Synodalität statt Demokratie? Oder: Wer unterscheidet die Geister?

Konzil von Konstanz

Vieles, was heute kontrovers diskutiert wird, wird seit langem diskutiert, so auch die Frage nach der möglichen „Demokratisierung“ der Kirche. Bernd Jochen Hilberath verweist auf einen instruktiven Artikel des jungen Karl Lehmann aus dem Jahre 1971.

„Schreiben Sie wenigstens einen Beitrag zu Kirche und Demokratisierung!“ An Ostern sind es genau 30 Jahre her, dass der für mein Nihil-obstat-Verfahren zuständige Bischof unterstrich, dass dies der für „die Römer“ wichtigste der von der Bildungs- bzw. Glaubenskongregation monierten Punkte war, die angeblich mit der Lehre der Kirche nicht übereinstimmten. Ich habe es in der Folge bei einer Fußnote bewenden lassen und konnte schon damals auf einen Beitrag von Karl Lehmann hinweisen, der genau vor 50 Jahren in der gegen Ende des Konzils gegründeten Internationalen Zeitschrift Concilium  7 (1971) 171–181 erschienen ist: „Zur dogmatischen Legitimation einer Demokratisierung der Kirche“!

Die Furcht vor einer Demokratisierung der Kirche

Nach dem Essener Katholikentag 1968, der verweigerten Rezeption der sog. Pillenenzyklika Humanae vitae (der Papst folgte der Minderheit der Gutachter!) und am Beginn der Würzburger Synode (1971–1975), nach dem Conciliumskongress zur „Zukunft der Kirche“ und dem Erscheinen von Gustavo Gutierrezʼ „Theologie der Befreiung“ ging vor allem in Reihen des höheren Klerus und der römischen Kurie die Furcht vor einer Demokratisierung der Kirche um. Und schon damals zeigte sich ein mangelndes Verständnis dessen, was Demokratie bedeutet und in der Kirche sein kann. Demokratie wurde auf formale Elemente, vor allem das der Mehrheitsentscheidung, reduziert, und es wurde offen oder ängstlich-heimlich unterstellt, das „Volk“ wolle über alles, womöglich auch das Glaubensbekenntnis und die Zehn Gebote, abstimmen.

Auf welche Erfahrungen stützen sich Befürworter, auf welche Gegner einer Demokratisierung der Kirche? Die Entwicklungen in den demokratischen Gesellschaften werden doch in der Regel gelobt, ebenso die friedliche Revolution auf deutschem Boden. Braucht es Erfahrungen „mittendrin“, muss ich also in einer demokratischen Gesellschaft gelebt, gearbeitet, politisch agiert haben, um ein positives, wenn auch kritisches Verständnis von Demokratie zu entwickeln? Muss ich von meiner Persönlichkeitsstruktur her jemand sein, der Mehrheiten nicht fürchtet, weil ich nicht das Gefühl habe, darin nicht zum Zug zu kommen, mich nicht äußern und überzeugen zu können? Das sind für mich offene Fragen, die sich freilich aufdrängen, wenn ich die innerkirchlichen Akteure beobachte – damals wie heute.

Unverträglichkeit von synodalem Weg und demokratischer Versammlung?

Im Kontext des synodalen Wegs taucht erneut die grobe Alternative auf, wenn von vatikanischer Seite (und einzelnen Bischöfen hierzulande) Synodalität und Demokratie gegeneinandergestellt werden. In seinem Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland schreibt Papst Franziskus noch wie selbstverständlich davon, dass „die synodale Sichtweise … weder Gegensätze oder Verwirrungen auf[hebt], noch werden durch sie Konflikte den Beschlüssen eines ‚guten Konsenses‘, die den Glauben kompromittieren, den Ergebnissen von Volkszählungen oder Erhebungen, die sich zu diesem oder jenem Thema ergeben, untergeordnet“ (Nr. 11). In seiner Weihnachtsansprache vor der römischen Kurie am 21.12.2020 spricht der Papst dann von der Unverträglichkeit, ja geradezu Gegnerschaft von synodalem Weg und demokratischer Versammlung.

