Kreativität unter Schutzbedingungen

Corona Kirche Stadt Luzern Ostertaschen MaiHof Luzern, Ostern 2020. Foto: Ramon Imlig

Als die Corona-Pandemie vor über einem Jahr ausbrach, wurde den Kirchen vorgeworfen, sie seien von der Bildfläche verschwunden. Ob dieser Vorwurf stimmt und vor welche Herausforderungen die Pandemie die Kirchen stellte, zeigt Urban Schwegler in seinem Bericht über die Katholische Kirche Stadt Luzern zu Corona-Zeiten.

Wo sind die Kirchen? Diese waren in der Anfangszeit der Corona-Pandemie scheinbar abgetaucht. Tatsächlich waren die Kirchen damals in den Medien kaum ein Thema.
Zwar gab es schon bald nach Beginn des Lockdowns einzelne Aktionen wie etwa das öffentliche Anzünden von Kerzen, initiiert von den Landeskirchen. In der Hauptausgabe der Tagesschau vom 18. Marz 2020 entzündeten Felix Gmür, Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz, und Gottfried Locher, Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, als erste eine Kerze. «Aus Anteilnahme gegenüber alleinstehenden, älteren und besonders verletzlichen Menschen.» Doch solche Initiativen wirkten eher hilflos und wurden ausserhalb kirchlicher Kreise kaum aufgenommen.

Kirchen – abgetaucht?

Was aber hatten Kirchen im Lockdown sonst noch zu bieten ausser Kerzen anzuzünden? Sind die Kirchen «systemirrelevant» geworden, wie lakonisch oder auch mal schadenfreudig konstatiert wurde? Offenbarte sich in der Krise schonungslos der vielzitierte Bedeutungsverlust der Kirchen?

«Erreichbar sein, da sein»

Zeigt sich in diesem Abtauchen der Kirche vielleicht, dass sie sich selbst zu stark über Gottesdienste und Liturgie definiert? Finden keine Gottesdienste mehr statt, sieht sich die Kirche in ihrem Wesen bedroht. Bang stellten sich viele die Frage: «Was bleibt, wenn wir nicht mehr Gottesdienste feiern können?»

Corona 2020
Nachbarschaftshilfe der Pfadi. Foto: Oliver Bachmann

Auch die Aussenwahrnehmung der Kirchen scheint auf das Gottesdienstliche fokussiert. Was erwartet die Gesellschaft von der Kirche, ausser liturgisches Feiern und frommes Beten?

Zentral sollte werden, was Bischof Felix Gmür im oben erwähnten Tagesschaubeitrag vom 18. März sagte: Kirche beziehungsweise Seelsorgerinnen und Seelsorger müssten jetzt «erreichbar sein, da sein. … Das ist die Aufgabe von Christinnen und Christen, da sein.»

Plötzlich Lockdown! Wie als Ortskirche reagieren?

Der Lockdown traf die Gesellschaft unvorbereitet, so auch die Kirchen. Was für die erste Phase der Lähmung festgehalten werden darf: Die Kirchen blieben offen, vielerorts wurden darin so viele Kerzen angezündet wie nie zuvor.

«Was aber wäre genau in dieser Situation die Rolle der Kirchen?» Diese Frage stellte sich auch den Gremien der Katholischen Kirche Stadt Luzern. In den folgenden Reflexionen kommen unter anderem Faktoren zur Sprache, die dazu geführt haben mögen, dass die Kirchen vor allem in der Anfangszeit der Corona-Pandemie nur wenig im öffentlichen Fokus standen.

Viele Fragen, wenig Zeit

Schon sehr bald nach Ausbruch der Pandemie sahen sich die Verantwortlichen in Kirchgemeinde und Pastoralraum Luzern mit zahlreichen Fragen vor allem praktischer und organisatorischer Natur konfrontiert. Dies führte zur Gründung einer Taskforce mit der Aufgabe, situationsgerechte und zeitnahe Lösungen für eine Fülle von Problemstellungen zu finden, die innerhalb der Regelstruktur nicht zu bewältigen gewesen wären. Dazu gehörten infrastrukturelle und pastorale Fragen, Arbeitsorganisation und -recht bis hin zu Kommunikation und Vernetzung mit Partnerorganisationen.

situationsgerechte und zeitnahe Lösungen für eine Fülle von Problemstellungen

Es ging beispielsweise darum, genügend Desinfektionsmittel und -spender zu beschaffen, Homeoffice für Mitarbeitende zu ermöglichen, die nötigen Softwarelizenzen zu kaufen, zu klären, wie Musiker*innen trotz entfallender Gottesdienste zu entschädigen sind, die Seelsorge in den Betagtenzentren sicherzustellen oder im Kontakt mit der städtischen Friedhofsverwaltung zu treten und Freiwillige zu koordinieren.

