Wir leben in einer Welt, in der unterschiedliche Formen der Erschöpfung zusammenwirken. Der Sozialgeograph Simon Runkel entflechtet die komplexen Zusammenhänge und bietet eine Diagnose unserer Gegenwart.
Überlappende Krisen
Wir leben in katastrophischen Zeiten und machen angesichts des aufwallenden Faschismus, der überhitzenden Erde und der grassierenden Gewalt die Erfahrung überwältigender Krisen. Besonders dringlich ist die planetarische Krise: die „imperiale Lebensweise“[1] einer globalen Minderheit hat in der westlichen Nachkriegsmoderne für eine atemberaubende Beschleunigung gesorgt. Der extraktive, das heißt ausbeuterische Kapitalismus hat den Planeten an seine Grenzen gebracht und der Erde ein neues geologisches Zeitalter namens Anthropozän beschert.[2] Anthropogen verursachter Klimawandel und extraktivistische Landnutzung bringen den Planeten in einen Zustand, der in vielen Regionen eine Unbewohnbarkeit zur Folge hat. Eine Heißzeit wird Extremwetterereignisse, Nahrungs- und Wasserknappheit und vieles mehr mit sich bringen. Die Forschung zu klimabezogenen Emotionen[3] zeigt, dass diese planetarische Krise, die Erschöpfung der irdischen Ressourcen und die andauernde Zerstörung unseres wohltemperierten Habitats Fragen aufwerfen, die viele Menschen bedrängen und erschöpfen.
Wir leben in katastrophischen Zeiten.
Diese erschöpfte Erde wird von den Erschöpften der Erde bewohnt. Die planetarische Krise ist mit einer care-Krise gekoppelt. Die Analyse dieser Krise verdanken wir feministischen Sozialwissenschaftler:innen, die seit Jahren auf die Unzulänglichkeiten und Ungleichheiten der sozialen Strukturen und Institutionen hinweisen.[4] Ein Aspekt dieser care-Krise kann als emosoziale Krise bezeichnet werden. Damit wird betont, dass Emotionen wie Ärger, Trauer, Einsamkeit, Sorge und weitere relational verstanden werden müssen. Niemand ist eine Insel: emotionale Erfahrungen werden in sozialen Beziehungen gemacht, bewältigt und reguliert. Insofern diese Erfahrungen existenziell zudringlich sind und zur individuellen Erschöpfung führen, werden sie in Partnerschaften, Freundschaften und Gemeinschaften artikuliert und aufgefangen. Gesellschaftspolitisch ist die relationale Bearbeitung von Erschöpfung unabdingbar. Wenn die sozialen Beziehungen aufgrund von um sich greifender Erschöpfung überfordert sind, lastet dies auf gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen.
Diese erschöpfte Erde wird von den Erschöpften der Erde bewohnt.
Die Erfassung von Emotionen in globalem Maßstab ist methodisch herausfordernd und entsprechende Studien ermöglichen nur eine Annäherung an das Problem. Auf Basis von Studien wie vom Gallup-Institute oder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ergibt sich ein Eindruck. Diese Befragungen zeigen, dass mehr und mehr Menschen täglich negative Erfahrungen erleben.[5] Eine steigende Anzahl von Menschen erlebt täglich Stress.[6] Während der Covid-19-Pandemie wurde ein vorläufiger Höhepunkt erreicht. Zuletzt sind die Werte zwar leicht gesunken, liegen aber nach wie vor über dem Niveau vor der Pandemie. Global geben 40% aller Berufstätigen an, gestresst zu sein. Deutlich wird die emosoziale Krise auch, wenn konkrete Diagnosen betrachtet werden. Paradigmatisch hierfür sind depressive Erkrankungen, deren Kernsymptom die Anhedonie ist, das heißt der Verlust der Fähigkeit, Freude, Lust und Hoffnung zu empfinden. Laut WHO gab es auf dieser Erde Ende der 2010er Jahre, das heißt vor der Pandemie, 322 Millionen Menschen mit diagnostizierter Depression.[7] Die Zahl wird heute höher sein. In Deutschland waren im Jahr 2023 zirka 12 Prozent der Bevölkerung an Depressionen erkrankt.[8] Viele Fälle bleiben unerkannt oder werden nicht diagnostiziert.
Die Erschöpften der Erde
Die Erschöpfung der Erde, des Körpers und des Geists vollzieht sich im Überlappungsbereich dieser Krisen. Es scheint, als ob wir in einem Zeitalter der Erschöpfung leben.[9] Selbstverständlich gab es Erschöpfung schon immer; es wurde lediglich anders gedeutet und erlebt. Erschöpfung ist historisch konstant, aber kulturell variabel.