Habe ich zu viel erträumt, als der römische Bischof „vom anderen Ende der Welt“ in seiner Rede zum 50jährigen Bestehen der römischen Bischofssynode (17.10.2015) von der Synonymität von Synode und Kirche sprach? Welche Erfahrung hat der Papst aus Buenos Aires mit Demokratie(n)? Oder haben ihn deutsche Mitbrüder um eine klare Abgrenzung und einseitige Gefahrenmeldung gebeten? Oder will er seine Gegner in der Kurie und der Umlaufbahn des Vatikans beruhigen? Dabei finde ich es theologisch zutreffend, den Heiligen Geist als spiritus rector des synodalen Wegs herauszustellen.

Aber stimmt die folgende Gegenüberstellung: „Schließlich möchte ich euch dringend bitten, eine Krise nicht mit einem Konflikt zu verwechseln. Das sind zwei verschiedene Dinge. Die Krise hat im Allgemeinen einen positiven Ausgang, während ein Konflikt immer Auseinandersetzung, Wettstreit und einen scheinbar unlösbaren Antagonismus hervorbringt, bei dem die Menschen in liebenswerte Freunde und zu bekämpfende Feinde eingeteilt werden, wobei am Schluss nur eine der Parteien als Siegerin hervorgehen kann“ (Nr. 7).

Hier stehen sich, so Franziskus, zwei Logiken gegenüber: „Interpretiert man die Kirche nach den Kategorien des Konflikts – rechts und links, progressiv und traditionalistisch – fragmentiert, polarisiert, pervertiert und verrät man ihr wahres Wesen.“ Das sei „so weit von dem Reichtum und der Pluralität entfernt …, die der Geist seiner Kirche geschenkt hat.“ Synodalität sei etwas anderes als Demokratie: „Ohne die Gnade des Heiligen Geistes, selbst wenn man beginnt, die Kirche synodal zu denken, wird sie sich, anstatt sich auf die Gemeinschaft mit der Präsenz des Heiligen Geistes zu beziehen, als eine beliebige demokratische Versammlung verstehen, die sich aus Mehrheiten und Minderheiten zusammensetzt. Wie ein Parlament, beispielsweise: Das ist nicht Synodalität. Allein die Gegenwart des Heiligen Geistes macht den Unterschied“ (Nr. 8).

Der Konflikt um den Konflikt

Wird Konflikt hier nicht zu einseitig beschrieben? Konflikte, das Aufeinandertreffen und Miteinanderringen unterschiedlicher Anliegen, Interessen oder Prioritäten, sind nun mal da, wo Menschen zusammenkommen. Es ist die Frage, wie mit diesen umgegangen wird, wie sie bewältigt oder ausgehalten werden. In der Gemeinschaft der Glaubenden sind ernstzunehmende Konflikte Ausdruck eines Ringens um die Deutung der Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums. Unterschiedliche, ja gegensätzliche Positionen sind ernst zu nehmen, aufeinander zu beziehen, auszuhalten auf einem Weg ohne faule Kompromisse und ohne eine realitätsfremde Einheitsideologie. Die gegenwärtige Krise der Kirche bringt Konflikte mit sich, ein Miteinanderstreiten (con-fligere) im Engagement für die gemeinsame „Sache“ des Evangeliums. Hat eine demokratische Versammlung eine völlig andere Logik?

Karl Lehmann vertrat vor 50 Jahren eine andere theologisch-geistliche Position: „Zumeist wird das Demokratisierungspostulat durch die Berufung auf grundlegende dogmatische und rechtliche Strukturen der Kirche zurückgewiesen. Im Gegensatz dazu wird in diesem systematischen Beitrag positiv [im Original kursiv!] nach den Möglichkeiten und Grenzen dieser Forderung gefragt“ (171). Lehmann unterscheidet zwischen formalem und materialem Demokratieverständnis. Das formale reiche zwar nicht aus, aber solle auch nicht voreilig kritisiert werden, denn: „Um keiner partikularer materieller Werte willen darf das ‚ethische Fundament‘ der Demokratie (z.B. Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit, Mehrheitsprinzip) preisgegeben werden. In diesem formalen Ethos liegt im Zeitalter eines unwiderruflichen weltanschaulichen Pluralismus ein unübersehbarer Schutz vor offenen oder versteckten totalitären Ansprüchen“ (ebd.).

