Die deutsch-polnische Versöhnung gilt heute als eine der großen Erfolgsgeschichten Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. In einer Gegenwart vielfältiger Spannungen schaut Urszula Pękala auf diesen Prozess und fragt nach Lernimpulsen für heutige Herausforderungen.
Vor rund 35 Jahren, am 17. Juni 1991, unterzeichneten der Bundeskanzler Helmut Kohl und der Premierminister Jan Krzysztof Bielecki den „Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“ zwischen Deutschland und Polen. In dem Vertrag kommt sieben Mal das Wort „Versöhnung“ vor, und zwar in Bezug auf so unterschiedliche Bereiche wie Wirtschaft, kultureller Austausch oder Förderung persönlicher Kontakte zwischen Deutschen und Polen. Mittlerweile wird die deutsch-polnische Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg als eine Erfolgsgeschichte gefeiert. Dies geschieht, unter Beteiligung von prominenten Vertretern aus Kirche und Politik, vor allem an runden Jahrestagen solcher Meilensteine dieses Versöhnungsprozesses wie das Ostmemorandum der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Briefwechsel der katholischen Bischöfe auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 oder die Messe in Kreisau mit Helmut Kohl und dem Premierminister Tadeusz Mazowiecki 1989.
Der Jahrestag des deutsch-polnischen Vertrags regt dazu an, sich Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen der Übertragung des theologischen Versöhnungskonzepts auf politische Kontexte und dessen Bedeutung heute zu stellen. Nicht zuletzt geht es dabei auch um die Rolle der Kirchen in unserer Gesellschaft.
Theologisches Konzept im politischen Bereich – eine Herausforderung
Die deutsch-polnische Versöhnung reiht sich ein in ein breites Spektrum von Initiativen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa von Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfessionen ins Leben gerufen wurden, um verfeindete Nationen zur Versöhnung zu bewegen. Die praktische Umsetzung eines theologisch-normativ gefassten Versöhnungskonzepts in konkreten politischen und gesellschaftlichen Kontexten war allerdings mit diversen Herausforderungen verbunden. Im theologischen Verständnis konzentriert sich nämlich die Versöhnung auf die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen sowie auf das zwischenmenschliche Verhältnis von Individuen. Im Prozess der Versöhnung zwischen Völkern wird dieses Konzept hingegen auf ganze Gesellschaften ausgeweitet, was konkrete Konsequenzen für seine Umsetzung hat.
Erstens fungieren Maßnahmen zur Versöhnung in ihrer kollektiven Dimension nicht nur als Initiativen, die sich an die Gegenseite des Konflikts richten. Sie müssen gleichzeitig der eigenen Gruppe überzeugend vermittelt werden. Ohne dies wird es keine dauerhafte Annäherung der verfeindeten Seiten geben.
Zweitens führt die Ausweitung der Versöhnung auf ganze Gesellschaften dazu, dass ihr Umfang über die unmittelbare Beziehung zwischen Opfer und Täter hinausgeht. Ein charakteristisches Merkmal der deutsch-polnischen Versöhnung ist, dass sich von Anfang an Menschen daran beteiligten, die keine persönliche Schuld an den NS-Verbrechen trugen. Ihre Haltung ergab sich aus der Solidarität mit den Opfern, aus der Verantwortung für die künftige Gestalt der von der Vergangenheit belasteten Beziehung und schließlich aus dem Wunsch, Wiedergutmachung für das Unrecht zu leisten, das anderen durch Vertreter ihres eigenen Volkes zugefügt worden war.
Drittens wirft die Ausweitung der Versöhnung auf Kollektive die Frage nach den Akteuren dieses Prozesses und nach ihrem Mandat zur Vornahme der Versöhnungsgesten auf. In diesem Zusammenhang treten zwangsläufig Vertreter der jeweiligen Gemeinschaft in Erscheinung, die ihre Legitimation auf unterschiedliche Weise begründen – beispielsweise durch ein kirchliches Amt oder durch eine demokratische Wahl. Diese Vertreter können vielfältige Maßnahmen ergreifen: symbolische Gesten der Versöhnung vollziehen, Erklärungen und Memoranda veröffentlichen, Probleme identifizieren oder Lösungen vorschlagen. Dadurch schaffen sie einen Raum, in dem jede einzelne Person Inspiration für ihre eigene Haltung finden und somit zu einem Subjekt der Versöhnung werden kann.
Was lernen wir aus dem deutsch-polnischen Versöhnungsprozess?
Den Beteiligten des deutsch-polnischen Versöhnungsprozesses standen keine fertigen Lösungen zur Verfügung. Sie mussten diese selbst mühsam erarbeiten. Auf der Grundlage ihrer Erfahrungen kann man rückblickend erfassen, was in einem Versöhnungsprozess beachtet werden muss, damit er funktioniert. Dies wären die wichtigsten Lehren:
Versöhnung zwischen verfeindeten Völkern ist immer ein langer Prozess, der keineswegs geradlinig verläuft – Hindernisse und Rückschläge gehören genauso dazu wie Fortschritte in der Annäherung. Für eine nachhaltige Versöhnung reichen daher selten spontane Aktionen aus. Versöhnung erfordert von den Beteiligten vielmehr eine systematische Reflexion ihrer eigenen Handlungsgrundlage im kirchlichen und gesellschaftlichen Kontext. Darüber hinaus setzt Versöhnung fundiertes Wissen über die leidvolle Vergangenheit voraus, verbunden mit der Bereitschaft, die Erfahrungen und Erinnerungen der jeweils anderen Seite kennenzulernen und zu respektieren. Das Wissen stellt jedoch erst eine Eingangsvoraussetzung dar, denn Versöhnung ereignet sich vor allem in der Begegnung. Erst in der Begegnung erfolgt nämlich das gegenseitige Erkennen von Empfindlichkeiten und Bedürfnissen, das zu konkreten Versöhnungshandlungen führt. Versöhnung ist allerdings kein Zustand, der ein für alle Mal erreicht werden kann, sondern sie muss immer wieder neu angestrebt werden – über Generationen hinweg. Daher scheint es notwendig, die Aktualität und Relevanz von Versöhnung den Generationen ohne eigene Erfahrung des geschehenen Unrechts zu vermitteln.