Als Sammelbegriff beschreibt Erschöpfung einen körperlichen und psychischen Zustand, der eine Begleiterscheinung zahlreicher Symptome, Belastungen und negativer Erfahrungen sein kann. Die dominante Deutung von Erschöpfung als begleitendes Symptom für psychische Erscheinungen und Krankheiten ist psychologisch. In der Psychologie gibt es viele Modelle, die Erschöpfung als ‚leeren Speicher‘ von Energie beschreiben. Erschöpfung wird individualisiert und erscheint unter spätmodernen Bedingungen vor allem als ein Problem der individuellen Leistungsfähigkeit.
Ein sozialwissenschaftliches, relationales Verständnis hingegen betont, dass Erschöpfung nicht nur individuell erlebt wird, sondern in sozialen Beziehungen reguliert und bearbeitet wird. Alain Ehrenberg[10] argumentiert, dass in der Erschöpfung „ein allgemeines Leid, das ein gesellschaftliches oder sogar soziopolitisches ist“ enthüllt wird. Für ihn ist Erschöpfung eine Krise des autonomen Subjekts. Während Ehrenberg die Depression als pathologischen Ausdruck des Scheiterns des spätmodernen Subjekts in der Leistungsgesellschaft, zu sich selbst zu kommen, deutet, so argumentiert Byung-Chul Han[11] mit seiner Diagnose der „Müdigkeitsgesellschaft“, dass beispielsweise zur Depression, „gerade auch die Bindungsarmut [führt], die charakteristisch ist für die zunehmende Fragmentierung und Atomisierung des Sozialen“.
Depressionen, Fatigue, Burnout und Erschöpfung sind in diesem Verständnis Modi der Beziehung zwischen Subjekt und sozio-materieller Welt. Dies ist Ausdrucksform einer systemisch erschöpfenden Gesellschaftsform. Sozialität kann als Beziehungsgeflecht von erdverbundenen, menschlichen und nicht-menschlichen Miterschöpften verstanden werden. Erschöpfung ist ein relationales Weltverhältnis, in dem die Fähigkeit zur sozio-affektiven und materiellen Resonanz systematisch überlastet ist und in Folge in Rückzug, Abkopplung und Entfremdung umschlägt. Erschöpfung ist eine Überforderung emosozialer Beziehungen, da damit dauerhaft die Anforderungen zur Ko-Regulation und Responsivität die tragfähige Kapazität sozialer Beziehungen überschreiten. Soziale Beziehungen verlieren ihre Fähigkeit, Belastungen zu verteilen, Affekte zu stabilisieren und Handlungspotenziale aufrechtzuerhalten. Erschöpfung entsteht dort, wo die aktivierte Energie nicht mehr durch soziale Einbettung und Erholung ausgeglichen werden kann. Dies ist ein Symptom erschöpfter geosozialer Relationen. Die Erschöpfung der Erde und die Erschöpften der Erde stehen in einem Wirkungszusammenhang. Die Erschöpfung irdischer und menschlicher Ressourcen bedeutet folglich, dass eine Zunahme an erschöpften Beziehungsordnungen vorliegt. Wer erschöpft ist, kann kaum für Andere sorgen.
Die Erschöpfung der Erde und die Erschöpften der Erde stehen in einem Wirkungszusammenhang.
In Bezug auf den Kolonialismus hat Frantz Fanon[12] von einer generellen Affektivität der Verdammten der Erde geschrieben. Im Anschluss daran, beschreibt Ajay S. Chaudhary[13] die geosoziale Erschöpfung auf einem sich erhitzenden Planeten als affektive Matrix. In diesem Sinne ist Erschöpfung externalisiert statt individualisiert. Erschöpfung ist sozial produziert, reflektiert materielle Wirklichkeiten und zirkuliert in der Mehrheit derjenigen, die an den ausbeuterischen Kreislauf angeschlossen sind. Die Erschöpften der Erde bilden eine Multitude der Schwachen. Zu ihnen gehören die verwundeten, die kranken, die müden, die mühseligen, die beladenen, die bedrängten, die einsamen, die versehrten und verkorksten Menschen und ihre Miterschöpften.
Mit einem relationalen Verständnis von Erschöpfung kann eine politische Hoffnung formuliert werden: die Erschöpften der Erde bilden ein mögliches (geo-)politisches Subjekt, denn in ihrer Anerkennung sowie ihrer Fürsorge zu- und miteinander liegt eine verbindende Kraft. Sie haben keine feste Identität, sondern bilden ein dynamisches, fragiles und situativ entstehendes Gefüge geteilter Erfahrungen, das sich durch gemeinsame Betroffenheit, empathische Anerkennung des erschöpften Gegenübers und schließlich durch regenerierende, reparierende, rekreative Praktiken konstituiert. Als Subjekt können sich die Erschöpften dort konstituieren, wo geteilte Erschöpfung in Wahrnehmung, Ausdruck und Praxis in Verbindung tritt.