Den breiten Anforderungen entsprechend wurde die Taskforce zusammengestellt: Sie besteht noch heute in der gleichen Zusammensetzung und zwar aus dem Pastoralraumleiter, dem Pastoralraumkoordinator, der Kirchenratspräsidentin, dem Geschäftsführer der Kirchgemeinde, dem Leiter Fachbereich Bau und Infrastruktur und dem Leiter Fachbereich Kommunikation. Die Corona-Taskforce traf sich bis Ende April zu insgesamt 42 Online-Sitzungen. Eine kurze Pause gab es einzig im Sommer 2020, als sich die Lage zwischenzeitlich beruhigt hatte.

erhöhter Kommunikationsbedarf

Von Anfang an wurde ein erhöhter Kommunikationsbedarf festgestellt, sowohl bei den Mitarbeitenden als auch bei Pfarreiangehörigen. Die Beschlüsse des Bundesrates sowie die Anordnungen des Bundesamtes für Gesundheit verlangten jeweils nach entsprechender interner und externer Kommunikation. Unklarheiten und Rückfragen mussten schnell geklärt werden, Flexibilität war gefragt.

Wie in Kontakt bleiben?

Corona 2020
Orgelgruss aus der Kirche ins Quartier. Foto: Mathias Inauen

Eine zentrale Frage ergab sich durch das Veranstaltungsverbot, das mit dem Lockdown einherging. Sollen Gottesdienste live übertragen werden? Und falls ja, soll aus mehreren Kirchen gesendet werden oder nur aus einer? Die technischen Voraussetzungen dafür waren in keiner der Luzern Kirchen gegeben. Zudem gab es bereits die Radio- und Fernsehgottesdienste und an verschiedenen Orten in der Schweiz, wie etwa im Kloster Einsiedeln oder an der Kathedrale in St. Gallen, entstanden relativ schnell Liveangebote, auf die via Pfarreiblatt und Internet auch die Luzerner Katholik*innen aufmerksam gemacht wurden.

Seelsorgende waren in oder vor den Kirchen präsent.

Die Standortleitenden[1] der Katholischen Kirche Stadt Luzern waren der Ansicht, dass es nicht genügen könne, Gottesdienste statisch eins zu eins live zu übertragen, vielmehr müssten neue, dynamische Formen gefunden werden. Auch glaubte man, nur professionell produzierte Gottesdienststreamings würden auf Akzeptanz stossen. Deshalb entschied man sich im Frühling 2020, vorerst von Eigenproduktionen abzusehen. Stattdessen setzten die Pfarreien auf andere Formen, mit den Menschen in Kontakt zu bleiben. Viele griffen beispielsweise zum Telefon und meldeten sich systematisch bei Pfarreiangehörigen. Andere waren zu bestimmten Zeiten in oder vor den Kirchen präsent, um mit Passant*innen ins Gespräch zu kommen.

12nach12 in der Peterskapelle auf facebook

Dennoch entstanden vereinzelt Livestreams spezieller, dafür geeigneter Liturgieformen. So gab es in der Pfarrei St. Leodegar im Hof Zoom-Gottesdienste zum Mitmachen für Familien, die Peterskapelle in der Altstadt übertrug ihren spirituellen Mittagsimpuls «12nach12» über Facebook.

 

Kirche vollzieht sich nicht allein in der Liturgie.

Der primäre Verzicht auf Livestreams[2] lässt sich auch aus dem Bewusstsein begründen, dass sich Kirche nicht allein in der Liturgie vollzieht, sondern gleichwertig in der Diakonie, in der Verkündung und in der Gemeinschaft. Letztere, so die schmerzliche Erfahrung, ist jedoch in einer Pandemiesituation besonders schwierig zu leben.

Kreativität setzt ein

Auch wenn das von der breiten Öffentlichkeit wenig wahrgenommen wurde, war bereits die erste Phase der Coronapandemie und insbesondere der veranstaltungsfreie Lockdown in der Katholischen Kirche Stadt Luzern eine Zeit grosser Kreativität. Beispiele dafür sind die Nachbarschaftshilfe von Jugendverbänden und Quartier-Organisationen, Telefongespräche von Seelsorgenden, Spirituelle Anregungen in den Kirchen, Videoimpulse, musikalische Grüsse, Ostertaschen für Zuhause, Fernkontakte zu Lernenden im Religionsunterricht, Meditationen im Internet, Broschüren für Trauernde sowie für Feiern zuhause oder Sozialberatung unter Schutzbedingungen. Eine abschliessende Aufzählung ist hier nicht möglich und würde den Rahmen sprengen (weitere Beispiele siehe Anhang – Angebote in Zeiten von Corona).

Digitalisierung hinkt hinterher

Trotz innovativer Ansätze sah sich die Kirche zu Beginn des Lockdowns mit dem Problem konfrontiert, dass sie der Digitalisierung hinterherhinkte. Es fehlten nicht nur die technischen Voraussetzungen, sondern auch die Strategien. Dieses Defizit zeigte sich darin, dass man unter einer digitalen Kirche vor allem Gottesdienstübertragungen verstand. Doch damit war und ist es nicht getan. Das Potential digitaler Kanäle, insbesondere Sozialer Medien, gilt es in Zukunft noch gezielter zu nutzen.

Digitale Kanäle in Zukunft noch gezielter nutzen.

