dem vom Papst sichtbar repräsentierten Bischofskollegium.“[ii]
Wenn es um Glaubensfragen geht, entscheiden die Bischöfe.
Ist diese Differenzierung von Synodalität und Demokratie wirklich zwingend? Ich habe Zweifel: Ist Demokratie tatsächlich auf die Form begrenzt, während Synodalität auf (Glaubens-)Inhalte zielt? Können sich synodale Entscheidungsprozesse pneumatologisch rechtfertigen, während die demokratische Entscheidungsfindung bloß der faktischen Macht beliebiger Mehrheiten folgt? Sind synodale Prozesse damit dem Bereich der Kirche vorbehalten, während demokratische Vollzüge im Sinne einer rein binären Logik dem Bereich des Weltlichen zuzuordnen sind? Ist es wirklich richtig, das die Kirche ihre Krisen zu lösen in der Lage ist, während eine demokratische organisierte Gesellschaft bloß „einen scheinbar unlösbaren Antagonismus“ (Nr. 7) produziert, der seinerseits wieder die Menschen in Sieger und Besiegte unterteilt, in Freund und Feind?
Synodalität und Demokratie jenseits einer binären Logik?
Dieser Tendenz zum Dualismus, die in der hier dargelegten essentialistischen Aufladung der Synodalität zuungunsten einer rein funktionalen Betrachtung der Demokratie deutlich wird, ist früh schon Karl Lehmann (1936–2018) entgegengetreten. 1971 publizierte er seinen Aufsatz „Zur dogmatischen des Legitimation einer Demokratisierung der Kirche“[iii]. Sein damaliges Anliegen hat m. E. bis heute nichts von seiner ekklesiologischen Aktualität eingebüßt. In Ergänzung zur formalen Seite erkannte Lehmann auch eine zweite, ethische Seite des Demokratiebegriffs. Und zumindest einige dieser „anthropologisch-ethischen Voraussetzungen (z. B. Achtung der Menschenwürde, Solidarität, Partnerschaft, Freiheit usw.)“ (173) der Demokratie seien, so Lehmanns Analyse, „durch christliches Ideengut angestoßen worden“ (173). Erst im Zueinander beider Seiten – man könnte diese Zusammenführung auch als das formale Ethos der Demokratie bezeichnen – erweist sich der Sinn demokratischer Prozesse in ihrer Gänze. „In diesem formalen Ethos liegt im Zeitalter eines unwiderruflichen weltanschaulichen Pluralismus ein unübersehbarer Schutz vor offenen oder versteckten totalitären Ansprüchen“ (171).
Das formale Ethos der Demokratie
Demokratie wird in dieser Perspektive qualifiziert als Leitungs- und „Lebensform“[iv], wird zu einem Stil des Miteinanders, das sich nicht nur gesellschaftlich, sondern auch innerkirchlich zeigen und bewahrheiten muss: beispielsweise in einem wirklich freiheitlichen Umgang miteinander, oder im Ernstnehmen des Glaubenssinns aller Gläubigen.
Demokratie als Stil des Miteinanders – gesellschaftlich wie kirchlich
Dass Lehmann hier nicht bloß eine ferne Utopie formuliert, zeigt das Beispiel des Dominikanerordens.[v] Seit über 800 Jahren praktizieren seine Mitglieder eine in formaler wie ethischer Hinsicht demokratische Lebensform – und das im Einvernehmen mit dem Papst! Ausgerichtet ist die demokratische Verfassung der Dominikaner*innen zweifach: ad intra in Bezug auf das gemeinschaftliche Leben der Ordensmitglieder untereinander, und ad extra in Bezug auf die gemeinsame pastorale, gesellschaftspolitische und wissenschaftliche Sendung. In diesem Sinne gilt dann sogar, dass die demokratisch verfasste Leitungsstruktur nicht nur als formales Ethos fungiert, sondern darüber hinaus auch genuiner Ausdruck dominikanischer Spiritualität ist.
Ulrich Engel OP, Dr. theol. habil., ist seit 1984 Mitglied des Dominikanerordens. Er ist Professor für Philosophisch-theologische Grenzfragen an der CTS Hochschule Münster und arbeitet Campus für Theologie und Spiritualität Berlin. Er ist zudem Direktor des Institut M.-Dominique Chenu Berlin und Co-Schriftleiter der theologischen Zeitschrift „Wort und Antwort“ der Dominikaner.
[i] Papst Franziskus, Ansprache beim Weihnachtsempfang für die Römische Kurie, 21.12.2020, Nr. 8 (amtliche deutsche Übersetzung), zit. nach: Vatican News v. 21.12.2020: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-12/wortlaut-papst-franziskus-weihnachtsempfang-roemische-kurie-2020.html [Aufruf: 20.06.2026].
[ii] Karl-Heinz Menke / Hendrik Stens [Interview], Unklug, rechtswidrig, mangelhaft. Kritik an Plänen deutscher Bischöfe zum Kommunionempfang, in: Domradio Köln v. 25.05.2018: https://www.domradio.de/artikel/kritik-plaenen-deutscher-bischoefe-zum-kommunionempfang [Aufruf: 20.06.2026].
[iii] Karl Lehmann, Zur dogmatischen Legitimation einer Demokratisierung der Kirche, in: Concilium (D) 7 (1971), S. 171–181. Weitere Zitatnachweise im laufenden Text.
[iv] Jochen Hilberath, Synodalität statt Demokratie? Oder: Wer unterscheidet die Geister?, in: Feinschwarz. Theologisches Feuilleton v. 11.05.2021: https://www.feinschwarz.net/synodalitaet-statt-demokratie/ [Aufruf: 20.06.2026].
[v] Vgl. dazu Thomas Eggensperger / Ulrich Engel, Demokratie als Ethos und Lebensform, in: Timothy Radcliffe, Freiheit und Verantwortung. Plädoyer für eine synodale und demokratische Kirche (Dominikanische Quellen und Zeugnisse Bd. 30), Freiburg/Br. 2024, S. 225–231; dies., Religious Orders and Synodality. The Democratic Constitution of the Dominican Order as an Inspiration for the Overdue Democratization of the ecclesia universalis, in: Margit Eckholt (ed.), Synodality in Europe: Theological Reflections on the Church on Synodal Paths in Europe (Theology East – West: European Perspectives vol. 33), Zürich 2024, pp. 83–99.
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