In einer Welt, in der die Katastrophen immer katastrophaler werden, gilt es das Nichts auszuhalten, die Abgründe zu sehen und im gemeinsamen Leben dem Leben wieder neu Raum zu geben, so Sandra Lassak.
Die Welt befindet sich im Katastrophenmodus. Eine Krise jagt die nächste, kriegerische Konflikte werden gewaltsamer und rücken immer näher, Gesellschaften – auch hierzulande – brechen immer mehr auseinander, die Klimakatastrophe ist lange schon nicht nur drohendes Zukunftsszenarium, sondern im Hier und Jetzt gelebte Realität. „Unser Haus, die Erde, wird zerstört“ lautete die dringliche Botschaft der Enzyklika Laudato Sí (2015). Papst Franziskus appellierte darin deutlich für die tiefgreifende Veränderung einer kapitalistischen Wirtschaft, die tötet. Ebenso warnte Greta Thunberg 2019 die Wirtschafts- und Politelite beim World Economic Forum (WEF) in Davos eindringlich „unser Haus – die Erde – brennt“. Doch aller Warnungen zum Trotz werden die diversen Krisen- und Katastrophenfeuer im wahrsten Sinne des Wortes immer weiter befeuert, anstatt das Ruder radikal umzudrehen. Die schon bestehenden Katastrophen werden immer katastrophaler und schlagen sich in gesellschaftlich polarisierter Stimmung und Gefühlszuständen von Ohnmacht, Wut, Resignation und Depression nieder.
Katastrophenstimmung und tech-oligarchische Dystopien
Ist dunkle Katastrophenstimmung das Grundgefühl unserer Zeit, ohne Hoffnungen und Visionen auf Veränderung? Das Leben im Dauerkrisenmodus scheint keine Zeit zu lassen, um über Visionen einer Zukunft, in der internationale Solidarität, (Geschlechter-)gerechtigkeit und sozial-ökologischer Wandel maßgeblich werden, überhaupt nur nachzudenken.
wenn die Katastrophen immer katastrophaler werden
Es scheint auf den ersten Blick wie naiver, die realen Ereignisse nicht sehen wollender Optimismus oder gar Zynismus anzumuten, trotz oder gerade angesichts der Katastrophen der Gegenwart und dystopischen Zukunftsszenarien über hoffnungsvolle Visionen nachzudenken. Führt gar das Nachdenken darüber ins Leere, da wir längst schon zu hoffnungslosen, kontrollierbaren Individuen geworden sind? Als digitale user funktionieren wir in der Welt des High-Tech Kapitalismus zombiehaft von Tag zu Tag, während uns der Zugang zur Welt über die Allgegenwart des Smartphones vermittelt wird.[1] Dem Zustand ausbleibender großer Hoffnungen und Zukunftsvisionen stehen futuristische Utopien einer größenwahnsinnigen und von grenzenlosen Machtinteressen angetriebenen Elite gegenüber. Zukunftsvisionen, die jedoch weder den Schutz der Erde und weniger noch würdige und gerechte Lebensbedingungen für Menschen weltweit anstreben. Stattdessen zielen techno-oligarchische Zukunftsentwürfe auf das mögliche Leben außerhalb dieser Welt und der transhumanistischen Überwindung menschlicher Begrenztheiten und natürlicher Lebenszyklen.
Als digitale user funktionieren wir zombiehaft von Tag zu Tag.
Trotz der permanenten Verheißungen lebens- und arbeitserleichternder Vorgänge durch die rasanten Entwicklungen technischen Fortschritts, fühlen wir uns in permanentem Dauerstress wachsender To-Do-Listen und inneren Getriebenseins. Was bleibt, ist ein Gefühl des Ausgebranntseins und der Energielosigkeit sowie die wiederkehrende Frage nach dem „Wozu“ und „Wofür“ des Ganzen?
Und zwischen allem die wiederkehrende Frage nach dem Sinn des Ganzen.
Die Frage nach der Sinnhaftigkeit unseres Daseins und das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen sind einer auf die Spitze getriebenen sich beständig medial darstellenden und (selbst-)optimierenden digital kontrollierten Ich-Subjektivität gewichen. Menschen sind gerade dann kontrollier- und manipulierbar, wenn sie eben an die propagierte Alternativlosigkeit glauben und ihnen jegliche Hoffnungen auf denkbar andere Möglichkeiten jenseits der herrschenden (Unrechts-)verhältnisse genommen sind.