Versöhnung ereignet sich vor allem in der Begegnung.
Nicht zuletzt besitzt die bilaterale deutsch-polnische Versöhnung auch eine allgemeineuropäische Relevanz. Jede Handlung, die lokale Konflikte verhindert oder aufarbeitet, dient nämlich auch dem restlichen Europa. Schließlich darf man nicht vergessen, dass zwei Weltkriege als zunächst lokale Konflikte begannen. Schon lange vor 1989 wurde die von vielen christlichen Akteurinnen und Akteuren ersehnte Einigung des europäischen Kontinents als eine nachhaltige Lösung der deutsch-polnischen Spannungen angesehen; zugleich betrachtete man die deutsch-polnische Versöhnung als eine Voraussetzung für die europäische Integration.
Wo steht die Kirche in diesem Prozess heute?
Unter den Bedingungen des geteilten Europas vor 1989 hatten die Kirchen eine Vorreiterrolle im deutsch-polnischen Versöhnungsprozess – auch gegen die Widerstände seitens der kommunistischen Regierungen in der DDR und Polen. Diese Rolle haben die Kirchen nach der Wende verloren. Dies ist jedoch nicht unbedingt auf ihre eigenen Versäumnisse zurückzuführen. Im Laufe der letzten dreieinhalb Jahrzehnte haben sich nämlich zwischen Deutschen und Polen verschiedene Formen der Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Bildung entwickelt. Eine weitgehende Normalisierung der Beziehungen ist eingetreten. Mit dem Generationswechsel hat sich deren Schwerpunkt von der Aufarbeitung der Traumata der Vergangenheit (auch wenn dieses Thema nicht vollständig verschwunden ist) auf aktuelle Herausforderungen wie Migration, Klimawandel, Populismus oder die Bedrohung durch Putins Russland verlagert. In diesem Zusammenhang ist die religiös motivierte Versöhnung zu einem von vielen Aspekten der deutsch-polnischen Beziehungen geworden – und zwar keineswegs zu einem dominierenden.
Unausgeschöpftes Potenzial?
Wir profitieren heute alle von dem Frieden, den die Versöhnungsprozesse seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in weiten Teilen Europas gebracht haben. Das Thema Versöhnung als eine Inspiration für die Gestaltung des gesellschaftlichen und politischen Lebens bleibt aber gegenwärtig in der öffentlichen Debatte, Predigt oder in Bildungskontexten fast vollkommen aus. Gleichzeitig brechen neue Kriege aus – mit dem russischen Angriff auf die Ukraine auch auf dem europäischen Boden. Quer durch Europa schneiden politische Parteien, die nationale Egoismen und Feindschaft gegenüber bestimmten Menschengruppen fördern, immer besser in den Umfragen ab. Die Polarisierung der Gesellschaften nimmt zu, die öffentliche Debatte wird immer brutaler und respektloser. Dabei sind an diesen Phänomenen auch Christinnen und Christen aktiv beteiligt.
Vor diesem Hintergrund stellt sich wieder die Frage nach der Rolle der Kirchen. Könnten sie vielleicht auch in diesem Kontext zu den Vorreiterinnen der Versöhnung in der gespaltenen und polarisierten Welt werden? Eine Inspiration in dieser Hinsicht bietet die „Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium“ des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dort heißt es, dass die Kirche „das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ ist (LG 1). Inwieweit fungieren aber heute die christlichen Kirchen tatsächlich als Zeichen und Werkzeuge der Einheit unserer heutigen Gesellschaft – auch im Dialog mit Menschen anderer Glaubensgemeinschaften und Weltanschauungen? Woran lässt sich erkennen, dass die Kirchen den „Dienst der Versöhnung“ (2 Kor 5,18) erfüllen?
Könnten die Kirchen vielleicht zu den Vorreiterinnen der Versöhnung in der gespaltenen und polarisierten Welt werden?
Ich wünschte mir heute von Bischöfinnen und Bischöfen, Priestern, Pastorinnen und Pastoren, anderen Personen im Dienst der Kirchen sowie von allen, die sich als Christinnen und Christen bekennen, wieder das lebendige Evangelium der Versöhnung zu hören, welches auf die tiefsten aktuellen Bedürfnisse unserer Gesellschaft anzuwenden ist. Denn wenn wir das Potenzial der Versöhnung nicht neu erkennen und nutzen, besteht die Gefahr, dass sie zu einer bloßen Geschichte wird, an die man sich nur noch an runden Jahrestagen erinnert.
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Urszula Pękala ist Professorin für Kirchen- und Theologiegeschichte an der Universität des Saarlandes. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Versöhnungsprozesse seit dem Zweiten Weltkrieg, katholische Frauennetzwerke im Europa des 20. Jahrhunderts sowie das Zweite Vatikanische Konzil.
Foto: © Angelika Stehle
Beitragsbild: stocksnap.io