Das Wertefundament der Demokratie

Der Demokratie liegt also ein eigenes Wertefundament zugrunde, über das – um den berühmt gewordenen Satz von W. Böckenförde abermals zu erinnern – eine demokratische Gesellschaft nicht abstimmen kann, ohne sich selbst aufzulösen. Lehmann übernimmt die Rede von der Demokratie als Lebensform und Stil und unterstreicht: „In diesem Sinne ist Demokratie als politische Wirklichkeit auf anthropologisch-ethische Voraussetzungen (z.B. Achtung der Menschenwürde, Solidarität, Partnerschaft, Freiheit usw.) angewiesen“ (173). Deshalb ergibt sich als selbstverständlich, dass es „im Grundwesen der Kirche tragende Elemente [gibt], die mit dem Ethos der Demokratie als Lebensform Berührungen aufweisen. Die Freiheit der Kinder Gottes, das gemeinsame Priestertum, die Geistverleihung an alle (Charismen), der Glaubenssinn der Gläubigen, die fundamentale Gleichheit der Christen, die gleiche Würde des christlichen Namens und andere Momente begründen diese Grundstruktur“ (ebd.).

Lehmann stimmt mit Papst Franziskus darin überein, dass dieser Lebensform in der Kirche eine Spiritualität zugrundeliegt, aber er warnt zugleich: „Diese darf beileibe nicht ‚spiritualistisch‘ verkürzt“ und „nur in eine weltlose ‚Gesinnung‘“ verlagert werden. „Man braucht dies noch nicht einmal in einer falschen, spiritualistischen Innerlichkeit zu tun. Es gibt ja auch einen geistig-seelsorgerlichen Stil von ‚Brüderlichkeit‘, der diese Bruderschaft zutiefst verletzt, … Hier ist der kritische Punkt: ‚Brüderlichkeit‘, die nur moralische Devise und Appell meist nur für den anderen bleibt, aber nicht zu neuen Formen findet, bleibt zutiefst zweideutig“ (173/174). Das sollten die Verantwortlichen schließlich auch bedenken: „Die Weigerung vieler Hierarchen (nicht nur in der Kirche), … immer wieder nur an die Gesinnung zu appellieren, reizt alle Forderer der ‚Demokratisierung‘ dazu, eine solche Aufforderung nur als Beschwörung des Untertanen-‚Geistes‘ zu verstehen“ (174/175) und selbst dann das Fundament der Demokratie als Lebensform aus dem Blick zu verlieren.

Demokratie als Lebensform

So kommt Lehmann zu dem Schluss: „Durchdenkt man dieses Grundverhältnis [von Gemeinde und Amt], dann kann man sich eigentlich nur wundern, warum es in der Kirche so wenig ‚demokratische Strukturen‘ in dem erläuterten Sinn gibt.  Warum ist nicht vieles in Stil und Formen der Kirche ganz selbstverständlich ‚demokratisch‘? … Die Schärfe, mit der das Postulat oft eingeklagt wird [vor 50 Jahren wohl mehr als heute], und der Eigensinn, mit dem es nicht selten [und aktuell verstärkt] ebenso pauschal abgelehnt wird, verraten etwas von dem fast schon pathologischen Befund im Blick auf Amtsfragen in der Kirche, und zwar an allen Fronten“ (179).

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Papst Franziskus dem zustimmen wird, was Kardinal Grech jüngst in einem Interview auf die Frage der Unterscheidung der Geister auf dem synodalen Weg behauptete: „Wir haben es mit Heiligem zu tun, mit dem Heiligen Geist und dem, was er der Kirche heute sagen will. Und dann gibt es in der Kirche Petrus – also das Papstamt. Das kann uns sagen, ob unsere geistliche Unterscheidung richtig liegt oder nicht.“ Nach wie vor vertraue ich darauf, dass Papst Franziskus mit allen auf dem Weg sein will und in diesem ‚Pilgern‘ mit allen auf das hören will, „was der Geist den Gemeinden [!] sagt“, wie es in den Sendschreiben der Geheimen Offenbarung (Apk 2 u. 3) heißt.

Prof. Dr. Bernd Jochen Hilberath war von 1992 bis zu seiner Emeritierung 2013 Professor für Dogmatische Theologie und Dogmengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Bild: Joachim Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon (gemeinfrei)

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