Hoffnung als widerständige Unterbrechung
Die Hoffnung im wahrsten Sinne des Wortes nicht aufzugeben, wird somit zur widerständigen Unterbrechung des sich scheinbar beständig reproduzierenden Gegebenen, in dem die Möglichkeit neuer Horizonte verschlossen bleibt und dystopische Szenarien die einzig mögliche Zukunft zu sein scheinen.
Die eigentliche Problem: der Mangel an Hoffnung.
Die französische Philosophin Corine Pelluchon stellt in ihrem Buch „Die Durchquerung des Unmöglichen. Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe“[2] fest, dass das eigentliche Problem nicht die fehlende Überzeugung der Mehrheit ist, sondern der Mangel an Hoffnung. Für Pelluchon meint Hoffnung allerdings nicht ein die realen Verhältnisse verschleiernder Optimismus, sondern trotz aktueller Leid- und Schmerzerfahrungen und düsterer Aussichten eine andere Zukunft sehen zu können. Hoffnung erfordert zunächst einmal das Dunkle und Schmerzhafte, die Aussichts- und Ratlosigkeit anzunehmen. Denn erst aus der Erfahrung des „Nichts“, der totalen Hoffnungslosigkeit, kann Hoffnung entstehen, so die französische Philosophin.
die Wirklichkeit aushalten
Vielleicht befinden wir uns gegenwärtig auch in einem solchen Zwischenmoment des „noch nicht“ und sind gefordert, uns mit dem „Nichts“ zu konfrontieren, die sich uns überall zeigenden menschlichen Abgründe auszuhalten anstatt die Wirklichkeit zu verdrängen. Der Blick in das Nichts erfordert auch, uns mit unseren eigenen Welten auseinanderzusetzen, hinabzusteigen in die Tiefen, wo Ängste, Wunden, Schatten liegen, die eigene inneren Friedlosigkeit, das Scheitern und nicht weiter wissen, zu erkennen.
Träume und Hoffnungen zusammenzubringen
Und es gilt auch, die aus eigener Lethargie stammenden Hoffnungen, die nach vermeintlich politischen oder sozialen Rettergestalten rufen, aufzugeben. Denn diese Hoffnungsprojektionen machen nur abhängig, träge und missmutig und hindern uns daran, unsere eigenen Herausforderungen zu meistern, handlungsfähig und kreativ zu werden. Indem wir aussteigen aus der kapitalistischen Logik permanenter Produktivität und egozentrischer Performativität und uns „zweckfreie“ und unkontrollierte Räume aneignen jenseits der vernetzten überwachten Datenwelt, können wir Wirkmächtigkeit und Sinnhaftigkeit wiederfinden. Ökofeministische Visionen und Praktiken zeigen uns, was es bedeutet, das Leben im tiefen Bewusstsein der Verbundenheit allen Seins und unsere Körper in Verbindung mit der Natur zu verstehen und die Wahrung des Lebens zum Maßstab des Handelns zu machen. Das Leben in all seinen Dimensionen zu erfahren, schmerzvolle Erfahrungen der Vergangenheit zu erinnern und Zukunftsvisionen ins Leben zu rufen, braucht Räume gemeinschaftlicher Begegnung und des Dialogs. Im kreativen Austausch durch Kunst, Malerei, Literatur, Poesie, Musik und Tanz können diese Erfahrungen verkörpert und gemeinschaftliche Visionen einer solidarischen, (geschlechter-)gerechten Menschheitsfamilie und der Sorge für die Erde zu ersten Schritten verändernden Handelns werden. Aus uns heraus und in hierarchiefreien Räumen, in denen wir uns in unserem ganzen Menschsein begegnen, einander zuhören und Gemeinsames statt Trennendes erleben und feiern, können Visionen von Morgen geboren werden.
[1]Vgl. David-Hellgermann_Annika-Landt_rabs_1_2024.pdf
[2]Pelluchon, Corine, Die Durchquerung des Unmöglichen. Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe, München 2023.
Beitragsbild: Mohamed B., unsplash.com