Schluss: (Re-)Kreative Allianz von Theologie und Sozialgeographie
Die Formen und die Praktiken der Erschöpfung wahrzunehmen, zu beschreiben, zu kartieren und zu analysieren, ist Aufgabe einer sensiblen Sozialgeographie. Deren Gegenstand ist nicht nur die erschöpfte Erde, sondern es sind die Not- und Verlustgemeinschaften der Erschöpften der Erde, denen die Aufmerksamkeit, die Empathie und die Solidarität gilt. Die Sozialgeographie muss methodische und begriffliche Werkzeuge entwickeln, um für die Erschöpften der Erde sensibel zu sein und Möglichkeitsräume zur Regeneration, Reparatur und Rekreation zu gestalten. Eine Sozialgeographie existenzieller Herausforderungen benötigt dafür jenseits ihrer Untersuchung räumlicher Praktiken, Lebenswelten und Machtordnungen eine Reflexion menschlicher Orientierung, Haltung und Sinnstiftung. Diese Reflexion kann sie aus einem Dialog mit der Theologie und ihren historisch gewachsenen Deutungsressourcen gewinnen, um angesichts der Krisenhaftigkeit der Gegenwart auf letzte Horizonte zu reflektieren. Ideengeschichtlich ist der Dialog zwischen Geographie und Theologie verschüttgegangen[14] und wartet auf eine Erneuerung. In katastrophischen Zeiten werden kreative Allianzen zwischen (Sozial-)Geographie und Theologie benötigt, um den Erschöpften der Erde in schöpferischer Weise zu begegnen.
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Simon Runkel hat die Professur für Sozialgeographie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. Er schreibt und publiziert zu Themen der geographischen Gemeinschaftsforschung, der Sicherheits- und Risikoforschung und der Ideengeschichte des geographischen Denkens. Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um Auszüge aus seiner Antrittsvorlesung am 27. April 2026 in Jena.
Foto: Simon Runkel
[1] Brand, U., Wissen, M.: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. Oekom, München, 2017.
[2] Bonneuil, C., Fressoz, J.-B.: The Shock of the Anthropocene. The Earth, History and Us. Verso, London, New York, 2017.
[3] Pihkala, P.: Klimakummer, Klimadepression und Solastalgie. In: van Bronswijk, K., Hausmann, C.M. (Hrsg.): Climate Emotions. Psychosozial-Verlag, Gießen, 97–128, 2022.
[4] Dowling, E.: The Care Crisis. What Caused It and How Can We End It? Verso, London/New York, 2021.
[5] Gallup: State of the World’s Emotional Health 2025. Connecting Global Peace, Wellbeing and Health. Washington, 2025. S. 4. Online: https://www.gallup.com/analytics/349280/state-of-worlds-emotional-health.aspx (03.05.2026).
[6] Gallup: State of the Global Workplace. Understanding Employees, Informing Leaders. Washington, 2026. S. 18. Online: https://www.gallup.com/workplace/349484/state-of-the-global-workplace.aspx (03.05.2026).
[7] WHO: Depression and Other Common Mental Disorders. Global Health Estimates. World Health Organization, Geneva, 2017. S. 8. Online: https://www.who.int/publications/i/item/depression-global-health-estimates (03.05.2026).
[8] WIdO (Wissenschaftliches Institut der AOK): Gesundheitsatlas Deutschland. Depressionen: Verbreitung in der Bevölkerung Deutschlands. Ursachen, Folgen und Präventionsmöglichkeiten. Berlin, 2024. S. 39. Online: https://www.gesundheitsatlas-deutschland.de/erkrankung/depressionen (03.05.2026).
[9] Schaffner, A. K.: Exhaustion. A History. Columbia University Press, New York, 2016. S. 3.
[10] Ehrenberg, A.: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Campus, Frankfurt am Main, 2. Auflage, 2015. S. 13.
[11] Han, B.-C.: Müdigkeitsgesellschaft. Matthes & Seitz, Berlin, 7. Auflage, 2012. S. 22.
[12] Fanon, F.: Die Verdammten dieser Erde. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 19. Auflage, 2021.
[13] Chaudhary, A. S.: The Exhausted of the Earth. Politics in a Burning World. Repeater Books, London, 2024. S. 161ff.
[14] Runkel, S.: Die verflochtene Geschichte von Geographie und Theologie. In: Berichte. Geographie und Landeskunde, 97(3-4), 292–313, 2024.
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