Dazu kam: Schon vor der Pandemie waren die Kirchen kommunikativ quasi im institutionalisierten Krisenmodus gefangen. Themen wie Missbrauch, Frauenfrage, Sexualmoral oder Finanzskandale bestimmen die Aussensicht der Kirche. Das betrifft weniger die lokale Kirche als vielmehr die übergeordnete, vor allem weltkirchliche Ebene. Doch das Image einer weltfremden, klerikalen und frauenfeindlichen Kirche färbt auch auf die Ortskirchen ab, insbesondere bei Personen, die wenig mit den konkreten Realitäten vor Ort vertraut sind. Zunehmende Kirchenaustritte sind die Folge.

quasi im institutionalisierten Krisenmodus gefangen

Weil vielerorts pandemietaugliche Kommunikationsstrategien und -konzepte fehlten, waren Pfarreien und Kirchgemeinden im Lockdown gezwungen zu improvisieren. Man machte, was man konnte, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Hinzu kamen (und kommen) mangelnde Ressourcen und Professionalität in der (digitalen) Kommunikation. Durch den Lockdown waren kirchliche Mitarbeitende plötzlich von der Basis abgeschnitten.

Jugendliche leisteten Nachbarschaftshilfe. Foto: Oliver Bachmann

Es überrascht wenig, dass kirchliche Jugendgruppen in dieser Situation schneller reagieren konnten als andere Gruppierungen. Jugendliche sind grossmehrheitlich mit der Digitalisierung vertraut. Über soziale Netzwerke organisierten sie sich und stellten wie in Luzern unkompliziert eine wirksame Nachbarschaftshilfe auf die Beine. Den wenigsten von ihnen dürfte jedoch bewusst gewesen sein, dass sie das auch im Namen der Kirche taten. Ebenso wie wohl nur ein kleiner Teil von ihnen die fehlenden Gottesdienste vermisst haben dürfte.

Angekommen in einer neuen Normalität

Veranstaltungen und Gottesdienste absagen ist das eine, den Betreib unter ganz neuen Vorzeichen wieder aufzunehmen, etwas komplett anderes. Als bekannt wurde, dass öffentliche Gottesdienste in der Schweiz ab dem 28. Mai 2020 wieder erlaubt sein würden, freute man sich in den Pfarreien und Kirchgemeinden. Dieser Öffnungsschritt aber brachte nochmals neue Herausforderungen mit sich. Wie können Gottesdienste und Pfarreianlässe unter Schutzbedingungen stattfinden? In der Katholischen Kirche Stadt Luzern war erneut die Corona-Taskforce gefragt. Nun galt es, die Vorgaben der Schweizerischen Bischofskonferenz vor Ort in die Praxis umzusetzen. Innerhalb kurzer Zeit entstanden umfangreiche Umsetzungshilfen mit verschiedenen Checklisten. Diese Unterlagen wurden nicht nur den Stadtluzerner Pfarreien, sondern über das Bischofvikariat auch anderen Pfarreien zur Verfügung gestellt. Weiter entwarf die Taskforce ein Rahmenschutzkonzept für Pfarreianlässe.

Gottesdienste und Pfarreianlässe unter Schutzbedingungen

Die Anstrengungen der Corona-Taskforce der Katholischen Kirche Stadt Luzern veranlassten die Luzerner Landeskirche im Dezember dazu, sie mit ihrem jährlich vergebenen Anerkennungspreis auszuzeichnen. Das Gremium habe seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie die wechselnden Bestimmungen von Bund und Kanton in gut verständliche Handlungsanweisungen für Mitarbeitende, Kirchenmitglieder und Kirchgemeinden im ganzen Kanton umgesetzt. «Eine sehr komplexe, anspruchs- und verantwortungsvolle Aufgabe», wie Synodalratspräsidentin Renata Asal-Steger anlässlich der Preisübergabe sagte.

Anerkennungspreis der Luzerner Landeskirche

Die Arbeit der Taskforce mag beispielhaft zeigen, dass die Corona-Pandemie von den Kirchen – gleich wie von vielen anderen Institutionen und Organisationen in der Schweiz – grosse Flexibilität und Kreativität in der Bewältigung der neuen Situation abverlangte. Diese Arbeit war im Detail wenig spektakulär und deshalb kaum öffentlichkeitswirksam. Sie erfolgte jedoch mit Blick auf die Menschen in Pfarreien und Kirchgemeinden.

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Urban Schwegler, Dr. theol., ist Leiter des Fachbereichs Kommunikation der Katholischen Kirche Stadt Luzern.

Beitragsbild: Ramon Imlig

 

[1] Die Leitenden der sieben Pfarreien sowie die Leiter der Peterskapelle (Citykirche) sowie der Jesuitenkirche (Präfektur). Letztere beiden sind keiner Pfarrei zugeordnet.

[2] Erst im Dezember, nach Ausbruch der zweiten Welle, entschied sich die Pfarrei St. Maria, regelmässig Sonntagsgottesdienste zu streamen (https://www.franziskanerkirche-live.ch).

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